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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 04.02.2008 21:31
von Martinus • 3.194 Beiträge
Cesare Pavese sagte über sich selbst:

Zitat von Pavese
Ich bin kein Mensch für eine Biographie. Das einzige, was ich einmal hinterlasse, sind ein paar Bücher, worin alles von mir gesagt ist...


Trotzdem zu Beginn ein paar Worte über ihn selbst. Pavese ist am 09. September 1908 in dem Dorf S.Stefano Belbo geboren. Geografisch im Piemont gelegen, befindet sich sein Geburtsort an der Grenze zwischen den Provinzen Asti und Cuneo, den bäuerlichsten Gegenden des Piemont. Dort in der hügeligen Landschaft mit seinenWeinbergen und Wäldern, verbringt Pavese seine Kindheit. Cesare ist sechs Jahre alt, da stirbt sein Vater am Gehirntumor, seine Mutter übernimmt die Verantwortung über die Familie.

Paveses Biograf Davide Lajolo* schreibt über die Mutter:

Zitat von Pavese
Cesares Mutter gehört zu den Frauen, die mutig, streng und stark sind. Eine Piemonteserin; sie machte nicht viel Worte, sie hatte gelernt, tüchtig zu arbeiten, zu sparen, die Kinder kurz am Zügel zu halten. Ihre Liebe kann sie nur darin zeigen, daß sie für sie arbeitet.


Unter mütterlicher Strenge wächst Pavese auf. Damals schon spürt er eine innere Leere und wird schweigsamer. Als ihm eine Brille verschrieben wird, sei sein Blick hinter der Brille noch scheuer geworden, heißt es bei Lajolo. In der Schule schweifen seine Gedanken im in andere Sphären. Zusätzlich zum Zeugnis, wird den Eltern ein Bemerkungsheft ausgehändigt, in dem regelmäßig zu lesen ist:

In Antwort auf:
Euer Sohn erreicht die Note Genügend, könnte jedoch sehr viel mehr leisten. Er ist klug, aber zu uninteressiert.


Als ob Pavese irgendwas gesucht hätte, verwandelt sich Pavese durch die Lektüre von D'Annunzio und entwickelt sich zu einem äußerst fleißigen Schüler. Im Lyceum „Massimo D'Azeglio“ in Turin schwärmt er für den piemonteser Dichter Vittorio Alfieri und gilt unter Freunden als „Büffler“. Obwohl Pavese unter Asthma leidet, versäumt er keinen Schultag. Im Lyceum wird er vom Professor Augusto Monti entscheidend gefördert, der ihm die Klassiker nahebringt und in seinem Unterricht geschickt seine antifaschistische Überzeugung einstreut, wenn sie Dantes „De monarchia“ und Machiavellis „Il principe“ lesen; also verdeckt. Seine Schüler verlassen den Unterricht als „Tyrannenhasser.“

Als er in Turin ins Gymnasium ging (vor der Zeit im Lyceum) schaut er heimlich den Mädchen nach. Sein scheuer Blick wirkt unfreundlich. „Doch“, so meint sein Biograf, „die Beharrlichkeit dieses Blickes zeigt, daß es gerade eine zärtliche Empfindung ist, die ihn so scheu macht und ihn zwingt, sich noch mehr in sich selbst zu verschließen.“

Hier entdecken wir schon ein Motiv aus einigen Erzählungen: Die Unerreichbarkeit der Frauen.

Selbstverständlich ist es grundsätzlich so, dass literarische Werke unabhängig von der Person des Autors verstanden werden müssen. Auf diese Weise kann auch das Werk Paveses gelesen werden. Trotzdem spiegelt sich Pavese selbst in seinem Werk wieder, gerade wenn es um Einsamkeit, um Frauen und um Selbstmord geht.

Ich lese in folgenden Ausgaben:
"Die Nacht von San Rocco", Erzählungen Band I (1936-1938 )
"Die Wiese der Toten", Erzählungen Band II (1940-1946)

beides bei Claassen Verlag, Hamburg, 1992


„Das Idol“ (1937)

Eine herrliche Geschichte über die Unerreichbarkeit einer Frau schildert der Autor in „Das Idol“. Leserinnen können nun nachvollziehen, wie Männer leiden, wenn sie eine bestimmte Frau nicht bekommen können. Inhaltlich etwas verwandt mit Dino Buzzatis Roman „Amore“. Mina, eine Freundin des Erzählers, arbeitet inzwischen in einem Bordell....“Ihr Männer wollt immer die, die nicht da ist“, heißt es auch noch. Die Thematik einer vergangenen Jugend haucht durch die Geschichte, die Guido nicht mehr zurückholen kann.

Die Unerreichbarkeit zur Weiblichkeit geht bei Pavese so weit, dass der Mann, die Leidenschaft einer Frau auf die Nerven geht, er die Leidenschaft kategorisch ablehnt. Es geht um die Geschichte

„Die Selbstmörder“ (1938 )
In Antwort auf:

Es sollte ein für allemal klar sein, daß wir uns nur aus Langeweile liebten, aus schlechter Angewohnheit, aus irgendeinem beliebigen Beweggrund...


Wieso denn?

In Antwort auf:
Es gibt Tage, wo die Stadt, in der ich lebe, die Leute, der Verkehr, die Bäume, wo alles am Morgen mit einem seltsamen Aussehen erwacht, gewohnt und doch fremd, etwa wie in jenen Augenblicken, wenn man sich in den Spiegel betrachtet und fragt: >Wer ist das wohl? Für mich sind das die einzigen liebenswerten Tage im Jahr.


