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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Gedanken zu Nietzsches "Morgenröte"

in An der Philosophie orientierte Gedanken 22.01.2008 18:08
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Nietzsche
Morgenröte


Wer viel einst zu verkünden hat,
Schweigt viel in sich hinein:
Wer einst den Blitz zu zünden hat,
Muss lange - Wolke sein.


Ein paar erste Gedanken zur Vorrede und der Schrift selbst:
Nietzsche warnt in meinen Augen davor, hier allzu viel „Normalität“ zu erwarten (was heißt: gängige Muster, Bestätigung des Denkens).

Zitat von der Vorrede Nietzsches
...dass wir uns keine Lügenbrücken zu alten Idealen gestatten...


Der Leser blickt damit in ein Buch, dessen Inhalt sich mit der Sicht aus der Einsamkeit, dem Leben als Einsiedler beschäftigt, auf die Zeilen von jemandem, der damit aus dem Außen hinterfragt, als Randfigur auf das Geschehen blickt. Aus dieser Betrachtung fehlt jede direkte Verbindung zum Leben hin, darum ist die Überlegung auch als lento möglich und wird nicht von der Hast der Welt verschluckt. Man betrachtet den Menschen, das Sein, die Vernunft, die Moral lediglich aus dem eigenen Kellerfenster, was im dostojewski’schen Fall in die Verbitterung geführt, bei Nietzsche jedoch die Sicht geöffnet hat.
Da kann man dann froh sein, dass er immer wieder in die Welt zurückgekehrt ist und verkünden wollte, was er für sich in schweren Stunden entschlüsselt hat.

Schon Montaigne sagte: Die Welt ist weder gut noch böse, aber sie ist…
... und Pascal meinte dazu, dass unter dem Gesichtswinkel des Tatsächlichen und Üblichen die Begriffe Gut und Böse eine Frage des Breitengrades seien.
Nietzsche hat sich natürlich ausführlich mit der Moral und der Auffassung von Moral und Gehorsam auseinandergesetzt, und sie, wie er sagt, auch als einer der Ersten in Frage gestellt.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.01.2008 19:24 | nach oben springen

#2

RE: Gedanken zu Nietzsches "Morgenröte"

in An der Philosophie orientierte Gedanken 03.02.2008 22:11
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Es ist interessant sich mit der Hintergeschichte ein bisschen eingehender zu beschäftigen.
Nietzsche wollte die „Morgenröthe“ zunächst „Pflugschar“ nennen, hat die Schrift dann in „Eine Morgenröthe“ umbenannt und ist schließlich zum jetzigen, uns bekannten Titel gekommen, damit es nicht zu prätentiös klinge.

Als er dann das Manuskript (noch unter dem Titel: „Pflugschar“) zur Reinschrift und Entzifferung bei Köselitz abgibt, schreibt er:
In Antwort auf:
Ich bin glücklich, nichts mehr mit dem Manuscript zu thun zu haben. – Nun heißt es wieder: „Freund, in Ihre Hände befehle ich meinen Geist!" und noch mehr: "in Ihren Geist befehle ich meine Hände!" Ich schreibe zu schlecht und sehe alles krumm. Wenn Sie nicht errathen, was ich denke, so ist das Manuscript unentzifferbar.


Den Titel änderte er ja bekanntlich aus folgendem Grund:
In Antwort auf:
Sie (Köselitz) haben mich dadurch, dass Sie den zufällig hingeschriebenen Vers aus dem Hymnus an Varuna als Motto nahmen, auf den Gedanken gebracht: sollte das Buch nicht heißen: „Eine Morgenröthe…“ Es sind so viele bunte und namentlich rothe Farben darin.


Der Hymnus von Varuna stammt aus dem Rigveda, dem ältesten Denkmal der indischen Literatur. Darin heißt es: „Es gibt so viele Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben.“
Nietzsche hat den Vers als Motto beibehalten.
Wenn man noch einen Schritt davor machen möchte, dann hat Nietzsche die ersten Aufzeichnungen zur Moral in Venedig gemacht, wo er sie noch „L’ombra di Venezia“ nannte. Von dort ist der Blick auf Deutschland und den Pessimismus natürlich ein anderer. Er wird dort zum Beispiel ständig von irgendwelchen Menschen gestört und sagt:
In Antwort auf:
Ich halte das ewige Moralisieren, zu dem ich selbst so stark neige, auf Dauer nicht aus, es zerstört mir die ganze Stimmung, die ich für meine Sachen brauche.

