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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 15:47
von Moulin • 395 Beiträge

Bei einer frühstücklichen Diskussion zwischen mir und meiner Künstlerin ergab sich aus dem Gespräch die Frage, warum der übliche Kunstkäufer, ich meine, diese Gattung Mensch, die sich schon ein bischen mit Kunst beschäftigt, dadurch ein wenig Fachwissen mitbringt, um zu wissen welche Aussagen die vorherrschenden Kunstformen im allgemeinen haben.
Nun will ich zunächst mal zwei Bereiche vorstellen, die hier zur Diskussion stehen, und zwar nun nicht am Künstler orientiert sondern an der Kunstgattung.

Als erstes:

erst mal seh´n was qualle hat

Als Zweites:

Pathos

So!

Nachdem wir nun diese Beispiele großer, allgegenwärtiger Kunst in Gedanken am Frühstückstischlein betrachtet hatten, kam die Frage auf, warum der heimische Kunstfreund sich kein Bild von, zum Beispiel Helnwein über den reich gedeckten Esstisch hängt, wohl aber jenes schmucke 'Toscanello - first~italien~holyday~quicky - Erinnerungs - Tryptichon' zum Zusammenfalten für den günstigen Versand. (Oft auch bei anderen Anbietern in ähnlicher Form zu finden, dabei als qualitativ hochwertige Handarbeit ausgewiesen, aus chinesischer Kinderhand hergestellt, in Mischtechnik aus Öl, Schweiß und Tränen auf Leinwand.)

Ganz klar, wer sich ein pathetisches Bild an die eigene Wand hängt, kann nicht davor entfliehen, sich damit auseinander zu setzen. Es ist immer da und kitzelt das Gewissen.

Wer möchte das schon beim Frühstück?





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#2

RE: Kunst: Pathos trifft Deco -- edited--

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 16:36
von headprint • 135 Beiträge
Na, ich meine:
ob jetzt Frühstück oder nicht,
es ist keine Alternative, ob die
Schrecken aus dieser Quelle oder
jener Real.Gerichtetheit kommen,
denn Schrecken sind sie Alle.

Das ist leicht gesagt und aus
persönlicher Perspektive.
Und ich habe es selbst gar nicht
so doll mit dem Bilder aufhängen,
*glotz* links eine Radierung einer
Freundin, rechts eine von mir,
links vor mir ein präsidenteskes
Portaitphoto eines Hundes, der mal
mit uns lebte. Auf der Fenster-
bank ein fester Kuchen. Im Wohnraum
ein 'riesiges' Aquarell, das ich
mal machte - man müßte heute dazu
tackern, daß es von mir ist, so
male ich schon lange nicht mehr.
Irgendwo noch die eine oder andere
Graphik verteilt.. altes Zeug.

Auf den Punkt gebracht: ich müßte
also entscheiden, welche Bilder
an die Wände sollten, und nicht
ob, dann würde ich mich wohl für
Werke entscheiden, die mit meinen
so gar Nichts zu tuen haben und
dennoch keines der beiden Beispiele
favorisierten. Einen Monat Frans
Hals, zwei Wochen Carl Barks,
ein Vierteljahr Georges Mathieu
(aber nur die fetzigen), und
drei Jahre Frans Masereel in
A2 gedruckt...
Ich sehe gerade, daß ich die
Nähe zu dem was ich mache nicht
immer vermeiden könnte.. auch gut.
(Meine Frau hat bisweilen andere
Ansichten als ich...)

Es würde mich mehr stören dauernd
von meinen eigenen Sachen umgeben
zu sein, als von einer der beige-
spielten Grausamkeiten. Meine ei-
genen Sachen sind oft noch in Ent-
wicklung, auch wenn das eine oder
andere Motiv schon gezeichnet wur-
de. Ich trag sie lieber im Kopf
herum, deswegen.
Das wird sich wahrscheinlich än-
dern, wenn die Bilder einer Aus-
stellung hier eintreffen. Die
möchte ich an den Wänden haben,
eine Zeit lang.

