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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Maurice Sachs

in Die schöne Welt der Bücher 11.05.2008 20:39
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Maurice Sachs
Sabbat – Eine Chronique scandaleuse


Ich habe begriffen, ich allein habe begriffen, dass das einzige Losungswort, um nicht von der Sphinx verschlungen zu werden, der Mensch lautet.
(Maurice Sachs)


Ich weiß nicht, ob es an der unumstößlichen Ehrlichkeit von Maurice Sachs liegt oder an der Fähigkeit, aus seinem Leben einen einzigartigen Roman zu gestalten, aber ich weiß, dass das Buch „Sabbat“ ein ungewöhnlicher und herrlicher Lesespaß ist, in dem Sachs sich mit sich selbst auseinandersetzt und dabei großartig die zwanziger Jahre in Paris einfängt.
Es heißt in der Zusammenfassung, er würde ein bissiges Bild über Cocteau, Gide und Jacob entwerfen, aber in erster Linie begegnet er sich selbst bissig, was, in Anbetracht seiner Lebensumstände und Handlungsweisen, durchaus nicht unberechtigt ist.
In Antwort auf:
Man muss ein wenig Unsauberkeit in sich haben, damit sich das Leben in uns entwickelt, doch nicht zu viel. Ich aber hatte immer ein wenig zuviel Dreck auf dem Herzen.

Dieser Mann hat sich in nichts gefügt, weder in sein Bestreben, Priester zu werden, noch in eine Religion selbst (er war Jude, bekehrte sich dann zum Katholizismus und dann auch noch zum Protestantismus, während er in allen Fällen wenig und dann überhaupt nicht an Gott und irgendeine Kirche glaubte und das Gesicht dieser Begegnungen auch fantastisch einfängt), noch in die Scheinehe, die er einging und aus der er durch eine unangesprochene Flucht wieder ausbrach, da er eigentlich homosexuell war, weder als Lektor, Buchlieferant für Madame Chanel, weder als Kunstvertreibender (wobei er einen Soutine alle Male einem Picasso vorzog) noch als Schreibender selbst, aber er hat jede Menge Geld dafür genommen, das er mit vollen Händen in die Welt schleuderte, woraus sich ein mächtiger Berg an Schulden erhob.
Von Sachs heißt es, dass er 1945 – unterwegs als Schwarzhändler – verschollen sein soll, allerdings las ich in einem Artikel, dass er wohl eher in Gefangenschaft durch einen Kopfschuss starb, wo er zuvor als Spitzel für die Gestapo gearbeitet hat.
Hier ein Auszug:
In Antwort auf:
Es bleibt unklar, inwieweit das Gericht 1947 über die Identität des zweiten Erschossenen informiert war. Vier Jahre später hat man sich seiner jedoch in einem Artikel in der „Welt am Sonntag“ erinnert. Unter der Überschrift „So starb Maurice Sachs“ berichtete der Autor Karl Ludwig Schneider: „Bei Wittorferfeld wurden Sachs und sein Schicksalsgenosse [Hartmann] auf eine Koppel geführt und füsiliert. Der Tod des Maurice Sachs wurde auf dem Standesamt Gadeland urkundlich festgelegt. Die Eintragung trägt die Nummer 17/45 und lautet auf den Namen Maurice Ettinghausen. Als Todestag ist der 14. April angegeben. Hamburg-Fuhlsbüttel ist als der letzte Wohnort des Toten angeführt.“ Durch eine Nachfrage beim Standesamt in Boostedt, das inzwischen die Unterlagen des ehemaligen Standesamtes Gadeland übernommen hat, konnte die Richtigkeit der Angaben in dem Zeitungsartikel von 1951 festgestellt werden. Der Tod des Wachmanns Hartmann wurde unter der Nummer 16/45 im Sterbebuch der damals selbstständigen Gemeinde Gadeland vermerkt. Es ist anzunehmen, dass sowohl Hartmann als auchSachs auf einem Friedhof in Neumünster beerdigt worden sind. Für Letzteren haben wir sogar den Hinweis, dass sein Grab mit der Nummer Gc 54 versehen sei.