Wie passend.
An anderer Stelle schreibt er über sein Schaffen in einem Brief:
In Antwort auf:
Dabei grabe ich mit Eifer in meinem moralischen Bergwerk und komme mir dabei mitunter ganz unirdisch vor – es scheint mir jetzt so, als ob ich inzwischen den leitenden Gang und Ausweg gefunden hätte.

Man sollte hier auch bedenken, dass Nietzsche zu dieser Zeit fast schon blind war. So gewinnt der Vergleich zum Maulwurf auch eine weitere Bedeutung. Und was macht ein Mensch, der weder das Schreiben noch das Lesen verträgt? (… gelegentlich eine Viertelstunde zu finden ist das Kunststück.) Er geht tief in sich, hinterfragt selbst seine eigene Philosophie. Alleine diese Zweifel lassen ihn als „Mensch“ zurückkehren, die damit überwunden sind.

In Genua dann, wo es für ihn schwierig ist, eine vernünftige Bleibe zu finden und er von einer Dachstube in die nächste wechselt (Ich will mir die unbekannteste Dachstuben-Existenz gründen…) schreibt er:
In Antwort auf:
Eben habe ich mich von einem sehr bittebösen Anfalle erhoben, und kaum ist die Noth zweier Tage abgeschüttelt, so läuft meine Narrheit schon wieder ganz unglaublichen Dingen nach, vom frühsten Erwachen an, und ich glaube nicht, dass irgendwelchen Dachstubenbewohnern die Morgenröthe lieblichere und wünschbarere Dinge beleuchtet hat. (…) Ich lebe, wie als ob die Jahrhunderte ein Nichts wären und gehe meinen Gedanken nach, ohne an das Datum und die Zeitungen zu denken.

Ein weiterer Hinweis auf das „unterirdische Graben“, welches nicht irdisch ist, welches über die Welt und die Zeiten hinausführt. Und auch hier:
In Antwort auf:
Ich will mein eigener Arzt sein, und dazu gehört bei mir, dass ich mir selber im Tiefsten treu bin und auf nichts Fremdes mehr hinhöre. Ich kann nicht sagen, wie sehr die Einsamkeit mir wohl thut! (…) Nur so kann ich mich selber in jedem Sinne fördern (und zuletzt vielleicht auch Andern nützlich werden)…


Was ich auch interessant finde, ist, dass er nach dem Abgeben seines Manuskripts an Köselitz schreibt, dass ihm „hinter diesem ganzen Buche“ seine „Musik zu Manfred klingt“. Man erinnere sich hier an seine „Manfred-Meditation“, die er von Bülow geschickt hat, der darauf sagte:
In Antwort auf:
Es handele sich um "das Extremste von phantastischer Extravaganz", das "Unerquicklichste und Antimusikalischste", was ihm seit langem zu Gesicht gekommen sei. Ob das Ganze ein Scherz sei, eine musikalische Parodie auf die "Zukunftsmusik"? (...) Sein musikalisches Fieberprodukt sei in der Welt der Musik das gleiche wie ein Verbrechen in der moralischen Welt, die Muse der Musik, Euterpe, sei genotzüchtigt worden."

(Ross: „Der ängstliche Adler“)
Na, das trifft wohl auf das Werk nicht zu, und Nietzsche galt ja in seinen eigenen Komponierversuchen als eher mäßig. Das Stück hat in meinen Augen etwas Trauriges, Träumendes, wobei sich das Spiel in zarte Nachklänge schwingt, die manchmal lange vor sich „hindösen“, um aus ihnen dann wieder mit Getöse hervorzutreten, wie ein kurzzeitiges Aufstampfen. Will sagen: Nietzsche dürfte jederzeit spielen und auf meine Bewunderung zählen.
Na, wenigstens heute will man die hauchzarte Sensibilität und die dionysische Vielfalt des komponierenden Denkers und Grüblers heraushören, besonders eben in der dämonischen Ironie der Manfred-Meditation.
Als er die „Morgenröte“ zum letzen Mal mit kleinen Änderungen versieht, schreibt er:
In Antwort auf:
… es wird kein dickes Buch, aber es giebt nicht viele Bücher mit so viel Inhalt (rede ich jetzt als Vater des Buchs? Ich glaube nicht) …
und
In Antwort auf:
Das Buch ist eine Art Dynamometer für mich, ich habe es mit einem Minimum von Kraft und Gesundheit verfasst.