----------------
Dear Edith,
natürlich, so könnte man sagen, bin ich
der eigentlichen Fragestellung ausgewichen.
Sie stellt sich für mich so nicht, daß ich
ganz klar zwischen Deko und Pathos unter-
scheiden kann. Das sonst hyperpathetische
Bild kann durch ein Stolpern in der Situation
plötzlich (für eine Zeit) aus dem Glanze der
hysterischen Überhöhung die Treppe herab schreiten
und echt, wirklich sein und das ohne die Glast.
Die Deko hingegen kann durch eine Sitution außerhalb
des Bildes durchaus auch an inhaltlichem Wert gewinnen.
Es ist so mit den Bildern: sie bewegen sich nicht, aber
ich!!

*sssscrrreeeeaaaaach!!!*
zuletzt bearbeitet 30.12.2007 16:46 | nach oben springen

#3

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 16:40
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Für mich ist gerade diese Auseinandersetzung auch Teil meiner Arbeit. Dass der Künstler auf ein Elend aufmerksam macht, sich also auch politisch, weltlich mit Themen auseinandersetzt, die aufwühlen sollen, ist keine Kunst für die häuslichen Wände. Das, was über dem Küchentisch hängt, muss aber trotzdem nicht nur Deko sein.
Gerade in dieser Betrachtung mit dem "harten" Bild und dem, was die Seele im Anblick erfreut, habe ich für mich erkannt, dass mein Bild etwas anderes öffnen soll. Meine Gesellschaftsbetrachtung muss also erst durchschaut werden. Ich knalle nicht das "Elend" auf ein Bild und sage: Hier, so ist es! - weil ich finde, dass es nicht so einfach ist. Trotzdem bewundere ich Künstler, die sich hier nichts schenken.
In all diesen Weltenbedingungen und Zuständen darf, so finde ich, Kunst auch ruhig wieder etwas Schönes auslösen, ohne dabei plakativ oder Dekoration zu sein. Es gibt immer Zwischennuancen, die man auch anstreben muss, wenn man sich vor Augen führt:
Ein Gemälde ist ein Gegenstand, der uns betrachtet und uns zum Gemälde macht. (Lacan)

Ich erkenne meine eigene Philosophie, die ich immer detaillierter entwickle, schön bei Mallarmé wieder, in seinem Streben nach dem Absoluten. Als ich nämlich über Courbets Streben nach Realität, damit auch das Aufzeigen von Hässlichkeit in aller Schonungslosigkeit, nachdachte, der sich ja damit gegen die damals vorherrschende Ästhetik, Religion, Heroik wehrte, sie damit zerstören wollte, so muss gerade in aller Übersättigung der modernen Zeit der Künstler sich wieder auf ein Bild besinnen, das etwas "Gutes" auslöst. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Leid der Welt zu "präsentieren", oftmals andere oder effektivere, als ein Künstler sie heute nutzt, sei es Medien, Film, usw. während der Künstler dagegen etwas hat, was über diese Virtualität (um es in einem Begriff zu fassen) noch nicht machbar ist. Nämlich das Erschaffen von Wärme. Der Künstler muss also nicht unbedingt mehr nach dem "Aufschrei" streben. Durch Mallarmé wurde mir bewusst, dass die Zeit immer alterniert, dass die Sehnsucht nach "Hässlichkeit" dann auch wieder die Sehnsucht nach "Schönheit" auslöst, je nach dem gerade vorherrschenden Übersättigungsgrad. Zuviel Schönheit erfordert immer Hässlichkeit als neuen Reiz, zu viel Harmonie sofort Grausamkeit, usw. Das wirkt dann wie ein Aufatmen, eine neue Erleichterung.
Darum ist die Konfrontation mit Kunst auch nicht so einfach in zwei Richtungen zu teilen, denn sogar die Grausamkeit kann zur Dekoration geraten, und umgekehrt.

Erster, kleiner Gedanke!