Wiederum in einem anderen Artikel heißt es, er wäre von den Gefangenen gequält und gelyncht worden und später den Hunden zum Fraß vorgeworfen worden. Obiges erscheint mir doch möglicher.

Seine Eindrücke von Cocteau, dem er als junger Mensch völlig verfallen war, und dem er im Nachhinein zugestand, dass er bei der Jugend, die er so anzog, nichts hinterließ, als Worte, von Gide, den er über alles bewunderte und der ihm gegenüber ständig ein paar Vorbehalte beibehielt, von Max Jacob und all die anderen, bekannten und weniger bekannten Menschen sind von ausgezeichneter Klarheit und beeindruckend spannend ins Wort gefasst. Man erlebt Cocteau in seinen „Lügen“, Gide in seiner fast asketischen Zurückgezogenheit, Max Jacob in seinem unbeherrschten Wesen, und selbst Proust erwacht aus einer nicht mehr vorhandenen aber an bestimmten Orten noch entstehenden Präsenz, gleichzeitig versteht Sachs es, seine Zeit und seine Generation zu erklären. Das ganze Buch liest sich wie ein Roman, obwohl es doch eine Autobiographie ist, und Maurice Sachs spielt darin selbst die seltsamste und sympathisch aber sehr suspekte Romanfigur, der man begierig folgt, um sich die ganze Zeit zu hinterfragen: Was ist das nun eigentlich für ein Mensch?
Er stammt aus einer Familie, die aus einer ziemlich seltsamen und ausschweifenden Sippschaft besteht. Da erfolgt eine Scheidung nach der nächsten, kreuz und quer mischen sich seine Verwandten, viele davon sind morphiumsüchtig, lieben und leben die Ausschweifung. Einer dieser Verwandten zeigt ihm zum Beispiel in sehr jungen Jahren, wie er sich richtig einen Revolver in den Mund stecken und abdrücken muss, falls er vom Leben mal genug bekommen sollte. Sachs darauf:
„Es war der reine Zufall, dass ich an jenem Morgen nicht umkam!“
Doch auf diesen Spuren bleibt er, denn diese Verwandtschaft in ihren Ausschweifungen setzt den Kern für das eigene gierig gesogene Leben und die Liebe zur Literatur erhebt das Trinken zum Streben nach Genie, zum Beispiel in der Freundschaft zu Darquet, der ihm das Weintrinken als ein „Verlangen nach einer besseren Welt“ verkauft, dass es rühmlich sei, Alkohol zu trinken, um den Geist anzuregen.

Bereits als Kind entdeckt Sachs die Freuden am Diebstahl, beschreibt die Aufregung dabei ähnlich wie später Genet, wobei der Antrieb nicht aus einer Not heraus erfolgte, sondern allein aufgrund der Euphorie dabei. Er empfindet seine Handlung weder als unmoralisch noch als asozial, denn:
In Antwort auf:
Der legal organisierte Diebstahl ist zu sehr gang und gäbe, als dass ich für die moralischen Gründe, mit denen er verurteilt wird, empfänglich wäre.

Aber, aus ästhetischen Gründen gibt er seine Berufung als Dieb schnell wieder auf und erhebt sie später zur Notwendigkeit, seinen Lebensstandard beizubehalten, indem er nicht wirklich stiehlt, aber eben von vielen Menschen (auch von Freunden) Geld nimmt, das er nie zurückzahlen kann.

In seinen Internatzeiten wird man stark an Montherlant erinnert, nur schreibt Sachs wesentlich aufregender. Die Knaben, die sich gegenseitig entdecken, ähneln den Erlebnissen Montherlants, es scheint wohl öfter vorgekommen zu sein, dass die Älteren sich die Jüngeren vorgenommen haben, bis irgendwann dezente Schulverweise erteilt wurden(Sachs berichtet stolz davon, einer der ersten auf der großen Liste gewesen zu sein), dezent – weil die Lehrer wohl ebenso empfänglich dafür waren. Durch sein sexuelles Wachwerden, wird er sich auch seiner selbst bewusst, er stellt das eine neben das andere, dass sein Geist erst damit begann, auf sich selbst zu schauen.

