Erotik im Wandel: FKK-Osten vs. Sexshop-Westen

29.03.2026 20:36 (zuletzt bearbeitet: 29.03.2026 20:52)
#1
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag Januar, Februar, März 2026
hier

Gisela und Bettina von Arnim: Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns

und

Nadja Klier: 1988: Wilde Jugend



Zur Assoziatonsreihe:

Ich sah den sehr siech Sonntag letzte Woche im MDR:

Gritta von Rattenzuhausbeiuns
DDR 1985
Regie Jürgen Brauer



Ich sah den Film Mitte der 80er das erste Mal, dann nie wieder. Habe nun viel recherchiert zur Heldin und dabei Spannendes entdeckt, das sich aus ihrer Biografie ergab und der ihres zweiten Mannes:

Er war Neonazi. Sie wurde aus der DDR abgeschoben. Ingo Hasselbach und Nadja Klier im Interview

Für alle DDR-Nostalgiker vielleicht heilsam. Zu ihm gab es früher schon im zdf

https://www.youtube.com/watch?v=Fh-mJhfrvJo

siehe auch
https://www.youtube.com/watch?v=Vh2OvcjHlwk

ihre mutter sagte mir was, dass freya Klier in zweiter Ehe mit stephan krawczyk, der bei uns daheim als antichrist galt, verheiratet war, wusste ich nicht. aber der reine wahnsinn, wie man mit "Abweichlern" verfuhr. sie schildert das in ihrem buch 1988. Wilde Jugend sehr anschaulich. seine bio noch krasser - aus dem unpolitischen punk mit gegen alles Attitüde formte erst der knast den neonazi. wenn man überlegt, wofür man damals jahrelang einfuhr. über 30mal wurde der mann verlegt, die ddr hatte nur 40 gefängnisse. zuletzt in brandenburg durften ihn dann noch lebende altnazis erziehen in ihem geiste. dabei kommt er aus schwerstem sozialistischen adel: der leibliche vater saß in der brd jahrelang im knast wegen fortführung der verbotenen kpd im untergrund und emigierte dann in die ddr und wurde rundfunkchef. mutti und stiefvater beide beim adn. was für lebensläufe, die deutsche geschichte spiegeln. und niemand will daraus lernen.

p.s. im film werden vom örr zweimal die popos der mädchen unscharf verpixelt in zwei völlig harmlosen Badeszenen, die einen natürlichen Abglanz von unschuldigen Kinderparadiesen vermitteln. bei amazon prime und auch auf You Tube läuft der Film unzensiert. da könnte man wieder stundenlang ablästern über eine zum himmel schreiende pornografische gesellschaft ohne tabus und eine gleichzeitige prüderie und perversenangst, die jeden respekt vor der unschuld der natur verloren hat. in der ddr hat man ein sehr entspanntes verhältnis zum körper und zur sexualität gepflegt. wenn ich an die gerechten von kummerow denke in ihrer unschuld oder an die der sieben sommersprossen. im zotigen, albernen und hochnotpeinlichen westen undenkbar und heute gleich gar nicht. ich war nie nudist oder fkk-fan in rücksicht auf meine zeitgenossen, aber man vergleiche nur einmal Günter Rössler, der gerade eine ausstellung bei uns hat, mit den schmuddel- oder hochglanzfotos von drüben. aber ich schweife ab ...


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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29.03.2026 23:21
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #128
(...) da könnte man wieder stundenlang ablästern über eine zum himmel schreiende pornografische gesellschaft ohne tabus und eine gleichzeitige prüderie und perversenangst, die jeden respekt vor der unschuld der natur verloren hat. in der ddr hat man ein sehr entspanntes verhältnis zum körper und zur sexualität gepflegt. wenn ich an die gerechten von kummerow denke in ihrer unschuld oder an die der sieben sommersprossen. im zotigen, albernen und hochnotpeinlichen westen undenkbar und heute gleich gar nicht. ich war nie nudist oder fkk-fan in rücksicht auf meine zeitgenossen, aber man vergleiche nur einmal Günter Rössler, der gerade eine ausstellung bei uns hat, mit den schmuddel- oder hochglanzfotos von drüben. aber ich schweife ab ...


Ich war ja noch sehr jung, als sich die Grenzen öffneten. Aber ich erinnere mich, dass mit den neuen "Freiheiten" auch die Pornografie sichtbarer wurde. Bei unserer Kaufhalle stand auf einmal ein älterer Mann im Mantel, obwohl es warm war. Immer, wenn ein anderer Mann vorbei ging, öffnete er ihn und präsentierte eine Auswahl an Playboys und Sexblättern. Das war für mich damals ein kleines Schockerlebnis, ebenso wie die Bettler später auf offener Straße. Da wurde bei mir emotional kurzzeitig das lebendig, was man uns in der Schule über den Westen gepredigt hat. Für Erotik brauchte es in der DDR allerdings Fantasie, die im Westen nicht notwendig war. FKK war in Schwerin dagegen völlig üblich. Als Kind nahmen mich meine Eltern immer mit. Man hat sich da nie Gedanken gemacht. Und auch auf Partys haben die Menschen nichts anbrennen lassen. Da lag das Amouröse in der Luft, auch wenn sich alle gegenseitig bespitzelt haben.