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.12.2007 19:24 | nach oben springen

#4

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 16:51
von Moulin • 395 Beiträge

Damit nicht der falsche Eindruck entsteht.
Es geht nicht direkt darum, sich über den Küchentisch ein Bild mit einem hungernden Kind zu hängen. Es gibt ja auch noch andere Wände. Es geht mir eher um die Frage warum pathetische Kunst auf dem Markt wenig Chancen hat, warum sich die Menschen nicht in der Form dafür interessieren wie für andere, leichtere Formen der Kunst.
Aufmerksamkeit für wichtige Dinge könnte wegen fehlendem Interesse versiegen und damit die Sprecher, die Künstler verstummen.


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#5

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 17:18
von headprint • 135 Beiträge
Dazu noch das:

Das Leben der meisten Menschen wird heute von den
Vorgaben des Freizeitverhaltens regiert. Man möchte
Alles möglichst easy und bequem haben, zu konsumier-
baren, leicht konsumierbaren Blöcken geschnitten und
bitte: keine Anstrengungen, nur Vergnügen.

Alle Dinge, die das scheinbare Vergnügen trüben können,
werden ausgeklammert und deportiert. Jede Auseinander-
setzung mit den weniger vergnüglichen Aspekten des Lebens
kann dazu führen, daß die dünne Haut des Lebensjogging-
anzugs aufreißt und alle Waren, die den Körper simulierten,
rauskullern. Was für eine Schande!

In Worten: nicht auffallen, massenkonform, positiv,
nicht unangenehm, angepasst, flexibel, hierarchiegläubig,
nickend, rundgelutscht, uneckig, genormt, wieder genormt,
dauernd neu genormt.

Da ist kein Platz für Anklagen - es hängen wahrschein-
lich auch Arbeitsplätze davon an.. oder andere arm machende
Dinge...

*sssscrrreeeeaaaaach!!!*
zuletzt bearbeitet 30.12.2007 17:20 | nach oben springen

#6

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 19:27
von larifant • 270 Beiträge

In Antwort auf:
Es geht mir eher um die Frage warum pathetische Kunst auf dem Markt wenig Chancen hat, warum sich die Menschen nicht in der Form dafür interessieren wie für andere, leichtere Formen der Kunst.

Helnwein verkauft sich doch gut, oder?

Das Problem ist doch, dass man, wenn man sich "pathetische Kunst" an die Wand hängt, z.B. Sachen wie aus der Benetton-Reklame, religiöse Folterszenen oder Leichenteile (Memento Mori) schnell das Etikett "Zyniker" verpasst bekommt, wie Ernst Jünger mit seinem Burgunderglas.

Also dann doch lieber was Dekoratives, aber bitte was wirklich Dekoratives.

Gruß,
L.


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#7

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 20:02
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Naja, es könnte einem aber auch egal sein, was andere für Stempel benutzen.
Nur, was ein aufgehängtes Bild in der Darstellung von Grausamkeit nun aus den Menschen selbst macht, das wäre vielleicht die Frage!
Wenn ein Bild nun in meiner Küche hängt, dass den über den Boden zerteilten Leichnam eines Kriegsopfers künstlerisch darstellt, wäre es mir sicher egal, in welche Richtung mich hier jemand einschätzt, wenn das Bild seinen Wert für mich hat. Und, du hast recht, dass jeder Besucher sich hier immer ein Urteil erlaubt.
Nur müsste man sich dann eben selbst hinterfragen, wie sehr ein Bild, welches das Leid darstellt, in der täglichen Betrachtung einen selbst verändert, vielleicht abstumpfen lässt, vielleicht auch einen immer neuen Schreck auslöst.
Die eigenen vier Wände sind nun einmal der Rückzug vor dieser Welt, man strebt im Allgemeinen immer nach Ruhe und Gemütlichkeit, oder besser gesagt, nach Wohlbefinden. Da könnte man genauso fragen, wie sich manch einer in der steril aber teuer erkauften Designerwohnung wohlfühlen kann und was DAS über den Menschen aussagt...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.12.2007 20:10 | nach oben springen

#8

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 20:34
von Moulin • 395 Beiträge

Zitat von Taxine

Nur müsste man sich dann eben selbst hinterfragen, wie sehr ein Bild, welches das Leid darstellt, in der täglichen Betrachtung einen selbst verändert, vielleicht abstumpfen lässt... ...Die eigenen vier Wände sind nun einmal der Rückzug vor dieser Welt, man strebt im Allgemeinen immer nach Ruhe und Gemütlichkeit...



