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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

J. M. Coetzee

in Die schöne Welt der Bücher 07.11.2007 16:41
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo liebe Leser!

J.M. Coetzee, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2003, schrieb diesen Roman schon 1980. Die deutsche Erstausgabe von 1984 blieb ziemlich unbeachtet. Warum, das weiß ich nichts. Auf jedenfall ist „Warten auf die Barbaren“ ein ganz großartiger Roman, der den dunklen Seiten, dem bösen Tier im Menschen, auf die Spur kommen will.

Erzählt wird von einem Grenzbereich eines unbestimmten Reiches, in das Barbaren einfallen, das Land berauben und verwüsten. In einem Ort in diesem Bezirk gibt es einen Magistraten, der die Funktion eines Bürgermeisters und Richters hat.

Die Ruhe in dem Ort findet ein Ende, als Oberst Joll von der Geheimpolizei eintrifft, um gegen die Barbaren vorzugehen. Da Coetzee Südafrikaner ist und auch von Notstandsgesetzen erzählt wird, können wir davon ausgehen, der Autor beschreibe Ereignisse, die auf eine bestimmte Zeit in der Ära des Arpartheidsregimes in Südafrika anspielen.

Die böse Macht ist der Geheimdienst, der unschuldige Menschen willkürlich verhaftet und foltert. Sie benehmen sich wie wilde Tiere, die auch das Land verwüsten, das Schilfgras abroden, um die Barbaren leichter aufzuspüren. Das böse Tier ist aber auch im Magistraten selber, der zu schwach ist, sich für eine gerechte Behandlung der gefangengenommenen Barbaren einzusetzen. Im entscheidenen Moment bringt er kein Wort aus der Kehle und wird selber gefoltert. Das böse Tier ist auch in der Masse. Ein Kind wird in die Höhe gehoben, damit es über den Köpfen anderer hinweg die Folterungen sehen kann, ein Mädchen darf sogar selber zuschlagen.

In der Zwickmühle ist tatsächlich der Magistrat, dessen Name unbekannt bleibt. Es wär ihm am liebsten, er würde das alles gar nicht mehr mitmachen müssen. Er wünscht sich einen ruhigen Dienst so kurz vor der Rente, kann aber die Gewalt gegen die sog. Barbaren nicht verhindern.

An der Figur des Magistraten zeigt J.M. Coetzee in erschütternder Weise, wie schnell der Mensch durch Folter und Schmerzen gebrochen werden kann, alle Menschlichkeit gebrochen, wie ein Hund vegetiert, der in irgendeinem Winkel vielleicht bedeutungslos zu Tode kommt. Coetzee findet Worte, die unter meine Haut gehen, die erschüttern vor der grausamen Brutalität der Kolonialherren.

Der Roman wird gerne mit Kafkas "Proceß" verglichen. Bei Kafka gehe es um die Schuld und K. verhält sich immer falsch, und hier, der Magistrat: "Ich wollte nie mehr als ein ruhiges Leben in ruhigen Zeiten."

Um euch noch auf den Geschmack zu bringen, ein Zitat, was mich u.a. auch sehr beeindruckt hat:

Zitat von Coetzee

Ich starre den ganzen Tag lang die leeren Wände an, weil ich nicht glauben kann, dass die Spuren der in diesen Mauern zugefügten Schmerzen und Demütigungen sich unter einem Blick, der eindringlich genug ist, nicht offenbaren werden; oder ich schließe die Augen und versuche, mein Gehör zu schärfen für die unendlich leisen Töne, die von den Schreien aller, die hier gelitten haben, stammen müssen und noch von Wand zu Wand wiederhallen. Ich bete, dass der Tag kommt, an dem diese Mauern eingerissen werden und die ruhelosen Echos schließlich entweichen können; obwohl es schwer ist, das Geräusch von Ziegel zu Ziegel beim Mauern ganz in der Nähe zu ignorieren.


Coetzee gehört zu den Autoren, die ich in diesem Jahr kennengelernt und mich tief beeindruckt haben.

