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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 24.09.2007 12:32
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Über diesen Schriftsteller wird noch viel zu sagen sein, denn er hinterließ genügend Schriften, die den Leser in wunderbarer Sympathie zurücklassen, für sein Werk, wie auch für ihn selbst.

André Paul Guillaume Gide wurde am 22. November 1869 als Sohn eines Hochschulprofessors in Paris geboren und starb ebenda am 19. Februar 1951.
"Dass du nicht enden kannst, das macht dich groß" - in diesen Worten liegt etwas von Gides Wesensgesetz, das er mit beispielloser Konsequenz erfüllte. Auf die geistige Struktur und Entwicklung bezogen, manifestiert sich in Gide gewissermaßen die deutsch-romantische Idee des Progressiven, der unendlichen Bewegung als des tiefen Sinnes von Leben und Kunst.
Er stellt im Goethischen Sinn einen Bewegungs- und Entwicklungsprozess dar, mit zahllosen Zuständen und Übergängen, gelenkt von einer nie beruhigten geistigen Neugierde nach dem Geheimnis des Menschen und bedrängt nicht nur von zwei, sondern von unendlich vielen Seelen, die in ihm wohnen und die er lebt. So erscheint seine Persönlichkeit schillernd reich aus allen nur erdenkbaren Substanzen zusammengesetzt. Sie ist nur in Einzelzügen und nur andeutend zu fassen und nicht zu begrenzen. Gide sprach nie ein letztes Wort, trug nie sein letztes Gesicht. Das gab ihm erst der Tod.
Da André Gide aus einer wohlhabenden Familie stammte, war er in der Lage, sich der Schriftstellerei zu widmen. 1891 veröffentlicht André Gide anonym seine erste Prosaarbeit "Les cahiers d´André Walter", in der er vom Symbolismus beeinflusst, den religiösen und romantischen Idealismus eines unglücklichen jungen Mannes zeichnet. Inspiriert durch die symbolistische Bewegung folgen weitere Werke und André Gide wurde selbst zum Symbolist. 1894 fing André Gide dann jedoch an einen individualistischen Stil zu entwickeln. In seinem 1897 veröffentlichtem Werk "L´immoraliste" predigte er die Lehre des aktiven Hedonismus.
André Gide verliebte sich in seine Cousine, die protestantische Madeleine Rondeaux, aber die Familie trennte die sich Liebenden. 1895 stirbt André Gides Mutter. Im selben Jahr heiratet André Gide Madeleine und sie unterstützt ihn bei seiner Arbeit. Obwohl sie sich liebten war ihre Ehe vorerst kinderlos. Es gibt von André Gide die intimen Tagebücher, wo er ausführlich über diese Ehe in ihrem Schicksal berichtet.
Seinen ersten finanziellen Erfolg hatte André Gide mit seinem 1909 erscheinenden Werk "La Porte Etoite" (Die enge Pforte) das seinen Bekanntheitsgrad erheblich steigerte.
Nach Kriegsende wurde André Gide, mit seinen Themen der sexuellen Abnormalität, als einer der führenden Repräsentanten der modernen Autobiographischen Literatur angesehen. Seine Werke wurden in vielen Kreisen gelesen und in noch größeren Kreisen diskutiert, und er beeinflusste so die ästhetischen und moralischen Werte dieser Generation. Während André Gide bemüht war sich mit seiner Homosexualität abzufinden, wurde er zunehmend introvertiert, zweifelte an seinem religiösen Glauben und bezeichnete sich selbst als einen Agnostiker.
Er war mit Paul Valery, Mallarmé, Oscar Wilde bekannt, und 1947 erhielt er dann auch den Literatur Nobelpreis.


Nun zu seiner Schrift "Dostojewski", ein ganz wunderbares Nähern an diesen Schriftsteller.
Zitat von Dostojewski
Man sagt mir zum Trost: Dort sind lauter einfache Menschen. Ich fürchte aber die einfachen Menschen viel mehr als die komplizierten.

In Frankreich wurden Dostojewskis Werke lange nicht ausreichend übersetzt, oder nicht in voller Länge. "Die Brüder Karamasow" unterlagen einer ganz schlimmen Kürzung, durch die das Werk trotzdem nicht an Wirkungskraft verlor. Während in Deutschland und England ein Buch nach dem anderen in neuer Übersetzung erschien, musste Dostojewski in Frankreich den Menschen erst nahe gebracht werden.
Zitat von Gide
Zweifellos wird es immer empfindsame Geister mit leicht verletzbarem Schamgefühl geben, die von großen Männern nur die Büste sehen wollen -, die sich gegen die Veröffentlichung vertraulicher Blätter oder privater Briefe auflehnen. Sie scheinen bei solchen Schriften nur das schmeichelhafte Vergnügen zu sehen, das mittelmäßige Geister darin finden können, die Helden den gleichen Schwächen ausgesetzt zu sehen, wie sie selbst es sind.

Gide vollführt hier einen Lobruf auf diesen Mann, zeigt ihn in seinen Schwächen, aus seinen Briefen, lässt aber auch Dostojewski selbst sprechen. Man erfährt viel über seine Gefühle durch das Todesurteil, die Begnadigung, die kurz vor der Exekution erfolgte, die Fahrt im Schlitten nach Sibirien und die Verzweiflung danach.
Was Dostojewski ausmacht, ist sein großartiger Optimismus, der ständige Drang, immer weiterzumachen. Trotz all seiner Probleme, seiner Spielsucht, seinen ewigen Schulden, meisterte er das Leben im tiefen Vertrauen zur Menschheit und zu Gott.
Zitat von Dostojewski
Der Mensch hat nicht das Recht, sich abzuwenden und sich zu verschließen vor dem, was auf der Erde geschieht; dafür gibt es höhere moralische Gründe: Homo sum, et nihil humanum … und so weiter.

(Dostojewski in seinen Briefen)

Die Briefe Dostojewskis, so Gide, zeigen eine seltsame Banalität auf, die er sich auch selbst eingesteht. Der Mensch, der überhaupt so mit seinem Werk kämpft (es schließlich zu einem guten Buch „zusammenstreicht“), liebt diese ständige Verzweiflung auch irgendwo.
Zitat von Gide
… habe ich nur von den Schwierigkeiten gesprochen, die ihm aus seiner Veranlagung entstehen; und ich glaube, dazu auch das beständige Elend rechnen zu können, das so zutiefst zu ihm gehört, und nach dem seine Natur auf geheime Weise zu verlangen scheint …

Trotzdem ist Dostojewski nie zufrieden,
Zitat von Gide
Er ist so überzeugt von dem Wert seiner Idee, dass sein Wert als Mensch sich für ihn damit vermischt und dahinter verschwindet.

... hofft immer, irgendwann ein gutes Werk schreiben zu können, nachdem er schon so viele Bücher herausgegeben hat, und ist von einer tiefen Demut zum Leben und zu den Menschen erfüllt.
Zitat von Gide
Ganz gewiss läuft ein Schriftsteller, der sich sucht, eine große Gefahr; die nämlich, sich zu finden. Von diesem Augenblick an schreibt er nur noch kalte, mit ihm übereinstimmende, entschlossene Werke. Er ahmt sich selbst nach. Wenn er seinen Weg, seine Grenzen kennt, so, um sie nicht mehr zu überschreiten. Er hat keine Angst mehr, unaufrichtig zu sein; er fürchtet, unkonsequent zu sein. Der wahre Künstler bleibt immer seiner selbst zu Hälfte unbewusst, wenn er schafft. Er weiß nicht ganz genau, wer er ist. Nur auf dem Wege über sein Werk, durch sein Werk, nach seinem Werk gelangt er dahin, sich kennenzulernen.


