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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Joris-Karl Huysmans

in Die schöne Welt der Bücher 26.11.2007 00:15
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Dieser Schriftsteller hat hier sicherlich mehr kreiert, als einen dekadenten Charakter. Auch, wenn er in seinem Vorwort, das zwanzig Jahre später geschrieben wurde, erklärt, worin er sich geirrt haben mag und dass einzig Barbey d'Aurevilly sein Werk richtig erkannt hat, indem dieser behauptete:
Nach einem solchen Buch bleibt dem Autor nichts mehr, als zwischen der Mündung einer Pistole und dem Platz zu Füßen des Kreuzes zu wählen.
... auch, wenn ihn Zola gewarnt hat, dass er sich mit diesem Werk eine "Karriere" verbaut, so war es nicht umsonst ein Kultbuch.
Jeder Künstler und Literaturliebhaber muss bei diesen Zeilen in Verzückungen geraten, die Sprache ist ein Fest für das Hirn, die Beschreibungen und Einfälle des dekadenten Lebenswandels sind gemalte Exzesse voller Rausch, Detailliebe und Farbenpracht.
Joris Karl Huysmans beschreibt in seinem Roman „Gegen den Strich“ den Adeligen Jean des Esseintes, der sich in sein Haus zurückzieht, um sich in fast vollständiger Isolation exquisiten dekadenten Beschäftigungen hinzugeben. So ist die ganze Planung dieses Hauses, in dem er von der Welt abgeschattet lebt, bereits ein Fest für die Sinne. Da werden die Wände mit Baudelairesprüchen verschönert, die Farben von Einrichtung und Wänden müssen Stimmungen auslösen, die Bediensteten dürfen nicht hörbar sein.
Der Protagonist besticht vor dem Rückzug noch durch seine Extravaganzen, sehr einfallsreich dabei das Diner „zur Anteilnahme an einer vorübergehend verstorbenen Manneskraft“, das wie ein Trauermahl zelebriert wird, wobei alles in schwarz gehalten wird, unter anderem die Wege aus Kohlenstaub, die Wasserbecken mit Tinte, nackte Negerinnen, schwarzer Kaviar, schwarze Liköre auf schwarzem Tischtuch, schwarze Wände.

Dann aber wird ihm das menschliche Gesicht zur peinvollen Marter, und mit der Betrachtung dieser Menschen in ihrem stumpfsinnigen Tun, in dem trotzdem solch erhabene Dinge wie Kunst und Literatur Platz haben, beginnt Jean auch diese zu verachten. Genauer:
In Antwort auf:
Er witterte eine so hartnäckige Dummheit, eine solche Abscheu gegen seine eigene Gedankenwelt, eine solche Verachtung für Literatur, Kunst, für alles, was er verehrte, sah sie so fest eingewurzelt, verankert in diesen engen Kaufmannshirnen, die ausschließlich mit Gaunereien und Geld beschäftigt und nur der gemeinen Zerstreuung mittelmäßiger Geister, nämlich der Politik, zugänglich waren, dass er wutentbrannt heimkehrte und sich mit seinen Büchern einschloss.


Während des Esseintes Seneca, Homer, Vergil und co verachtet, ihnen ihre Langatmigkeit und Einfallslosigkeit vorwirft, empfiehlt er:
Lukan (ein römischer Dichter) und sein „Pharsalia“, Petronius und sein „Satyricon“, ein sarkastischer Blick auf das damalige römische Leben, das, nach des Esseites, durch Sprache und den nicht wertenden Blick auf die Dinge besticht. Petronius als Gestalt ist ebenso interessant. Es heißt über ihn, dass er den Tag im Schlaf, die Nacht in Geschäften verbracht hat. Und obwohl er einen mit großem Aufwand betriebenen Müßiggang trieb, galt er nicht als Verschwender, sondern als gebildeter Kenner feiner Genüsse. Seine lockeren Sprüche wurden ihm als Aufrichtigkeit angerechnet.
Er kam seiner Verurteilung (er soll an einer Verschwörung gegen Nero beteiligt gewesen sein (die Behauptung war aufgrund von Neid aufgeworfen worden)) durch einen betont locker inszenierten Freitod zuvor (hierbei das Gegenstück zum Philosophentod eines Senecas) Er schnitt sich die Pulsadern auf, und sein Testament enthielt nicht Lobhudeleien an den Kaiser, sondern eine detaillierte Schilderung von Neros neuesten Lastern.
Auch nennt Jean des Esseintes den Afrikaner Apuleius mit seinen „Metamorphosen“. (Dieses Buch ist heute unter dem Titel „Der goldene Esel“ zu bekommen.)
Am Regal entlang spaziert zählt er noch einige interessante Schriftsteller und Gelehrte der Antike auf. Aber, nicht nur literarisch bekommt das Hirn hier Nahrung, sondern auch im Bereich der Kunst.
In Antwort auf:
Zum Ergötzen seines Geistes und zur Augenweide hatte er sich nach suggestiven Werken gesehnt. Sie sollten ihn in eine unbekannte Welt schleudern, ihm die Spuren neuer Ahnungen enthüllen, sein Nervensystem durch gelehrte Hysterien, komplizierte Alpträume und lässige und fürchterliche Visionen erschüttern.