Liebe Grüße
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#2

RE: J. M. Coetzee

in Die schöne Welt der Bücher 07.11.2007 19:23
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Ach schön, endlich ein Coetzee-Ordner.
Danke, lieber Martinus.
Ich habe zwar schon alles von diesem Herrn gelesen, nur ist es leider schon ein Weilchen her, so dass eine genaue und umfassende Zusammenfassung der jeweiligen Bücher - so zäh aus der Erinnerung gegraben - recht schwer fällt. Bezugspunkte kann ich höchstens aus den kargen Notizen gewinnen, die ich mir während der Leserei gemacht habe.
Zu den Büchern muss ich sagen, dass ich "Warten auf die Barbaren" , sowie "Leben und Zeit des Michael K." als die gelungensten seiner Werke betrachte, während "Schande", "Das Leben der Tiere" insbesondere, wobei es ein Auszug aus "Elisabeth Costello" ist, "Der Meister von Petersburg" (eine Anlehnung an Dostojewski) und auch sein neuster Roman "Zeitlupe" hinter diesen beiden Werken in völliger Lesefreude kaum zurückstehen. Einzig in "Im Herzen des Landes" fand ich kein "golden Korn", dieser Roman war mir zu mühselig geschrieben.

Meine Schlußgedanken zu "Warten auf die Barbaren" waren folgende:
- Wer sind die wirklichen Barbaren? Die, die in der Wildnis leben und fremd sind, oder die, die diese Wildnis fürchten und bekämpfen möchten…

- Gerechtigkeitsempfinden scheint erst dann aufzutreten, wenn man selbst zum „Tier“ degradiert wurde…

Sichtbar wird, wie einfach man Menschen mit einer falschen Bedrohung in Panik versetzen kann, wie schnell jeder um seinen Besitz kämpft und schließlich auch großzügig opfert, und am Ende gar Plünderei und die Flucht aus der eigenen Gewohnheit duldet. Wie einfach ist es dann einen Krieg anzufangen, und wie oft gegen Unschuldige…

Dann auch ein kleiner Blick in "Zeitlupe"
Ein einziger schicksalhafter Augenblick verändert das Leben von Paul Rayment: Er fliegt durch die Luft. Zuerst denkt er noch, gleich werde er durchatmen und wieder auf sein Fahrrad steigen. Aber er soll nie mehr auf die Beine kommen, schlimmer noch, er verliert eines bei dem Unfall. Nun stakst er auf Krücken, und die Welt bewegt sich vor seinen Augen nur noch in Zeitlupe…

Ein kleiner Auszug:
In Antwort auf:
Die Tabletten, die man ihm alle sechs Stunden gibt, vertreiben die schlimmsten Schmerzen, und das ist gut, manchmal bescheren sie ihm Schlaf, und das ist noch besser; aber sie machen ihn auch wirr im Kopf und bringen ihm Träume, so voll von Panik und Entsetzen, dass er sich davor scheut, die Tabletten zu schlucken.
Schmerz ist nichts, sagt er sich, nur ein Warnsignal des Körpers an das Gehirn. Schmerz ist genauso wenig real, wie eine Röntgenaufnahme real ist. Aber natürlich täuscht er sich. Schmerz ist real, er muss ihn nicht allzu sehr bedrängen, um ihn davon zu überzeugen, er muss ihn überhaupt nicht bedrängen, er braucht ihm nur den einen oder anderen Strahl zu schicken, dann entscheidet er sich rasch für die Verwirrung und die schlimmsten Träume.


Auch der Blick auf den Menschen in seiner helfenden Tätigkeit wird langsamer und damit deutlicher:
In Antwort auf:
Die Schwestern sind kompetent, sie sind freundlich und fröhlich, aber hinter ihrer flinken Tüchtigkeit entdeckt er – und er täuscht sich da nicht, er hat es zu häufig schon früher erlebt – letztendlich eine Gleichgültigkeit dem Schicksal ihrer Patienten gegenüber.


Aber, was mir bei Coetzee immer gefällt, ist seine Art, inmitten seiner Geschichten mit wunderbaren Bildern zu sprechen:
In Antwort auf:
Er hat noch das Gefühl, eine Seele mit einem unverkürzten Seelenleben zu sein; und der Rest von ihm ist nur ein Sack vol Blut und Knochen, den er mit sich herumtragen muss.