In einer Rede sagt Gide:
Hören wir vielmehr, was Dostojewski selbst von den Träumen sagt und von den
Zitat von Dostojewski
offenkundigen Dummheiten und Unmöglichkeiten, von denen es in unseren Träumen wimmelt, und die man sofort und fast ohne jedes Befremden als Tatsache annimmt, und zwar gleichzeitig, während der Verstand sich in stärkster Spannung befindet und außerordentliche Kraft, List, Kombinationsfähigkeit und Logik zeigt. Darum fühlt man aber fast jedesmal, wenn man aus dem Schlaf erwacht ist und sich der Wirklichkeit wieder ganz bewusst wird, mit ungewöhnlicher Deutlichkeit, dass man zugleich mit dem Traum etwas wie ein ungelöstes Rätsel hinter sich lässt. Man lächelt über das sinnlose des Traumes und fühlt doch, dass in diesem Chaos irgendein Gedanke enthalten ist, und zwar ein wirklicher, zum Leben gehöriger Gedanke, etwas, das immer im Herzen gelebt hat; der Traum scheint einem etwas Prophetisches, Ersehntes zu enthüllten.

(Der Idiot)

Ein anderer Russe sagte mal, als man ihm Unpünktlichkeit vorwarf:
Ja, das Leben ist schwer! Es gibt Augenblicke, die von einem verlangen, dass man sie richtig erlebt; das ist viel wichtiger, als dass man pünktlich zu einer Verabredung kommt. Aus diesen Worten schimmert viel der russischen Seele hervor.

Zitat von Dostojewski
Kein Mensch lebt ohne irgendein Ziel und ohne das Bemühen, dieses Ziel zu erreichen. Sobald erst einmal das Ziel und die Hoffnung entschwunden sind, macht die Unruhe häufig aus dem Menschen ein Ungeheuer.

(Aufzeichnungen aus dem Totenhaus)

Hier sehe ich es genau gegenteilig. Erst durch das Nichtstreben, das Leben ohne gefasstes Ziel entsteht Ruhe im Inneren. Die Unruhe kann nur dann aufkommen, wenn das Ziel gefasst und schwierig zu erreichen ist. Wer kein Ziel hat, kann auch nicht unruhig sein.
Dostojewski meint hier allerdings ein anderes Ziel, nämlich das der Freiheit. Wenn man in Sibirien sitzt, ist das gesetzte Ziel der Freilassung wohl Lebenserhalt. Später sagt er:
In Antwort auf:
Man darf sein Leben um keines Zieles willen verpfuschen.


Was für mich auch noch interessant zu erfahren war, ist, dass aus "Die Dämonen" ein ganzes Kapitel wieder herausgenommen wurde, und zwar von Dostojewski selbst. Auch dieses Verhalten zeigt ihn in seiner "guten Seele". Inzwischen gibt es eine Übersetzung dieses Kapitels als kleines Buch mit dem Titel "Das Bekenntnis Stawrogins".
Hier geht es nämlich um die Vergewaltigung eines kleinen Mädchens. Das geschändete Kind erhängt sich im Nebenzimmer, während der Schuldige Stawrogin, der weiß, dass sie sich erhängt, in seinem Zimmer darauf wartet, dass sie zu leben aufhört.
Dostojewski entwickelte für dieses Kapitel solche Schuldgefühle, dass er das Kapitel wieder herausnahm und so in seinem schlechten Gewissen verharrte, dass er schließlich einen Menschen aufsuchte, mit dem er auf schlechtem Fuß stand - ganz genau: Turgenjew. Dieser war berühmt und allgemein geehrt, während Dostojewski immer mit seinen Schulden kämpfte, und nach diesem Erlebnis bezeichnete er Turgenjew eindeutig als "zu europäisiert", da dieser die russische Angewohnheit von Brüderlichkeit, Vergebung und Demütigung nicht nachvollziehen konnte. Denn, als Dostojewski mit seinem schlechten Gewissen bei ihm aufkreuzte und ihm den Sachverhalt dalegte und sagte:
"Herr Turgenjew, ich muss Ihnen sagen: ich verachte mich tief...",
stand Turgenjew nur schweigend da und verstand nicht. So fügte Dostojewski sofort hinzu:
"Sie aber verachte ich noch mehr. Das war alles, was ich Ihnen zu sagen hatte."
Dann stürmte er aus dem Arbeitszimmer Turgenjews und schlug die Tür zu.
Ach ja, man muss ihn einfach gerne haben, diesen bärtigen Russen!
Hier traf ich auch leicht die Entscheidung, dass ich zunächst "Die Dämonen" von ihm lesen werde.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.09.2007 21:57 | nach oben springen

#2

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 24.09.2007 13:14
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

herzlichen Dank fur die fantastische Einführung zu André Gide. Diese Woche bekomme ich eine antiquarischen Ausgabe sämtlicher Erzählungen von DVA. Der Inhalt:
Die Reise Urians (1893) - Paludes (1895) - Der schlechtgefesselte Prometheus (1899) - Die Heimkehr des verlorenen Sohnes (1908 ) - Die enge Pforte (1909) - Isabelle (1911) - Die Pastoralsymphonie (1919) - Die Schule der Frauen (1929) - Robert (1929) - Genoveva oder Ein unvollendetes Bekenntnis (1939) - Theseus (1946).

Da bin ich gespannt. Neben dem Bildschirm schaut mich eine alte Taschenbuchausgabe von Gide's "Dostojewski" an.

Ja, der Ordner wird noch vollgeschrieben

Im Orhan Pamuk-Thread werde ich in Kürze ein Essay über André Gide von Pamuk vorstellen.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 24.09.2007 13:16 | nach oben springen

#3

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 24.09.2007 13:16
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Hallo Martinus, ja, ich bin mir sicher, du wirst ebenso Gefallen finden, wie ich.

Und nun zu einem weiteren, tollen Roman:
Die Schule der Frauen

Inhalt:
Die Stellung der Frau in der Ehe und Gesellschaft und der Kampf um die Freiheit ihrer Persönlichkeit stehen im Mittelpunkt dieser drei inzwischen schon klassischen psychologischen Erzählungen, die sich wie die Tafeln eines Triptychons miteinander verbinden.
Genauer gesagt, werden wir hier wunderbar raffiniert mit drei Perspektiven konfrontiert:
Zunächst erhalten wir Einblick in die Tagebücher von
Éveline (die, durch selbst angeeignete Bildung, die vorgetäuschte moralische Überlegenheit ihres Mannes als hinterlistigen Egoismus entlarvt und schließlich verabscheut; die diesen Mann gegen den Willen vieler Menschen heiratet, ihn dann durchschaut und schließlich auf die Verblendung der Menschen trifft, vor denen sie ihn vorher verteidigt hat),
dann auf den Ehemann Robert (der, aus seiner Sicht die Liebe zu seiner Frau beschreibt, dabei ihre Aufsässigkeit und den schließlich geprägten und anerzogenen Freigeist seiner Tochter verurteilt)
und schließlich auf eben diese Tochter Geneviève (die ihren Vater nicht respektieren kann und ihre Mutter verteidigt, die in ihren Augen ein Opfer erbrachte, indem sie den Vater billigte).

