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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Jewgenij Samjatin

in Die schöne Welt der Bücher 02.04.2009 17:02
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Jewgenij Samjatin wurde 1884 in der mittelrussischen Provinzstadt Lebedjan geboren. Er war Schiffbauingenieur. Während seiner Sutdienzeit schloss er sich der Sozialdemokratischen Partei Russlands, der Fraktion der Bolschewiki, an. Er arbeitete in den revolutionären Studentenzirkeln, trat als Agitator in den Arbeiterbezirken auf und war als Organisator an der legendären Meuterei des Panzerkreuzers Potemkin beteiligt.
Als alter Kommunist, Freund Gorkis, spielte er in den ersten Jahren des bolschwistischen Regimes eine führende Rolle im literarischen Leben Moskaus; er hielt Vorlesungen im Haus dre Kunst und beeinflusste zahlreiche junge Schriftsteller. 1920 schrieb er dann den Zukunftsroman WIR, der auch hier Thema sein soll. Der Roman erschien nie in Russland, sondern wurde von Samjatin ins Ausland geschmuggelt, worauf bei Veröffentlichung dann dre Ansturm der Diffamierungen losging. Er sagte sich danach vom Bolschewismus los und trat aus dem sowjetischen Schriftstellerverband aus, da es ihm unmöglich sei "einer literarischen Organisation anzugehören, die - wenn auch nur mittelbar - an der Verfolgung eines ihrer Mitglieder teilnimmt". Er schrieb einen erstaunlich ehrlichen Brief an Stalin, um die Genehmigung zu erhalten, die Sowjetunion zu verlassen, was ihm noch erstaunlicher Stalin tatsächlich gewährte.

Dann also zu "Wir":

Jeder Witz ist eine unklare Funktion, also eine Lüge…

Wir treffen auf die Welt nach dem letzten, zweihundertjährigen Krieg - ein totalitärer Staat, wo der Mensch vor der Freiheit bewahrt wird, um keine Verbrechen zu begehen, wo er und seinesgleichen einander selbst kontrollieren und verraten, wo die alte Welt der Bücher und des Chaos nur noch Ausstellungsstücke sind. Überhaupt alles der „alten, unzivilisierten Welt“ liegt hinter der „grünen Mauer“ verbannt, inmitten der Trümmer und des Verfalls wurde die Stadt der totalitären Ordnung errichtet. Das Lesen alter Schriften gehört einer anderen Zeit an, man entspannt sich bei der Lösung mathematischer Aufgaben und träumt nicht mehr, falls doch, dann nur in Gleichungen. Der Traum selbst ist ein krankhaftes Symptom. Alles ist kontrolliert, selbst die Kaubewegungen werden vorgeschriebene Bissen. Bewundert wird höchstens der Prophet Tailor, der ein „rhythmisches Glück“ entwickelte, für Größen wie Puschkin und co hat man nichts mehr übrig, ganz im Gegenteil hält es für unsinnig, dass Menschen diese chaotische, verwirrende Dichtung bewunderten. Übrig sind nur noch „vollkommen glückliche, arithmetische Durchschnittsmenschen“. Die Welt ist gläsern, die Religion ist das Gesetz des „Einzigen Staates“ und der Mensch darin nur noch Nummer.
D 503, überzeugter Bürger und Raketenraumschiffkonstrukteur ist auf einmal verwirrt; er hat in sich wieder diese verfluchte √-1 entdeckt, die „irrationale Wurzel“, die er längst überwunden glaubte. Er fühlt sich sich selbst entfremdet, auch haftet ihm ein Zeichen der alten Welt an, diese widerlich beharrten Affenhände. An den Geschlechtstagen, die für jeden Menschen auf Körpermaß und Gewicht berechnet werden und durch rosa Billets beantragt und gekennzeichnet werden, dürfen ausnahmsweise über die gläsernen Wände und Fenster Vorhänge hinunter gelassen werden, ansonsten ist alles durchsichtig und durchscheinend. Klar – ist das Wort, das er zu fürchten beginnt. Dann begegnet er auch noch I-330, während er doch eigentlich mit O-90 befreundet ist, aber Freundschaft oder Liebe ist sowieso nicht gestattet, darum spielt es keine Rolle. Doch er ist verwirrt, denn I-330 ist anders, hält sich nur zu gern in den alten Wohnungen auf, scheint gegen das System zu arbeiten. Eigentlich müsste er sie sofort bei den „Beschützern“ melden, doch seltsamerweise wird er durch verschiedene Dinge (auch eigene Überlegungen) davon abgehalten.
Der Dichter R-13, der in den Augen D-503 zwar „eine verdrehte, lächerliche Logik“ hat ist trotzdem sein Freund. Sie sind auch über O-90 enger mit einander befreundet, die sie sich teilen. R-13 macht dem Mathematiker und Konstrukteur den Vorwurf, sich zu sehr auf die Wissenschaften zu stürzen:

