Wulf Kirsten

22.02.2026 06:14
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Die Prinzessinnen im Krautgarten. Eine Dorfkindheit. Zürich 2000

Nichts ist schwieriger, als der Versuch, sich dichterisch der eigenen Vergangenheit, der eigenen Kindheit zu vergegenwärtigen. Die Versuchung, aus großer Entfernung und mit der so genannten Weisheit des Alters (die es natürlich nicht gibt: man wird nicht weise im Alter, senil ja, weise nicht!!!) die Erlebnisse und Eindrücke aus den ersten Erdenjahren zu verklären und schönzureden, ist naturgemäß groß. Ein psychologisches Problem, im Rückblick Schlechtes zu verdrängen und Gutes zu verabsolutieren, man muss kein Dichter sein, um das zu kennen.

Wulf Kirsten - im Hauptberuf Lyriker - hat nach vielen Gedichtbänden, Essays, Reden und kleineren Prosatexten sein erstes Werk epischen Ausmaßes vorgelegt und sich mit „Die Prinzessinnen im Kräutergarten" seiner eigenen Dorfkindheit im Obersächsischen entledigt. Entstanden ist ein großes Buch, poetisch und nüchtern, träumerisch und hellwach, weise und naiv. Ein Kunstwerk ersten Ranges in seiner Einheit von Inhalt, Form und Sprache.

Aufgewachsen ist der Dichter in Klipphausen bei Meißen, an den Elbufern des großen deutsch-slawischen Stromes, vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Er entwickelt seine Kindheitsgeschichte aus der Urzelle, dem elterlichen Hof, schreitet fort über das Dorf und seine nähere Umgebung und verwebt diese lokalen Ausschreitungen mit dem zeitgleich unaufhörlich gewebten sozialen Netz aus Elternhaus, Freunden, Schule und Laufbahn. Kleinstes und Nebensächlichstes und Persönlichstes wird detailliert geschildert, große historische Zusammenhänge werden eher am Rande erwähnt. Was hier ausgebreitet wird, ist das Land der Kindheit, ein Reich, das wir verlieren und nie wieder betreten können, wenn wir seine Grenzen hinter uns gelassen haben. Denn auch der Versuch der dichterischen Rekonstruktion bleibt immer ein Konstrukt. Als Kind kann man mangels Abstand und Vermögen das eigene Werden noch nicht beschreiben, als reifer oder greiser Mensch treiben einen die Kobolde der Rückschau mit ihren albernen Possen in die romantisch-larmoyante Ecke darstellerischer Impotenz. Kirsten umgeht diese Gefahr, wie es nur wenige Schriftsteller vermögen, und schildert die Geschichte seines Selbst von Anfang an so außergewöhnlich subjektiv, dass einem jeder Einwand müßig scheint, zumal ständig die zu spürenden ironischen Brechungen durch Reflexionen, Kommentare oder die Existenz bloßer Handlungssequenzen das Grundgerüst inhaltlicher Vergegenwärtigung stützen helfen. Kirsten weiß und will wissen, dass wir, die Leser, wissen, dass er nicht seine Kindheit, wie sie sich wirklich zutrug, beschreibt, sondern das Land der Kindheit, dessen er sich eben jetzt als alter Mann vergewissert. Und das tut er auf sprachlich höchstem Niveau - in einer Kunstsprache, in artifizieller Art und Weise. Das liest sich nicht gradweg wie ein x-beliebiges Erinnerungsbuch, etwa des sächsischen Landsmannes und Kabarettisten Bernd-Lutz Lange. Man spürt den Lyriker in jeder Zeile der fein ziselierten Prosa mit ihrem durchkomponierten Rhythmus. Es ist vor allem die Handhabung der syntaktischen Strukturen, die das Buch zu einem Kleinod poetischer Dichtung werden lässt. Man dürfte kein Wort versetzen, keinen Satz verschieben oder weglassen, ohne das man das Ganze in seiner ästhetischen Harmonie störte. Der Roman ist eigentlich ein langes Prosagedicht.

Und nicht zuletzt ist jedes Buch zuweilen ein Einbruch in die eigene Lebenswelt. Und das De te fabula narratur ist allgegenwärtig für einen, der selbst im ländlichen Raum aufgewachsen ist und sei es auch vierzig Jahre später. Mag sich landschaftlich-geographisch oder durch die historischen Rahmenbedingungen manches in den Biografien unterscheiden, es bleiben mehr Gemeinsamkeiten, die aus der typischen Wahrnehmung der eigenen Kindheit resultieren. Denn wir waren alle einst Bewohner des Reiches, das wir nur noch aus der Ferne sehen. [© 2004]


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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