Huysmans liefert einen Katalog der wesentlichsten Werke aus dem Besitz des Anti-Helden. Hierzu gehörten die „Salome“ und die „Erscheinung“, beide von Gustave Moreau. Moreau hatte Einflüsse von Delacroix und Chasseriau aufgenommen und zu einer eigenen mythologischen, prächtigen Traumwelt ausgebaut. Daneben werden die blutrünstigen Stiche Jan Luykens erwähnt, eines religiösen Eiferers, und die „Komödie des Todes“ von Rodolphe Bresdin, eines exzentrischen Kupferstechers und Bohemiens, der unter Visionen litt und Odilon Redon spirituell und künstlerisch beeinflusste. Schließlich gehörten auch einige von Odilon Redons Drucken und Zeichnungen zur Sammlung:
In Antwort auf:
... eine Grauen erregende Spinne, die in der Mitte des Körpers ein Menschenantlitz zeigt. (Hier (nur für Eingeloggte) zu betrachten.) Kohlezeichnungen führten noch tiefer in schrecklichen, gequälten Traumwahn (...) Diese Zeichnungen waren außerhalb alles Gegebenen; die meisten übersprangen die Grenzen der Malerei und erneuerten eine besonders phantastische Kunst, die der Krankheit und des Deliriums.

Ja, Jean des Esseintes ist dekadent, gar keine Frage. Er lässt den Panzer seiner Schildkröte in Goldfassung und Edelstein fassen, dass sie daran stirbt, er trinkt Musik oder musiziert, indem er trinkt, er erschafft seine ganz eigene Wirklichkeit, strebt die Bewegungslosigkeit an, ersetzt Natur durch Künstlichkeit und täuscht die Bewegung mit Hilfe der phantasiereichsten Mittel und Ideen, durch Gerüche und Effekte vor. Darin nun lebt er sich selbst, lebt eine andere Form der Trägheit, keine, die auf den Geist schlägt und offenbart auch langsam die hässliche Seite, die Vergangenheit, wo er mutwillig "Böses" schafft, zum Beispiel eine Ehe zerstört, einen Mörder kreiert. Gerade dieser Einfallsreichtum, den Huysmans hier verwendet, um seiner Figur diese Abschattung von Welt und Mensch zu ermöglichen, macht das Buch zum wahren Hochgenuss für jeden Leser.

Begeistert
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.11.2007 03:08 | nach oben springen

#2

RE: Joris-Karl Huysmans

in Die schöne Welt der Bücher 26.11.2007 06:43
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

seiddem ich im Frühjahr "Zuflucht" gelesen habe, interessiert mich der Autor sehr. Ich denke, im nächsten Jahr werde ich noch einiges von Huysmans lesen. Hier erst mal meine Eindrücke zu "Zuflucht":

Völlig verschuldet fliehen Jacques Marles und seine Frau Louise aus Paris vor ihren Gläubigern und verbringen einige Zeit bei einem Onkel auf dem Lande, sie bewohnen ein Zimmer in der Schlossruine von Lourps. Doch ihr Aufenthalt dort entwickelt sich zur Qual. Die Leute auf dem Lande sind geldgierig, heuchlerisch, gemein. Der Aufenthalt von Jacques und Louise wird zur Tortur. Besonders für Jacques, der in dieser Erzählung in den Mittelpunkt gerückt wird, ist der Aufenthalt dort eine Fahrt ins Unbewusste, er flieht in erotisch surreale Träume und wird sich über die problematische Beziehung zu seiner Frau bewusst.