In Antwort auf:
Diese Wissenschaft ist nichts als Feigheit! Ihr wollt einfach das Unendliche mit einem Mäuerchen umgeben und fürchtet euch, hinter diese Mauer zu blicken. Ja! Und wenn ihr hinüberseht, dann kneift ihr die Augen zu!


Wenige Augenblicke später wird ihm auch schon die „große Ehre“ zuteil; er darf auf dem Podest einer Verurteilung (Opferung) das selbst verfasste Urteil verlesen, wo der „Wohltäter“ (gewählt am Tag der "Einstimmigkeit") mit riesiger Hand einen Hebel umlegt, und den Verbrecher, den Meuterer durch Strom tötet. (Ähnliches hat Orwell dann mit den Hinrichtungen und Erhängungen gestaltet, die auch Kinder besuchen dürfen. Auch hier läuft die Menge zusammen und bewundert die Großmacht des Wohltäters.)
Überhaupt wird Dichtung nur noch dazu benötigt, Urteile in Trochäen zu zwängen. Der Dichter aus Notwendigkeit, um Urteile, Bauanleitungen, Beschreibungen zu verfassen, Verse in logische Berechnungen zu verdichten. Sie steht im Dienste des Staates, ist etwas Nützliches geworden.
Für den Staat gilt:
In Antwort auf:
Dem Ich irgendwelche Rechte dem Einzigen Staat gegenüber einzuräumen, wäre das gleiche, wie wenn man behaupten wollte, dass ein Gramm eine Tonne aufwiegen könne. Daraus ergibt sich der Schluss: Die Tonne hat Rechte, das Gramm Pflichten, und der einzige natürliche Weg von der Nichtigkeit zur Größe ist: Vergiss, dass du nur ein Gramm bist, und fühlte dich als millionsten Teil einer Tonne.

Doch D-503 (männliche Exemplare tragen Konsonanten, weibliche Vokale) spürt immer mehr sein Ich, immer tiefer gerät er in die eigenen Zweifel hinein, unterstützt durch I-330, die ihn verführt und mit der alten Welt konfrontiert.
In Antwort auf:
Das Wissen, das von seiner Unfehlbarkeit überzeugt ist, nennt man Glauben. Ich besaß einen festen Glauben an mich selbst, ich glaubte mich bis in die letzten Winkel zu kennen.

Das ändert sich mit dem innigen Verlangen nach dieser Frau, die im Untergrund arbeitet. Er irrt mit seinem "krankhaften Zustand" herum:
In Antwort auf:
In der alten Welt wussten die Christen als einzige unserer wenn auch sehr unvollkommenen Vorgänger, dass Demut eine Tugend, Stolz hingegen ein Laster ist, dass „Wir“ von Gott stammt und „Ich“ vom Teufel.
Ich marschierte im gleichen Schritt mit den anderen und war trotzdem von ihnen getrennt. Dieser Zwischenfall hatte mich so erregt, dass ich noch am ganzen Leibe zitterte. Ich fühlte mich. Alle jene, die sich fühlen, sind sich ihrer Individualität bewusst.
Doch nur das entzündete Auge, der verletzte Finger, der kranke Zahn machen sich bemerkbar, das gesunde Auge, der gesunde Finger, der gesunde Zahn scheinen nicht vorhanden zu sein. Man ist also bestimmt krank, wenn man sich der eigenen Persönlichkeit bewusst wird.


Eine Seele scheint sich in ihm gebildet zu haben, doch er ist nicht der Einzige, der von dieser neuen Krankheit befallen ist. Der Staat muss nun Maßnahmen ergreifen. Es wird Zeit, die Phantasie herauszuoperieren.

Der Roman ist einfach geschrieben und wie ein Tagebuch aufgebaut, es sind die Aufzeichnungen des Protagonisten D 503. Er ist Vorreiter vieler kritischer Science-Fiction-Romane wie der von Orwell, von Huxley und anderen und zeigt das Fatale der absoluten Überwachung auf, die uns heute bekannt vorkommt, aus etlichen Filmen und Büchern gewonnen. Trotzdem wirkt der Roman nicht altmodisch und, dass muss ich ehrlich zugeben, er gefällt mir besser, als Huxleys „Schöne, neue Welt“. Samjatin gestaltet seine Geschichte geheimnisvoller, mathematischer, beruft sich auf Kant.