So beginnt die Geschichte. Er erkennt sich nicht mehr im Spiegel, weil er sich nicht mehr mit dem, was man Leben nennt, identifiziert. Für ihn ist das geradezu ein Segen, weil er „innerhalb weniger Jahre Enttäuschungen und brennende Gewissensqualen erlitten..“ hat. Das hinter den Qualen eine Frau steckt, die wohl enttäuscht hat, zeigt dieses:
In Antwort auf:

Ich bin für die Stürme und für den Kampf nicht geschaffen; wenn ich auch an manchen Vormittagen hinuntergehe, zitternd vor Verlangen, die Straßen dzu durcheilen, und mein Schritt einer Herausforderung gleicht, so wiederhole ich: nichts fordere ich vom Leben, als daß es sich betrachten läßt.


Außenstehend das Leben betrachten, Einsamkeit und Langeweile, innere Leere, dem Leben überdrüssig sein. Das vermitteln mir solche Worte. Solche eine Existenz ist absurd. Wir Menschen legen dem Leben immer einen Wert bei. Einen Genuss, Freude, von mir aus auch Trauer. Wir nehmen Schönes war, wir finden irgendetwas furchtbar. Die Existenz dieses Niemandes in der Erzählung, erfährt einfach nur Nichts: Blanke Existenz der Dinge. Man stelle sich die Umwelt als lebloses Atomgewirr vor, und die Frau in der Geschichte als 66% Wasser und aus verbleibenden Rest andere biochemischen Verbindungen, dann können wir vielleicht erahnen, wie der Protagonist die Umwelt erlebt. Dieses Herauskatapultieren aus dem Leben kommt schon einem Selbstmord gleich.

In „Hochzeitsreise“(1936) ist der Mann mit einer Frau verheiratet. Der Mann aber, der die Einsamkeit einer Ehe vorzieht, warum ist dieser mit der Frau verheiratet? Auch hier erscheint die Verbindung zu der Frau völlig sinnlos. Sie macht einen Aufstand, weil der Mann des Nachts nur mal alleine spazieren gehen wollte.

Diese Entfremdungen, dieses offenbar Sinnlose, die Frage nach dem Dasein, genau, das ist es, was hängenbleibt.

Die Teilnahmslosigkeit am Leben, das Leben in Sinnlosigkeit, erinnert mich doch irgendwie an „Der Fremde“ von Camus.

In diesen Geschichten kann einiges autobiografisches, bzw. einiges von der Wesensart Paveses herausgefiltert werden. Es ist die Frage, ob ich mich darauf einlassen soll. Im Moment finde ich es sehr schön, nicht immer in den Autor hineinschauen zu wollen, sondern die Geschichten so stehen und wirken zu lassen, wie sie sind. Da Pavese aber in dem Zitat zu Beginn dieses Threads den Leser dazu verführt, Betrachtungen zwischen Autor/ Werk anzustellen, wollte ich auf diese Möglichkeit der Lesart wenigstens etwas eingehen (ausführlicher bei Lajolo*).

Liebe Grüße
Martinus

PS: * Davide Lajolo: Kadenz des Leidens, Leben und Werk des Cesare Pavese, Hamburg, 1964



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.02.2008 14:55 | nach oben springen

#2

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 06.02.2008 14:17
von Martinus • 3.194 Beiträge
„Ein Ruf“(1940) ist so eine Geschichte, die freien Raum für Interpretationen zulässt. Hierin finde ich einige wunderbarste Stellen, die, so kann ich inzwischen sagen, typisch Pavese sind. Erinnerungen an das Leben auf dem Lande, Spaziergänge des Nachts.

Ich sage mal, die ganze Geschichte ist ein Traum. Nur am Ende, wenn er durch die Tür geht ins Freie hinter einer Fabrik herauskommt, dann ist er wach.

Die wunderbare Passage über die Mohnblumen, die er sieht, wenn er aus dem Fenster schaut, die Mohnblumen sind so intensiv, dass der Erzähler sie für real hält, aber nicht für einen Traum.

Zitat von Pavese
>Wäre all das ein Traum, so würde jemand in den Mohnblumen auftauchen, es würde etwas geschehen, denn in den Träumen hat alles seine Bedeutung<


Es geht um das Deuten von Träumen. In der Gestaltung der Träume ist, so wird erzählt, ein sog. Operator erforderlich, der in den Träumen bestimmte Sequenzen einbaut, z. B. einen verlorenen Schuh, der eine bestimmte Bedeutung hat.

Hier mögen Paveses Erinnerungen an sein Leben auf dem Lande (in seiner Kindheit) ein Rolle spielen. Wie herrlich folgende Wendung:

Zitat von Pavese
Dieses Gefühl von Vertrauen ist mir ziemlich geläufig, er erfaßt mich, sooft ich von einem geschlossenen Platz aus einen Blick in den Himmel werfe, auf die Bäume, in die Luft. Es ist, als hätte ich einen Moment an die Existenz der Dinge gezweifelt, und dieser Blick beruhigte mich wieder.


Ganz fantastisch: Durch den Blick in die Natur die Vertrautheit an die Existenz wiedergewonnen.

Zitat von Pavese
...den geschlossenen Raum aufzusuchen, um, wenn ich die Nase an die Luft stecke, den Augenblick der Befreiung zu genießen. Daher kommt es, daß ich ein großer Besucher von Cafés und Osterien bin; ich setze mich gern unter den Fenstern im Halbdunkel in die Ecken.


Es scheint so, ähnlich wie in „Die Selbstmörder“, dass die Außenwelt nicht als lebendig wahrgenommen wird, hier wieder ein Außenstehender, der vielleicht auch nur betrachtet und ewig in seinem Dasein umherwandelt.