In Antwort auf:
Wenn jemals die katholische Kirche einer wunderbaren Inspiration folgte, dann in dem Augenblick, als sie das Dogma von der Jungfräulichkeit der Mutter Jesu verkündete, denn die Keuschheit der eigenen Mutter ist ein Märchen, an das jeder Mann glauben möchte.

So beschreibt Sachs seine erste Begegnung mit den Ausschweifungen seiner Mutter. Diese wird vom Vater sitzen gelassen, warum Sachs ihn auch wenig kennt, und bezieht mit einem "verweichlichten" neuen Mann eine eigene Wohnung, zu der Sachs keinen Zutritt bekommt, um ihr Erbe zu verschleudern. Später allerdings, in Zeiten des Kummers, nähern sich Sohn und Mutter wieder einander.

Was mir an Sachs sehr gefällt, sind auch seine mit leichter Hand dazwischen gestreuten Theorien, die manchmal ganz einfach, doch in der Überlegung dann weiterführend sind. Zum Beispiel seine Idee von der Seele:
In Antwort auf:
Die Seele wartet nämlich nicht immer unseren Tod ab, um uns zu verlassen. (Zuweilen betrachte ich mich im Spiegel, und ich erkenne an meinen Augen, dass sich meine Seele entfernt hat, dass ich allzu großes Missfallen bei ihr erregte und dass sie frische Luft schöpfen wollte; an anderen Tagen wieder ist sie da. Dann ist ihr in meinem Körper behaglich zumute, und sie grüßt mich mit einem strahlenden Blick.)


… oder vom Leben:
In Antwort auf:
Wenn man wie ich fest überzeugt ist, dass unser ganzes Leben nur ein Versuch ist, die Träume unserer Jugend zu verwirklichen, dann wird man begreifen, dass man ein ganzes Leben lang ein Glück suchen kann, das man als Kind gekostet hat.


oder in der Unterscheidung von Seele und Intelligenz:
In Antwort auf:
Die Intelligenz ist eine Funktion des Körpers: Sie hat ihren genau lokalisierten Sitz im Gehirn, wo manche Wissenschaftler tatsächlich große Gelehrsamkeit an einem gut ausgebildeten Schläfenlappen zu erkennen glauben(…); während die Seele, diese innerste Regung des Seins, die es noch vom Prinzip des Lebens zu unterscheiden gilt, von dem menschlichen Motor, gegen den sich die Seele am häufigsten auflehnt – während also die Seele überall in uns, ja zuweilen auch, wie mir scheinen will, um uns herum verstreut ist.


oder über das Schreiben:
In Antwort auf:
Es ist erstaunlich, wie das Schreiben eines Romans von Verstimmungen befreit. Man schwitzt dabei seine Verbitterung aus wie die Ausscheidungsstoffe bei der Gymnastik. Zweifellos ist das der Grund, dass heute jedermann schreibt – aus Hygiene, da ja unser Zeitalter das hygienischste ist, das unsere Zivilisation bisher gekannt hat; aber wenn die Bücher einmal geschrieben sind, ist es empfehlenswert, sie ungedruckt zu lassen, denn jede Veröffentlichung hat neue Missstimmungen zur Folge.


oder zu den Religionen:
In Antwort auf:
Aber da sich die Menschen Religionen erdacht haben, die auf Mythen beruhen, und abstrakte Wesen erschaffen haben, entgeht niemand ganz der Begegnung mit dem einen oder anderen dieser von Menschen gemachten Götter; und da wir jedem dieser Götter unsere Liebe, unsere Furcht und unsere Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens mitgegeben haben, gibt es keinen Gott, dessen Anbetung uns nicht glücklich machte.