Gide vermischt die verschiedenen Blicke so geschickt, dass der Leser ein klaren Eindruck erhält, was die jeweilgen Figuren ausmacht, und wo genau sich die Wahrheit befindet. Ein herrliches Werk.

Éveline aus ihrer Sicht:
In Antwort auf:
(…) ich ahmte also seine Zurückhaltung nach, und da ich neben ihm saß, bildete unser Schweigen in der allgemeinen Lebhaftigkeit eine kleine Insel der Kälte.


Und über ihre Tochter:
In Antwort auf:
Gestern habe ich gesehen, wie bei gewissen, nicht einmal allzu geschwollenen Worten ihres Vaters sich auf ihren Lippen eine Art Lächeln, eine spöttische Falte abzeichnete, und ihr Blick suchte den meinen, in den ich sofort größtmögliche Strenge legte.


Robert:
In Antwort auf:
Aber ich glaube, in einem gewissen Grad von Voreingenommenheit (den die Engländer so treffend prejudice nennen) hören wir ganz ehrlich den anderen sagen, was wir von ihm zu hören erwarten und wir bekommen gewissermaßen Worte, die die Erinnerung nicht einmal entstellen muss.


Und eines meiner Lieblingszitate:
In Antwort auf:
Ich möchte darauf bestehen, weil ich glaube, dass das der Grund für grausame Enttäuschungen ist, in der Freundschaft ebenso sehr wie in der Liebe: wenn man den anderen nicht gleich so seiht, wie er ist, sondern zunächst eine Art Idol aus ihm macht und ihm dann übelnimmt, dass er das nicht ist, als könnte der andere etwas dafür.


Robert ist der Intellektuelle, gebildete Mensch, dem die langsame Veränderung seiner Frau allmählich irritiert. Aber, er gibt schöne Sichtweisen auf die Literatur und das Streben danach, das nur dem Mann gegeben sein sollte und der Frau höchstens ein bisschen zur Zerstreuung. Der Mann kann irgendwann auch nicht mehr auf andere Literatur zurückgreifen, ...
In Antwort auf:
(…) denn es muss festgestellt werden, dass ein mit guten Büchern gesättigtes Gehirn nicht mehr viel Appetit auf schlechte Literatur hat.


Und bei seiner Frau muss er feststellen, dass es ihm nicht gelang, ...
In Antwort auf:
... sie von der Gefahr zu überzeugen, die es bedeuten kann, sich ganz sich selbst zu überlassen, sich einfach anzunehmen als das, was man ist, das heißt im Grunde als recht wenig.


Über die Mathematik:
In Antwort auf:
(…) als ich den Mathematiker folgendes sagen hörte: dass die Welt der Zahlen und der geometrischen Formen zwar nicht außerhalb des Gehirns, das sie erschafft, existiert; dass aber diese Welt, wenn sie von dem Gelehrten einmal erschaffen ist, ihm entgleitet, Gesetzen gehorcht, die zu verändern nicht in der Macht des Gelehrten steht, so dass dieses dem Menschen entsprungene Universum zu einem Absoluten zurückkehrt, von dem der Mensch selbst abhängig ist.



In Antwort auf:
Es ist eitel zu behaupten, der Mensch solle sich mit Ruhe und Geborgenheit zufrieden geben. Der Tatendrang wird immer wieder durchbrechen, sei es auch nur in der Phantasie.


Geneviève hofft auf ein Kind von einem Mann, einen Arzt, der die heimliche Liebe ihrer Mutter ist. Hier zeigt sich schon diese seltsame verzwickte Lage aller drei Charaktere. Eveline, die sich langsam emanzipiert, Robert, der damit überhaupt nicht klar kommt, und Genevive, die dadurch in stille Verzweiflung gerät, aber dadurch auch einen sehr offenen Blick auf die Dinge erhält, um sich selbst dagegen zu wehren.
In Antwort auf:
Man träumt von gesellschaftlichen Reformen, von gerechterer Verteilung. Doch die besten Systeme werden den Menschen nicht weniger schlecht machen.

Gerade in ihrer schönen Freundin, erkennt Geneviève diesen ganzen "Schmuck", die Stellung, die die Frau in der Gesellschaft mit Freude abwirft:
In Antwort auf:
„Ich weiß nicht, ob ich schön bin; ich will mich nur um die Qualitäten und Mängel meines Geistes kümmern. Doch ich gestehe, dass ich sehr darunter leiden würde, wenn ich hässlich wäre, und dass ich nicht so bei der Sache wäre, wenn die Arbeit für mich nur Ersatz sein sollte.“


Das Ende aller drei Sichtwinkel ist immer gleich. Der Tod. Natürlich verrate ich nicht, von wem.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.09.2007 13:25 | nach oben springen

#4

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 25.09.2007 21:02
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Noch einmal zurück zu obigem Werke:

Wo Gide in "Dostojewski" die Verbindungen zwischen den einzelnen Büchern des Russen aufzeigt, als ob dieser am Ende des Buches einen Ansatz an Charakterzug für das nächste Buch übernimmt (was nicht erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass Dostojewski seine Ideen für seine Romane schon Jahre im Kopf mit sich trug, bevor er sie schrieb - bei den "Brüdern Karamasow" hatte er z. B. den ganzen Umfang seines Werkes schon neun Jahre früher fertig im Hinterkopf ), wo sich nach "Aufzeichnungen aus dem Totenhaus" die Idee zu Raskolnikow entwickelt, der ja in Sibirien landet und gegen Ende in "Schuld und Sühne" ein Denken und Fühlen annimmt, wie es Fürst Myschkin in "Der Idiot" weiter praktiziert, während hier schließlich die Endstimmung zum "Ewigen Gatten" umschlägt, vergisst er auch nicht die eigene Philosophie:
Zum Beispiel führt er Oscar Wildes Ausspruch „Die Natur ahmt nach, was die Kunst ihr vorsetzt“ an, und sagt darüber:
Zitat von Gide
Was wollte er damit sagen, wenn nicht, dass wir gewöhnlich die Natur auf eine konventionell gewordene Weise sehen, dass wir in der Natur erkennen, was das Kunstwerk uns in ihrer zu sehen gelehrt hat. Wenn ein Maler versucht, in sein Werk das von ihm selbst Geschaute zu übertragen und darin auszudrücken, so erscheint uns dieses neue Bild der Natur, das er uns bietet, zunächst paradox, unwahr und beinahe ungeheuerlich. Bald darauf aber gewöhnen wir uns daran, die Natur wie unter dem Einfluss dieses neuen Kunstwerkes zu betrachten, und wir erkennen in ihr wieder, was der Maler uns zeigte. So kommt es dem auf neue und von der bisherigen abweichende Art geschulten Auge so vor, als ob die Natur das Kunstwerk „nachahme“.


Und herrlich auch diese Gedanken:
Zitat von Gide
Unser Leben beruht auf anerkannten Gegebenheiten, und wir gewöhnen es uns schnell an, die Welt durchaus nicht so zu sehen, wie sie wirklich ist, sondern so, wie man uns gesagt, wie man uns überredet hat, dass sie sei.


Zitat von Gide
Angesichts der Vielfalt, die fast jedes menschliche Wesen aufweist, ist der Blick von selbst und fast unbewusst um Vereinfachung bemüht.