Oohhh, mir fällt jetzt plötzlich Fernando Pessoa ein. Aus „Das Buch der Unruhe“:
Zitat von Pessoa

„Ich betrachte das Leben als eine Herberge, in der ich verweilen muß, bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft“ (§1)

„Was bleibt jemandem, der wie ich lebendig ist und doch kein Leben zu haben versteht...“ (§1)

„Da ich also weder an Gott noch an eine Summe von Lebewesen glauben konnte, verblieb ich wie andere Außenseiter in jener Distanz zu allem,...“ (§1)

„Ich liebe die Stille langer Sommerabende in der Unterstadt...und all die traurigen Straßen..die lange unterbrochene Linie des stillen Kais, sie alle trösten mich mit ihrer Schwermut, wenn ich mich an diesen Abenden in ihr Labyrinth der Einsamkeit begebe.“ (§3)


Soweit mein Schlenker zum Portugiesen.

In „Ein Ruf“ heißt es noch:

Zitat von Pavese
"Ich war immer ein unglücklicher Mensch“, sagte ich. „Aber mehr noch ein Junge als ein Unglücklicher. In manchen Nächten tut es mir leid, schlafen zu gehen, und das scheint mir verlorene Zeit. Ich möchte immerzu wach sein, bereit zu atmen und zu schauen. Für mich ist es ein Vergnügen, wie verrückt aus dem Haus zu rennen und mir das Wetter anzu sehen., die Menschen, die vorübergehen, den Geruch zu spüren. Dann ist es schön, darüber nachzudenken."


Er war immer ein Unglücklicher. Im Traum warnt Masino, der ihm gegenübersitzt:
Zitat von Pavese

Es ist so wenig Zeit. Und du mußt so rasch wie möglich alles Freuden suchen, die dir erreichbar sind. Denn im Augenblick, wo du wach wirst, ist es aus.


Wenn er wach wird, kommt er hinter einer Fabrik hinaus. Vielleicht erwartet ihn dort die Schwere des Lebens.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.02.2008 15:44 | nach oben springen

#3

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 06.02.2008 20:52
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge
Hm..., das klingt sehr träumerisch. Vielleicht erblickt er auch den Mohn als Opiat, um den Schlaf, den Traum zu verdeutlichen und gleichzeitig als Wirkliches ins Bild zu setzen?

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.02.2008 20:53 | nach oben springen

#4

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 06.02.2008 21:38
von Martinus • 3.194 Beiträge

Er träumt, er sitzt in der Stadt im Wirtshaus, und wenn er dort aus dem Fenster schaut, sieht er ebenfalls Mohnblumen, und da er dort in Turin nicht die Trambahn hört, ist für mich ebenfalls ein Hinweis, dass er träumt. Mag sein, dass Pavese bewusst den Mohn als Rauschpflanze gewählt hat. Guter Gedanke. Pavese macht in dieser Beziehung keine weiteren Andeutungen. Er überlässt alles den Leser. Ein Mann ohne viele Worte, aber mit großer poetischer Kraft erzeugt er Stimmungen und Bilder. Ein feinfühliger Wortzauberer.

Martinus lässt Grüßen




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#5

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 08.02.2008 19:35
von Martinus • 3.194 Beiträge
Cesare Pavese schrieb einen kurzen Roman "Am Strand". Dieses Büchlein verbirgt sich irgendwo unter meinen Büchern. In der Erzählung "Land der Verbannung"(1936) spaziert der Erzähler am Strand:

In Antwort auf:
Der Strand war trostlos, aber nicht abstoßend. Gern ging ich, so entsetzlich langweilig war es im Dorf, am Morgen oder gegen Abend den Strand entlang, auf den vom Wasser rund geschliffenen Steinen, weil ich mich nicht im Sand abplagen wollte.


Der Aufenthalt in diesem Dorf, abgeschieden von der Welt, da können sich Besucher schon verbannt vorkommen. Der Erzähler ist Ingenieur, eine Straße soll geteert werden, so ist er eine längere Zeit dorthin verbannt.

In Antwort auf:
Die Wellen kamen am Ufer fast gerauschlos an, als wären sie von der ungeheuren Wasserfläche zermalmt.


Otino ist wirklich hierhin verbannt worden, weil er einen Soldaten verprügelte, der sich an seine Frau heranmachen wollte. An diesem Ort ist man von Frauen verlassen, da wird in regelmäßigen Abständen eine Hure aus der Stadt geholt. Das Dorf, so heißt es wirkte unfreundlich, weil sich die „blühenden Frauen“ nicht auf der Straße blicken ließen. Cicco der Bettler ist ein wenig verrückt, weil seine Frau mit einem anderen verschwunden war, und Otino, wartet umsonst auf seine Frau, er wird sie niemals wiedersehen, zwei Jahre lang hat er sinnlos gewartet. Und der Ingenieur?

In Antwort auf:
Die Qual, fast waren es Gewissensbisse, die mir die Erbitterung des Verbannten bereitete, nahm mir das letzte Interesse, das ich für das Leben dort aufbringen konnte. Ich sehnte mich nun danach, von hier, wie von einer öden Insel, fortzukommen. Und doch – je näher der erhoffte Tag des Anschieds heranrückte, um so mehr überließ ich mich mit einem Vergnügen der trostlosen Atmosphäre dieses Ortes.


Cesare Pavese wurde verbannt, weil er im engen Kontakt mit einer Gruppe von Antifaschisten stand, alles Freunde vom Lyceum D' Azeglio. Als Pavese nach einem Jahr aus der Verbannung zurückkam, war die Frau, die für ihn am meisten bedeutet hat, mit jemanden anders verheiratet. Pavese hat das nie verwinnden können. In Gedichten taucht die Freundin als „die Frau mit der rauhen Stimme“ auf. Im Konzept hatte unsere besprochene Geschichte den Titel „Sterilità".

