Michael Köhlmeier
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Michael Köhlmeier: Das Schöne: 59 Begeisterungen
Michael Köhlmeier gehört zu den Figuren der zeitgenössischen Kultur, die mich schon ein Leben lang begleiten: Ich bin ihm sehr dankbar für sein Engagement in Sachen Märchen, Sagen und Mythen; das er seit den 90ern wirkungsmächtig auch im TV auslebte. Als genuinen Schriftsteller halte ich ihn für bestenfalls durchschnittlich, den dicken Roman "Abendland" etwa sehe ich ästhetisch als misslungen an. Diese Sammlung von Miniaturen über Gott und die Welt und vor allem über die Literatur und die Kultur liest sich aber flott und bietet trotzdem Stoff genug zum Nachdenken. Ich bin hier natürlich parteiisch, weil viele, wenn nicht gar alle seine Lieblinge auch die meinen sind; was ein wenig seltsam anmutet, denn er stammt aus der Generation meines Vaters. Aber für große Musik, Bücher, Kunstwerke gibt es eben kein Verfallsdatum.
Als besonders amüsant empfinde ich die Texte, die mit der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Situation zu tun haben: Er ist ja ein dezidierter Alt-Linker mit besonderer Aversion wider die FPÖ, leidet aber als Mensch von Bildung und Kultur natürlich unter dem Genderwahn und anderen woken Entwicklungen. So schreibt er mit Bezug zur Musik (Blues etc.) auch über kulturelle Aneignung, die er für ein wichtiges Element jeder hochstehenden Kultur hält und nicht für ein Instrument der Unterdrückung; über den alten weißen Mann, der er ist und der offenkundig nicht die Texte von Amanda Gorman übersetzen dürfe, weil er keine unterdrückte schwarze junge Frau sei und, mein Lieblingstext, über "Die Anwälte":
Mit einem befreundeten Musiker hatte er in Wien einen Abend über Indianer gemacht, zu ausgewählter Musik der "Native American", "First Nations" oder "indigenen Bevölkerung" Nordamerikas las und erläuterte er mehrere Stunden Texte von bekannten Häuptlingen wie Sitting Bull und anderen. Nach der Veranstaltung geiferte eine junge Frau erbost, er habe mit dem Wort Indianer diese diskrimiert und ihrer Würde beraubt. Um Fassung ringend, bemüht sich Köhlmeier um Erklärungen: Dass er schließlich mit diesem Abend die "indianische" Kultur vielen Menschen näher gebracht habe. Das sei nicht von Bedeutung, wenn er Indianer sage, meint die Frau. Was sie denn von den "Indianern" wisse, fragte nun der distinguierte Intellektuelle, langsam wütend werdend. Welche Stämme und Sprachen kenne sie, was wisse sie über deren Selbstbezeichnungen und so weiter; und er breitete sein Wissen vor ihr aus. Sie wusste gar nichts und schritt hoch erhobenen Hauptes von dannen und ließ den fassungslosen Mann zurück, der sich nun in Selbstzerknirschung übte und das alles zu reflektieren suchte, warum sich Unwissende ungebeten zu Anwälten aufschwüngen.
Ich finde das beinahe niedlich: Michael Köhlmeier glaubt noch immer, es ginge um Sachen, Inhalte, Argumente, Diskurs; während es doch ein Signum unserer Zeit ist, dass die dümmste Dummheit (meist noch in ihrer weiblichen Form) mit breiter Brust glaubt, selbst umfassend gebildeten Menschen mit Kultur und Distinktion im Gefühl ihrer moralischen Überlegenheit die Leviten lesen zu können.
Dabei ist das Wort "Indianer" schon vom Klang her deutlich sympathischer als der "amerikanische Ureinwohner". 
Von Köhlmeier las ich bisher nur "Das Philosophenschiff", ein Buch, das mir ganz gut gefallen hat. Ich hatte mir dazu nur wenige Anmerkungen gemacht und folgendes Zitat notiert:
"Es war Bürgerkrieg. Und ein Bürgerkrieg ist immer auch ein Krieg der Armen und Ungebildeten, der Dummen und Bösartigen gegen die Intelligenzija. Zur Intelligenzija gehörte, wer nicht schwitzte, nicht stank und seine Arbeit im Sitzen tat."
Erzählt wird die Geschichte eines Interviews zwischen einer fiktiven russisch-jüdischen Architektin und einem Schriftsteller, bei dem sie ihm vom Philosophenschiff erzählt, auf dem etwa 200, bei Köhlmeier sind es nur 12 Menschen der Intelligenzija unter Zwang Russland verlassen mussten, wobei Trotzki von einem humanitären Akt sprach, da sie ansonsten wohl erschossen worden wären. Vieles ist Köhlmeier etwas zu fiktiv geraten, allem voran der Tod Lenins, der im Buch auf dem Schiff anwesend ist und dann auch noch von Stalin über Bord gestoßen wird. In der Realität starb Lenin an den Folgen seiner Schlaganfälle, obwohl es in Russland durchaus Gerüchte gibt, dass Stalin nachgeholfen hätte. Auch die Erwähnung, dass Gumiljew eine homoerotische Beziehung zu einem Mann, genauer zu dem Attentäter Leonid Ioakimowitsch Kannegiesser hatte, ist wenig glaubhaft. Charmant ist aber doch die Art des Erzählens. Wenn man weiß, dass vieles mit einem Augenzwinkern und Humor berichtet wird, verzeiht man dem Autor die eine oder andere Ungenauigkeit.
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