... und in Bezug auf La Rochefoucauld, der behauptete:
Wieviele Menschen würden die Liebe nie gekannt haben, wenn sie nicht von der Liebe hätten reden hören?

stellt Gide so schön fest:
Zitat von Gide
Können wir nicht mit Recht desgleichen sagen: Wieviele Menschen würden vielleicht nicht eifersüchtig sein, wenn sie nicht von der Eifersucht hätten reden hören, wenn sie sich nicht davon überzeugt hätten, dass man eifersüchtig sein muss?


Hm..., mir scheint hier einiges an "Wahrheit" in diesen Worten zu liegen. Auch, wenn man es dann auf all die anderen Gebiete ausdehnt, in denen die gleiche Form an Lüge durch Konvention aufrechterhalten wird.

Zitat von Gide
Wieviele Geschöpfe werden doch gezwungen, ihr ganzes Leben lang eine Person darzustellen, die von ihnen selbst über die Maßen verschieden ist, und wie schwer ist es doch, in sich selbst irgendein Gefühl zu erkennen, das noch nicht zuvor beschrieben und getauft worden ist, von dem wir kein Muster vor uns haben. Es fällt dem Menschen leichter, alles nachzuahmen, als irgendetwas zu erfinden.
Wieviele Geschöpfe schicken sich darein, durch Lüge verunstaltet ihr ganzes Leben hinzubringen und finden trotzdem und gerade eben in der Lüge der Konvention größere Erleichterung und ein geringeres Erfordernis an Mühe als in der Behauptung ihres ihnen eigenen Gefühls! Diese Behauptung würde von ihnen eine Art Erfindung verlangen, deren sie sich nicht fähig fühlen.


Großartige Worte von André Gide.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.09.2007 21:17 | nach oben springen

#5

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 29.09.2007 15:24
von Martinus • 3.194 Beiträge

André Gide verfasste die „Die Schule der Frauen“ 1929, ein Tagebuch von Eveline, die ihren Ehemann in großer Verliebtheit anhimmelt, heiratet, und später von seinem Verhalten enttäuscht, es aber nicht fertig bringt, sich von ihm scheiden zu lassen. Ihr Tagebuch wird zu einem Plädoyer für mehr Freiheit der Frauen in der Ehe und in der Gesellschaft. Eveline durchschaut Roberts leere Phrasen, mit denen er seine Frau geblendet hatte, als sie verliebt gewesen war, auch in der Gesellschaft mit leeren Worthülsen zu Ansehen gekommen ist. Kleine Lügereien, sich edler oder besser darzustellen, als er ist:

Zitat von Gide
Und an jenem Abend fühlte ich mich wie erleichtert, als ich sah, daß ich nicht die einzige war, die zur Verzweiflung gebracht wurde durch Roberts neuerliche Angewohnheit, immer zu sagen, daß er „glaubte, etwas tun zu müssen“, wo er doch alles nur tut, weil er dazu Lust hat, oder öfter noch, weil es ihm nützlich scheint, so und nicht anders zu handeln.


Ein egoistischer Blender.

Im gleichen Jahr erschien „Robert“, eine Antwort des Ehemannes auf das Tagebuch seiner Frau. Darin vertritt er stockkonservative Ansichten:

Zitat von Gide
Ja, ich sagte es schon, aber ich wiederhole es noch einmal, ich bin der Meinung, daß die Rolle der Frau in der Familie, wie auch in der gesamten Zivilisation, konservativ ist und sein soll. Und nur, wenn die Frau sich dieser Rolle voll bewußt ist, kann sich der freie, der befreite Gedanke des Mannes gestatten, weiter vorzustoßen.


Zehn Jahre später, im Jahre 1939, wurde das Triptychon durch „Genoveva“, vollendet. Darin lesen wird die Sicht der Dinge aus dem Blick der Tochter, die feststellt:

Zitat von Gide
Das Buch meiner Mutter wendet sich an eine vergangene Generation. Zu der Zeit, als meine Mutter jung war, konnte eine Frau ihre Freiheit wünschen. Heute handelt es sich nicht mehr darum, sie zu wünschen, sondern darum, sie sich zu nehmen.


André Gide, der sehr puritanisch erzogen wurde, hat sich immer wieder für die Freiheit des Menschen eingesetzt, die ohne Konvention, Moral Kirche oder Ehe eingeschränkt sein dürfe (Wilpert). Diese Auffassung durchrankt auch dieses Buch. Für die Institution der Kirche erscheint es unglaubwürdig und ziemlich grotesk, dass jemand ohne Religion und Glaube friedlich und erfüllt von der Erde scheiden kann. Dabei hat es aber Gide witzigerweise geschafft, das starre Verhalten des Abbés (in "Robert")köstlich grotesk erscheinen zu lassen.. Diese Darstellungen mit den Verwicklungen der Obrigkeit haben mir immer besonders gut gefallen. Der Abbé hat Eveline, als er für die Beibehaltung von Evelines Ehe kämpfte, Eveline argumentativ so verunsichert, dass sie nicht mehr entgegnen konnte. Es leuchtet auch hier Gides Kritik an der Kirche durch, dass die Priesterschaft schönredet und das Volk lieber den Mund hält.

Trotzdem überstrahlt alles Evelines starke Persönlichkeit. Auch Roberts Stellungnahme hat mir gefallen. Genovevas Unreife hat mich genervt, trotzdem, wie ihre lesbischen Verwirrungen zu Papier getragen wurden, hat mich wieder beeindruckt.

Ein sehr lesenswertes Buch, welches ich so ziemlich in einem Rutsch liebend gern gelesen habe.

Meine Empfehlung
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#6

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 30.12.2007 18:06
von Martinus • 3.194 Beiträge
"Der schlechtgefesselte Prometheus", Erzählung

Der Aufhänger der Geschichte scheint absurd, ist aber ein Aufhänger zu Überlegungen über das menschliche Dasein.

Es passiert „auf dem Boulevard, der von der Madeleine zur Oper führt.“ Ein dicker Herr lässt sein Taschentuch fallen. Ein magerer Herr hebt es wieder auf. Der Dicke hält ihm noch einen Briefumschlag (mit einem Batzen Geld darin) hin, auf dem der Magere irgendeine Adresse schreiben soll. Dieses getan, erhält der Magere vom Dicken eine deftige Ohrfeige, der Dicke anschließend in einer Droschke verschwindet.

Dieses Geschehen ist Ausgangspunkt zu der Überlegung, ob der Mensch ohne einen Beweggrund fähig ist, etwas zu tun. Offenbar ist das sehr schwierig. Die Ohrfeige und der Brief mit dem Geld, der an den Adreesaten geschickt wird, sind actes gratuits, Handlungen, die keinen bestimmten Zweck erfüllen. Aber für die Personen, die mit diesen actes gratuits konfrontiert werden, geben sich nicht einfach damit zufrieden, sondern Damokles, der das Geld ohne besonderen Grund empfangen hat, vergeudet sein Leben damit, die Gründe zu erforschen, warum es ausgerechnet er sei, der das Geld bekommen hat und von wem. Dieses führt ihn aber in eine Schuld, aus der er nicht mehr herauskommt.

Ok, mal anders. Diese Erzählung nimmt, überzogen formuliert, ein Vorstellung der Chaostheorie voraus, nach der ein Flügelschlag ein Flugzeug zum Absturz bringt. Ein Mensch lebt als Individium nicht für sich allein, seine Handlungen haben Einfluss auf seine Umgebung. Der unschuldige Flügelschlag war in unserer Geschichte z.B. die Ohrfeige.