In Antwort auf:
Es gibt eine zweite Welt, die ungeahnt neben der ersten existiert. Man bewegt sich eine zeitlang in der ersten, dann kommt der Todesengel (…). Für einen Augenblick, für ein Äon, setzt die Zeit aus; man fällt in ein dunkles Loch. Dann, hoppla, kommt man in einer zweiten Welt heraus, die identisch mit der ersten ist, wo die Zeit wieder einsetzt und die Handlung weiterläuft (…)
(…) Wenn das Sterben sich als nichts weiter als ein Trick erweist, (…) wenn der Tod bloß ein Schluckauf der Zeit ist, (…) wozu dann das ganze Theater?


In Antwort auf:
Unsere Lügen sagen genauso viel über uns aus wie unsere Wahrheiten.


Ein wirklich schönes Buch über das Befassen mit Leben und Tod.

Ich werde gerne auch noch etwas zu den anderen Romanen sagen, aber dafür muss ich erst noch ein bisschen in der Erinnerung kramen.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.11.2007 19:37 | nach oben springen

#3

RE: J. M. Coetzee

in Die schöne Welt der Bücher 07.11.2007 19:50
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Vielleicht noch ein kurzer Überblick zu "Der Meister von Petersburg":

Es ist eine literarische Fiktion um Fjodor Dostojewski. Ein alternder Schriftsteller namens Fjodor Michailowitsch versucht den Tod seines Sohnes Pawel (durch Selbstmord oder die Verschuldung durch die zaristische Polizei oder durch die anarchistischen Freunde seines Sohnes) zu verarbeiten. Dafür reist er 1869 von Dresden nach Petersburg, um herauszufinden, was seinem Sohn zugestoßen ist. Wer trägt die Verantwortung? Zwischen Trauer und Schuldgefühl taucht Fjodor in die Petersburger Verhältnisse, in denen zuvor sein Sohn gelebt hat. Er bezieht sein ehemaliges Zimmer, schlüpft in dessen Anzug, stellt der Wirtin nach, verbringt wilde und verzweifelte Nächte mit ihr. Hier liegt bereits das Anzeichen dieser Euphorie (die Dostojewski so gerne mit der völligen Klarheit im "Idioten"(Myschkin) und in "Die Dämonen" (Kirilloff) forumliert hat), die dem epileptischen Anfall vorausgeht. Es ist ein Suchen und Wiederfinden, Verkraften und Verarbeiten des Todes eines geliebten Wesens. Darüber hinaus beginnt der Kampf des alten Russlands gegen das junge Russland, die Jugend gegen die Väter… Und über all dem kreisen die Dämonen von Schuld, Rache, Anarchie und Revolution.
Coetzee verfügt hier über ein großes Gespür für die seelische Zerrisenheit des Schriftstellers.
In Antwort auf:
Und doch haben die Tränen ihr Gutes – ein schonender Schleier zwischen ihm und der Welt.


Man findet schönen Humor in den Zeilen:
In Antwort auf:
Matrjona: nicht der richtige Name für sie. Ein Altweibername, der Name für eine kleine Alte mit einem Gesicht wie eine Backpflaume.


oder:
In Antwort auf:
Wenn er seinen Stock bei sich hätte, würde er sie schlagen. Aber nur mit der Hand, wohin sollte man einen so runden, wabbligen Körper denn schlagen?


... aber auch sprachliche Eleganz und Hinterfragung:
In Antwort auf:
(…) ich bin zwar gestorben, aber mein Tod ist ausgeblieben.


In Antwort auf:
Seine Welt hat sich verengt; er trägt sie in seiner Brust.


In Antwort auf:
(…) doch die nächste Welt ist kalt, so kalt wie die Räume zwischen den Sternen, (…)


In Antwort auf:
Ob ich wohl damit den Rest meiner Tage zubringen werde, fragt er sich: Hunden und Bettlern in die Augen sehen?


Dieser coetzee'sche Dostojewski befindet sich ständig in der Überlegung:
In Antwort auf:
Trotzdem frag ich mich manchmal, ob wir nicht auch, und zwar jeder von uns, eine Zuflucht verdient haben, einen Hafen, wo man für eine Weile Gnade vor Recht ergehen lässt und sich unser erbarmt? (…) Selbst, wenn das nicht in der Heiligen Schrift steht – wäre es nicht im Sinne der Heiligen Schrift, dass wir verdienen, was wir nicht verdient haben?