Auch darum kehrt er als scheinbarer Trophonios und Unterirdischer zurück, wenn er erst wieder "Mensch geworden" ist, denn die Betrachtung aus dem Schmerz ist eine andere, als die Betrachtung eines gesunden Menschen.

Buch 1
1. Aphorismus: Nachträgliche Vernünftigkeit

Mein Erkennen darin:
Die Dinge haben immer ihren Gegenpol. In der Wahrheit wird erst die Lüge sichtbar, Gut spiegelt sich im Bösen und aus der Unvernunft erwächst nun einmal die Vernunft. Darum klingt es paradox, wenn wir von der Wahrheit reden und in ihr gleichzeitig die Lüge mit einbeziehen, weil sie Teil der Wahrheit ist, wie auch umgekehrt, und ebenso, wenn der Mensch die Vernunft zur einzigen Richtlinie erhebt. Bei Kant ist die Vernunft die Bezeichnung für das oberste Erkenntnisvermögen, dessen Aufgabe es ist, den Verstand als untergeordnetes Erkenntnisvermögen zu regulieren. Die Vernunft hat also den Verstand in seine Schranken zu verweisen, ohne, dass sie das Wissen erweitert. Aber, die Vernunft verstrickt sich sofort in Antinomien, wenn sie den Bereich der Erfahrung überschreitet und muss als regulative Idee gesehen werden. Damit erhält sie aber auch eine zugewiesene Stellung, etwas, das eben so ist. Nietzsche sieht hier die „Dinge mit Vernunft durchtränkt“, weil ihnen ohne die intensivere Überlegung etwas Übernommenes anhaftet. Dadurch wird nicht sichtbar, dass auch eine Gegenseite existiert, dass alles aus dem Un- des "Seins" gerät, dass jede Vernunft auch ihre Unvernunft birgt. Aber, der Mensch kann das nicht mehr erkennen, wenn er bestimmte Dinge einfach annimmt, ohne sie zu hinterfragen. Darum erscheinen bestimmte Dinge, wenn sie von mehreren Seiten oder situationsbedingt betrachtet werden, auf einmal paradox. Hinzu kommt: man kann Einzelnes, aber niemals das Ganze begreifen. Das Leben aus einem Guss gibt es nicht, die Lebenswelt teilt sich immer in mehrere Welten.
Darüber hinaus: Alles, was als gängiges Muster in Frage gestellt wird, wirkt dann auf den ersten Blick falsch, absurd, unsinnig, alleine darum, weil es in Frage gestellt wird. Warum etwas neu überdenken, was sich über lange Zeit bewährt hat? Das, was der Mensch gewohnt ist, das will er dann auch partout nicht aufgeben, schließlich lebt er mit diesem Denkmuster, hat es vielleicht mit Schwierigkeit oder gar schmerzlich für sich erfahren und aus der Gängigkeit endlich verstanden.
Vieles gewinnt, alleine, weil es schon lange existiert, an "Wahrheit", auch wenn diese Wahrheit gar nicht in diesem Sinne existiert.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.02.2008 22:45 | nach oben springen

#3

RE: Gedanken zu Nietzsches "Morgenröte"

in An der Philosophie orientierte Gedanken 04.02.2008 23:51
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Zu Nietzsche und seinen subjektiven "Selbstbetrachtungen", die nicht auf den allgemein bezogenen Blick "beschränkt", sondern ganz individuell auf ihn selbst bezogen sind und seine eigene Lebenssituation mit einschließen:

