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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 05.11.2007 19:41
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Die Kunst des Schreibens =

1.) aus dem komplizierten Gedanken eine einfache und zum Denken offene Geschichte zu gestalten!

2.) das innere Chaos zu besänftigen und auf dem Papier neu zu ordnen.

3.) ?



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zuletzt bearbeitet 05.11.2007 19:41 | nach oben springen

#2

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 05.11.2007 20:34
von Moulin • 395 Beiträge

3) die langsamere Form viel zu sagen.
4) das Ventil einen Gedankenschub in die Freiheit zu entlassen.

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#3

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 05.11.2007 23:53
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
5) einen eher unscheinbaren Menschen zum Helden zu gestalten.
6) mit gekonnter Sprache gewaltige Bilder zu malen.



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zuletzt bearbeitet 06.11.2007 13:28 | nach oben springen

#4

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 07.11.2007 16:09
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
7) ... eine Geschichte, die nicht in der Erzählung ist, die unter Wasser steckt, und sich aus dem nicht Gesagten zusammensetzt, aus dem, was stillschweigend vorausgesetzt, und dem, was nur angedeutet wird.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.11.2007 16:11 | nach oben springen

#5

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 07.11.2007 16:33
von Martinus • 3.194 Beiträge
8 ) Eine Reihe von Wörtern so intelligent nebeneinanderschreiben, so dass eine neue Welt entsteht
9) eine Welt glaubhaft zu Papier bringen, sodass ein Leser davon geistig und emotional bewegt wird.



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 07.11.2007 16:33 | nach oben springen

#6

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 07.11.2007 21:10
von larifant
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Am Wochenende war in der Süddeutschen ein Interview mit Haruki Murakami (Vorsicht: Bestsellerautor!)
Er fing mit dem Schreiben an, ohne eine Ahnung zu haben, worüber er überhaupt schreiben sollte.
Sein Haupteinfluß war angeblich Jazzmusik, dementsprechend hat er seine Art des Schreibens mit Jazzimprovisation verglichen: einen Rhythmus erzeugen, Dissonanzen aufbauen und auflösen usw.

Hat mich gefreut, dass sich mal auch ein berühmter Bestsellerautor (Vorsicht!) zu einem strukturellen Ansatz zur Prosa bekennt.

Dafür war kurz darunter in einem Artikel zu einer Deutschen Meisterschaft in Slam-Poetry oder dergleichen wieder ein Schlag in die Magengrube:
"Prosa = Geschichtenerzählen & Lyrik = Sprachspielerei" (sinngemäß)

Gruß,
L.

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#7

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 10.11.2007 15:30
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Vila-Matas sagt in einem seiner Bücher, es geht

In Antwort auf:
... um die vieler junger Schriftsteller, die zu Beginn ihres Schaffens, wenn sie eine reiche Imaginationsgabe haben, eigene poetische Welten erstehen lassen, die größtenteils von ihrer Lektüre inspiriert sind, und sich dann allmählich, mit schwindender Phantasie, mit der Realität abfinden und immer mehr in eine alltägliche Prosa verfallen, was ihnen das Gefühl gibt, ihre anfänglichen poetischen Prinzipien verraten zu haben.

Trifft sicher den Nagel auf den Kopf. Und:
In Antwort auf:
(…) Keiner entgeht diesem Gesetz des aufreibenden poetischen Lebens, keiner. Oder besser gesagt, die große Mehrheit der Menschen entgeht ihm, all die Geprügelten, von der Tyrannei der Realität Erdrückten, die das zweifelhafte Glück genießen, überhaupt nie zwischen Poesie und Prosa zu unterscheiden.


Grüße
Taxine




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#8

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 10.11.2007 23:24
von larifant
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Vorrangige Aufgabe des Autors ist die Vermittlung von Inhalten und Gedanken, welche sich aus dem gesamten Text oder ausgewählten Teilen davon, ob es Kapitel oder Abschnitte sind, vielleicht nur einzelne Phrasen, manchmal reicht ein einziges Wort, um die althergebrachte Ordnung der Ideen und ihrer konventionellen Symbole, herleiten, zu zerstören, nicht in destruktiver Absicht, sondern im Sinne einer kreativen Auslöschung dessen, was vorher für das gestanden hat, was anschließend in den klaffenden Lücken der Ursubstanz die Leere als Fülle qualifiziert, überwindet oder ihr zumindest einen gnädigen Deckmantel überwirft, in einem späteren Stadium der semiotischen Aneignung nicht mehr zu trennen vom unterliegenden Gegenstand gegen zwei Punkte aus der ersehnten Verkörperung in Form eines Systems erläuternder Einschübe, damit der Leser nicht auf der Strecke bleibt oder sich im Grundrauschen untergegangener Episoden, fixiert auf unmittelbare, die Alltagserfahrung überschreitende Berührungen, als ein Suchender erfindet, dessen rein-begriffliches Instrumentarium dem Instrumentarium des bloßen Augenscheins in gleicher Weise einer prähistorischen Sternwarte unter dem Sand ferner Vergangenheiten, lange bevor wir auch nur erahnten, Opfer einer ermüdenden Produktion artifizieller Zusammenhangskomponenten, die einerseits allein unter den herrschenden Rezeptionsbedingungen, die andererseits zusammen über der Schwebe, die der Welt Bedeutung und der Bedeutung Welt verleihen soll, soll heißen, dass die Wahl zwischen den Zeilen, das blinde Zusammenstückeln bekannter Signale, der Schweinsgalopp und alles, was eben nicht dazu gehört, letztendlich doch ineinander greifen, zu werden und geworden zu sein, wie ein unermüdliches Uhrwerk tickt, in immensen Krypten, wie der Takt, den taktlose Geschwister, die noch vor kurzem, als ich sie vom Bahnhof abholte, juvenil in ihren funkelnagelneuen Erdbebenopferhosen, höflich schwiegen, die Münder verklebt mit honigsüßem Parlando, nun mit den Fingern auf der ausgezogenen, zugegebenermaßen nach wie vor leeren Tischplatte trommeln, Geduld, Geduld, nur ein weiteres Beispiel.