In Antwort auf:
Jeder Gleichung, jeder geometrischen Figur entspricht eine krumme Linie oder ein Körper. Für die irrationalen Formeln, für meine √-1, kennen wir keine entsprechenden Körper, wir haben sie nie gesehen…. Aber das Entsetzliche ist, dass diese unsichtbaren Körper existieren, dass sie unbedingt existieren müssen, denn in der Mathematik huschen ja ihre seltsamen, stachligen Schatten, die irrationalen Wurzeln, wie auf einer Leinwand an uns vorbei. Und die Mathematik und der Tod haben noch nie geirrt. Wenn wir aber diese Körper in unserer Welt, in er Welt der Fläche, nicht sehen können, dann müssen sie in einer eigenen, gewaltigen Welt leben, die dahinter liegt…




Besonders erschreckend wirkten auf mich die gesetzlich vorgeschriebenen Spaziergänge, unzählige, im Quadrat angeordnete Menschenköpfe, die in Reih und Glied im Takt laufen, umringt und beobachtet von den Beschützern mit den Knüppeln. Ich meine… Spaziergänge…, darunter stellt man sich den schlendernden Gang der Entspannung vor, vielleicht ein Lied pfeifend…

In Antwort auf:
Die Geschichte der Menschheit bewegt sich in Kreisen nach oben, genau wie ein Flugzeug. Es gibt verschiedene solcher Kreise, goldene und blutige, aber sie sind alle in 360 Grad eingeteilt. Und nun geht es vom Nullpunkt vorwärts: 10,20,200,360 Grad – und dann wieder zu ihm zurück. Ja, wir sind zum Nullpunkt zurückgekehrt! Aber für meinen mathematisch geschulten Verstand ist es völlig klar, dass dieser Nullpunkt etwas gänzlich anderes, Neues ist. Wir sind von Null nach rechts gegangen und kehrten von links nach Null zurück, und deshalb haben wir statt plus null minus null.
(…)
Was hat es schon zu bedeuten, dass nur ein messerdünner Grat uns von der anderen, der schwarzen Seite der Nullklippe trennt? Das Messer ist das Dauerhafteste, Unsterblichste und Genialste von allem, was der Mensch geschaffen hat. Das Messer war eine Guillotine, das Messer ist ein Universalmittel zur Lösung aller Knoten, und der Weg der Paradoxe führt auf des Messers Schneide entlang – der einzig würdige Weg eines furchtlosen Geistes.


Bedenkt man natürlich, dass Samjatin den Roman bereits 1920 geschrieben hat, wo es noch keinen Totalitarismus, noch keinen Faschismus, noch keine Aufstände von Schriftstellern und Intellektuellen, noch keine „letzte Revolution“ gab, dann ist es wirklich bemerkenswert, wie weise er hier sein Bild zeichnet, wie geschickt er ohne Dramatik oder Hinweis auskommt, indem er den Leser einfach durch die „Suche nach Glück“ führt, während sein totalitärer Staat das „absolute Glück“ noch nicht gefunden hat, im Gegensatz zu der huxleyschen Welt, die ihre Leute in Kategorien einteilt und mit Soma betäubt. Ein wirklich beeindruckendes Werk, dessen Nachahmer nicht die gleiche Ausdruckskraft entwickeln, geschweige denn eine Welt vor sich haben, die all das noch nicht in sich birgt.

Zum Abschluss noch einmal das alles auf den Punkt bringende Gespräch zwischen I-330 und D-503 über die Revolution:

In Antwort auf:

D-503: Das ist ja Wahnsinn! Ist dir nicht klar, dass das, was du da planst, eine Revolution ist?
I-330: Ja, es ist eine Revolution! Und warum soll es Wahnsinn sein?
D-503: Weil unsere Revolution (der Aufbau des totalitären Staates) die letzte war. Es kann keine neue Revolution mehr geben. Das wissen wir alle!
I-330: Mein Lieber, du bist doch Mathematiker, mehr noch, du bist ein Philosoph. Bitte nenn mir die letzte Zahl!
D-503: Ich verstehe nicht... Die Anzahl der Zahlen ist doch unendlich. Was für eine letzte Zahl willst du also?
I-330: Und was für eine letzte Revolution willst du? Es gibt keine letzte Revolution, die Anzahl der Revolutionen ist unendlich.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 02.04.2009 17:14 | nach oben springen


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