In der Erzählung "Die Selbstmörder" begegnen wir den Schatten dieser Frau:
In Antwort auf:

Ich habe innerhalb weniger Jahre Enttäuschungen und brennende Gewissensqualen erlitten...



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 18.02.2008 18:00 | nach oben springen

#6

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 16.02.2008 17:32
von Martinus • 3.194 Beiträge

In „Kanaillen“ (1937) begegnen wir wieder einen Pfarrer, diesmal ist es ein Geistlicher, der in die Verbannung geschickt werden soll. Das Gefängnis, in dem diese Geschichte spielt, ist ein Übergangsgefängnis, wo straffällige ersteinmal hinverfrachtet werden, bevor sie richterlich verurteilt werden. (es wäre natürlich interessant zu wissen, warum Geistliche unter Mussolini in Verbannung geraten konnten). In „Kanallien“ finden wir über die Gründe nur Andeutungen.

Die Verantwortung und der Druck von Vorgesetzten gegenüber den Gefängniswärtern war groß. Ein Insasse, Rocco, ist geflüchtet, und der zuständige Gefängniswärter Angst vor Konsequenzen. Die Diktatur spürt man im Nacken.

Mir gefällt es sehr, wie sich die Geschichte aus Andeutungen entwickelt. Wie ein heißes Eisen muss es Rocco unter den Fingernägeln brennen, wenn er es wagt, auszubrechen, und nochmal die direkte Konfrontation zu einer Dienstmagd sucht. Eigentlich ist das Verbrechen, eine Beziehungstat, völlig sinnlos gewesen. Das persönlich Tragische eines Menschen wird hier einer Diktatur gegenübergestellt, die sogar Priester (zu Unrecht) verbannt.

„Freunde“ (1937)

Der geschichtliche Hintergrund der Erzählung ist Mussolinis Einfall1935 in Abessinien (=Äthiopien) im Jahre 1935. Das Land wurde von grausamen Massakern überrollt, es gab sogar Konzentrationslager.

Zwei Freunde, sie erinnern sich an früher, natürlich auch an die Mädchen von früher. Der eine, der Rote, ist erst aus Afrika heimgekehrt, aus dem Krieg. Celestino, der andere, ist inzwischen verheiratet und hat sich sehr verändert. Der Rote macht sich ein wenig lustig über ihn, weil er keinen Wein mehr trinkt. Seine Frau mag keine nach alkoholstinkenden Männer.

In Antwort auf:
„..sie würde nichts sagen wegen Carmela, aber sie würde in helle Wut geraten, wenn ich nach einem guten Trunk heimkäme.“


Es fällt auf, der Rote erzählt von Afrikaerlebnissen, als ob der Aufenthalt dort nur ein frivoles Abenteuer gewesen wäre. Doch der Ernst blinkt auch durch diese Geschichte

In Antwort auf:
„Aber ich habe gemerkt: Krieg machen darf man nur zu vielen. Aber einen umbringen – das ist zum Verrücktwerden.“

„Hast du welche umgebracht?“ sagte Celestino und stand auf.
„Ich weiß nicht. Niemand weiß das. Ich habe sie gesehen, wenn sie schon tot waren. Das schon".


Ganz schön harte Sätze. Die unpersönliche Konfrontation mit dem Feind. Der Schütze am Abzug bekommt gar nicht das morden mit. Er drückt nur ab, der Feind ist so weit, dass er ihn gar nicht in die Augen blicken kann. Der Wahnsinn des Krieges. Umbringen wollte der Rote niemanden. Er wäre doch nie so unbekümmert geblieben, wenn es ein Kampf von Mann zu Mann gegeben hätte. So macht er sich humorvoll ein wenig lustig, dass Celestino seine äußere Freiheit aufgegeben hat, in dem sein Freund in den Stand der Ehe eingetreten ist. Die Geschichte über die Freunde ist auch eine Geschichte ihrer Entfremdung. Ihr Schicksal verläuft diametral.

Ob er wenigstens Orangensaft trinken darf, fragt der Rote.




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#7

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 22.02.2008 21:48
von Martinus • 3.194 Beiträge
„Die Familie“(1941)

Die längste Erzählung und es hat doch lange gedauert, bis sich erschlossen hat, warum die Erzählung „Die Familie“ heißt und bisher die Erste, in der der Ich-Erzähler über jemanden anders erzählt, nämlich über Corradino, einem Mann, und das ist typisch Pavese, der Kontakte zu einigen Frauen pflegt, ohne sich je binden lassen zu wollen, weil er offenbar aus extremer Schüchternheit jeder Verantwortung als Mann versagen möchte.

Zitat von Pavese
...wenn eine Frau Widerstand leiste, sei für den Schüchternen viel gewonnen.


Das ist schon tragischkomisch.

Zitat von Pavese
>Ich habe mir nie Kinder geleistet, ich habe mich nie an jemanden binden mögen. Das ist meine Natur...<


und begegnet er Cate, mit der er, ohne seines Wissens, ein Kind gezeugt hatte. Wenn wir den Titel der Geschichte nun anschauen, so haben wir jetzt wirklich eine Familie zusammen, aber, wie es sich heraustellt, ziemlich brüchig. Eine Familie, die keine wirkliche Familie ist, aber in Corradino schlummert doch ein wenig Sehnsucht an eine Familie.

Und jetzt kommt es, worauf es hinauszugehen scheint:

Zitat von Pavese
diesmal fand ihn die Krise als Mann, sie bot ihm statt Torheiten Wirklichkeiten Leben von Menschen, das Problem, wie er sich verhalten sollte; und das entriß ihn seiner Isoliertheit.