Mir hat der Roman besonders deswegen gefallen, weil Huysmans viele Jahre vor Sigmund Freud Theorien zur Traumdeutung darlegt, die teilweise heute auch noch Gültigkeit haben. Der medizinhistorische Aspekt des Romans hat für mich einen besonderen Reiz und ich bin mir sicher, Louise leidet an Hysterie, verschiedene Andeutungen, die Huysmans vorlegt, bezeugen dies. Offenbar war Huysmans über die Forschung zur Hysterie des Pariser Arztes Jean Martin Charcot (29.11.1825-16.08. 1893) unterrichtet und lies sich inspirieren. So wird der Roman u.a. auch ein Dokument damaliger Epoche.

Joris-Karl Huysmans kann unheimlich gut schreiben. Die Beschreibungen des Schlosses, der Dorfkirche, der Träume, und der Spaziergänge von Jacques sind einfach großartig. Der Autor ist besonders an diesen Stellen sehr suggestiv, die Beschreibung des Schlosses geradezu unheimlich, als befänden wir uns in einer gothic-novel.

Der Roman hat mich sehr neugierig gemacht auf weitere Werke des Autors.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 26.11.2007 06:44 | nach oben springen

#3

RE: Joris-Karl Huysmans

in Die schöne Welt der Bücher 26.11.2007 14:46
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Hallo Martinus,

Huysmans hat einen fantastischen Schreibstil, seine Beschreibungen sind fast schon gemalte Impressionen. Ich werde auf jeden Fall mehr von ihm lesen.
Danke für den Einblick in "Zuflucht". Mich würde dazu auch noch "Tief unten" von ihm interessieren.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
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#4

RE: Joris-Karl Huysmans

in Die schöne Welt der Bücher 10.12.2007 18:50
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Was natürlich an diesem Roman "Gegen den Strich" fehlt, ist die Möglichkeit, dieses ganze Spiel an Neologismen und Amphibolie in der französischen Sprache zu entschlüsseln, was in der deutschen Fassung leider nicht möglich ist, wo eine Entscheidung vom Übersetzer getroffen werden musste (oft platt, um wenigstens eine Deutung zu ermöglichen), ohne das Spiel mit dem Wort selbst zu offenbaren.
Anderseits ist die Sprache Huysmans, wie man sie in der Übersetzung erfährt, ein wunderbares Fest für die Sinne. Wenn ich mir dazu die Wortvielfalt vor Augen führe, ist es ein geballtes Werk, und erhält einiges davon, das des Esseintes selbst anstreben wollte:

In Antwort auf:
Oft hatte des Esseintes über diesem beunruhigenden Problem gebrütet: einen in wenigen Sätzen konzentrierten Roman zu schreiben, wobei diese Sätze die kohobierte Substanz Hunderter von Seiten zu enthalten hätten (…)
Dann wären die gewählten Wörter so unverrückbar, dass sie alle anderen ersetzen könnten; das Adjektiv, platziert in so sinnreicher und endgültiger Weise, dass es von seiner Stelle legal nicht abgesetzt werden könnte, würde solche Perspektiven eröffnen, dass der Leser ganze Wochen hindurch über seinem zugleich genauen und vielfältigen Sinn träumen könnte, dass er die Seelen der handelnden Personen in ihrer Gegenwart wahrnähme, in ihrer Vergangenheit rekonstruierte, in ihrer Zukunft ahnte, enthüllt vorn Leuchten dieses einzigartigen Epithetons.

Der solchermaßen ersonnene, solchermaßen auf eine oder zwei Seiten verdichtete Roman würde zur gedanklichen Vereinigung zwischen einem zauberkundigen Schriftsteller und einem idealen Leser, zu einem geistigen Zusammenwirken, vereinbart zwischen zehn im All verstreuten höheren Wesen, zu einem Genuss, den Feinnervigen angeboten und nur ihnen zugänglich.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.12.2007 18:50 | nach oben springen

#5

RE: Joris-Karl Huysmans

in Die schöne Welt der Bücher 03.03.2009 18:24
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Ein weiteres Buch von Joris-Karl Huysmans ist
Tief unten,
ein heftiger Einblick in die Welt von Magie, Satanismus und (Aber)Glaube.

