Literatur und Mathematik
#1
Der Roman Stella Maris (2022) von Cormac McCarthy "handelt" ja von Alicia Western, die eine junge, geniale Mathematikerin ist und die demzufolge in den Gesprächen mit ihrem Psychiater Doktor Cohen auch immer wieder auf mathematische Probleme und große Mathematiker aus Geschichte und Gegenwart zu sprechen kommt. Diese rein mathematischen Probleme weiten sich von Beginn an zu philosophischen Fragestellungen und mit Blick auf die suizidalen Tendenzen der "Heldin" letztlich zu persönlich-existenziellen. Natürlich kommen auch andere große Geister zur Sprache, Philosophen vor allem; aber der Schwerpunkt liegt auf den Philosophen der analytischen Schule und eben Mathematikern mit ausgeprägten philosophischen Interessen. Dass nun ausgerechnet auch die Mathematik in ihren Grundlagen in Frage gestellt wird und die uralten großen Fragen nach der Natur und dem Sinn menschlichen Daseins nicht beantworten kann, führte zur Selbsteinweisung der verzweifelten jungen Frau.
Auffällig ist natürlich, wie selten die große belletristische Literatur aller Zeiten und Völker mit der Mathematik verbunden ist; wie wenige gute Romane und Erzählungen es gibt, in denen mathematische Aspekte in welcher Form auch immer eine bedeutende Rolle spielen, mir würden jetzt auf Anhieb außer solchen, in denen Mathematiker vorkommen wie in Kehlmanns Vermessung der Welt Carl Friedrich Gauß, die aber nicht im engeren Sinne wirklich mathematische Sachverhalte enthalten. Zum einen ist das natürlich nicht so arg verwunderlich, weil zumindest die abendländische Bildungstradition mit den Naturwissenschaften und ihrer voraussetzenden Königsdiszplin sträflich leichtsinnig unterbesetzt ist, bis ihr vor einem viertel Jahrhundert Ernst Peter Fischer mit Die andere Bildung: was man von den Naturwissenschaften wissen sollte zu Recht die Leviten las. Zum anderen würde jede speziellere mathematische Exploration die wenigen guten Leser, die es auch so schon kaum noch gibt, weiter dezimieren.
Wenn ich an meine Schulzeit denke, lagen mir Fächer wie Geschichte, Deutsch, Geografie, Staatsbürgerkunde (heute Ethik, Sozialkunde, Religion), Kunst, Musik, Sprachen am meisten; auch wenn ich mich ebenfalls brennend für Physik, Chemie und Biologie interessierte, bis ab der 11. Klasse die mathematischen Aspekte auch dort überhandnahmen. Denn ich bin im Gegensatz zu meinem Vater und meinem Bruder erschreckend wenig mathematisch und logisch-formal begabt: Während sie sich nicht wie ich in kurzer Zeit dicke Bücher einverleiben und auch gleich umfänglich merken konnten, konnte man mich mit Textaufgaben, Umformung von Termen, Alegbra, Integral- und Differenzialrechnung in den Wahnsinn treiben. Dass ich trotzdem im Abitur gut bis sehr gut abschnitt, lag einfach daran, dass ich mir alles an Lösungswegen und Herangehensweisen merkte, was irgendwie möglich war. Normalerweise sollte es aber so sein, dass man eine Eins nur bekommt; wenn man ein unbekanntes mathematisches Problem zu lösen vermag; das hätte ich nie vermocht. Aber, und daran unterscheide ich mich von vielen Bildungsbeflissenen; ich habe die Mathematik immer bewundert und nie ganz aufgegeben; auch wenn ich manchmal Albträume der Art habe, ich müsste meine schriftliche Abiturprüfung im Fach nachholen.
Daher wäre es mir lieb, auch noch andere schöngeistige Bücher kennenzulernen; in denen die Mathematik nicht nur als Name oder nicht weiter ausgeführte Beschäftigung einer Figur vorkommt.
Mit Borges, Musil und Dürrenmatt muss man dir wahrscheinlich nicht kommen.
Ich weiß noch, dass mir damals Douglas R. Hofstadters Buch „Gödel, Escher, Bach“ gefallen hatte, das durch viele Beispiele und Dialoge unterhaltsam geschrieben ist. Im Bereich der schöngeistigen Literatur wäre vielleicht Yoko Ogawa zu nennen, mit ihrem Buch „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“. Ein spanischer Krimi, der etwas anspruchsvoller ist, heißt „Die Pythagoras Morde“ und stammt von Guillermo Martínez. Im Science-Fiction-Bereich, mit einem doch sehr kryptischen Plot, wäre „Anathem“ von Neal Stephenson zu nennen, auch hier viel Platon, Geometrie und Quantenmechanik. Ebenso drehen sich einige der wunderbaren Kurzgeschichten von Ted Chiang um Mathematik, aber von ihm ist wirklich alles zu empfehlen. Sein Werk gibt es im Deutschen in den beiden Bänden "Das wahre Wesen der Dinge" und "Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes".
Nicht zu empfehlen ist dagegen das misslungene "Pi mal Daumen" von Alina Bronsky. Die Autorin mag ich nur, wenn sie über ihre Wurzeln schreibt. Das zwar auf sehr einfacher, fast trivialer Ebene, aber bisher immer ganz unterhaltsam. Der genannte Roman dagegen war auch mit dem Augen-zu-Drücken eine Enttäuschung. Hier rückt dann doch der schnelle Schrieb zu sehr in den Vordergrund, wo es nichts mehr zu verzeihen gibt, wie in einigen ihrer anderen Bücher.
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