Sachs, als Fast-Priester, dazu:
… ich möchte nicht, dass ich nie an den Gott geglaubt hätte, auf dessen Kreuz wir unsere Kultur errichtet haben.

und über die Kirche:
In Antwort auf:
Die Kirche ist eine eiserne Lunge, die für uns das Atmen besorgt. Man muss sein eigener Gärtner sein: selbst sein Unkraut jäten, Schulter an Schulter mit sich selbst den schreckensvollen Weg gehen, und wenn man sich noch so sehr ekelt, die schlechten Gerüche ausschwitzen, arbeiten und wieder arbeiten, bis die Seele sauber ist. Denn man darf diesen inneren Reinigungsakt niemandem überlassen, niemanden.

... womit er meine ganze Zustimmung erhält!


Sachs zeigt, wie Frankreich nach dem Krieg als Sieger auflebt, all den Schrecken kompensiert. Die Schlimmes erlebt hatten, sollten sich zerstreuen, die nicht so Schlimmes erlebt haben, sollten sich amüsieren, die Witwen schnell heiraten, um ihren Kindern ein gutes Leben zu bieten, grundsätzlich galt es, den Wert des Lebens ins Unermessliche zu steigern.
In Antwort auf:
… denn der Hochmut ist der Knochen unter dem Fleisch, dessen Zellen sich durch Teilung bis ins Unendliche vermehren wie ein Krebsgeschwür der Seele.

(wobei er sich hier sicherlich nicht ausschließt, sich eher als ganz diese Zeit Präsentierender zeigt!)

Er zeigt auch seine Erfahrungen mit Amerika:

In Antwort auf:
In dieser ungemein aufregenden amerikanischen Atmosphäre, in diesem Land des Übermaßes, in dem alles gewaltiger ist als anderswo (Orkane, Unfälle, Überflutungen, Kälte- und Hitzewellen, alles außer dem Geist)…


Er hält dort Vorlesungen (übrigens darf er nicht über Kunst sprechen, weil das wenige interessiert, sondern über Politik, von der er wenig versteht, wobei er dann wie ein französisches Schauobjekt vorgeführt wird) und trifft dabei auf allerlei Menschen:
In Antwort auf:
… es sind Versammlungen geistreicher Literaten, die lächerlich stolz auf das sind, was sie sagen, und im Grunde nur leeres Geschwätz von sich geben – und doch verlöre Amerika viel, wenn es sie nicht gäbe.


In Antwort auf:
Diese Außenseiter sind sich alle ähnlich; nachdem sie auf Grund einer kleinen Originalität ihr angestammtes Milieu aufgegeben haben (eine Originalität, die zumeist nur darin besteht, dass sie die Kunst mehr als das Geldverdienen lieben), machen sie sich sozusagen eine Kollektiv-Originalität zu eigen, bilden eine Gruppe und kleiden sich alle auf die gleiche Weise „nicht wie jedermann“.


Und über die Prohibition stellt er folgendes fest:
In Antwort auf:
Was man während der Prohibition in den Vereinigten Staaten trank, ist unvorstellbar; man nahm nicht einmal daran Anstoß, wenn sich Männer und Frauen in den vornehmsten Salons sinnlos betranken: Es bedeutete nicht mehr Mangel an Haltung, sondern die Auflehnung gegen ein schlechtes Gesetz. Man hatte den Alkohol verdammt, weil er die Gesundheit des Volkes untergrabe; die Prohibition drohte, die Gesundheit des Mittelsstands zu zerrütten.


Über jedes Kapitel sind dazu passende Zitate von Stendhal, Rousseau, La Rochefoucauld, Balzac und vielen anderen gestreut, was das Buch in meinen Augen wunderbar abrundet.
Kurz gesagt, Sachs weiß, wie man schreibt, wie man erzählt und lebendig Bilder wieder auferstehen lässt. Die Sympathie dem Menschen Sachs gegenüber bleibt jedem Leser selbst überlassen.

Unbedingte Leseempfehlung!



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 11.05.2008 21:32 | nach oben springen


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