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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 01:29
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Nach reiflicher Überlegung und dem ersten Befassen mit dem "Livre" oder dem, was man daraus erfährt, stimme ich zu (Salin): die erste Seite ist weiß.

Der Künstler Wil Frenken schuf seinen Mallarméwürfel mit der Aufschrift: DER ENDZUSTAND DER WELT IST EIN BUCH.

Mallarmé selbst versuche die Welt neu zu schreiben, aus der Dichtersicht. Nach ihm folgte Michel Leiris, der durch seine "Autobiographie" bis an die Grenzen des Selbstmords getrieben wird.

Welt und Leben sind also eine weiße Buchseite, eine terra incognita. Die vorgefundene Schöpfung ist ein Aufruf zu einer permanenten Neu-Schöpfung und Neu-Aneignung, um hier die Sicht auf die Welt immer neu zu überprüfen. In diesem Schaffensakt entsteht nicht nur die Schöpfung, sondern auch das Geschöpf (wird sich seiner selbst bewusst) und erfasst sich und die Welt in einer Art Entzifferung.
Mit dieser schwärzen sich dann die Seiten, bis sie in der Verschachtelung nicht mehr entzifferbar sind, also schwarz sind.

Soweit ist es nachvollziehbar.

Man könnte es aber durchaus auch aus einer anderen Perspektive betrachten: Der Dichter selbst sieht das Buch anders, er schreibt es nicht nur, sondern schöpft daraus, lässt es gleichzeitig entstehen, um es aber längst zu lesen. Er sieht die Seiten vielleicht gar nicht weiß, sondern schwarz, und kürzt daraus solange heraus, bis etwas Erfassbares entsteht, bis das daraus Erkennbare wieder heller wird, natürlich, um sich selbst dabei zu spiegeln und zu entziffern und so wieder einfacher zu sehen.
Es ist vergleichbar mit dem Negativ eines Filmes, die Werte sind nur umgekehrt, enthalten aber das gleiche Abbild.

Kleine Spielerei.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.01.2008 03:04 | nach oben springen

#2

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 08:37
von Salin • 102 Beiträge
Jene Schöpfung durch Wegnahme entspricht der Steinmetzmethode. Die Praxiteleischen Köpfe!

Für Borges war die Welt bereits ein Buch, ebenso für Francis Bacon (den Lordkanzler). Letzterer unterschied zwischen dem Band der Heiligen Bücher und dem Band der Geschöpfe.
Ein "unendliches Buch, das alle Menschen insgesamt schreiben und lesen und zu verstehen trachten und indem auch sie ihrerseits aufgeschrieben werden" (Carlyle).

Im Sinne Baudrillards lässt sich heute vielleicht sagen: DER ENDZUSTAND DER WELT IST EIN SIMULACRUM.

"angenommene Weisheiten" ... ?

zuletzt bearbeitet 03.01.2008 09:32 | nach oben springen

#3

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 14:09
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Eine Rückkehr in die Spätklassik. Um das Buch der Bücher zu erschaffen, müsste man den Kopf jede Sekunde füllen und dieses Wissen permanent über den Haufen werfen, um es aus eigener Denkweise neu zu kreieren.
Es ist auch kein weltliches Ding, so ein Buch, sondern ein subjektives... ein aus der Innensicht erschaffenes Außen, in dem sich das Außen dann jeweilig spiegelt.

Zuerst Debords Gesellschaft des Spektakels, dann Baudrillards Simularcrum ... Am Ende bleibt vielleicht wirklich nur die Rückkehr zu Platon:
Der Endzustand der Welt ist die Idee von einem Buch und somit der Welt.

Besser: Ein Ideenweltbuch, das sich nur aus Vorstellungen und aus der Erinnerung an das "Buch" zusammensetzt...

Was mir auch im Kopf vorschwebt:
Der Endzustand der Welt ist ein Rauschen.

(im Falle de Fälle: jeweilig zu ersetzen durch den Klang der Worte, wie die Welt dann ausgesprochen wird/oder den Ton, wie die Welt gedacht wird!)