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#9

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 10.11.2007 23:39
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge


Im Versuch, die alten Steine zu sprengen, hier die Idee ganz neu zu kreieren, sich allen alten Strukturen und Gewohnheiten zu entledigen, Sprache und Form zu erschüttern, zu dehnen, zu kürzen, zu öffnen, ohne das Verwenden alter, auseinander gebrochener und wieder zusammengesetzter Muster, sondern im Spiel von Satzbruch, Vieldeutigkeit des Wortes, Inhalt und nicht bloßgelegter, auf den Tisch geschmetterter, gleich einer offenen Wunde erscheinender Aussage, hierbei das Denken keineswegs zur Vermeidung von Missverständnis und Gleichnis zu konstruieren, vielmehr dichterische Bedeutung umzuwandeln in das völlig unverfängliche, manchmal scheinbar sinnlose und sich aus diesem Sinnlosen wieder ganz neu zusammensetzende Verständnis, gerade mit der durch Erfahrung geprägten Interpretation, die im Reichtum der Phantasie, der ästhetischen Vergleiche und Botschaften immer vorauszusetzen ist und nicht erst künstlich erzeugt werden muss, damit den offenen Raum zu erschaffen, eine Perspektive hervorzurufen, die in der Gesamtheit nicht zu erfassen, aber in der Ahnung unbedingt in irgendeiner Möglichkeit zu einem Begreifen führt, schließlich nur Schritt für Schritt in Wahrscheinlichkeiten vorzustoßen, die dann möglicherweise doch schon einmal, vielleicht sogar schon zweimal erprobt wurden, also nur noch Kadaver sind, letztlich nur scheinbare Unordnung und wenigstens dem einen oder anderen bekannt und damit verächtlich verworfen, lässt den Schreibenden manchmal ein bisschen verstimmt zurückbleiben, bis zum nächsten Versuch,... versteht sich.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 11.11.2007 01:01 | nach oben springen

#10

RE: Was ist die Kunst des Schreibens?

in Gespräche über Kunst und die Welt 14.11.2007 15:27
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Die Kunst so zu schreiben, dass sich das eigene Werk vom bisher Gekannten abhebt, ist jedem Schreibenden erste Voraussetzung.
Hierbei gilt es zu unterscheiden, um entweder
- einen nie dagewesenen Charakter zu kreieren
- mit einer nie dagewesenen Sprache zu hantieren (dabei Wortzusammensetzungen, die aus der Erfahrung des Menschen in der Andeutung nachzuvollziehen sind)
- mit einer nie dagewesenen Form zu arbeiten
- einen nie dagewesenen Deutungsrahmen zu erschaffen.

Weiter ist zu beachten, dass das Thema offen bleibt, dass die Deutung somit nicht vollständig sein kann, sondern immer nur in der jeweiligen Auffassungsgabe des Lesers. Hierbei geht es auch um eine Unvollständigkeit der Sätze, die überhaupt erst eine neue Weite des Denkens herausfordern. Auf das Gesamte bezogen, sollte das Ungesagte einer bestimmten und beschriebenen Situation zum Nachdenken bewegen. (z. B. etwas andeuten, ohne es näher zu beschreiben).
Nichts ist unangenehmer, als wenn ein Schriftsteller den Leser in eine Überlegung treibt, um seinen ganzen, mühevollen Akt dann mit der späteren Erklärung und Auflösung zunichte zu machen. Das erweckt den Eindruck, dass der Schreibende den Leser für nicht fähig hält, seine Andeutungen für sich zu deuten.
Wenn hierbei aber gerade diese Andeutung offen bleibt, der Leser also in verschiedener Auffassung auch verschieden deutet, muss das Werk alle Möglichkeiten wieder zu einem Punkt des Verstehens zusammenführen.
Es bleibt eine Verwirrung durch verschieden angewandte Techniken wieder in einen Gleichgewichtszustand zurückzuführen. Schwierig genug.
Daneben steht das Spiel mit der Unabgeschlossenheit, dass sich erst duch das "Bestreben nach Befriedigung" des Lesers vervollständigt, was heißt: Man erschafft Vielschichtigkeit/Mehrdeutigkeit in seinen Sätzen, die aber erst durch den Drang des Lesers hier unbedingt verstehen zu wollen (mit Erfahrung und eigener Deutung) zur Vollständigkeit gerät.
Schon etwas leichter. Dafür reicht zunächst ein Bestreben nach Verwirrung-Stiften, was wenigstens schon einmal eine Emotion auslösen kann, wenn auch manchmal eine wütende... Es ist also eine Form der Provokation. Besänftigung ließe sich erzielen, indem man dazwischen bestimmte Erwartungen wieder erfüllt.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.11.2007 16:24 | nach oben springen


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