Im Vergleich von Pawel, Jugend und Pjotr W. heißt es:
In Antwort auf:
[Der Geist (Dämon) eines Revolutionärs ist in diesen verpickelten, nichtsnutzigen Jungen gefahren und beherrscht nun sein Denken. Doch der Unscheinbare entwickelt nichtsnutzige Theorien, kehrt die Umkehr um, verspricht und erklärt dann sein Nichteinhalten mit der Notwendigkeit des Umkehrspiels…]
Er ist kein Anarchist und kein Nihilist. (…) Er handelt nicht unter Berufung auf Ideen. Er handelt, wenn er sich körperlich dazu a u f g e l e g t fühlt.
(…) Darum kann er sagen: Alles ist erlaubt – oder könnte es sagen, wenn er nicht so uninteressiert daran wäre, sich zu erklären.

Wunderbar zusammengefasst, wie ich finde.

Aber weiter:
In Antwort auf:
Wenn kümmert schon, wer eine Flugschrift tatsächlich verfasst hat? Worte sind wie Wind, heute hier, morgen da. Worte sind niemandes Eigentum. Wir sprechen von Menschenmassen. Gewiss haben Sie (Dostojewski) schon in einer Masse gestanden. Eine Masse interessiert sich nicht für die Feinheiten der Autorschaft. Eine Masse hat keinen Intellekt, nur Leidenschaften.


Aber wie lange ist es her, dass man Worten, die von Herzen kommen, zutrauen durfte, dass sie zu Herzen gehen?

Und in Erinnerung an "Das Leben der Tiere":
In Antwort auf:
Denn Tieren fällt das Sterben nicht schwer (…). Vielleicht könnten wir von ihnen etwas lernen. Vielleicht ist das der Grund, warum sie hier bei uns auf Erden sind – um uns zu zeigen, dass Leben und Sterben nicht so schwer sind, wie wir meinen.


Den Geist zu töten ist leicht; schwerer, zu beseitigen, was danach übrig bleibt.

Coetzee hat hier geschickt Orte, Situationen, Charaktere gestaltet, die Assoziationen an Dostojewskis Leben und Werk wachrufen. Man gewinnt beide gern, den echten wie auch den fiktiven Schriftsteller.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.11.2007 20:08 | nach oben springen

#4

RE: J. M. Coetzee

in Die schöne Welt der Bücher 07.11.2007 20:00
von Martinus • 3.194 Beiträge
noch zu "Warten auf die Barbaren"

Zitat von Taxine
Wer sind die wirklichen Barbaren? Die, die in der Wildnis leben und fremd sind, oder die, die diese Wildnis fürchten und bekämpfen möchten…


genau, das ist es!!!!

Der Roman hat mir besonders deswegen gefallen, weil uns seit dem ersten Kapitel diese Ungerechtigkeit vor dem Kopf gehalten wird und wir, bzw. Martinus entsetzt ist von diesem Unrecht. Wo bei ich noch den Eindruck habe, die Barbaren seien nur eine irreale Fiktion. In Kapitel 4 sagt der Magistrat "Hier herrscht Frieden". Es ist so, als ob die Kolonialherren mit sadistischer Gewalt nur zeigen wollen, wer die Herren im Lande sind. Das ist so ein "Unbedingt Lesemuss"-Roman, der klar, in einfacher Sprache, in der jedes Wort sitzt, die Botschaft an den Leser trägt.

In Kap.5/6 spricht Coetzee geschichtsphilosophische Thematik an. Nun, davon habe ich leider keine Ahnung. Es geht um Geschichte und Geschichtslosigkeit.

Der Magistrat wird von der Geheimpolizei schon bewusst nicht als Gefangener in den Akten geführt, ihm droht kein Prozess. Hier schon wird er aus der Geschichte herauskatapultiert, weil er postmortem schnell in Vergessenheit gerät. Der Magistrat fühlt sich zwar berufen, einen historischen Abriss über die Reichsprovinz zu schreiben, ist dazu aber dazu nicht in der Lage. Im fällt der Charme des Lebens ein in dieser wunderbaren Gegend und

Zitat von Coetzee
Wir lebten mit dem Zyklus der Jahrerszeiten, der Ernten, der Vogelzüge....