Hier treffen wir auf drei hervorstechende Charaktere. Da ist einmal die Hauptfigur Durtal, ein Schriftsteller, der von der materialistischen Monotonie des Naturalismus abgestoßen ist:
In Antwort auf:
Sich beschränken wollen auf die Waschküchen des Fleisches, das Übersinnliche verwerfen, den Traum verneinen – und nicht einmal verstehen wollen, dass für die Kunst der Reiz beginnt, wo die Sinne den Dienst verweigern.

(...)
Im Stil schlecht gefärbter Glasscherben, einfältiger Anekdoten, von Zeitungsausschnitten mit Vermischten Nachrichten – in diesem Stil nichts als matte Erzählungen, wurmstichige Geschichten, ohne die geringste Versteifung durch eine Idee zum Leben, zur Seele. Wenn ich mit diesen Bänden fertig bin, dann bin ich so weit, dass ich mich der maßlosen Beschreibungen, der albernen Ansprachen, die sie umschließen, nicht einmal mehr entsinne; es bleibt mir nur der überraschende Gedanke, dass ein Mensch drei – bis vierhundert Seiten hat schreiben können, wo er uns doch so ganz und gar nichts zu enthüllen, zu sagen hatte.


Er möchte damit diesem verkommenen Zweig einen naturalistischen Spiritualismus und das Ausloten menschlicher Abgründe entgegensetzen. So schreibt er ein Buch über Gilles de Rais, der die Vorlage zu der Sage von König „Blaubart“ war. Mit der Zeit findet Durtal immer mehr Zugang zu diesem „Glückssuchenden“, ist dabei auch durch den dritten Charakter, seinen Freund des Hermies geleitet, ein Arzt und ein undurchschaubarer Mensch, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verbindet.


Wer ist Durtal?
Er trägt nur noch einen Hauch von des Esseintes in sich (warum sollte er auch an ihn erinnern, trotzdem vergleicht der Leser die Figuren), höchstens in seinen Überzeugungen und seinem Nichtglauben, auch wenn er der Religion und dem Transzendenten mehr Raum einräumt. Dagegen ist Gilles de Rais „der des Esseintes des fünfzehnten Jahrhunderts“, weil er zum Beispiel seine Schätze – seine Bücher – mit wertvollem Brokat und Gold einbinden lässt.
Über Durtal heißt es:
In Antwort auf:
Er fand sich wieder vor dieser Sackgasse, welcher er auswich, sobald er ihren Eingang bemerkte, denn er mochte sich noch so aufmerksam beklopfen und behorchen, er fühlte sich nicht durch irgendeinen Glauben erhoben. Entschieden strömte von Gott her keine Berufung auf ihn zu, und ihm selbst fehlte jener zwangläufige Wille, der den Menschen sich hingeben und ohne Rückhalt in die Finsternis der unabänderlichen Dogmen gleiten lässt.


doch:

In Antwort auf:
Zwangsläufig geschah es in jenen Stunden, da er, müde sich mit Phrasen herumzuschlagen, seine Feder hinwarf, dass er vor sich hinblickte und in der Zukunft nichts sah als Anlass zur Bitternis und zur Beunruhigung; dann suchte er Tröstungen, Befriedungsmittel, und notgedrungen sagte er sich, dass einzig noch die Religion mit den sammetweichsten Salben die zuckendsten Wunden zu schließen versteht; aber sie forderte dafür eine derartige Aufgabe des gesunden Menschenverstandes, eine derartige Entschlossenheit, sich über nichts mehr zu wundern, dass er ihr, lauschend zwar, auswich.


Durtal selbst besitzt kaum Geld, aber Huysmans stellt schöne Betrachtungen über das Geld an, da der Protagonist schließlich in seinen Forschungen in eine Zeit zurückkehrt, die von Prunk und Ausschweifung erfüllt war:
In Antwort auf:
Seine Regeln sind beständig und ewig klar bestimmt. Das Geld zieht sich selbst an, sucht sich stets an den nämlichen Orten zu häufen, fließt mit Vorliebe zu den mittelmäßigen und verbrecherischen Naturen; und wenn es im Falle einer unerforschlichen Ausnahmeerscheinung sich um einen Reichen sammelt, dessen Seele weder eines Mörders noch eines Knechtes Seele ist, dann bleibt es unfruchtbar, unfähig sich in ein wahrnehmbares Gut zu lösen, dann bleibt es selbst in eines Wohltäters Händen untauglich, ein höheres Ziel zu erreichen.


