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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Diebstahl und Nietzsche

in Gedanken vom Tag 19.12.2007 18:39
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Mit großem Erstaunen stellte ich gestern fest, dass viele bekannte Schriftsteller ihre Aussagen geklaut haben. So hat Pessoa seine Aussage: Wir lieben im anderen nur uns selbst! (das Ideal) und Hermann Hesse seine Gedanken zum Irrsinn, der selten bei Einzelpersonen auftritt und häufig in Gruppen, Völker, usw., wie auch seine Gedanken über den "Trost des Selbstmordes" von Nietzsche geklaut.
Einen bekannten Gedanken einfach anders auszusprechen, ihn aber im Sinn ganz zu übernehmen, ist keine Kunst.

Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse" ist ein schönes Schriftstück. Besonders gut für die Nachtlektüre geeignet.

Schön auch sein Ausspruch:
(80)
Zitat von Nietzsche
Die Folgen unsrer Handlungen fassen uns am Schopfe, sehr gleichgültig dagegen, dass wir uns inzwischen "gebessert" haben.

Alles kommt auf uns zurück. Völlig egal, ob wir daran glauben. Ursache und Wirkung.
Darum schon von vorneherein immer bewusst handeln!
Das alles ist erlernbar!



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.02.2008 17:02 | nach oben springen

#2

RE: Diebstahl und Nietzsche

in Gedanken vom Tag 19.12.2007 20:31
von larifant • 270 Beiträge

Hesse und vermutlich auch Pessoa waren eifrige Nietzsche-Leser.
Grundsätzlich sollte man aber nicht davon ausgehen, dass jeder "Klassiker" alle "Klassiker" vor und neben sich lückenlos studiert hatte.
Würdest du auch von Diebstahl sprechen, wenn der Dieb den Ursprung des gestohlenen Gedankens vergessen hat und ihn ehrlich für seinen eigenen hält?

Gruß,
L.


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#3

RE: Diebstahl und Nietzsche

in Gedanken vom Tag 19.12.2007 23:45
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Ja, Pessoa hat auch Nietzsche gelesen. Aber, ihm kann man verzeihen, weil er mit Soares ja einen ganz eigenen Charakter hinterlassen hat, unter dessen Fragment- und Gedankensammlung die eine oder andere übernommene, doch hauptsächlich selbst entwickelte Idee zu finden ist.

Es handelt sich nur dann nicht um Diebstahl, wenn der Schriftsteller den Gedanken nicht übernimmt, sondern in eigener Überlegung auf das gleiche Ergebnis kommt. Bei dieser Art der Aussage, wie ich sie z. B. bei Nietzsche vorgefunden habe, die in ihren Tiefen doch als einzigartig und radikal zu betrachten ist, bleibt das allerdings schwierig, wenn auch nicht unmöglich.
Ein Gedanke, der gestohlen wurde, weil vergessen wurde, dass er bei einem anderen schon mal gelesen wurde, ist trotzdem gestohlen, auch wenn der Schriftsteller ihn für seinen eigenen hält. Es ist dann nur nicht absichtlich übernommen.

Ich finde das besonders schade, wenn es sich um "kompakte" Zitate handelt, die einen in schöne Überlegungen treiben. Ein Mensch, der einen Satz ausspuckt, der dem Leser das ganze Denken umkrempelt, ist selten genug, wenn hier aber auf andere Schriften zurückgegriffen wurde, bleibt der Gedanke immernoch gut, der Schriftsteller ist dann aber in meinen Augen schon etwas weniger geistreich.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.12.2007 00:11 | nach oben springen

#4

RE: Diebstahl und Nietzsche

in Gedanken vom Tag 27.01.2008 23:48
von Hyperion (gelöscht)
avatar

Thomas Mann war der größte und beste Dieb aller Zeiten. Er liebte den Merkur sehr, der bekanntlich nicht nur der SCHUTZgott der Merkantilisten und DICHTER, sondern auch DER Gott der DIEBE ist (*hüstl*, Näheres erläutere ich ein anderes Mal vielleicht). Merkur hat, als er klein und in der Wiege war, unter anderem die Leier des Apollo (Gott der Dichtung) geklaut. Feine Leistung!

Gruß,
auch ein Hermesfanatiker

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#5

RE: Diebstahl und Nietzsche

in Gedanken vom Tag 28.01.2008 19:10
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Der Diebstahl von "Zeit" zu "Zeit" ist Gang und Gebe, wenn nicht gar die Voraussetzung, um aus dem großen Topf des längst Gegebenen zu fischen, was an Vorhandenem verwendbar ist, vielleicht so verkürzt und in "fremde" Worte gekleidet, dass es modern und radikal erscheint.
Seit einigen Jahrtausenden ist das wirklich Neue eigentlich nur Renaissance.

Anders gesehen, wird dadurch ein bereits gedachter Gedanke immer wieder "erneuert" durch eine neue (und damit nächste) Generation getragen, was zwar den Urheber seiner Rechte enthebt, jedoch den Gedanken durch die Welt weitergleiten lässt und bewirkt, dass er nicht (wenn er schon so ... verdammt gut... ist) verloren geht.
Es bleibt ja auch immer ein Teil Eitelkeit, wenn der Gedanke übernommen ist und nicht der Richtige gewürdigt wird. Trotzdem ließe sich der Gedanke auch zitiert gut in das eigene Konzept übernehmen.