Das ist sehr schön, hat aber nichts mit Geschichtsschreibung zu tun.
Zitat von Coetzee

Ich liege auf der nackten Matratze und konzentriere mich darauf, das Bild von mir als Schwimmer zu beleben, einem Schwimmer, der mit gleichmäßigen, nie ermüdenden Zügen durch das Medium der Zeit schwimmt, ein Medium, das träger ist als Wasser, ohne Wellen, alles durchdringend, farblos, geruchlos, trocken wie Papier.


Ich wünsche dem Buch noch sehr viele Leser. "Die Zeitlupe", "Der Junge", "Eiserne Zeit" und der Petersburger Roman liegen hier noch vor mir, und ich freue mich, was ich da noch vor mir habe.

Tja, Taxine, du hast mich doch zum Coetzee gebracht

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 07.11.2007 20:04 | nach oben springen

#5

RE: J. M. Coetzee

in Die schöne Welt der Bücher 07.11.2007 20:20
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge


Als ich das erste Buch von Coetzee gelesen habe, habe ich sofort alles verschlungen, was ich von ihm fand. "Das Leben der Tiere" war mein erster Eindruck (wie gesagt, am besten direkt den ganzen Roman "Elisabeth Costello" lesen ), danach kam "Warten auf die Barbaren". Völlig genial, wie aufgewühlt man nach dem Lesen zurückbleibt. Ähnlich wie bei "Leben und Zeit des Michael K.". Man setzt sich mit diesen Dingen wieder ganz neu auseinander.

"Der Junge" ist autobiographisch, wie auch "Die jungen Jahre". Coetzee gestaltet seine Erinnerungen aber wie einen Roman. Da werde ich gerne noch einmal mitlesen. Man erfährt viel über Afrika und lernt sogar afrikanische Vokabeln und Schimpfwörter.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.11.2007 20:29 | nach oben springen

#6

RE: J. M. Coetzee

in Die schöne Welt der Bücher 15.06.2008 14:05
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Seit langer Zeit mal wieder ein Blick in ein Buch von Coetzee.


Darum können Künstler nie ganz von dieser Welt sein. Ein Auge muss immer nach innen schauen.


Zunächst dachte ich ja, "Die jungen Jahre" gehörten zu seinen autobiographischen Betrachtungen, aber ganz im Gegenteil, es ist die Darstellung eines Südafrikaners (muss man ja dazu sagen: einem weißen Südafrikaner), der seinen Traum verwirklicht, nach England kommt, um hier Künstler und Dichter zu werden, und dann zwischen der englischen "Höflichkeit" (Ich suche Freundschaft, nicht Freundlichkeit) als Programmierer abstumpft... damit zugrunde geht. Möglich, dass Coetzee hier einige eigene Erlebnisse verarbeitet hat, aber tatsächlich geht es ihm doch um etwas anderes.

Im Großen und Ganzen ist das Buch gut erzählt. Ein paar Überraschungen erlebt man, aber grundsätzlich muss man die „Perlen“ doch suchen. Wohl eines seiner ersten Werke.
Wie gesagt, es geht um einen jungen Mann, der Dichter werden will, sich darum auch mit den Geflogenheiten der Dichter und Künstler auseinandersetzt. Leider herrscht in ihm nicht die gleiche Leidenschaft, wie sie die Künstler nun einmal in sich tragen, um wirkliche Werke erschaffen zu können. Er studiert Mathematik und verlässt schließlich endlich das verhasste Südafrika, um nach London zu gehen. Dort wird er vom Künstler zum Programmierer, weil diese gesucht werden, weil sein Studium und die Tatsache, dass er Südafrikaner ist, nur in solche "Möglichkeiten" führen.
Und dann gilt auch:
In Antwort auf:
Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Auf jeden großen Poeten kommt eine Wolke kleiner Poeten, wie Mücken, die einen Löwen umschwirren.

Hinzu zu seinen Selbstzweifeln kommen die äußeren Umstände. Überall stehen Schilder, auf denen es heißt: No Colours", und er denkt sich, dass er nur gefragt ist, weil er gut getarnt ist. Die Schwierigkeiten, seine Träume vom Schreiben in diesem trostlosen Alltag beizubehalten, erdrücken ihn, und wo er vorher noch Kafka und andere „Beruf- und Alltagsschreiber“ als Trost anführt, stumpft er allmählich ab, weil ihm die wirkliche Seele, die Liebe, die Wärme fehlt.
In Antwort auf:
Die Gedichte, die er schreibt, sind ironische Werklein, Kleinigkeiten in jedem Sinn.

