Das Gehen und die Literatur
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Das Gehen ist und bleibt der einzige Weg, sich als Mensch in Würde fortzubewegen und die Welt zu erfahren. Ich muss gar nicht die lange Reihe von passionierten Wanderern, Spaziergängern, Flanierern, Promenierern von Johann Gottfried Seume über Robert Walser bis zu WG Sebald erwähnen und die Literaturgeschichte weiter durchsehen nach den Aberhunderten Dichtern, Schriftstellern, Philosophen, Gelehrten etc.; die zu Fuß gingen nicht nur zur Entspannung von ihrer geistigen und meist im Sitzen oder Stehen ausgeübten Tätigkeit; sondern weil diese Art der Fortbewegung essenziell war für ihre Lebensweise, existenziell für ihre Weltwahrnehmung und damit ihr Schreiben. Darüber gibt es Bücher die Menge, zuletzt unter anderem Vom Glück des Wanderns Eine philosophische Wegbegleitung von Albert Kitzler.
Es bleibt dabei; dass jede andere Art der Bewegung als diese an den eigenen Motor mit einer MS (Menschenstärke) gebundene uns überfordert und mattsetzt als anschauendes und mitfühlendes Wesen. Früher zu Pferde oder durchgerüttelt in der Postkutsche; heute in Bus oder Bahn, mit dem Auto oder selbst mit dem Fahrrad – all das ist zu schnell, um wirklich in eine Landschaft eintauchen, in ihr verweilen und atmen zu können; eins zu werden mit ihr; das geht nur per pedes; im gleichmäßigen Rhythmus des Laufens, immer wieder auch mal stehen bleibend, auf den Wander- oder Spazierstock gestützt den Blick in die Weite oder Enge gerichtet. Der Kutschbock mit stoischen Kaltblütern wäre vielleicht noch eine Möglichkeit, aber da fehlt die körperliche Bewegung, die den Atem in den Gleichklang mit der Natur bringt. Und die Anschauung jener aus dem Flugzeug, dem Ballon oder vom Paragleiter ist eine andere Dimension, weil hier die Füße die Erde verlassen und der Mensch Gott näher ist.
Sehr schön über das Gehen haben auch Tomas Espedal, Edo Popovic oder Werner Herzog geschrieben.
Ich weiß noch, dass mich damals die Dokumentation „Mein liebster Feind“ begeistert hat. Überhaupt etwas über die Dreharbeiten zu erfahren (vor allem, dieses gewaltige Schiff über den Berg zu bringen) und dabei dann das exzentrisch wutentbrannte Wesen Kinski zu ertragen und zu beschwichtigen, war schon ein echtes Highlight. Herzog ist ja tatsächlich ein Meister des Fußmarsches. Seine kleine Schrift „Vom Gehen im Eis“ gehört zu den schönsten, die ich von ihm besitze. Sein Weg von München nach Paris als tiefe Auseinandersetzung mit dem Sein und Sterben war bewegend und poetisch zugleich. „Wenn ich gehe, geht ein Bison. Wenn ich raste, ruht ein Berg.“ Seine Erinnerungen „Jeder für sich und Gott gegen alle“ fand ich dagegen etwas zu geschwätzig.
Herzog spricht in „Vom Gehen im Eis“ auch davon, wie sehr der Mensch zu seinem eigenen Auto geworden ist. Trotz dass das Reisen früher mühseliger und zeitaufwendiger war, bekam man in der Postkusche viel von dem Wechsel der Landschaft mit und wusste am Ende auch, welche Entfernung man tatsächlich zurückgelegt hat. Heute bringt uns das Flugzeug in wenigen Stunden in ein ganz anderes Land. Wir steigen aus und handeln immer noch gleich, sind vielleicht ebenso gestresst wie im eigenen Alltag. Eine tatsächliche Reise aber ist ein Lernprozess, voller neuer Eindrücke, die uns in der Hektik und Schnelligkeit leicht abhanden kommen.
Herrlich war für mich auch Karl-Phillip Moritz mit seinem Buch „Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782“. Dort wählt er das Gehen nicht nur, um die Schönheit der Landschaft zu genießen und durchzuatmen, sondern größtenteils aufgrund seiner Armut. Selbst damals wurde der Gehende als suspekte Person angesehen. Man vermutete dahinter einen Verrückten, einen Landstreicher oder gar Straßenräuber. - „Ein Fußgänger scheint hier ein Wundertier zu sein, das von jedermann, der ihm begegnet, angestaunt, bedauert, in Verdacht gehalten und geflohen wird (…).“ - Moritz erzählt wunderbar von den Reaktionen der vorbeifahrenden Kutschen. Auch wird ihm teilweise der Zugang zu den Gasthäusern verwehrt, nur weil er zu Fuß unterwegs ist. Er setzt sich gerne an den Straßenrand und liest in einem Buch (Milton). Die Vorbeifahrenden finden das mehr als merkwürdig. Beeindruckend ist in diesen Aufzeichnungen aber vor allem das alte London, diese ganze rußgeschwärzte Atmosphäre. Und auch der Tod ist zu diesen Zeiten eher unspektakulär. Ein Trauerzug wird ebenso unbekümmert betrachtet wie ein vorbeiziehender Heuwagen. Da sind schon einige schöne Anekdoten enthalten.
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