Letztendlich wird es wahrscheinlich nur noch eine Störung sein.
Möchte man es sich bildlich machen. Trümmer und Zerfall, dazwischen ein Mediensignal, die Technik im Riss und die verwischte Übertragung ins Nichts...




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.01.2008 16:30 | nach oben springen

#4

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 16:27
von headprint • 135 Beiträge
Daß der Endzustand der Welt ein Buch sein wird
mag angehen (von mir aus auch ein Rauschen) -
doch scheint mir das für meine Bedürfnisse
wenig praktikabel (Was lese ich heute?).

Ich meine wenn schon das Bild des Buchs, dann
mag es schon geschrieben sein, wird aber in
der Gegenwart ständig umgeschrieben. Wenn
man sich nach einer Zeit zusammensetzt und
gegenseitig aus seiner Ausgabe vorliest,
stellt jeder fest, daß der Andere Alles ganz
falsch aufgeschrieben hat...

Spielt dabei nicht die beinahe schon abso-
lute Vorstellungskraft der subjektiven Person
die Hauptrolle?? (Nicht im Buch, sondern bei
der Vorstellung eines Buches..)

Ich bringe den thread nun etwas mit Emmanuel
Schmitt's 'Die Schule der Egoisten' in Ver-
bindung, auch wenn dort nicht direkt der Buch-
gedanke eine Rolle spielt. (Es ist amüsant
genug dieses Buch zu lesen, aber Schlüsse
will ich hier nicht ziehen.)

*sssscrrreeeeaaaaach!!!*
zuletzt bearbeitet 03.01.2008 16:27 | nach oben springen

#5

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 19:00
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Die Vorstellung von einem solchen Brachialwerk, in dem sich die ganze Welt spiegelt und sich dadurch erst zusammensetzt, wäre der Rückgang an den Anfang (denn, wo ist der schon?) bis zu der konsequenten Betrachtung eines möglichen Endes.
Wenn man den Menschen hier in seinem "zerbrochenen" Ich sieht, wie er versucht, sein Tier zu überwinden, sein Leben auf die Ebene der reinen Geistigkeit zu erheben (wir gehen vom Extremfall aus), um damit jedes Bruchteil wieder zu einem gesamten Ich zusammenzusetzen, dann sieht man auch die Schwierigkeit, aus dieser Subjektivität noch die ganze Welt zu erfassen, abzuleiten und auf den Punkt zu bringen. Was gut daran ist, diese Schöpfung in der Schöpfung verlangt auch vom Leser, dass er hier sein Ich herausliest, also es frei interpretiert, hinter dieser Deutung erlischt dann richtig oder falsch, usw.

Der Endzustand kann auch eine Scherbe sein, falls die Welt hier auseinanderfällt. Er kann auch blau sein. Die Spekulation ist für mich interessant.

Borges kreierte sein Sandbuch, in dem man unendlich oft lesen kann und nie wieder auf die gleiche Seite trifft. Damit ist das Buch äußerlich vielleicht in normaler Größe, offenbart aber erst im Inneren den unendlichen Raum und verschlingt dabei alles, den "Lesegenuss" (weil man seine Zeit mit dem Wiederfinden verbringt), das "echte Leben" dahinter, den Leser...
So wird wohl das "Buch des Lebens" auch enden, und je mehr Menschen darin lesen, desto mehr Inhalt gewinnt es...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 04.01.2008 03:31 | nach oben springen

#6

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 19:09
von Salin • 102 Beiträge

Ist jener Endzustand die Summe dessen, was war, oder etwas, was es noch nie gab?

Die "logische" Antwort: beides.


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#7

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 19:14
von Salin • 102 Beiträge

Ja, unendliche "Sandbuch", dessen Verbrennen ebenfalls unendlich wäre ...


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#8

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 19:16
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

So gesehen, wäre der ENDZUSTAND dann auch nur ein Punkt zwischen zwei "Zuständen" und damit kein wirkliches Ende.