Er scheitert nicht nur in der Kunst, sondern überhaupt im Umgang mit den Menschen, fast schon chirurgisch ist die Zuwendung zu so mancher Frau, weil er, der nach Schönheit strebt, nur das bekommt, was er selbst ist. Durchschnitt.
In Antwort auf:
Zu seinem Abscheu vor Trunkenheit kommt noch sein Abscheu vor Hässlichkeit. Wenn er Villons Testament liest, kann er nur daran denken, wie hässlich die belle heaumière sich anhört, voller Falten, ungewaschen und aus dem Maul stinkend. Wenn man Künstler sein will, muss man dann die Frauen wahllos lieben? Bring es ein Künstlerleben mit sich, dass man mit jeder und mit allen schläft, im Namen des Lebens?

Er streift einsam durch London und zweifelt an sich selbst, denkt, dass das Unglücklichsein sein Los ist, um dadurch dann verschiedene Stufen zu durchlaufen, um irgendwann die Leidenschaft des Künstlers verspüren zu können.
Da waren doch eigentlich so viele, die ihn führen könnten:
In Antwort auf:
„Dichten heißt nicht, seiner Gefühlswelt freien Lauf zu lassen, wohl aber: sich von seinen Gefühlen befreien“, sagt Eliot mit Worten, die er sich in seinem Tagebuch notiert hat. „Dichtung ist nicht Ausdruck der Persönlichkeit, sondern eine Art Befreiung von der Persönlichkeit“. Dann fügt Eliot als bittern Nachtrag hinzu: „Aber freilich wissen nur die, die Persönlichkeit und Gefühle haben, was es bedeutet, von ihnen frei werden zu wollen.“


Oder Baudelaire, der sagte:
In Antwort auf:
Am Ende sehen wir wie die Idealvorstellung von uns selbst aus.

Leider versteht der junge Mann nicht, was damit gemeint ist. Wenn er sein eigenes Werk betrachtet und es in den seltenen Fällen dann für gut befindet, dann muss man sich, zugegebenermaßen, auch wundern. Aber, vielleicht liegt es einfach an der Kälte des Protagonisten, der ein Dichter sein will und Angst vor der Leidenschaft hat. Dieser Vergleich, wo der Boheme darauf reduziert wird, dass er bärtig ist, stinkt und seine Vermieter bescheißt, ist unangenehm und übertrieben. Aber, schön ist, wie der junge Südafrikaner sich ständig hinterfragt, ob sein Leben und das eines Künstlers nun übereinstimmen. Er führt hierfür Henry Miller, Picasso oder Baudelaire an und fragt sich immer wieder, ob er wirklich unglücklich sein muss, um Künstler sein zu können. Er redet es sich schön und kommt zu dem Schluss:
In Antwort auf:
Der Künstler muss jede Erfahrung auskosten, von der edelsten bis zu erbärmlichsten.

Leider, verliert er dadurch, dass er sich ganz langsam an seinen Alltag gewöhnt, sein Unglücklichsein und damit dann auch die letzte Triebfeder seines Daseins als Dichter.

Rückblickend kann ich sagen: Der Schreibstil ist trocken und knapp, und der Leser verfolgt diese Sätze dann ebenso trocken und knapp. Trotzdem liest man irgendwie weiter, man folgt der Trägheit des Protagonisten.
Was man Coetzee in diesem Buch wiederum zugute halten muss: Er hat Humor und versöhnt den Leser nach ein paar Durststrecken dann auch mit so manchem Lacher.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.06.2008 15:19 | nach oben springen

#7

RE: J. M. Coetzee

in Die schöne Welt der Bücher 03.07.2008 12:23
von Martinus • 3.194 Beiträge
Nachdem, was du über "Die jungen Jahre" geschrieben hast, denke ich, das "Im Herzen des Landes"wesentlich besser ist, auch wenn gerade dieser Roman sein Erstling ist (vorher noch schrieb er nach "Wikipedia" zwei Erzählungen).

