Das Nichts der Toten

17.12.2007 13:27 (zuletzt bearbeitet: 18.12.2007 01:26)
avatar  Taxine
#1
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Admin
Bitte hier lesen:

Das Nichts der Toten

Liebe Grüße
Taxine

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17.12.2007 21:22 (zuletzt bearbeitet: 17.12.2007 21:23)
avatar  Salin
#2
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Zunächst ein Mann in Gedanken, in Selbstreflexion. Unlust ist bei ihm das vorherrschende Gefühl. Seltsam aus der Reihe fällt nur eine Behauptung in Bezug auf das hochgesteckte Haar seiner Frau: "Er fand das oft schade."

Im Bett wird ein Gedanke zur Spukgestalt. Mann und Frau begegnen sich verwandelt. Aus seiner Unlust wird Lust, und das Gespenst "Simone" erweist sich als verschlingendes Wesen, ähnlich einer ihm aus dem Fernsehen bekannten Schauspielerin.

Stilistisch wird der Geschichte nicht wirklich gedient. Zu viele Abstrakta, wo besser konkret Wahrnehmbares sein sollte. Auch Partizipien und Substantivierungen wirken alles andere als sinnlich. Wo sind die Taxinischen Bilder?

Einiges wirkt angestrengt: "in dieser von ihm doch so bewusst wahrgenommenen Umgebung als menschlicher Ausschnitt" und anderes ist kaum nachvollziehbar: "Substanz formte sich zum Körper", "durchströmte das Zerfallene seines Körpers".

Andernorts viel Aufwand und zu wenig Wirkung (statt umgekehrt): "Und als er aufblickte, war sie über ihm gebeugt, senkte sich ihm entgegen, mit diesem auf so köstliche Weise leicht geöffneten Mund, und ihre Lippen fanden einander in unsterblicher Wallung, durchdrungen und mitgerissen durchlebte er diesen Moment der vollkommenen Ekstase"
Offenbar haben Worte wie diese bei mir als Leser eine andere Wirkung, als von der Autorin gedacht. Gefühle im Leser auslösen statt nur ausdrücken – darin besteht literarische Kunst.

Sonstige Stolpersteine:
"eine Kontur aus Augen, an dessen Farbe und Form er sich nicht entsann, die Nase schmal ..." (ein Umriss aus Augen?)
"auf die Klänge des Wassers lauschen"
"Wenn sie den Raum betrat, wirkte sie wie ein Gemälde von Magritte"
"aus aller Seele"
"den Tränen nahe, die sich immer mehr in Richtung seiner Pupillen drängten"
"entfachte, wenn schon nicht die Erinnerung" ("entfachen" stammt vom lateinischen "focus", dt.: Feuerstelle)
"woran er an all diesen noch bevorstehenden Tagen der Lautlosigkeit zehren konnte" (die Zeitform!)
"das Parfüm, das sie ein Leben lang getragen hatte"
"Ihre Augen waren grün, nun erinnerte er sich wieder, doch leuchteten sie anders, fast dämonisch." (statt "nun" vor "erinnerte" besser "jetzt" vor "leuchteten")
Auch auf einige Kommas könnte verzichtet werden. Ebenso auf den jetzigen "nichts-sagenden" Titel.

Viele Einwände. Und der Criticus ist nicht glücklich.

Gruß
Salin

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17.12.2007 22:06 (zuletzt bearbeitet: 18.12.2007 01:26)
avatar  Taxine
#3
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Admin
Lieber Criticus,

ja, es ist noch in der Rohfassung, gedacht, um hier etwas Raum zu füllen.
Ich habe jetzt erst einmal dieses Offensichtliche beseitigt, es für den Leser undurchsichtiger in der Aussage gemacht. Grundsätzlich kann ich mich aber durchaus damit anfreunden.

Ich werde mich natürlich noch einmal tiefen Hauptes darüber beugen und durchkürzen...


Vielen Dank für die Anregungen.

Liebe Grüße
Taxine

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18.12.2007 14:27 (zuletzt bearbeitet: 18.12.2007 14:28)
avatar  Ferro
#4
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Hallo Taxine,

deine Geschichte gefällt mir. Man bleibt zurück und fragt sich, was da nun eigentlich passiert ist. Verschlungen von was? Von einem Geist? Von seiner Frau? Von einer Phantasie? Von seinen Schuldgefühlen? Von seinen Begierden?

Die Überschrift deute ich als das Nichts, in dem der Witwer zurückbleibt.

Mit Grüßen
der Ferro

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18.12.2007 17:41
avatar  Taxine
#5
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Admin

Werter Ferro,

vielen Dank.

Die Überschrift ist der Raum, der sich durch den Tod der Frau öffnet, der ein Nichts auslöst, dem Mann sein eigenes Nichts bewusster macht, und am Ende auch ein Nichts bewirkt.

Liebe Grüße
Taxine


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18.12.2007 21:25 (zuletzt bearbeitet: 18.12.2007 21:25)
#6
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Hallo Taxine,

der Text ist wahrlich eine Fantasie. Ein Zug von Romantik mit Liebessehnsucht und spukiges Gelichter. Diese Mischung gefällt mir.

Einige sprachliche Feinheiten würde ich noch ändern. Die "Lippen, die wie saftige Früchte wirkten". Wenn ein Mann in diesem Zusammenhang an Früchte denkt, da denkt er nicht an Lippen.. Vielleicht ein anderes Verb als "wirkten" hernehmen; ein Verb, welches mehr erotisch anzieht.

"...einen Bericht im Fernsehen gesehen, wo es um eine dieser...
Ich denke anstatt "wo" sagt man "in dem"

"zum Abschalten der Gedanken"; klingt irgend wie gehackt, wie ein plötzlicher Druck auf einen Knopf. Warum nicht einfach um auf andere Gedanken zu kommen. Das ist zwar eine bekannte Redewendung, die Weichheit der sprachlichen Melodie passt hier aber hinein.

Ich überlege gerade, ob man in dem Text auf alle Fremdwörter verzichten sollte, um den tiefen romantischen Geist zu lichten. Mag aber sein, dass dies meine extravagante Vorstellung ist, und die Autorin das nicht will.

Der letzte Absatz ist wunderbar, grandios. Genau dieses meine ich. Den Hauch des Ungewissen, des Fantastischen. Dieser Geist soll wehen durch die ganze Geschicht'.

derweil liab' gegrüßt sei die
Dichterin

Martinus


„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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18.12.2007 21:37
avatar  Taxine
#7
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Admin

Lieber Martinus,

vielen Dank, du hast mir sehr geholfen. Habe deine Ratschläge soweit befolgt.

Lippen, die wie saftige Früchte schmecken... passt vielleicht eher.

Liebe Grüße
Taxine


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18.12.2007 21:38
#8
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oi, jau, die Lippen schmecken, höhö



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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18.12.2007 21:45
avatar  Taxine
#9
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Admin

Manchmal sitzt man vor einem Bild, hat es vor Augen und findet einfach nicht das passende Wort.
Und dann kömmt der Martinus und deutet darauf, schon springt es einem ins Hirn. So kann's gehen.


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