Als Höhepunkt der Erzählung lässt André Gide seinen Prometheus schließlich einen fantasievollen Mythos über Tityrus und Angelika erzählen, der den Sinn der gesamten Erzählung vom schlechtgefesselten Prometheus wiedergibt. Gide folgt hier eine literarische Methode, die schon Platon in seinen Werken verwendet hat, in denen er in Mythen seine Lehre von den Ideen zusammenfasst. Nach der rede des Prometheus hat Kokles noch eine Frage:

Zitat von Gide
Verzeihen Sie mir, sagte Kokles – Ihre Erzählung war zwar reizend, uns Sie haben uns sehr gut unterhalten...aber der Zusammenhang ist mir nicht ganz klar...

Hätte sie mehr gehabt, hätten Sie nicht so gelacht, sagte Prometheus; suchen Sie doch nicht allzuviel tieferen Sinn dahinter.


Hier wird kurz auf den Punkt gebracht, worauf es ankommt. Einfach leben lassen. Alles Hinterfragen, die Gier, mehr wissen zu wollen, macht letztendlich den Menschen nicht glücklicher. Das Leben einfach unschuldig leben lassen, dann fließt Freude und der Mensch kann sich zu einem (göttlichen) Gelächter ergießen. Unermessliche Lebensfreude und Hingabe an das Leben an sich gestaltet uns Menschen ein würdevolles Dasein. Am Ende der Geschichte wird sich Prometheus dieser Lebensphilosophie hingeben. Alle Grübelei führt uns am Leben vorbei. Eine schöne Besinnung zum Jahresausklang.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 31.12.2007 08:45 | nach oben springen

#7

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2008 17:50
von Martinus • 3.194 Beiträge
"Die Pastoralsymphonie"

Ein Pastor will dem blinden Mädchen Gertrud helfen, deren Mutter, die übrigens taub war, gestorben ist. Gegen die christliche Hilfsbereitschaft des Pastors ist von Grund auf ersteinmal nichts einzuwenden, denn das blinde Mädchen ist verwahrlost, lebte nur im Umkreis ihrer Mutter, konnte sich mit ihr und niemanden unterhalten, kauerte nur in der Wohnung vor sich hin.

Dem Gleichnis von den Schafen als Vorbild, also, wenn sich eines verirrt, lässt der Hirte 99 Schäflein im Stich und sucht das eine verirrte Schaf, widmet sich der Pastor der Erziehung des Mädchens und, das ist der Haken, vernachlässigt dadurch seine Famile. Egal wie seine Frau reagiert, er bastelt sich Argumente zusammen, die ihm ein gutes Gewissen bereiten.

Zitat von Gide
Das erste Lächeln Gertruds tröstete mich über alles hinweg und vergalt meine Mühe hundertfach. Denn „wahrlich, ich sage euch, der Schäfer, so sich's begibt, daß er findet, freut sich darüber mehr denn über die übrigen neunundneunzig, die nicht verirrt sind.


Der Pastor legt aber eine Bigotterie an den Tag, die nicht mehr zu rechtfertigen ist. Gertrud lernt Blindenschrift, ihr werden aber nur die Bibelstellen über das Gute, die Liebe usw. vorgesetzt, dass Böse will Hirte und Erzieher vorenthalten, das soll es in ihrer Welt nicht geben. Als er sich in das Mädchen verliebt, legimitiert er die Liebe mit ausgesuchten Bibelstellen. So ist die Gertruds Liebe zum Pastor gut, denn Blinde sündigen eben nicht, so sagt Christus.

In dieser Erzählung appelliert Gide gegen den blinden Glauben an die hohe Instanz der Kirche. Man kann's auch so sagen, wenn wir mit der Gretchenfrage ankommen, wie man es halten solle mit der Religion, dann sicher nicht so „halten“ wie der Pastor in unserer Geschichte. Gide setzte sich aber gänzlich für ein freies Leben ohne jegliche Konventionen ein. Darum geht es also. Der Pastor hat sich mit seinem Glauben selber betrogen.

In der „Pastoralsymphonie“ habe ich hier und da auch mal was zu meckern. Besonders hier:
Zitat von Gide

Da erfaßte mich ein solcher Strom von Dankbarkeit, daß ich Gott selber den Kuß dazubieten vermeinte, den ich auf ihre schöne Stirn drückte.


Ich denke, der Pastor, der gute Hirte, ist selber blind. Aber als Gertrud durch eine Operation die Welt mit ihrem Augenlichte wahrnehmen kann, ändert sich alles.

Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 03.01.2008 17:51 | nach oben springen

#8

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2008 22:29
von Martinus • 3.194 Beiträge
Es gibt da noch eine Sache in der "Pastoralsymphonie", die ich für unglaubwürdig halte.

Jokob, ein Sohn des Pastors, der ebenfalls in Gertrud verliebt ist, sie sogar heiraten will, knickt vor seinem Vater ein. Jakob will die Ferien bei Rebekka verbringen, nun verreist er doch. Natürlich handelt sein Vater sehr egoistisch, weil er seinen Sohn von Gertrud weghalten will, aber obwohl er im Gespräch doch sehr selbstbewusst reagiert, ist er seinem Vater, dem Pastor hörig. Das ein verliebter junger Herr sich einfach so abservieren lässt, halte ich für recht unwarscheinlich. Auch wenn André Gide die absolute Herrschaft des Familienvaters heraushängen lassen wollte, kann ich mir doch schlecht vorstellen, das der Jakob, na oh Gott....aber in den alten evangelischen Pfarrhäuseln hatte die Belegschaft in der Familie schon was zu knacken, siehe Hermann Hesse. Die armen Söhne wurden untergebuttert, als ob der Familienvater streng wie ein böser autoritärer Gottvater der übrigen Familiensippe den Maulkorb übers Kinn hängt.

Ach, wie graut's mir da.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 08.01.2008 18:28 | nach oben springen

#9

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 13.04.2008 16:41
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
André Gide in seinen Tagebüchern ist ein Hochgenuss an Literatur. Wenn ich mir den Vergleich zwischen den Aufzeichnungen von Simone de Beauvoir, Sartre und Gide vor Augen halte, dann sind die beiden Ersten mir irgendwie Gleichgesinnte, deren Meinung ich hinterfrage, während ich bei Gide einen Poeten finde, ihm fast uneingeschränkt in seinen Ratschlägen folgen möchte. Gide ist ein Poet, er schreibt in seiner ihm eigenen Poesie, und gerade, wenn ich wieder einen Blick in seine Werke werfe, dann sehe ich, wie sehr mir die Poesie in anderen Dingen fehlt und wie sehr sie mich wieder mitreißt, wenn ich erneut auf sie treffe.
Nach Gide ist zum Beispiel der Unterschied zwischen Intelligenz und Geist, dass Intelligenz von Natur aus egoistisch ist (sie muss sich somit immer erklären), während Geist die Intelligenz dessen voraussetzt, an den er sich wendet (er erzählt also, will gar nicht erklären). Ich finde, damit trifft Gide den Nagel auf den Kopf. Der Intelligente muss sich immer erklären, weil er automatisch voraussetzt, diejenigen, die ihm zuhören, könnten gar nicht auffassen, wovon er da eigentlich redet (die ganz großen Höhen), ein Mensch von Geist aber spricht mit den Menschen, weil er voraussetzt, dass sie ihn verstehen. Sonst lohnt sich ja die ganze Unterhaltung nicht, zumindest ist sie so möglich.