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30.03.2026 09:53
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Zitat von Taxine im Beitrag Januar, Februar, März 2026

Ich war ja noch sehr jung, als sich die Grenzen öffneten. Aber ich erinnere mich, dass mit den neuen "Freiheiten" auch die Pornografie sichtbarer wurde. Bei unserer Kaufhalle stand auf einmal ein älterer Mann im Mantel, obwohl es warm war. Immer, wenn ein anderer Mann vorbei ging, öffnete er ihn und präsentierte eine Auswahl an Playboys und Sexblättern. Das war für mich damals ein kleines Schockerlebnis, ebenso wie die Bettler später auf offener Straße. Da wurde bei mir emotional kurzzeitig das lebendig, was man uns in der Schule über den Westen gepredigt hat. Für Erotik brauchte es in der DDR allerdings Fantasie, die im Westen nicht notwendig war. FKK war in Schwerin dagegen völlig üblich. Als Kind nahmen mich meine Eltern immer mit. Man hat sich da nie Gedanken gemacht. Und auch auf Partys haben die Menschen nichts anbrennen lassen. Da lag das Amouröse in der Luft, auch wenn sich alle gegenseitig bespitzelt haben.


es ist sicher eine binse, dass erotik mit zurückhaltung, verhüllung, versagung, verheißung, andeutung etc. zu tun hat, also einem weniger mit der aussicht auf mehr oder auch nicht. daher sind die natürlichkeit des naturismus-nudismus und die grelle obszöne ausstellung der pornografie ihre natürlichen feinde. mangelländer wie die ddr hatten es daher leichter, dem noch nicht umfassend regierenden konsum und wohlstand eine eigene erotik abzuringen, die sich von prerow bis eben zu den aktfotografen manifestiert. ich vergleiche das gerne mit der literatur, denn es gibt so gut wie keinen großen schriftsteller, der erotik darstellen könnte oder gar unpeinliche sexszenen. im leistungskurs deutsch hatte ich immer bei effi briest eine doppelstunde, die sich sex ohne worte nannte. ich wollte darauf hinaus, dass eine explizit geschilderte sexszene zwischen effi und crampas dem roman eher geschadet als genützt hätte. im tv vergleiche man einfach die schulmädchenreports und lederhosendirndljucker im westen mit dem erotischen zur nacht in der ddr. hier peinliche infantilität, dort kultivierte erotik.


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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30.03.2026 20:58
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag Januar, Februar, März 2026
ich vergleiche das gerne mit der literatur, denn es gibt so gut wie keinen großen schriftsteller, der erotik darstellen könnte oder gar unpeinliche sexszenen.


Da fällt mir ein: Das Peinlichste, was ich dazu in letzter Zeit gelesen habe, war tatsächlich Emanuel Carrère. In seinem "Russischen Roman" gibt es eine seitenlange Szene, in der er seine Freundin, danach Exfreundin, im Zug dazu animieren möchte, in aller Öffentlichkeit als Reaktion auf seinen Brief zu masturbieren. Dieser Brief ist nicht privat verfasst, sondern eben in diesem Buch veröffentlicht, um sich an sie und, wie Carrère hofft, auch an alle anderen Frauen zu richten. Hier gewinnt das Wort Fremdschämen wieder eine ganz neue Dimension.


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02.04.2026 11:26 (zuletzt bearbeitet: 02.04.2026 11:27)
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Zitat von Taxine im Beitrag Januar, Februar, März 2026
Da fällt mir ein: Das Peinlichste, was ich dazu in letzter Zeit gelesen habe, war tatsächlich Emanuel Carrère. In seinem "Russischen Roman" gibt es eine seitenlange Szene, in der er seine Freundin, danach Exfreundin, im Zug dazu animieren möchte, in aller Öffentlichkeit als Reaktion auf seinen Brief zu masturbieren. Dieser Brief ist nicht privat verfasst, sondern eben in diesem Buch veröffentlicht, um sich an sie und, wie Carrère hofft, auch an alle anderen Frauen zu richten. Hier gewinnt das Wort Fremdschämen wieder eine ganz neue Dimension.


Man muss natürlich gerecht sein: Unabhängig von den vielerlei Arten erotischen und sexuellen Empfindens bei Männern und Frauen entzieht sich das Intimste wahrscheinlich prinzipiell jeder Darstellung. Da das "Thema Nummer 1" aber für so viele Menschen offenkundig so wichtig und bedeutend ist; dass sich zumindest zu Zeiten alles nur darum dreht; können Autoren, Filmemacher, bildende Künstler, Musiker etc. nicht davon lassen, es immer wieder zu probieren. Ein weites Feld, wie der alte Fontane sagte, wäre hier noch euphemistisch: Verglichen mit der Banalität reproduktionsbiologischer Vorgänge in actu eröffnen sich dem erotischen Reigen natürlich ungeahnte Möglichkeiten, und dennoch ...


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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Gestern 15:57
#6
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Siehe auch:

„Wir urteilen nicht“: Über die Entwicklung der Erotik in Ostdeutschland

Zitat
Ostdeutsche sind freizügiger als Westdeutsche, heißt es oft. Doch hat das nur mit der FKK-Kultur zu tun oder steckt mehr dahinter? Eine Spurensuche.


„Mit der Vielzelligkeit kam der Tod, mit dem Nervensystem der Schmerz, mit dem Bewusstsein die Angst, mit dem Besitz die Sorge.“ (Rupert Riedl)


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