Und schlimmer noch ist die Wirkung des Geldes auf die Armut:
In Antwort auf:
… unmittelbar beschmutzt es ihn, wenn er sauber ist; es treibt den keuschesten unter den Bedürftigen zur Unzucht, wirkt zugleich auf den Leib und die Seele ein, bannt seinen Besitzer in niedrigen Egoismus, in unwürdigen Dünkel, flüstert ihm ein, dass er sein Geld ausgebe nur für sich selbst allein, macht aus dem Demütigsten einen unverschämten Lakaien und aus dem Großherzigen einen schmutzigen Filz.

Besonders das Schuldgefühl wird deutlich. Ein armer Mensch, der sich auf einmal dem Reichtum gegenüber sieht, spürt den Stachel, die Erziehung, die er sich durch seine Armut mühselig angeeignet hat (Geld ist dreckig und falsch), wird also ein schlechtes Gewissen haben, sobald er es ausgibt, sobald er es nur für seine Zwecke benutzt, weil ihm stets die Begegnung mit dem reichen Menschen genau diesen Trost vermittelt hat, als er arm war.


In Antwort auf:
Es ist die nahrhafteste Speise der großen Sünden und auch gewissermaßen ihr wachsamer Buchführer; wenn es einem Besitzenden erlaubt sich zu vergessen, Almosen zu geben, einem Armen wohlzutun, dann facht es alsbald im Armen den Hass auf die nämliche Wohltat, spielt gegen den Geiz den Undank aus und stellt so wunderbar das Gleichgewicht her, dass die Rechnung sich ausgleicht und dass dennoch keine Sünde unterlassen bleibt.

Ein Mensch, der einem anderen Menschen Almosen gibt, bedeutet ihm automatisch, ohne bösem Willen, dass er über ihm steht, dass er aus Mitleid handelt, wohingegen der Arme sofort die Größe des anderen spürt und ihn daraufhin verachtet, weil der Neid ihn sofort erreicht, ihn durchströmt, ihm verdeutlicht, in welcher Position er sich nicht befindet und genau in diesem Sinne, in welcher Position er sich befindet: er ist der Kriechende, der Bettelnde, der Bedürftige, und weil ihm das bewusst wird, wird er den anderen auch verachten oder sogar hassen.

Was mich bei Huysmans immer fasziniert ist sein tiefer Blick auf Buch, Literatur und Kunst.
Zum Beispiel das Bild von Grünewald, über das Durtal am Anfang des Buches nachsinnt. Der Jesus für die Armen, nicht der „galiläische Adonis“ mit dem Nimbus. Eine der ersten, realistischen Darstellungen… „der grimmige Urtyp der Kunst“…


... Besonders faszinierend sind die Füße, die im Krampf völlig entgegengesetzt zu den sich öffnenden Armen stehen.

Da Durtal sich mit der Geschichte befasst, genauer mit dem finsteren Mittelalter, hält er ein paar gute Gedanken zur Geschichtsschreibung fest:

In Antwort auf:
Schlimmer noch steht es mit den Dokumenten, auf welche sie sich stützen! Denn keins unter ihnen hält Einschränkungsversuchen und Nachprüfungen stand. Wenn sie nichtapokryph sind, so werden doch andere von gleicher Zuverlässigkeit später ausgegraben, welche ihnen den Stempel der Erdichtung aufdrücken, bis auch diese wieder durch die Ausgrabung von Archiven außer Kurs gesetzt werden, die gleichfalls nicht weniger gewiß sind.


Für Durtal ist also die Geschichte die feierlichste aller Lügen, die kindlichste Lockspeise.

In Antwort auf:
In Wahrheit ist zuverlässige Genauigkeit ein Ding der Unmöglichkeit, so sagte er sich; wie konnte man wohl eindringen in die Ereignisse des Mittelalters, da doch niemand imstande ist, auch nur die neusten Episoden zu erklären, die Unterströme der Revolution, das Pfahlwerk der Kommune?