Nietzsche, der seine Betrachtungen hierbei aus dem eigenen Leid erhebt, nicht um sich selbst zu spiegeln, viel eher, um zu hinterfragen, was das für eine Welt sein muss, die sich dieses Bewusstsein schafft, dass ein Mensch leiden kann, und damit dann auch die Moral in Frage stellt, möchte bewusst nur aus sich selbst in die Welt blicken, und wahrscheinlich ist dieser „subjektive“ Blick viel mehr wahrhaftig, als der gewollt „Alles-betrachtende-Blick“.
Zudem muss man bedenken, dass das "Leid" auch geschaffen worden ist, indem dem Menschen eingeredet wurde: Du musst büßen! Du musst deine "Sünden" wieder gut machen.
Wie sollte der Mensch, der mit diesen Normen heranwächst, auch anders in die Welt blicken, als zunächst leidend (und gar pessimistisch?). Gleichzeitig wieder das Paradoxon: Ohne die Sünde keine Buße, also ist die Sünde Voraussetzung, um sich einer moralischen Grundstimmung überhaupt bewusst zu werden. Und zumeist wird etwas Gegebenes einfach als "Denken" übernommen.
Dagegen wirkt dann das „Ich“ immer sehr persönlich, aber gerade das ist es, was mir Nietzsche so sympathisch macht. Er ist weder größenwahnsinnig noch überheblich, vielmehr ist er suchend, weil er lediglich (weiträumig) in Frage stellt. Ein Mensch, der auf Fragen stößt, versucht sie zu beantworten, was eine großartige Voraussetzung ist, um einem Thema näher zu kommen.
Die Moral, die der Mensch als bestimmtes Muster seiner Handlung festgelegt hat, ist trügerisch, denn in erster Linie möchte sie beherrschen, kleinmachen, unter Kontrolle halten. Die Moral, die der Mensch in sich selbst erhebt, ist eine andere, eine selbst erkannte. Und auch die eigene Moral kann zur Leidenschaft gedeihen und auch in diesem Sinne Angst kreieren. Was ist, wenn der Mensch der allgemeinen Moral entgegen handelt? Was ist er dann? Was löst er damit aus?
Nietzsche, der blind und im Schmerz sitzt, muss all das hinterfragt haben. Warum dieses Beharren auf diese „Wahrheiten“, nur, weil er "seine Sicht" erkannt hat? Warum schreibt er, wo er doch weiß, was es ihn an Freundschaft kosten kann (gerade ihn, der die Freundschaft so schätzt!), über all diese Beweggründe, die eigentlich (will man es oberflächlich sehen) nur ihn selbst durchströmen? Hier, so muss er erkannt haben, folgt er einem ganz eigenständigen Weg, für den er keinerlei Bestätigung benötigt.
Und, es ist gerade dieser Rückzug in die Einsamkeit, der Umgang mit sich selbst und dem eigenen Leid, der diese riesigen Tiefen zulässt, die Welt neu zu betrachten und etwas Gängiges in Frage zu stellen, diese Sichtweisen, die nun einmal anders betrachtet sind, als wenn ein Mensch in aller Gesundheit strotzt.
Und eigentlich ist, wenn man es genauer betrachtet, vielleicht gerade die subjektive Sicht die einzig ehrliche...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.02.2008 02:36 | nach oben springen

#4

RE: Gedanken zu Nietzsches "Morgenröte"

in An der Philosophie orientierte Gedanken 03.03.2008 18:20
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Zu Aphorismus 13:
Wer sind die "Hilfreichen und Wohlgesinnten"?

die Hilfreichen und Wohlgesinnten sind all jene, die mit der Moral und der Sitte dem Menschen seine Menschlichkeit zu geben suchen, die die Moral volksgerecht bearbeiten, die die Wirkung (einer Handlung) mit Strafe gleichsetzen (also nicht auf die natürlich eintretende Wirkung aus einer Ursache bauen, sondern auf eine vorweggenommene, menschlich angeordnete) und daraus allgemeingültige Gesetze für das Individuum schustern und somit ihre Anordnungen rechtfertigen. Diese Bestrafung bei Nichteinhaltung (natürlich gut gemeint und im Sinne der Ordnung) richtet sich darum gegen die Natürlichkeit des Individuums, weil die Folge aus einer Ursache dann wieder und grundsätzlich in Gottes Hände gelegt wird, wobei sich der Mensch dann von dem, was aus allem folgt, letztendlich wieder distanziert. Alle jene, die auf Sittlichkeit beharren, weil damit die Welt geordnet scheint, verstehen nicht, dass gerade die befohlene Sittlichkeit der Zwang ist, der die Natürlichkeit eines sittlichen Verhaltens zerstört. Darum appelliert Nietzsche gerade an die, die vorgeben, philanthropische Anordnungen zu treffen.

Wo Nietzsche zuvor erläuterte, dass wir denen, die Nützliches befehlen, nicht folgen, weil sie Nützliches errichten, sondern weil sie befehlen und auf uns autoritär wirken, erklärt sich auch die Ironie seiner Ansprache an diese Autorität, obwohl all das nichts anderes ist, als der „Aberglaube in dieser Furcht“.

Und weil dieser "Aberglaube" fruchtbar ist, lässt sich auch die Bestrafung vereinfachen, und dem Menschen in der Erziehung zum Menschen aufschlussreich vermittelt, dass sein Leben selbst Strafe ist, wodurch er sich den scheinbaren Hilfsanordnungen dann auch um so williger überlässt.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.03.2008 18:24 | nach oben springen


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