Hier meine Eindrücke zu "Im Herzen des Landes":

„Im Herzen des Landes“
- das ist „in der Mitte von Nirgendwo“, ein Ort, wo Magda, die Tochter eines Farmers, zur Bedeutungslosigkeit verkümmert. Niemand entstammt der Steinwüste, kein Mensch, nur Insekten leben dort. Selbst Magda vergleicht sich mit einem Käfer mit Atrappenflügeln. Die Einsamkeit der unfruchtbaren Steinwüste spiegelt sich in Magdas Seele, die sich selbst als „vertrocknete alte Jungfer“ bezeichnet, die glaubt, schon in ihrer Jugend, Spuren ihrers Alterswahnsinns entdeckt zu haben.
In Antwort auf:

Dies ist ein Land, das für Insekten gemacht wurde, die Sand fressen und ihre Eier in Insektenkadaver legen und keine Stimme zum Schreien haben, wenn sie Sterben.


Da es sich um Südafrika handelt, ergibt die die Frage, warum überhaupt Menschen dieses Land besiedelt haben, warum überhaupt Weiße sich als Kolonialherren festgesetzt haben, die glauben, hier in diesem „Nirgendwo“ das sagen zu haben, sich Schwarze als Leibeigene halten, obwohl das Land nur für Insekten heimisch ist. Das stimmt nachdenklich.

Der herrische Vater, Angst und Schrecken verbreitend, missachtet seine Tochter. Für ihn ist sie nur das Aschenbrödel am Herd.

In Antwort auf:
Mein Vater erzeugt Abwesenheit.Wo er auch hingeht, er hinterläßt Abwesenheit. Vor allem Abwesenheit seiner selbst – eine so kalte, so düstere, so verschlossene Abwesenheit, daß sie eigentlich eine Abwesenheit ist, ein sich bewegender Schatten, der sich wie Mehltau aufs Herz legt.


Magda, ungeachtet,von sexuellem Fantasien besetzt, rächt sich blutig, als ihr Vater die junge Frau eines Vorarbeiters ins Bett holt.

In Antwort auf:
...vielleicht ist die Wut auf meinen Vater einfach Wut über die Verletzungen der alten Sprache, der korrekten Sprache, zu denen es kommt, wenn er Küsse und Pronomen der Intimität mit einem Mädchen tauscht, das gestern die Fußböden schrubbte und heute die Fenster putzen sollte.


Eine unmögliche Tat, die sämtliche Rassenschranken verletzt. Auch in Doris Lessings Roman „Afrikanische Tragödie“ geht es um Verletzung von Rassenschranken und Rache. Bei Lessing ist aber alles in realistischer Weise erzählt. Im Roman von J.M. Coetzee können wir uns nicht sicher sein, ob Magdas Blutrache wirklich geschehen ist, oder ob sie nicht unter Gewaltfantasien steht. Auf jedenfall bleibt dem Leser nichts erspart. Starke Nerven sollte er schon haben, wenn die Axt blutig auf das Opfer saust. Denn Coetzee ist nicht zimperlich, und schreibt detailliert. Das großartige ist, bei Coetzee lässt sich das lesen, nicht so wie ein billiger Horrortrip. Die Distanz bleibt doch gewahrt, ein Blutrauschroman ist es nicht, auch wenn Coetzee den Leser schockieren kann wie in diesem Vergleich:

In Antwort auf:
Auf dem Fußboden sind Spritzer von getrocknetem Blut, und der Vorhang ist verklebt von Blut. Ich bin nicht zimperlich bei Blut, ich habe gelegentlich Blutwurst gemacht,...


Die Frage, wer im Roman die Bestie ist, wird gestellt. Ist es Magda mit ihren Gewaltfantasien, der schrecken- und angstverbreitende Vater, oder Hendrik, „der beleidigte Ehemann, der vom Stiefel seines Herrn niedergetretene Leibeigene, der sich erhebt, um nach Rache zu schreien?“ Das Böse lauert überall.