Allgemein, Geschichte ist Schätzung, Täuschung, Möglichkeit. Der Mensch forscht und forscht, und wie oft wird es vorkommen, dass fehlende Lücken einfach aufgefüllt werden, um eine Erklärung bereit zu haben. Dazu wird Geschichtsschreibung auch nur durch die gefördert, die das Geld dafür aufbringen. Wie leicht lässt sich hier verfälschen und an das anpassen, was die Menschheit wissen darf und was ihr besser vorenthalten bleibt.
Phantasie und Wahrheitsuntreue scheint das Grundmuster der Geschichtsschreibung zu sein:
In Antwort auf:

Die anderen waren dabei, papierenen Staub zu durchschnüffeln, sie begnügten sich damit, auf ihre Korkplatten vermischte Nachrichten zu spießen. Im Gefolge des Herrn Taine leimten sie Notizen, um eine hinter die andere zu kleben, doch wohlgemerkt, sie bewahrten einzig diejenigen auf, welche den Fantasien ihrer Erzählungen Halt geben konnten.


Auch Biographen sind Verfälscher:
In Antwort auf:

Fast hätte man glauben sollen, dass diese Sorte von Historikern, wenn sie ihre Monographien schrieb, sich zu schänden fürchtete durch die Berührung mit Schriftstellern oder Malern, deren Leben von Sturmstößen durchrüttelt war. Ohne Zweifel lebten sie in dem Wunsche, Bürger nach ihrem Bilde in ihnen zu finden…



Ein weiteres Bild taucht bei Huysmans auf, es ist von Jean Fouquet gemalt, hängt im Louvre und gehört zu denen, die des Hermies nicht vergessen kann. Dort ist Karl der Siebte abgebildet. Es erinnert an eine Karikatur, an einen mexikanischen, versoffenen Clown.

Des Hermies dazu:
In Antwort auf:
„Es scheint, als habe Fouquet einen schlechten Priester gemalt, verschnupft und verkatert.“

Am Hof Karl des Siebten also taucht die Gestalt Gilles de Rais auf. Er war Jeanne d’Arc ergeben und kämpfte an ihrer Seite.
Im Mai 1430 wurde Jeanne d’Arc vor Compiègne gefangen genommen. König Karl VII., der ihr Freiheit und Krone zu verdanken hatte, tat nichts, um der Jungfrau zu helfen. Er ließ es tatenlos geschehen, dass sie am 30. Mai 1431 in Rouen bei lebendigem Leib verbrannt wurde.

Dieses Geschehnis muss auf Gilles de Rais eine unselige Wirkung gehabt haben. 1431 zog er sich auf seine Güter bei Nantes zurück. In den Schlössern von Tiffauges und Camptoce sowie dem Kastell La Suze ergab er sich zunächst alchimistischen Studien. Durch sein ausschweifenden Leben hatte er nach und nach seinen Reichtum verloren, nun hoffte er diesen durch die Alchemie zurückzugewinnen und wollte Gold erzeugen. Das hoffte er mit santanischen Beschwörungen zu erreichen. Er gab enorme Summen für Geisterbeschwörer aus, die den Teufel für seine Ziele einspannen sollten. Auf der anderen Seite versuchte er, das Böse durch großzügige Wohltätigkeit und prachtvolle Gottesdienste abzuwenden.
Dann aber arteten die Dinge immer weiter aus.
Schon während seiner Kämpfe gegen die Engländer war bei de Rais eine sadistische Ader zum Vorschein gekommen. Er pflegte Kriegsgefangene eigenhändig in einer qualvollen Prozedur zu hängen. Nun – im Schutze der Provinz – brach sich seine gewalttätige Natur endgültig Bahn.
Sein erstes Opfer war ein Bauernjunge. Er erwürgte das Kind und schlug ihm die Hände ab. Dann riss er ihm Augen und das Herz heraus. Das abfließende Blut benutzte er als Tinte, um damit okkulte Texte zu verfassen. Die Häscher des Gilles de Rais entführten Woche für Woche Kinder, die der Schlossherr vergewaltigte und dann in ihren Eingeweiden wühlte. Seine Folterungen wurden immer bizarrer. Auch ließ er die abgeschlagenen Kinderköpfe schminken und aufspießen, um dann makabere „Schönheitskonkurrenzen“ zu veranstalten. Seine entsetzte Gemahlin verließ ihn 1434, schwieg aber über das blutige Familiengeheimnis.
Obwohl immer dann, wenn Gilles de Rais eine seiner Burgen aufsuchte, am nächsten Tag mehrere Kinder der Gegend für immer verschwanden, wagte niemand, den mächtigen Baron offen zu verdächtigen. Er stand auf gutem Fuß mit Obrigkeit und Klerus.
Die Zahl seiner Opfer wird in den kirchlichen Untersuchungsprotokollen mit 140 angegeben, jedoch wird berichtet, dass es noch weit mehr waren. Seine erstaunliche Unantastbarkeit fand 1440 ein Ende, als er durch eine Gewalttat, verbunden mit einem Sakrileg und einer Verletzung der Immunität des Klerus, mit der Kirche in Konflikt geriet.
1440 beging Rais jedoch einen entscheidenden Fehler. Er ließ den Priester Jean le Ferron, dessen Bruder ihm Geld schuldete, während einer Pfingstmesse in der Kirche überfallen und gefangen nehmen. Mit diesem Übergriff machte er sich den Bischof von Nantes zum Feind. Der war schon lange hellhörig geworden, als Gerüchte kursierten, wonach auf Rais Burgen „allerlei nichtsnutziges Volk“ Skelettreste beseitigt habe.
Im September 1440 leitete der Bischof ein förmliches Verfahren gegen Gilles de Rais ein. Als seine Untersuchungsrichter auf Burg Tiffauges die Überreste der hingeschlachteten Kinder fanden, wurde er des Massenmordes, der Dämonenbeschwörung, Sodomie und Ketzerei angeklagt. Am 15. Oktober 1440 begann der Prozess und sechs Tage später legte Rais vor Gericht ein Geständnis ab, aus freien Stücken, ohne dass man ihn gefoltert hätte. Er bestand darauf, sein Bekenntnis in Französisch statt Latein abzulegen, damit das einfache Volk ihn verstehen konnte und „zur Ermahnung aller Familienväter, damit sie wachen über ihre Kinder“.