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#9

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 19:24
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Genauso ist jeder Versuch, sich hier einer "unendlichen" oder "perfekten" Sache zu nähern, bereits durch den Versuch aus dem Ideal enthoben...




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#10

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.01.2008 20:49
von Salin • 102 Beiträge
Beides heißt alles.
Von wegen "zwischen zwei 'Zuständen'".

zuletzt bearbeitet 03.01.2008 20:50 | nach oben springen

#11

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 20.01.2008 11:50
von headprint • 135 Beiträge

Zitat von Salin
Beides heißt alles.
Von wegen "zwischen zwei 'Zuständen'".


Entweder: Nichts = Alles,
weil |Alles| == |Nichts|, oder:
Alles = Alles, was einleuchtet -
aber einen selten erreichten,
geringen Kommunikationswert
besitzt.

'Beides' bedeutet aus meiner Sicht, daß ein Zustand
fehlt, demnach es nicht Alles sein kann.

Das Buch, von dem hier gesprochen wird, kann nur als
eine dauernd veränderte Anhäufung von Information be-
stehen, die in zwei Versionen aktuell ist: die gerade
festgeschriebene und die, die gerade für das nächste
Ausgabe erarbeitet wird. Daneben gibt es noch die mehr
oder weniger verblassten vorherigen Ausgaben, die je
nach Situation und Leser relevanter sein können, als
die gegenwärtige oder die zukünftige.
Ein Buch, das sich, bei jedem neuen Lesen, wieder und
wieder als ein ganz anderes erweist, ist interessant,
lustig, die Lösung so mancher logistischer Unbequem-
lichkeit und leider - auf Dauer - ziemlich beliebig.
Mir fällt nämlich (und leider) diese ganze Sparte der
romantischen Ideal.Liebe-Kolportage-Melodromane
ein, deren einziger Lesezweck das maue Bestätigen der
lauen Vorstellungen der LeserInnenschaft ist: die Welt
ist gut so und ich projiziere mein Ungelebtes auf die
Figuren dieses Buches und so: Durchhalteliteratürchen,
durch die Lassiter und Dr. Gott-Halb aus englischen
Herrenhäusern ins Gaslicht kolonialafrikanischer Sonnen¹
schlüpfen. Ich selbst bin hier in die erste Person ge-
schlüpft, um mit selten erreichter Kante zu sagen, daß
keiner davor gefeit ist, nicht AutorIn, nicht LeserIn.
Da kommt es weniger auf das Buch an, das mensch liest,
sondern darauf wie es gelesen wird.

__________
¹) Ich beziehe mich nicht nur auf diese Heftchen-Romane,
die ich - als Erscheinungsform - übrigens als sehr gut
bezeichnen will. Mir fehlen nur gerade die Namen. Halt:
Pilcher, Victoria Holt, Simmel auch...


*sssscrrreeeeaaaaach!!!*
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#12

RE: Das Buch des Lebens

in An der Literatur orientierte Gedanken 20.01.2008 20:29
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge
Zum "Alles" oder "Nichts": Ich denke auch schon die ganze Zeit darüber nach.
Wenn ein Zustand "erklärt" wird (hier der Endzustand), und er der Zustand eines bereits Gewesenen und noch nicht Gewesenen ist, dann ist er trotzdem nicht allumfassend, weil ein Zustand selten das Nichtgewesene vorwegnimmt und auch die Zwischennuancen außer Acht lässt. Er stellt also nur einen Punkt auf einer Geraden dar. Die Summe aus beiden umfasst allerdings alles, weil die Summe auch die "Zwischenzustände" beinhaltet, und weil das Buch alles Nichtgewesene wie auch Gewesene und gerade Geschehene beinhaltet.

Das Buch des Lebens ist ein fiktives, aber sein "Buch des Lebens" wird wohl jeder Schriftsteller ... na wenigstens ... angehen.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.01.2008 20:32 | nach oben springen


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