Wie schon im Erzähler von „Die Selbstmörder“ sehen wir in Corradino einen Mann, der eigentlich außerhalb des Lebens steht.

Die Geschichte beginnt ja in der Erinnerung an eine Bootsfahrt. Man fuhr damals mit einem Mädchen im Boot hinaus. Es scheint so, als ob damals, als Corradino Cate mitnahm, irgendetwas passiert ist, warum er nun sehr verschüchtert dahinlebt (Das ist mein Eindruck). Vielleicht der "Schock" einer ersten erotischen Begegnung.


"Die Wiese der Toten"(1941?)

Eine sehr düstere Geschichte, ja, grausig. Was mag Pavese hier getrieben haben?. Vielleicht ist der Schatten des Krieges auf seinen Schreibbogen gefallen.

Der Mond, die Nacht, der "Lärm des Orchesters", die Toten auf der Wiese. Das sind hier die Vokabeln des Grauens.

Die Wiese, die mit hölzernen Baracken weiter hinten abgeschlossen war. Ich assoziiere einen Hinrichtungsplatz. Der Erzähler schaut aus einem Fenster auf die Wiese, unter dem Fenster floss ein Kanal, dessen Wasser durch schwarzes Gitter unter den Häusern hervorquoll. Allein dieses Bild zeichnet schon Schrecken genug, abgesehen davon, dass sich früher Selbstmörder in den Kanal stürzten.

Ein Hinrichtungsplatz der Faschisten?

Im Mondesschein gehrt ein Paar auf die Wiese. Vor dem Verbrechen ein Meinungsaustausch.

Zitat von Pavese
Ich möchte wetten, daß das Opfer, wenn es einen Schrei ausstieß, erstickt, als wäre es ein Seufzer, und wenn es, selten genug, danach auf dem Gras liegen blieb, röchelte und noch um sich schlug, plötzlich zu der Einsicht kam, es habe immer gewußt, daß es so enden werde.


Und noch ein Zitat:

Zitat von Pavese
Auch der Mörder fehlte nicht, der nach vollbrachter Tat unentschlossen stehenblieb, um den Himmel, den niederen Horizont zu betrachten. Warscheinlichfragte er sich, wie der Platz wohl am hellen Tag aussähe, und suchte ihn seines mondhaften Schreckens zu entkleiden und ihn sich vorzustellen alsa irgendeinen beliebigen Ort unter der Sonne, wie die ganze Stadt hinten von Hügeln umrahmt. Das waren die Augenblicke , wo man über die Häuser hinweg den Lärm des Orchersters oder aufprallende Bocciakugeln hörte. Da riß der Mörder aus.


Es reizt hier zu interpretieren: Italien ist im Krieg. Es wird sinnlos gemordet. Die Faschisten herrschen mit Gewalt. Mal wird ein Mädchen gemordet, dann kommen zwei Männer. Einer von denen wird vom anderen umgebracht. Sinnlos diese Gewalt, die Pavese im Mondlicht schreckhaft gezeichnet hat.



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zuletzt bearbeitet 22.02.2008 22:00 | nach oben springen

#8

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 10.03.2008 17:32
von Martinus • 3.194 Beiträge
In den späten Erzählungen geht Pavese sehr oft in seine Kindheit und Jugendzeit zurück, in das Dorfleben, zu den Hügeln des Piemont.

Die Erzählung "Signor Pietro" (1942) beginnt autobiografisch, es sieht sogar so aus, als ob die erste Seite dieser Erzählung 100% biografisch ist:

„Mein Vater starb, als ich sechs Jahre alt war...

Meine Mutter hatte versucht, mich so streng zu erziehen, wie es ein Mann tun würde, aber sie hatte damit nur erreicht, daß es bei uns weder einen Kuß noch ein Wort zuviel gab und ich nicht wußte, was eine Familie ist.

Ich war lieber am Hauptbahnhof, dessen geschäftiges Hin und Her mir gefiel, oder wanderte in bestimmten, von dem unseren entfernten Vierteln umher, wo es Fabriken, Lärm, aber auch manche Einsamkeit gab.“


In "Altes Handwerk" (1941) finden wir in fantastischer Weise seine Heimatverbundenheit wieder: Das LAND.

„...man spürte, wie sich der ganze Karren und das Pferd bewegten und sich unter einem dehnten; manche Stellen der Landstraße erkannte ich an den plötzlichen Stößen. Je nachdem, ob der Karren unter einer Berglehne hinfuhr oder zwischen Feldern, an einem Bogengang vorbei, an einer Mauer oder über eine Brücke, gab das Geräusch der Räder einen anderen Wiederhall: es war ein Laut, der uns Gesellschaft leistete, mehr als das Schellenhalsband, das die Pferde zum Klingeln brachte....“

Der Erzähler (Pavese?) erzählt das rückblickend, und wehmütig bekennt er, wenn er heute des Nachts keinen Schlaf findet, höre er keine Pferdekarren mehr, sondern das Getöse der Autos.

Die Erzählung „Das Meer“( 1942) handelt der Sehnsucht, das Meer einmal zu sehen, und zwei Jungens reißen aus. Sogar der Fluss Belbo findet sich in der Geschichte wieder, ein kleiner Fluss etwa 10 Kilometer von Santa Stefano Belbo, Paveses Geburtsort, entfernt. Und wie treffend, der Belbo führt direkt ins Meer.

Oft sind es zwei Jungen, deren Abenteuer erzählt wird. Einer der Jungs ist ein schüchterner Typ, manchmal denke ich, es könnte Pavese sein. So auch in „Die Häuser“ (1943). Im letzten Satz heißt es:

„Aber jetzt gibt es Tage oder manche Sonntage, wo ich ihn beneide.“


Nämlich seinen Freund, der die Tabakverkäuferin geheiratet hat.

