Cormac McCarthy

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Cormac McCarthy
„Der Passagier“ & „Stella Maris“


"Am Ende, hatte sie gesagt, wird es nichts geben, was sich nicht simulieren lässt. Und das wird die endgültige Beschneidung von Privilegien sein. Das ist die künftige Welt."

Ich habe nun beide Bücher von McCarthy gelesen und bleibe unschlüssig zurück. Ich kann wirklich nicht sagen, ob die Lektüre zu empfehlen ist. Es sind zwei Teile, die sich gegenseitig ergänzen und, laut Verlagsinformation, in ihrer Wahrheit aufheben sollen. Das ist dann aber eher nicht der Fall, vielmehr spiegeln sie einander, ohne das Geschehen deutlicher zu machen. McCarthy hat fast ausschließlich die Dialogform gewählt, die dazu gedacht ist, eine feste Erzählstruktur aufzuheben. Zunächst könnte man fast meinen, das Werk wäre posthum erschienen und als Rohentwurf herausgegeben worden, aber das ist nicht der Fall. Es ist also eine bewusste Entscheidung des Schriftstellers, erneut die dunklen Ränder der Existenz auszuloten und diese gleichzeitig verschwinden zu lassen. Hier entsteht die Welt allein durch die Stimmen seiner Protagonisten. Der Leser nimmt direkten Anteil an den Unterhaltungen, als wäre er dabei. Zwei Geschwister, Bobby und Alicia, zwei Bücher und Perspektiven, zwei Geschichten, die miteinander verknüpft sind und trotzdem für sich stehen. Der eine wird verfolgt und flieht, die andere ist hochbegabt und eigentlich schon tot, geht aber zuvor freiwillig in eine psychiatrische Anstalt. Teilweise ist das Ganze in seiner Einfachheit nahezu kryptisch, als hätte McCarthy alles weggelassen, was auch nur annähernd eine Erklärung liefern könnte. Andererseits kann man fast jeden Satz hinterfragen und deuten.

Schon der Titel „Der Passagier“ des ersten Teils wirft Fragen auf, wer dieser nun sein soll. Ob nun der Überlebende eines Flugzeugabsturzes, ein fehlender Name auf der Passagierliste, oder vielmehr doch eher eine Metapher für die Situation selbst, als Zustand, in dem sich beide Geschwister, und im Besonderen Bobby, befinden, der, ähnlich wie Alicia, ja auch irgendwie durch seine inneren Abgründe reist, man weiß es nicht. Leider kann ich wenig preisgeben, ohne das Grundgerüst der Geschichte zu verraten, das entscheidend dazu beiträgt, dass man das Werk für gut befindet. Die Dialoge reichen von banalen Alltagssituationen über sarkastische Bemerkungen bis hin zu philosophischen und mathematischen Hinterfragungen. Auch Gödel spielt darin eine Rolle, mit seiner Annahme, dass in einem formalen System bzw. im Versuch, die gesamte Arithmetik und Logik zu erfassen, wahre Aussagen existieren, die innerhalb des Systems nicht beweisbar sind. Die Mathematik lässt sich allerdings nicht mathematisieren, geschweige denn die Welt vollständig in Formeln packen. Alicia nennt Gödel nicht umsonst den mathematischen Platoniker.

In diesen beiden letzten Werken geht es um Tod, Abwesenheit, Verfolgung, Bedrohung und Verlust, um die Zerbrechlichkeit des Menschen und den Rückzug in die eigene Welt, um Koma, Schizophrenie, Suizid, Inzest, Liebe, Trauer und Musik, das alles durcheinandergeworfen, wie ein Ausreizen der Sinne, dabei erstaunlich jenes Chaos repräsentierend, in dem wir uns momentan befinden. Auch McCarthy muss über den Irrsinn der Zeit nachgegrübelt haben. Als ein expressiver Bewusstseinsstrom ließe sich das alles vielleicht etwas besser erfassen, dass hier die Stimme selbst zur Figur gerät, mit einigen bewusst gesetzten, falschen Fährten, die am Ende wie Seifenblasen zerplatzen. Man kann als Leser danach sehr lange über alles nachgrübeln, das macht wahrscheinlich den gesamten Reiz des Lesens aus, aber letztendlich ist der Roman unauflösbar, wie auch die Welt und das Sein unauflösbar sind, in der jeder nur seine individuelle Wahrheit erkennen kann.

McCarthy gibt keine Hinweise, vielmehr muss sich der Leser seine eigene Lösung zurechtbasteln. Auch ist in beiden Büchern eine eigenartige Steigerung des Erzählten zu spüren, was an experimentelle Sachen erinnert, die mit dem Mittel der Sprache an Tiefe gewinnen. Die Figur Bobby als einen Passagier der eigenen Verlorenheit zu deuten, der mit dem Geschehen um sich herum nicht zurechtkommt, wäre zu einfach. Selbst die Atombombe in ihrer Bedrohung auf unser Leben ist Bestandteil des Romans, mit der Frage, wie weit diese Schuld zurückreicht, als eine Formel, die sowohl Gutes als auch Böses bewirkt. McCarthy bietet uns eine Lektüre, die nur intuitiv erfasst werden kann, mit vielen hingeworfenen Wortfetzen, die es zu ordnen gilt, ohne eine befriedigende Antwort zu erhalten. Fast möchte man sagen, er hätte es sich damit etwas zu leicht gemacht, aber das entspricht nicht dem, was man ansonsten von ihm kennt. Ein Buch, das zum Nachdenken einlädt, ist mir grundsätzlich ein wertvolles. Und das erfüllen beide Teile, die auch zusammen gehören bzw. in einem Stück zu lesen sind, keinesfalls einzeln, da sonst wohl die Enttäuschung nicht ausbleiben wird.

"Das letzte Licht, das der Nichtgläubige sehen wird, ist nicht das Erlöschen der Sonne. Sondern das Erlöschen Gottes. Jeder wird mit der Fähigkeit geboren, das Wunderbare zu sehen. Man muss sich bewusst dafür entscheiden, es nicht zu sehen."


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(Alle Zitate sind den Romanen "Der Passagier" und "Stella Maris" von Cormac McCarthy, Rowohlt Verlag, entnommen.)


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