Der Angeklagte erging sich in ebenso zynischen wie genüsslichen Schilderungen der Morde und redete fast pausenlos. Am 26. Oktober 1440 wurde dieses Ungeheuer in Menschengestalt erwürgt und abschließend sein Körper verbrannt. Bei Wikipedia heißt es dagegen, dass er am Galgen endete. Für die Literatur jedenfalls gab der Fall immerhin willkommenen Stoff ab.
Durtal und des Hermies fragen sich, wie es möglich sein konnte, dass aus diesem vorher so frommen Mann, der an Jeanne d’Arc’s Seite kämpfte, dieser Satanist und Kinderschänder wurde. Durtal liefert eine schlüssige These:

In Antwort auf:
Dieser Mann war ein echter Mystiker. Er hatte die ungemeinsten Ereignisse beobachtet, welche die Geschichte jemals aufzuweisen hatte. Der Umgang mit Jeanne d’Arc hatte sicherlich den Aufschwung seiner Seele zu Gott zur Überspannung gebracht. Es ist ja vom übersteigerten Mystizismus bis zum verzweifelten Satanismus auch nur ein Schritt. Im Jenseits berührt sich alles. Er hat die Leidenschaftswut der Gebete ins Gebiet des Abwegigen verpflanzt.


Rais unterscheidet sich kaum von der damaligen „Pracht der Ausschweifungen“, da in dieser Epoche die Fürsten allgemein „fürchterliche Menschenfresser“ waren.
Durtal sagt ganz richtig:

In Antwort auf:
Und ganz gewiss ist der Marquis de Sade nichts als ein schüchterner Bürger, ein ärmlicher Fantast neben ihm.


Für einen Mann, der in seinem Prozess verkündet hat:
Ich bin geboren unter einem solchen Stern, dass niemand in der Welt jemals getan hat noch jemals wird tun können, was ich vollbracht.
… ist das Verbrechen zum Heiligenschein geworden.

Des Hermies erklärt zusammenfassend:
In Antwort auf:
Es ist sehr schwierig, ein Heiliger zu sein… da bleibt denn nichts übrig als Satanist zu werden. Eines von den beiden extremen. – Die Ohnmächtigkeit verwünschen, das Mittelmäßige hassen: das ist vielleicht eine der gnädigsten Begriffsbestimmungen für den Teufelskult.

Durtal dazu:
In Antwort auf:
Es lässt sich ein Stolz denken, der im Verbrechen die gleiche Wertstärke erreichen will, die ein Heiliger in der Tugend gewinnt. Darin steckt der ganze Gilles de Rais.