„Die Stadt“ (1942) erzählt von zwei Freunden, die in der Stadt (Turin) studieren. Im Sommer fährt man ins Dorf, besucht seine Verwandten, und geht dann wieder in die Stadt zurück. Auch Pavese hat von der Stadt aus immer wieder sein Heimatdorf besucht. Als sich in den etwas schüchternen Jungen in der Geschichte ein Mädchen verliebt, verscherzt er es aber mit ihr.

In „Geheimnis“ (1943) schreibt er über die hügelige Gegend seiner Heimat:

„Die Straße führt zu den Wolken empor, die in der Sonne über dem Dunst der Ebene auseinanderbrachen.“

Heute kann in in Santo Stefano Belbo Urlaub machen. Es gibt Hotels, Ferienhäuser....irgendwie sehnt es mich dorthin. Das hat Cesare Pavese mit seiner wunderbaren zart anmutenden Prosa erreicht.

Liebe Grüße
Martinus

FINE

PS: Die "Turiner Romane" werde ich später noch besprechen.



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zuletzt bearbeitet 10.03.2008 17:54 | nach oben springen

#9

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 08.09.2008 09:49
von Martinus • 3.194 Beiträge

Junger Mond (1950)


„Junger Mond“ ist Paveses letzter Roman. Darin beschwört der Autor die Sehnsucht nach Heimat. Der Roman ist die Suche nach Kindheit, die der in Amerika reich gewordene Anguilla aber nicht mehr findet, als er nach vielen Jahren wieder in seinem Dorf in den Hügeln des Piemont einen Besuch abstattet:

Zitat von Pavese
Was würde ich dafür geben, könnte ich die Welt mit den Augen von Cinto noch eimal sehen..


Cinto ist ein Junge, der wegen seinem verkrüppelten Bein, kaum die Chance hat, aus dieser Gegend jemals herauszukommen.

Zitat von Pavese
Um Cinto davon zu überzeugen, daß auch ich einmal ausgesehen hatte wir er, war es nicht genug, wenn ich so mit ihm von Gaminella sprach. Für ihn war Gaminella die Welt, und alle, die dort lebten, sprachen davon zu ihm wie von der Welt.


Zitat von Pavese
Der Höhenzug des Gaminella, ein langes, gleichmäßig fortlaufendes Gelände von Rebgärten und Uferhängen, fällt so unmerklich ab, daß man, wenn man den Kopf gebt, seinen Gipfel nicht sieht...


Pavese erzählt von Schicksalen der Menschen, die damals, als er noch Kind war, im Tal des Belbo, in den Hügeln des Salto und in Gaminella wohnten. Die Hügel des Salto, so nennt der Autor im Roman sein Heimatdorf Santo Stefano Belbo. Anguilla weiß aber nicht genau, wo er geboren war, er ist aber als Findelkind in dieser Gegend aufgewachsen.

Zitat von Pavese
Ich wanderte unter dem Salto hin, wanderte unter dem Nido hin, sah die Mora liegen, die Linden reichten bis zum Dach, und dort war die Terassse der Mädchen, dort die Glastür, dort der niedere Teil mit den Bogen, wo wir anderen wohnten. Ich vernahm Stimmen , die ich nicht kannte, und zog weiter.


So wird Vergangenheit mit der Gegenwart verwoben. In Erinnerungen durchstreift Anguilla die Landschaft seiner Kindheit. All die Menschen von damals sind verstorben, nur sein Freund Nuto, der nie aus dieser Gegend herausgekommen ist, und bei den Festen auf der Klarinette spielte, ist noch am Leben. Irgendwann reden sie von dem Jungen Cinto, und Nuto beklagt sich, weil Anguilla dem Buben die große weite Welt schmackhaft machen wollte; er sollte einfach nur wissen, was er verliert. Der kluge Nuto aber entgegnet:

Zitat von Pavese
Aber was soll ihm Amerika! Amerika ist schon hier. Millionäre und daneben solche, die Hungers sterben, das gibt es auch hier.“



Das Tal des Belbo wurde auch nicht vom Krieg verschont. Viele Soldaten kehren nicht zurück. In den Bergen werden Leichen von Partisanen entdeckt, die schon einige Jahre dort herumliegen. Wenn man gezielt suchen würde, so würde man sicher noch viele finden. Aber die Zeit verstreicht, diejenigen Toten, die man nicht gerade zufällig findet, werden unbemerkt eins mit der Erde. Und Nuto, der in diesem Erdenwinkel die Not jeden einzelnen kannte, fragte nie danach, welchen Nutzen der Krieg vielleicht gehabt habe, sondern für ihn war der Krieg eine schicksalhafte Fügung. So fügt sich in diesen Hügeln, in diesen Dörfern, in denen der Duft der Weinreben lebt, jeder seinem Schicksal.

In diesem Roman setzt Cesare Pavese noch ein letztes Mal dem Ort seiner Heimat ein Denkmal. Die Hügel des Piemont sind die wirklichen Protagonisten des Romans. Die Menschen fügen sich dort bloß ein. Wie stark die Verbundenheit zu dieser Landschaft ist,drückt Pavese im Roman sehr schön aus:

Zitat von Pavese
Ich überquerte aber auf der schmalen Brücke den Belbo, und wie ich so dahinschritt, überlegte ich mir, daß es nichts Schöneres gebe als einen Weinberg: gut gehackt, die Reben gut gebunden, die Blätter, wie sie sein sollen, und darüber ein Duft, wie Erde riecht, wenn die Augustsonne darauf brennt. Ein gut gehaltener Weinberg ist wie ein gesunder Körper, ein Leib, der lebt und seinen Atem hat und seinen Schweiß.