Na es muß ja nicht immer gleich das Extrem sein, zumal sich hier auch durch die Abstraktionen nicht gleich bei jedem Bild alle Blicke und Hintergrunde erschließen.
Ein röhrender Hirsch, um mal das klassische Beispiel zu bringen, das höchstens noch durch Bob Ross getoppt werden könnte, brächte mir nicht die notwendige Ruhe.

Die Designerwohnung ist in ihrer Form auch ein Kunstobjekt und sagt natürlich viel über den Besitzer aus.

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#9

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 30.12.2007 22:07
von larifant • 270 Beiträge

Kannst du präzisieren, was du mit "pathetischer Kunst" meinst?
Ich fürchte, das nicht zu 100% verstanden zu haben.

Gruß,
L.


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#10

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 31.12.2007 15:33
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine
Naja, es könnte einem aber auch egal sein, was andere für Stempel benutzen.

Schön, wenn man sich das leisten kann.
Für einen einfachen Menschen dagegen ist es oft mühsam, sich im Irrgarten der Konventionen und "Selbstverständlichkeiten" zurechtzufinden.

Leider werden Geschmacksfragen schnell auf eine moralische Ebene gehoben.

Gruß,
L.



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#11

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 31.12.2007 16:13
von headprint • 135 Beiträge

Zitat von larifant

Leider werden Geschmacksfragen schnell auf eine moralische Ebene gehoben.



Das ist dann der Ersatz für richtige Auseinandersetzungen.
Gruppen die sich definieren, durch Äußerlichkeiten, die
okee sind oder nicht okee. Diese Unterscheidungen werden
aufgepumpt, bis sie religiöse Dimensionen erreichen und
dann heißt es nur noch:
"Wer nicht für uns ist, ist gegen uns."
(Das ist drastisch überspitzt dargestellt, passt trotzdem.)

Der Jugendwahn auf andere Art: die Gemeinschaft der Ewig-15jährigen.


*sssscrrreeeeaaaaach!!!*
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#12

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 31.12.2007 16:57
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Vielleicht zum obigen Thema noch ein Zitat von ... na wem wohl ... Mallarmé:

Kunst und Gesellschaft sind sich nicht feind, nur fremd.

Darum wird der "Künstler" in seinem Schaffensprozess sicherlich nie danach streben, an einer Wand über einer Couch zu hängen.




Surreale Vorstellungen
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#13

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 31.12.2007 17:21
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine
Darum wird der "Künstler" in seinem Schaffensprozess sicherlich nie danach streben, an einer Wand über einer Couch zu hängen.

Wenn der Künstler noch jung und gelenkig ist, warum nicht?
Als Performance.

Gruß,
L.


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#14

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 01.01.2008 11:03
von Moulin • 395 Beiträge
Zitat von larifant
Zitat von Taxine
Darum wird der "Künstler" in seinem Schaffensprozess sicherlich nie danach streben, an einer Wand über einer Couch zu hängen.

Wenn der Künstler noch jung und gelenkig ist, warum nicht?
Als Performance.

Gruß,
L.



Das dürfte schwierig werden für den Künstler, der dabei nicht pathetisch wirken will...
zuletzt bearbeitet 01.01.2008 11:03 | nach oben springen

#15

RE: Kunst: Pathos trifft Deco

in An der Kunst orientierte Gedanken 01.01.2008 14:30
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

In Antwort auf:
Wenn der Künstler noch jung und gelenkig ist, warum nicht?
Als Performance.






Surreale Vorstellungen
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