Die Fehler in Büchern, als Chance gesehen
Ich bin mir sicher, daß die Autoren vieler von mir gelesener
Bücher schieren Schaum vor den Mund bekämen, wenn sie meine
Interpretationen, Kommentare während des Lesens hörten. Es
gibt kaum ein Buch, in dem nicht ein Fehler Anlaß zum Lästern
gäbe... und ich meine nicht Schreipfehler. Vor Allem Bücher,
die heute geschrieben wurden, aber in früheren Zeiten spielen,
sind bisweilen eine Verlockung: wenn plötzlich die Sichtweise
der Menschen des 20. oder 21. Jahrhunderts sich Bahn bricht,
finde ich das schon lustig. Sehgewohnheiten, Bewegungserfahr-
ungen und effizientes Handeln, nach den Vorgaben der modernen
Zeit. Wenn eine Person im Mittelalter quasi mit dem Auto fährt,
nur daß dies nicht erwähnt oder beschrieben wird, weil es in so
einem Buch Nichts verloren hat, zeigen, daß der Autor seine Re-
cherchen entweder mit google maps oder kraftmotorisiert betrieben
hat. Ebenso die leichthin verfügbare Wärme, Licht allerorten, die
kugelschreiberische Leichtigkeit mit der schnell mal ein Text auf
- damals eher kostbarem und nicht überall verfügbarem - Papier ver-
fasst wird. Das Gleichsetzen von hygienischen Situationen mit den
heutigen, das Ignorieren von Mentalitäten und Machtmitteln, die nötig
waren, um sich damals (wie heute) seine Positionen zu sichern und
der Hang diese Macht skrupellos einzusetzen. Die Tatsache, daß Alle,
die es sich leisten konnten, im Mittelalter ihr ganzes erwachsenes Leben
von Morgens bis Abends gesoffen haben, findet in eher wenigen Büchern
Ausdruck. Und so könnte ich anfangen genauer zu überlegen und es mit
Buchtiteln und Textstellen zu belegen - doch das wäre Spaßverderberei.
Denn ich habe es genauso genossen diese Bücher zu lesen, als wenn mir
kein Fehler aufgefallen wäre. (Das heißt noch lange nicht, daß keiner
da war..)
Diese Fehler spiegeln die Sicht eines Autors, der versucht hat sich diese
Zeit zu erschließen und schließlich gescheitert ist - das wenigstens an
einer Stelle. Verhaltensweisen, die die Folge eines relativ strikten Leb-
ens nach dem Takt genauer Zeitmesser in privatem Besitz sind, sind im Mit-
telalter einfach nur absurd; ebenso wenn Figuren sich in gefährlichen Situ-
ationen verhalten wie man es so oft im Fernsehen sieht. Es macht nur Sinn
sich gewissen taktischen Zwängen zu unterwerfen, wenn die dazugehörigen
Waffen schon erfunden sind. Für einen Bogenschützen ist die Nacht schwarz
und er hat nicht soviele Pfeile, daß er sie einfach in die Nacht ballern
wird (zudem hätte er sicher Schwierigkeiten sich an das Nachtsichtgerät zu
gewöhnen.. frei nach Catweazle: 'Elektriktrick', haha).
Schwieriger sind eh die Fehler in Büchern, die näher an unserer Gegenwart
spielen, diese ist ja immer noch bewimmelt von den Folgen der jüngeren Ver-
gangenheit. Da muß ich manchmal scharf abgrenzen, ob es sich vielleicht gar
nicht um einen Fehler handelt, sondern um eine gewollte 'Information'.
Das kann bei den Büchern, die im Mittelalter spielen auch durchaus der Fall
sein, um den Lesenden eine Identifikation zu erleichtern - das wäre aber sehr
flach, so.
Meistens nehme ich die Fehler hin und verfolge im weiteren Verlauf, ob der
Autos sich wenigstens konstant an diese Errungenschaften modernen Schreibens
hält. Tut er das nämlich nicht, sondern fällt von einer Sichtweise in die an-
dere, dann klappe ich das Buch vor dem Ende zu und denke: "Schrott." das sind
die krassen Fälle, meist lese ich is zum Ende oder was mir als ein gutes solches
erscheint. Die Zeit bereue ich nicht, das Buch hat mich soweit unterhalten und
ich habe während des lesens sicher über die eine oder andere Sache nachgedacht.
Durch die Fehler hat das Buch eine Extra-Dimension erhalten.. allerdings nur für
die Dauer des Lesens. Buch zu, vergessen.
Ich stolpere derweil auch über Druckfehler oder schlechte Übersetzungen, die den ganzen Lesefluss zerstören. So etwas kann auch zum Ärgernis heranwachsen.
Apropos:
Zitat von headprint
Die Tatsache, daß Alle,
die es sich leisten konnten, im Mittelalter ihr ganzes erwachsenes Leben
von Morgens bis Abends gesoffen haben, findet in eher wenigen Büchern
Ausdruck.
Sicher haben sie gesoffen. Vielleicht haben sie sogar das ganze Mittelalter weggesoffen. Womöglich so, dass es in der Renaissance nachträglich noch einmal ganz neu erfunden werden musste.

Wenigstens sind sie heutzutage technisch gesehen gut im Bilder fälschen. Ach nee... sind sie ja auch nicht.

P.S. Wer an die allgemein bekannten Umstände des Kennedy-Attentats glaubt, der glaubt sowieso alles!
Zitat von Taxine
So durch den Van-Allen-Gürtel bis in die Radioaktivität des Mondes und wieder zurück?
"Der Wagen eilt, die Lüfte zu durchfliegen,
Und langt gar bald im ew'gen Feuer an;
Wobei jedoch, solang er es durchrannte,
Der Greis das Wunder tat, dass es nicht brannte."
Gruß,
L.
Ein Wunder braucht's da wirklich... 
- Anmeldung
- Information zur Anmeldung
- Gedanken um die Literatur
- Lektüreliste
- Buchvorschläge
- Die schöne Welt der Bücher
- Sachen gibt's - Sachbuch
- Das "andere" Buch
- Literatur im Verriß
- Blicke auf Menschen
- Zitate
- Überlegungen
- An der Literatur orientierte Gedanken
- An der Philosophie orientierte Gedanken
- An der Kunst orientierte Gedanken
- An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken
- Kritzeleien
- Gedanken vom Tag
- Yoricks literarische Nachtgedanken bei Tage
- Lennies Gedankenschnipsel
- Flümmerey/ La Vista di AscOltO
- Die Zeiten sind, waren, werden sein: so und so
- Die realistischen Gedanken des Monsieur Moulin
- Autorenforum
- Prosa
- Poesie
- Lyrik
- Spielereien
- Gespräche
- Gespräche über Kunst und die Welt
- Kunst im Gespräch
- Bargeflüster
Jetzt anmelden!
Jetzt registrieren!