Auch andere Gedanken in Gides Tagebücher lösen in mir immer wieder Bewunderung aus.
Zum Beispiel fragt er sich, ob man zuerst sein müsse, um zu scheinen, oder zuerst scheinen, um dann zu sein, was man scheint.
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen recht gut mit der letzteren Variante fahren, was allerdings nur in einer Welt möglich ist, die sich vom Schein nährt und blenden lässt. Wo das Streben nach Schein Voraussetzung ist. Damit steht dann die Oberflächlichkeit in ihrem ganzen Glanz, im Sinne von "Kleider machen Leute" verwirklichen einige auch, "der Schein von Intelligenz und Bildung" macht den Menschen besser.
Unter Liebenden ist nur die erste Variante möglich, weil es unmöglich ist, in der Zweisamkeit einen Schein aufrechtzuerhalten. Hier muss das Sein zuerst glänzen, um für den anderen dann "scheinen" zu können.

Gide dazu:
In Antwort auf:
Sich nicht ums scheinen kümmern, nur das sein ist wichtig.


An anderer Stelle sagt er so schön:
In Antwort auf:
Die Welt ist mir ein Spiegel, und ich wundere mich, wenn er mich schlecht reflektiert.

Gide ist mir in der "Intimität" seiner Tagebücher sehr sympathisch. (Sartre auch, aber auf ganz andere Art und Weise. Er hinterfragt und beleuchtet die Welt in einer eher heidegger'schen Art und Weise, indem er alles in die Betrachtung der Menschen mit einbezieht - Sein ist auch das Sein der Welt und die Wirkung dieser Welt... usw.). Gide hinterfragt sich selbst in der ganz reinen Betrachtung, ohne dabei aufdringlich zu werden.
In Antwort auf:
Man müsste nur eines wollen, es unausgesetzt wollen. Man ist dann sicher, es zu erhalten. Aber ich will eben alles; so erhalte ich nichts.

Die Selbstreflexionen und ihre Wirkung sollte man überhaupt für sich durchdenken.
Besonders schön finde ich seine Betrachtungen über das Glücklichsein:
In Antwort auf:
Drei viertel des Lebens vergehen damit, das Glück vorzubereiten; man darf nun aber nicht glauben, dass das letzte damit verginge es zu genießen. Man hat sich zu sehr an das Vorbereiten gewöhnt, und wenn man damit fertig ist, für sich selbst vorzubereiten, bereitet man für die andern vor, so dass der große Augenblick bis nach dem Tode aufgeschoben wird. Deshalb hat man es auch so sehr nötig, an ein ewiges Leben zu glauben. Eine große Weisheit läge darin, zu verstehen, dass das wahre Glück keiner Vorbereitung bedarf; oder wenigstens erfordert es nur eine innere.


Und:
In Antwort auf:
Der Mensch ist außerordentlich geschickt darin, sich am Glücklichsein zu verhindern; es scheint, als verstände er desto besser, sich das Unglück anzubändigen, je weniger er fähig ist, es zu ertragen.


Oder seine Gedanken über die Erziehung:
In Antwort auf:
Jede wohlverstandene Erziehung geht darauf aus, sich zu erübrigen. Jede Erziehung neigt dazu, sich selbst zu verneinen.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 13.04.2008 16:58 | nach oben springen

#10

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 16.04.2008 15:05
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Durch Gides Begegnung mit Stefan George bin ich neugierig auf diesen Lyriker geworden. Er war Teil des Kreises Mallarmés und sagte über die Kunst:
In Antwort auf:
„Jeden wahren Künstler hat einmal die Sehnsucht befallen, in einer Sprache sich auszudrücken, deren die unheilige Menge sich nie bedienen würde, oder die Worte so zu stellen, dass nur der Eingeweihte ihre wahre Bestimmung erkenne.“


Besonders imponiert mir, dass er nicht in den allgemeinen „Kriegsjubel“ mit einstieg, sondern betonte:
Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein
Nur viele untergänge ohne würde (…)
Der alte Gott der schlachten ist nicht mehr.
Erkrankte welten fiebern sich zu ende…


Auch Gide sieht den Krieg in seiner Art:
In Antwort auf:
An Stelle des Herzens fühle ich nur einen nassen Lappen in meiner Brust; die fixe Idee „Krieg“ sitzt zwischen meinen Augen wie eine furchtbare Schranke, an der sich alle meine Gedanken stoßen.

Und gerade, wenn ich seine Betrachtungen über Deutschland und Frankreich lese, wird Pamuks Vorwurf fast schon lächerlich. Gide zum Beispiel hat Goethe verehrt und damit auch außerhalb der französischen Grenzen immer nach dem gesucht, was ihn beeindruckt. Er ist viel gereist und war dabei noch nicht einmal ein bisschen von diesem Patriotismus verblendet, wie Pamuk ihn ihm unterstellt hat.

Gide schreibt mit viel Humor, meistens über andere.
Lustig zum Beispiel hier über Claudel:

In Antwort auf:
Er macht mir den Eindruck eines erstarrten Zyklons. Wenn er spricht, könnte man meinen, es bräche etwas in ihm los; er geht mit brüsken Behauptungen vor und wahrt einen feindseligen Ton, selbst wenn man seine Ansicht teilt.


Und ein Stück weiter:
In Antwort auf:
Er redet unerschöpflich; Gedanken eines andern können die seinen nicht einen Augenblick aufhalten; eine Kanone lenkte sie nicht ab. Um sich mit ihm zu unterhalten, um zu versuchen, sich mit ihm zu unterhalten, ist man gezwungen, ihn zu unterbrechen. Er wartet höflich ab, bis man den Satz beendet hat, und fängt dann wieder da an, wo er aufgehört hatte, beim selben Wort, wie wenn der andere nichts gesagt hätte.


Über sich selbst kann er, glaube ich, nicht allzu gut lachen.
Es gibt wirklich zwei Dinge, die ich an Gide nicht mag, dass ist einmal sein "Zugeständnis", dass sein einziger Makel seine Bescheidenheit wäre (wenn schon eitel, dann wenigstens dazu stehen, immerhin sucht er ständig den Vergleich zum Genie und was das Genie überhaupt ausmacht).
Ich musste lachen, als ich besagten Satz bei ihm fand:
In Antwort auf:
Das Geheimnis fast aller meiner Schwächen ist jene fürchterliche Bescheidenheit, von der ich mich nicht heilen kann.

Alleine dieser Satz ist schon das völlige Gegenteil von dem, was man allgemein als Bescheidenheit bezeichnet, gerade im Hinblick aller anderen zuvor geschriebenen Zeilen, die sicherlich nur ein Drittel seines Denkens ausmachen. So einen Satz kann man nur schreiben, wenn man seine eigenen Zeilen nie wieder liest und in diesem Augenblick des Aufschreibens bereits vergessen hat.
Gide ist ein eitler Gockel, der erwähnen muss, dass er bescheiden ist, dass er bei Lob beschämt ist. Trotzdem schmiert sich gerade dieses Gesagte dann (das Spiegeln in den eigenen Reaktionen) angenehm um sein Herz.
Dennoch mag ich ihn, weil diese Eitelkeit auch von seinen Momenten der Schwermut durchdrungen ist. Er weiß, was er kann. Er hätte aufhören sollen, sich selbst als Genie zu sehen und lieber etwas mehr Gewöhnlicher sein sollen. Genie dürfen andere in einem entdecken. Man selbst darf sich durchaus in erster Linie als Mensch, höchstens noch als Künstler betrachten.
Das ist eben auch die Gefahr der Tagebücher. Dass sie das Wesen dahinter entblößen, auch, wenn es meint, gerade besonders geistreich zu sein.
Was Gide meint, ist nicht Bescheidenheit, sondern Unsicherheit und Selbstzweifel über das eigene Können.
In Antwort auf:
Angstvoll verharre ich vor dem weißen Blatt, worauf man alles sagen könnte, worauf ich immer nur Etwas schreiben werde.