Aus der Biografie von Davide Lajolo erfahren wir noch überraschendes. Nuto, der mit wirklichem Namen Pinolo Scaglione hieß, hat es wirklich gegeben. Er hatte wie im Roman an der Straße nach Canelli, nicht weit von Paveses Geburtshaus, mit seinem Bruder eine Schreinerei. Pavese war von Kindheit an mit ihm befreundet. In den Jahren 1948-1950 schrieb Pavese von Tutin aus zahlreiche Briefe an Nuto und besuchte desöfteren S. Stefano Belbo. So erhielt er für seinen Roman viele Informationen über die Menschen in den Hügeln. Nuto machte ihn auch mit seinen Verwandten bekannt.


„Junger Mond“ gilt als vollendetes Meisterwerk mit bleibenden Wert. Wie Pavese erzählt, ist für mich wahre Poesie, die mich maßlos einimmt. Durch die Kraft dieser Poesie kommen mir die Gestalten und die Landschaft des Piemont sehr nahe. In „Junger Mond“ wird immer wieder von den Weinbergen und Blütenduft erzählt. Niemals wird es langweilig, sondern alles fliegt in mein sehnsüchtiges Gemüt ähnlich wie Anguiella mit Sehnsucht nach seinen verlorenen Kindheit sucht. Was kann ich schon schöneres über diesen Roman noch sagen?

Liebe Grüße
Martinus






„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#10

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 13.02.2009 13:28
von Martinus • 3.194 Beiträge
"Der schöne Sommer" (Turiner Romane I)

„Der schöne Sommer“
ist der erste Teil der „Turiner Romane“. Geschrieben wurde der kurze Roman 1940, in einer Zeit, als in Turin antifaschistische Bewegungen und Gruppen sehr aktiv waren. Es ist sehr schwer, antifaschstische Stimmungen in diesem Roman auszumachen. Führwahr, der Roman lebt von Stimmungen junger Menschen, die in dieser Zeit in Turin lebten. Spielte sich Paveses Werk meist auf dem Land ab, kommen wir nun in die Stadt und begegnen Menschen, hauptsächlich Frauen, die kaum eine beruhigende Aussicht auf Zukunft haben. Der faschistische Staat scheint die Welt der Bürger zu knebeln, aus ihren Lebensträumen werden sie herausgerissen.

Die zentrale Figur des Romans ist die sechzehnjährige Ginia, die sich aus der Rolle des unschuldigen Kindseins herauszuentwickeln versucht – jungfräulich, mit Scham behaftet, unerfahren. Ganz anders steht es um die wenige Jahre ältere Amelia. Sie zieht sich schamlos aus, steht bei diversen Malern Modell. Ginia wird von Amelia in das Leben der Erwachsenen gezogen. Man geht ins Kino, in Cafés, schlendert zielos in der Stadt umher:

Zitat von Pavese
Die Mädchen brauchten nur aus dem Haus zu treten und über die Straße zu gehen, da gerieten sie geradezu in einen Rausch; alles war, besonders nachts, so schön, daß sie, wenn sie todmüde heimkamen, noch immer hofften, das irgendetwas passierte....


und man kommt zu Guido, dem Maler, bei dem Amalia als Modell steht. Ginia verliebt sich in Guido, aber der Maler, der Akte zeichnet, und Frauen mit dem Auge des Künstlers sieht, interessiert sich nur für die Physis des jungen Mädchen. Die Träume auf Heirat, der Wunsch nach Intimität in Zweisamkeit – eben nicht das Prostituieren der Nacktheit in Öffentlichkeit, wie es im Atelier den Aktmodellen passiert - zerschlägt sich auf psychisch brutale Art und Weise:
Zitat von Pavese

Als sie allein im Schnee war, schien ihr, sie sei noch immer nackt. Alle Straßen waren leer, und sie wußte nicht, wohin sie gehen sollte.


Ausgehend von dem schönen Sommer, der der letzte schöne Sommer sein sollte, indem sie noch ein Kind war, zieht sich der Roman bis in den Winter hinein. Der Winter, die bizarre Kälte, und nun steht Ginia im Schnee, und weiß nicht wohin. In diesen zwei kurzen Sätzen ist alles enthalten, was das seelische Empfinden des Mädchen ausmacht. Cesare Pavese ist ein Meister der prosaischen Knappheit. Er sagt sehr vieles, mit sehr wenig Worten. Diesen Roman und auch alle Werke dieses besonderen großen Dichters muss man wie ein Gedicht lesen, langsam einatmen und in die Welt hinter den Buchstaben eintauchen. Nur so lässt sich Paveses Werk erschließen.

Die zerstörte Kindheit Ginias mag für die Auswirkung des faschistischen Staates auf die bürgerliche Welt stehen. Frauenschicksale haben bei Pavese meist einen tragischen Verlauf. So auch in diesem Roman: Die eine hat Syphilis, die andere lässt ihrer Verrücktheit und Albernheit freien lauf , dann noch Tina, die hinter den Mädchen her hinkt, weil ein Bein lahm ist und schließlich Ginia...