Herr Philosoph, Ihr dürft aber auch gerne vertiefen...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 28.01.2008 19:15 | nach oben springen

#6

RE: Diebstahl und Nietzsche

in Gedanken vom Tag 29.01.2008 10:25
von ascolto • 1.289 Beiträge

Werte Belegschaft,

suchet den Niemand grollte muir schmerzlich ein Zyklop...... Verloren war dadd Einzig, der listige Augapfel, dadd Uihm dem Gottkindl dadd Licht???

Gedankchen sind seit anfangsloser Zeit ein Flüßchen an dem wir teilhaben können wenn wir sie uns (machen) bewegen, Sui weiter verdichten um zu klaren...... Demnach gübsch nur den Narziß der faktorieret: Ich habe es zuerst Ge-dacht/Macht?!

Ergo; Diebstahl gübsch in der Geysteswelt nichtens.....

Kleenet uin Scerzo

dadd A


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#7

RE: Diebstahl und Nietzsche

in Gedanken vom Tag 29.01.2008 17:41
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Hyperion,

was Thomas Mann machte, war Collage. Abgeschrieben hat er massenweise (aber alles wieder neu zusammengefügt). Trotzdem ist er doch angenehm zu lesen, nicht wahr?
Die Grundthemen des Menschen werden in der Literatur immer wieder beleuchtet. Das besondere ist eben, dass der Leser trotzdem heute noch überrascht werden kann, weil Variationen von nur einem Thema schon unbegrenzte Möglichkeiten bieten. Die Schwierigkeit des Schreibens besteht aber darin, dass ein Autor eben einen neuen Ton finden muss, damit es was besonderes wird.

Liebe Grüße
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#8

RE: Diebstahl und Nietzsche

in Gedanken vom Tag 31.01.2008 20:26
von Hyperion (gelöscht)
avatar
Dir stimme ich zu, lieber Martinus, Thomas Mann hat sich überall nach bester Merkur-Manier bedient, um daraus Dichtung zu machen. Und was für welche! Unter anderem hat er sich öffentlich bei Adorno später dafür entschuldigt, dass er fast ganze Textpassagen aus seiner musikwissenschaftlichen Schrift geklaut hatte, sodass Adorno mit Recht und Fug nachher immer noch behaupten konnte, er habe den Part mit dem Teufel geschrieben. Die Zeitgenossen wussten damals, dass der Roman „Doktor Faustus“ gemeint war. Thomas Mann ist in meinen Augen ein Sprachgott, ein praeceptor Germaniae, und er selbst sagte auch ein Mal, sich selbst in der Nachfolge Goethes wohl wissend, „wo ich bin, da ist Kultur“. Starker, aber berechtigter Tobak.

Hermes psychopompos oder psychagogos (= Seelenführer und Geleiter in der Unterwelt) taucht in der Novelle „Tod in Venedig“ mehrfach auf. Der Name Aschen-bach hat die Bedeutung von Asche (Tod) und Bach (Fluss) sinnbildlich für Styx. Der Hermes begegnet ihm, der mit „übereinander gekreuzten Beinen“ oder krummen Beinen da steht (auf vielen Bildern oder Statuen wird Hermes genau in dieser Stellung gemalt und dargestellt), dann als einer mit schlechten Zähnen (Symbolik für Verwesung und nahenden Tod) oder als Gondolier (s.o. psychagogos, bzw. als Fährmann in der Unterwelt). Im „Zauberberg“ hat Hermes eine vielschichtigere, komplexere und hermaphroditische Thematik. Ihm wird dort sogar ein ganzes Kapitel mit der Überschrift „Die Launen des Merkur“ geschenkt.

Thomas Mann war, als er noch ein Dreikäsehoch gewesen war, täglich in Lübeck auf der Brücke der Hermesstatue begegnet und hatte sie stets bewundert bis zu seinem Umzug nach München, wo der „Merkur“ (Zeitschrift) seinen Sitz hat. Merkur ist der herrschende Planet in den Sternzeichen Gemini und Virgo. Die Vertreter dieser beiden Sternzeichen waren stets rhetorisch (über-)begabte Menschen, denn ihre Gottheit ist eine der geflügelten Worte und der schmückenden Rede, die der bildhaften Sprache der Dichter und Philosophen ( u. a. von Goethe, Hegel und Puschkin).

Eine Schwester des geistigen Diebstahls ist in der Germanistik verbreitete Lehre der „Intertextualität“. Klingt niedlich, ist aber eine hoch-metaphysische Wissenschaftstheorie und abgemilderte Bezeichnung für den "Diebstahl", sie ist sogar erlaubt und poetisch geboten, also durchaus positiv konnotiert. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Es grüßt,
Hyperion
zuletzt bearbeitet 01.02.2008 20:23 | nach oben springen


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