Und zum anderen, sein Ausspruch, dass er den Weg nicht nur gehen möchte, sondern Menschen führen.
Auch hier eine gewisse Anmaßung in den Zeilen, die im Verständnis des Lesers (also bei mir) irgendwie das Gegenteil bewirken, als das, was Gide wohl mit diesen Worten aufzeigen will. Ein wirklich zum Führen fähiger Mensch WILL nicht führen, er strebt danach, seinen Weg zu gehen und führt andere Menschen dann durch sein Werk. Jemand, der von vorneherein führen möchte, ist nicht völlig ehrlich in seinem Werk. Immer haftet dem allem, was er tut, ein Hintergedanke, eine Absicht an, und damit etwas Künstliches.

Mir scheint, dass Gide, je älter er wird, immer mehr von seiner jugendlichen, "echten" Stimme verliert (aber nur in winzigen Stücken). Sicher liegt das auch in seinen Erfolgen wie Mißerfolgen begriffen. Seine Sehnsucht nach der Jugend spielt in seinem Schaffen eine große Rolle, weil er glaubt, dass man die Jugend oft, indem man sie bewahren will, hindert, dass in jeder neuen Generation eine Botschaft ist, die sie selbst überspringt, die jedoch von der anderen Generation aufgenommen und damit der neuen abgenommen werden muss. Diese Einstellung finde ich bewundernswert. Im Alter neigen die Menschen oft dazu, auf ihre Erfahrungen zu pochen und alles abzulehnen, was ihnen unsinnig erscheint. Das ist manchmal eine bedenkenswerte Einschränkung des Seins und der Entwicklungen...
Gide dazu:
In Antwort auf:
Ich glaube, dass das, was man "Erfahrung" nennt, oft nichts anderes ist als uneingestandene Müdigkeit, Resignation, Katzenjammer.

Na... so weit würde ich nicht gehen.

Gide trifft auf Proust, der ständig nur von seinem Uranismus spricht und ihn auch anderen (mitunter Baudelaire) unterstellt. Proust empfiehlt Gide:
Alles können Sie erzählen, aber unter der einen Bedingung, niemals "ich" zu sagen!"
... ein Ausspruch, mit dem Gide nichts anzufangen weiß. Aber ich finde ihn gerade in Bezug auf Proust selbst interessant.

Was Gide über das Schreiben sagt, enthält meines Erachtens nach viel Wertvolles.
In Antwort auf:
... es ist am besten, ein Werk sich selbst komponieren, sich selbst ordnen zu lassen, ihm vor allem nicht Gewalt anzutun...


Hemingway war von der Furcht ergriffen, irgendwann nichts mehr sagen zu können, Gide von der Befürchtung, noch nichts gesagt zu haben, dass alles noch zu sagen wäre. Gides Methode ist auf jeden Fall die gesündere gewesen.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 16.04.2008 18:14 | nach oben springen

#11

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 19.04.2008 14:05
von Martinus • 3.194 Beiträge

„Die enge Pforte“ - der Titel bezieht sich auf Lukas 13, 24. Pastor Vautiers Predigt in unserer Erzählung ebenso:

In Antwort auf:
Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.


Gemeint ist die Himmelspforte, durch die nur wenige, die ohne Sünde sind, durchschreiten können. In André Gides Roman geht es um Alissa, die sich der körperlichen Liebe verweigert, um durch dieses Opfer in den Himmel zu gelangen. Das Opfer ist aber ihr Cousin Jerome, der unglückliche Mann, der um sein Lebensglück betrogen wird. Alissa erwiedert zwar innerlich seine Liebe, sie zieht sich aber von ihm zurück, weil ihr Wunsch auf Liebesverzicht , und damit drer Abkürzungsweg zum Himmel wichtiger erscheinen. Warum tut sich eine Frau so etwas an? Sie leidet nämlich selber unter den Verzicht ihres Geschlechtslebens. Hier schwingt auch das Wort des Apostel Paulus mit, heiraten sei gut, Jungfräulichkeit sei besser, denn die Sünde eines Ehebruchs liegt nahe, auch Alissa bekommt einen Seitensprung ihrer Mutter mit und weiß deshalb von den Gefahren des Lebens, wie man in die höllische Verdammnis geraten kann.

Es ist unglaublich, André Gide beschäftigte sich mit dem Thema 15 Jahre lang, und die Niederschrift jährte vier Jahre. Obwohl die Erzählung 1909 erschien, liegen seine Wurzeln im neunzehnten Jahrhundert. Gide wurde sehr streng puritanisch erzogen. Nur mit diesem Wissen wird es verständlich, dass er diese Thematik gewählt hat, und sich in dieser längeren Erzählung eben gegen strenge puritanische Werte stellt, und am Beispiel Alissas aufzeigt, was für vernichtende Folgen es haben kann, wenn man sein Leben nur nach Moralvorstellungen eingrenzt.

Gide sah die Erzählung sogar als Satire, was, so meine ich, aber nicht so ankommt,. Da hätte der Autor doch schärfere sprachliche Nuancieren setzen müssen. Dagegen ist die Sprache doch sehr verhalten, wirkt etwas ältlich, ja biblisch, was vom Autor aber bestimmt beabsichtigt wurde. Die Wahl der Ichperspektive ist sehr sinnvoll, weil wir auf diese Weise dem Protagonisten innerlich sehr nahe kommen. Genauso ideal ist es, Alissas Bekenntnis als Tagebuch zu erzählen.

Alissa begründet ihren Weg der Tugend im Angesicht von Jerome mit dem Bibelzitat: „Sie haben nichts erlangt, was ihnen verheißen war, weil Gott etwas Besseres für sie zuvor ersehen hat...“,(gemeint ist wohl Hebräer, 11, 39-40), bezeichnet im Tagebuch ihre Opferhaltung aber als „bittere Befriedigung“. Tja, hier könnte man vielleicht wirklich satirisches entdecken.

Etwas vermisst habe ich die Lebendigkeit, die Gide später in „Schule der Frauen“ zelebriert hat. Aber, naja, bei solch einem Thema wie hier, streng puritanisch, davon ist in der Sprache wohl etwas hängengeblieben.

Liebe Grüße
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#12

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 19.04.2008 22:00
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
"Die enge Pforte" habe ich vor einigen Jahren auf Reisen gelesen. Das kleine Buch hat mir damals gut gefallen.