Marquis de Sade hat diesen Hang übrigens philosophisch gut erläutert.

Bei Huysmans erfährt man nicht nur von Gilles de Rais und den verschiedenen Ritualen und Praktiken des Satanismus in den vorangegangenen Jahrhunderten, sondern auch von der Suche nach dem Stein der Weisen, dem Bau von Glocken, von den Heilmethoden alter Zeiten, von „der Wissenschaft der Einfältigen“, von der Elektrizität in Pflanzen, von Dämonen und Folterungen, von Wahnsinn und Verbrechen, von den körperlichen Unreinheiten der Heiligen. Der Protagonist besucht sogar das mittelalterliche Schloss Tiffauges, wo die zahlreichen Schädel, Skelettreste und Leichenteile all der Kinder gefunden wurden, die Gilles de Rais gequält, misshandelt und ermordet hatte. Diese Grausamkeiten werden nach und nach von Huysmans aufgezählt, dass einem dabei das Würgen kommt. Es ist schrecklich, welchen Ausmaß die Abartigkeiten nehmen, die de Rais mit den Kindern vollzieht. Er quält sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch, während er sie langsam abschlachtet. Noch Jahrhunderte später wurden neue Kammern mit Schädeln und Skeletten entdeckt. De Rais treibt sich selbst in den Wahnsinn, von Reue und der immer wieder durchschimmernden Bestie in sich, flieht er in den Wald und erkennt dort unter der eigenen Raserei in jedem Baum die sexuellen und krankhaften Triebe seiner selbst, bis er in seiner eigenen Stimme all die Schreie der Kinder hört, die er getötet hat. Das alles ist nichts für schwache Gemüter.

Durtal selbst ringt mit einer Leidenschaft zu einer Frau, die ihm fast schon besessene Briefe schreibt. Er lernt sie kennen und muss feststellen, dass es sich um eine bekannte und recht nüchtern wirkende Frau handelt, in deren Abwehr er ein Spiel erkennen will. Er bedrängt sie und überlegt tatsächlich, ob er sie nicht vergewaltigen soll. Hier zeigt sich, dass seine Studien bereits Wirkung auf ihn zeigen, die Gespräche mit des Hermies und dem Glöckner tun das übrige. Noch bleibt all das Vorstellung, und sein Blick auf den lüsternen, abartigen de Rais zeigt ihm, wie dürftig seine seelischen Kämpfe um diese Frau doch eigentlich sind. In ihr schafft Huysmans übrigens ein Abbild der hysterischen Frau, die mir mal wieder ziemlich auf die Nerven geht und mich stark an die Exemplare montherlant’schen Erfindungen erinnert. Die Frau stellt sich dann doch als etwas anderes heraus, als man zuerst vermutet, denn sie und ihr Mann verbergen ein eigenes Interesse am Satanismus.
Auch erfährt man, dass der wirkliche Blaubart nicht Gilles de Rais, sondern ein bretonischer König namens Comor ist.
In Antwort auf:

Dieser König warb bei Guérock, dem Grafen von Vannes, um die Hand seiner Tochter Triphine. Guérock schlug ab, weil er hatte sagen hören, dass dieser König, der ständig Witwer war, seine Frauen erwürgte; schließlich versprach ihm St. Gildas, er werde ihm seine Tochter wohlbehalten zurückgeben, wann immer er sie verlange, und die Verbindung wurde gefeiert. Einige Monate später erfuhr Triphine, dass in der Tat Comor seine Gefährtinnen tötete, sobald sie schwanger wurden. Nun stand sie selbst vor der Schwangerschaft und floh, doch ihr Gatte holte sie ein und schnitt ihr den Hals durch. Der untröstliche Vater forderte St. Gidas auf, er möge sein Versprechen halten, und der Heilige erweckte Triphine zum Leben.

Leider lässt sich nicht nachvollziehen, wie der Name „Blaubart“ von dem einen zu Gilles de Rais hinüberwanderte.

Das Buch ist hoch interessant, Huysmans Sprache ein Genuss, der Inhalt verwirrend und grausam.
Hat man Gefallen an "Gegen den Strich" gefunden, wird man auch hier die gleiche Begeisterung wiederfinden.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.03.2009 19:11 | nach oben springen


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