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 13.02.2009 13:47 | nach oben springen

#11

RE: Cesare Pavese

in Die schöne Welt der Bücher 02.03.2009 13:05
von Martinus • 3.194 Beiträge
"Der Teufel auf den Hügeln" Turiner Romane II

Sie waren noch sehr jung, heißt es über Pieretto, Oreste und den Ich-Erzähler, als sie des Nachts sich auf den Straßen Turins die Zeit vertrieben. Pieretto schlief sogar noch weniger. Oreste war derjenige, der am frühesten nach Hause wollte. Er konnte nicht verstehen, was seine Freunde in der Nacht noch anstellen wollten, wenn Kinos und Kneipen geschlossen waren. Pieretto, der am wenigsten schlief, sah manchmal in der Früh die ersten Züge ein – und ausfahren, ging vor dem Bahnhof auf und ab, studierte verschlafene Gesichter von Straßenfegern und Radfahrern. Zwei Bettler schliefen auf Bänken, sie sahen aus, als seien sie erstochen.Oreste hörte gerne zu, wenn seine Freunde erzählten und loslachten, weil sie den Einfall hatten, Mädchen zu wecken, oder auf den Hügeln zu fahren, um das Morgengrauen abzuwarten. Als Pieretto eröffnete, dass sie Bekanntschaft mit einer Frau gemacht hätten, verschlug es Oreste die Sprache:

Zitat von Pavese
Man geht immer wieder vor ihrem Balkon auf und ab. Die ganze Nacht: sie weiß es, sie bemerkt es. Man braucht sie gar nicht zu kennen, man fühlt es im Blut. Es kommt der Augenblick, da hält sie es nicht mehr aus, sie springt aus dem Bett und sperrt dir die Läden auf. Du lehnst die Leiter an...


Da es nachts immer hell sei, immer Tag, müsse man jede Nacht etwas unternehmen, meint der Erzähler. Warum schlafen, wenn man jung ist, viel erleben möchte. Über die Alten hieße es, sie schlafen nie, meint Oreste und Pieretto, schlagfertig und witzig, meint, zum schlafen brauche man erst mal eine Frau. Da Oreste vom Dorf kommt, wird er immer am schnellsten müde. Pierettos Weisheit: „Dir geht’s wie den Hofhunden und Hühnern“.

Dass ich auf den ersten Seiten des Romans auf bestimmte Einzelheiten eingehe hat guten Grund, denn hier werden schon Themen vorbereitet, die sich durch den ganzen Roman ziehen. Über das ziellose Umherschweifen in der Stadt erzählt Pavese auch in manchen seiner Erzählungen. Aus langer Weile, man habe ja nichts zu tun, durchstreifen sie die Nacht, bis in die Hügel hinauf. Als sie den etwas älteren Poli treffen, fahren sie ohne ein Ziel vor Augen, auf den Straßen umher.

Zitat von Pavese
...es war offensichtlich, daß wir einfach weiterfahren, bis es Tag würde. Ich schloß die Augen, betrrunken.


Das Streunen durch die Nacht kennen wir schon aus Paveses Erzählung „Die Stadt“:
Zitat von Pavese

Ich lernte viele seiner Kameraden kennen, und es verging fast keine Nacht, wo wir nicht bis zum Morgen getrunken hätten.


In einer anderen Erzählung schreibt er über Schlaflosigkeit:

Zitat von Pavese
In manchen Nächten habe ich keine Lust, schlafen zu gehen, denn das scheint mir verlorene Zeit. Ich möchte immer wach sein, bereit zu atmen und zu sehen... (*Lajolo, Seite 31)


Das nächtliche Flanieren, die einsam leergefegten Straßen, all das finden wir bei Pavese sehr oft. Man lässt sich treiben, wohin das führt, weiß niemand. In „Die Stadt“ heißt es:
Zitat von Pavese

Der Sommer verging; ich tat nichts als warten.


So ergeht sich das auch in „Der Teufel auf den Hügeln.“ Man langweilt in den Tag hinein. Die Freunde treffen auf andere Menschen, sie führen Gespräche und plötzlich ereignet sich etwas, was nicht berechenbar ist. Sehr dramatisch was dort passiert, doch Pavese bewegt sich weiterhin in knapper Wortwahl. Er füllt dramatische Begebenheiten mit poetischer Spannung. Von dieser Spannung lebt der Text. Die Handlung ist sehr rar. Paveses Kunst besteht eben darin, den scheinbar lanweiligen Sommer vergehen zu lassen, ohne den Leser zu langweilen. Allein schon das, soll ihm ein anderer Autor erst mal nachmachen. Hauptakteuer des Romans sind innere Befindlichkeiten, emotionale Dramati. Die Dramatik geht bis ins Morbide, als ob jemand über einen gähnenden Abgrund steht. Und das eben gefällt mir außerordentlich gut. Was Pavese hier an wunderbaren Sätzen losslässt, genieße ich auch in der älteren Übersetzung von Charlotte Birnbaum noch:

Zitat von Pavese
Am folgenden Tag waren wir zu jenem Pavillion zurückgegangen, und hier mußte ich lächeln über Pierettos Vorstellung, die Erde rieche nach Koitus und Tod. Sogar das Summen der Insekten betäubte einen. Ebenso die wogende Frische des Efeus, der klagende Schrei eines Rebhuhns..


Das Morbide, welches wir zu Beginn des Romans schon beobachten konnten, als wir über die Bettler gelesen haben, sie lägen wie erstochen auf den Bänken. Pavese schreibt in seinem Gesamtwerk sehr häufig über das schwierige Verhältnis zu Frauen, auch das bekommen wir „...auf den Hügeln“ zu spüren.

Zitat von Pavese
Hatte ich ein Mädchen bei mir, und die war zu haben. Sie wäre zu haben gewesen. Na ja – ich konnte nicht. Ich, ich konnte nicht. Ich meinte irgend etwas oder irgendwen zu verletzen.


Ich denke, entweder mag man Cesare Pavese oder man mag ihn nicht. Wenn man ihn einmal geschmeckt hat, kommt man, denke ich, niemals mehr von ihm los.

Liebe Grüße

mArtinus

* Davide Lajolo: Kadenz des Leidens, Claasen Verlag, Hamburg, 1964



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 02.03.2009 13:10 | nach oben springen


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