Ich muss meine Aussage, dass Gide, desto älter er wird, etwas von seiner "echten Stimme" verliert, wieder revidieren. Es war nur ein Zwischenraum, wo sich seine Gedanken etwas verwirrten oder teilweise vielleicht etwas geblendet waren. Gide musste viel Kritik einstecken, gerade, weil er sich sein Leben lang mit seiner Skepsis an den Katholiken herumschlug, und ich finde, er geht großartig damit um. Er denkt eher im Sinne Spinozas, dass alles Leben in Gott enden muss, dass das Sein selbst Gott ist, und verurteilt die Scheinheiligkeit der "gelebten Religion" und, mehr noch, den Mystizismus. Da gibt es auch einen aufschlussreichen Briefwechsel zwischen ihm und Claudel (der ihn vergeblich vom Katholizismus überzeugen will).
Gide stellt an einer Stelle die gleiche Frage, wie ich selbst, was mich etwas irritiert hat oder besser gesagt, mir gezeigt hat, dass auch andere mit dieser Erfahrung gekämpft haben.
"Kann man sich im Traum eines Traumes erinnern?"
Er findet allerdings im Gegensatz zu mir eine ihn befriedigende Antwort.
Auch widerruft Gide seine Ansicht über das "Führen-Wollen". Er sagt:
In Antwort auf:
... ich konnte mich nie mit dem Alleingehen abfinden und war viel mehr darauf aus, andere zum Mitgehen zu bewegen, als eigene Abenteuer zu suchen. Die wahren Pioniere kümmern sich nicht darum, ob man ihnen folgt; sei gehen geradeaus, ohne den Blick zu wenden.


Gefallen hat mir auch dieser Ausspruch:
In Antwort auf:
Es ist eine Kunst, das einzusehen, den Blick mehr auf das zu richten, was die Jahre uns bringen, als auf das, was sie uns rauben, und ein Gefühl der Dankbarkeit dem des Bedauerns vorzuziehen.


Hochachtungsvoll,
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 19.04.2008 22:18 | nach oben springen

#13

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 04.05.2008 16:51
von Martinus • 3.194 Beiträge



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#14

RE: André Gide

in Die schöne Welt der Bücher 04.05.2008 17:33
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Ja, das ist interessant. Gide schreibt in seinen Tagebücher öfter davon, dass bestimmte Menschen mit "ihren Überzeugungen" an ihn herangetreten sind, damit er dann in seinem Namen für sie und ihren Kampf spricht. Gide hatte allerdings keine Lust, sich zum Werkzeug machen zu lassen, auch wenn er sich dann trotzdem skeptisch in seinen Tagebüchern hinterfragt hat (ob seine Entscheidungen richtig seien). Er erzählt, wie diese Menschen dann wieder entrüstet über ihn abgezogen sind, als ob er damit sein ganzes Leben verraten hätte.

Hier, ich habe zum Beispiel eine Stelle gefunden vom 25. Mai 1933. (S. 362) Da heißt es:
In Antwort auf:
Ich erhalte den Besuch eines jungen Kommunisten, 26 Jahre alt, der aber wie zwanzig aussieht, er bringt mir einen Artikel, womit er, will man ihm glauben, Benda „das Maul gestopft“ hat; worauf dieser, um eine Antwort verlegen, den Abdruck des Artikels in der N. R. F. verhindert habe. Besagter junger Mann rechnet nun mit meinem Beistand, um dieses Hindernis zu umgehen. Es läge im Interesse der Partei, dass der Artikel angenommen werde. Nicht um ihn (ich habe seinen Namen vergessen) handle es sich, sondern um die Sache, und ich übte Verrat an der Partei, wenn ich Paulhan (Herausgeber und Verleger, der übrigens auch Sartres „Der Ekel“ herausgegeben hat) den Artikel nicht aufzwänge. Als ich ihm sagte, dass ich der N. R. F. gegenüber noch nie Autorität angewandt hätte, dass ich Paulhan stets die volle Freiheit der Wahl gelassen hätte, kurz, dass ich mich weigerte, einzugreifen, erklärte er mit erhobener Stimme, er sei „starr“, sei tief enttäuscht; er habe, nach all meinen Erklärungen, ein Recht gehabt, Beistand von mir zu erwarten und er werde, da es nun anders sei, meine Abtrünnigkeit und Feigheit überall laut verkünden. Ich sage ihm, das sei Erpressung; darauf er, sofort: „Jawohl, aber legitime Erpressung!“ Er wird immer lauter, steigert sich hinein, packt mich am Arm; schließlich stelle ich einen Stuhl zwischen uns … „Ist das Ihr letztes Wort?“ fragt er in seinem drohendsten Tonfall. Und da ich antworte, ich hätte nichts mehr hinzuzufügen: „Um so schlimmer! Es tut mir leid für Sie. Aber Sie haben es so gewollt! Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie es bereuen werden.“ Dieses Gespräch amüsierte mich zu sehr, als dass ich es nicht unvernünftig oder über Gebühr verlängert hätte, so dass es schließlich Wiederholungen gab und ein Auf-der-Stelle-Treten. Besonders ergötzte mich die Art, wie X. das Schicksal seines Artikel mit dem Erfolg der Partei verquickte; er schien übrigens ziemlich ehrlich überzeugt und blieb mir daher trotz allem sympathisch. (Mehrmals betonte er, es handle sich ja nicht um seinen Artikel, worauf ich erwidere, es handele sich im Gegenteil nur um diesen.) – Ein wenig konzentriert, könnte das ein ausgezeichneter Dialog sein. Der junge X. spielte die Rolle des Zeloten recht gut, eine ziemlich leichte Rolle allerdings, wie alle „Typen“.


Dann sieht Gide in der Zeitung, dass er als Vertreter Frankreichs auch an der ausländischen Delegation beim europäischen antifaschistischen Kongress teilnehmen würde. Gide spricht hier von einer Überfallstaktik. Seine entschiedene Absage wäre angeblich zu spät gekommen. Würde er jetzt auf die Richtigkeit beharren, so würde es wirken, als ob er sich nachträglich vom Kongress zurückziehen würde (also drücken).
Gide dazu:
In Antwort auf:
Ich habe, seit die Hitlerkrise in Deutschland wütet, ein Dutzend Beitrittsaufforderungen von verschiedenen Gruppen erhalten, die anscheinend - nach ihren Erklärungen zu schließen - ähnliche Ziele verfolgen, so dass man wünschen möchte, sie würden sich vereinigen und nicht ihre Kräfte verzetteln. Da es mir freisteht, mich zu erklären, wann es mir gefällt und auf die mir richtig erscheinende Art, weigere ich mich systematisch, irgendwelche Erklärungen zu unterschreiben, deren Text ich nicht selbst redigiert habe. Es ist da nicht etwa ein Wunsch, mich hervorzutun; ich verstehe auch durchaus, wie wichtig es in einem solchen Fall ist, Gruppen zu bilden, sich zusammenzuschließen; es ist mir aber bisher noch kein einziger Aufruf dieser Art vorgekommen, dessen Text ich in seiner Gänze hätte billigen können und der nicht in irgendeinem Punkt meine Gedanken gefälscht hätte.


Gide war zunächst vom Kommunismus überzeugt, hat dann aber die Schwächen erkannt und behandelt diese ebenso in seinen Tagebüchern. Auch ein interessanter Blick auf den Marxismus findet man dort.
Zum Beispiel:
Mißtrauen wir allen, die den Marxismus kalt anwenden wollen; allen, die um jeden Preis auf gekrümmten Boden gerade Furchen ziehen wollen; allen, die dem Einzelmenschen die Idee vorziehen, die sie sich von der Menschheit gemacht haben.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 04.05.2008 17:43 | nach oben springen


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