Begeistert schon von „Warten auf die Barbaren“, bin ich auch von diesem Roman sehr angetan. „Im Herzen des Landes“ ist nichts anderes als der innerer Monolog einer alternden Jungfer, eine Art Seelenbekenntnis. Schonungslos, verstörend, hinreißend.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 03.07.2008 12:25 | nach oben springen

#8

RE: J. M. Coetzee

in Die schöne Welt der Bücher 19.07.2008 13:29
von Martinus • 3.194 Beiträge
Zitat von Taxine
Einzig in "Im Herzen des Landes" fand ich kein "golden Korn", dieser Roman war mir zu mühselig geschrieben“


In diesem Roman ist die Sprache Coetzee\'s noch eine ganz andere. Mir kam es vor wie eine Bilderorgie. Die goldenen Körner darin sind für mich so manche Metapher gewesen von dieser vereinsamten Frau und so manch gesponnene Fantasie. Zugegebener Maßen ist die Lektüre wirklich mühsamer als z.B. in „Schande“. Seinen glasklaren trockenen Stil hat Coetzee erst in seinem zweiten Roman „Warten auf die Barbaren“ gefunden. Trotzdem ist mir „Im Herzen des Landes“ immer noch in meinem Herzen geblieben. Diese Magde vergesse ich so schnell nicht.

Nun zum Roman „Schande“. David Lurie fand ich zu Romanbeginn ziemlich unsympathisch, denke aber, es lag in der Absicht des Autors, ihn unsympathisch auftreten zu lassen. So dachte ich, nunja, schon wieder ein Professor der es mit seinen Studentinnen treibt (kenne ich doch schon von Philipp Roth). Aber der Roman entwickelt sich.

Der Überfall und die „Schande“

Hier nämlich meistert Coetzee. Hier leuchtet sein glasklarer trockener Stil unerhört. Der Überfall wird aus der Perspektive des Professors erzählt. Noch wissen wir überhaupt nicht, was mit Lucy passiert. Doch wir ahnen es nur. Gerade dieses Ahnen, dieses Schweigen darüber, hat Coetzee so herrlich umgesetzt, denn auch Lucy wird später darüber schweigen. Und dann noch dies: Als Lurie seine Tochter nach dem Überfall erstmals erblickt, sieht er sie nur von hinten. Dadurch wird der Leser verleitet, sich vorzustellen, welche Spuren die Schande sich im Gesicht gefestigt haben.

Dieses Verbrechen, ausgeführt von Schwarzen, findet auf Lucy's Farm statt, die sich dort für ein bodenständiges Landleben eingerichtet hat. Offenbar steckt hinter dem Überfall Lucy's Nachbar Petrus. Sein Ziel, sich Lucy's Land überschreiben zu lassen. Hier geht es um Macht. Nach der Apartheid in Südafrika haben die Schwarzen das sagen und nehmen sich ihr Land zurück. Doch wie das im Roman vor sich geht erschaudert doch. Der Autor greift nicht Partei, sondern überlässt es dem Leser mit diesem Knäul fertig zu werden. Lucy's ist entschieden, sich den Schwarzen zu unterwerfen. Einerseits Verständnis dafür, eine Frau möchte nicht von der Schande erzählen, die ihr wiederfahren ist. Andererseits das Bestreben des Vaters, dieses Verbrechen mit Mitteln der Strafverfolgung aufzukären.

Fazit

Es geht um Meinungsfreiheit und Akzeptanz. Auch wenn die Ansichten ersteinmal ziemlich konträr von „Gang und Gebe“ erscheinen, muss akzeptiert werden wie es ist. Vor dem Untersuchungsausschuß, das Verhältnis zur Studentin Melanie war aufgepflogen, plädiert David Lurie für seine eigene Sinnfreiheit.
In Antwort auf:

Reue ist weder Fisch noch Fleisch. Reue gehört zu einer anderen Gedankenwelt,....


Damit ist Lurie's Rauswurf aus der Uni beschlossene Sache. Auch Lucy tritt für ihre Gedankenfreiheit ein und wirft ihrem Vater sogar (mit Recht!) vor, Unfrieden zu stiften.
In Antwort auf:

David, wir können nicht so weitermachen. Alles hatte sich beruhigt, alles war wieder friedlich, bis du wiedergekommen bist. Ich muß Frieden um mich herum haben..


Frieden auf Grundlage eines Verbrechens. Petrus – der Fels – auf diesen Fels wird er sein Reich bauen.



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 19.07.2008 13:49 | nach oben springen


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