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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Gérard de Nerval

in Die schöne Welt der Bücher 12.02.2008 23:50
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
1808 in Paris geboren, macht Gérard de Nerval mich neugierig, weil sein Roman "Aurelia" als schwer zu klassifizieren gilt und von den Surrealisten 1920 zum Kultbuch erklärt wurde. De Nerval litt gegen 1840 an schwerer Geistesgestörtheit und seine Texte sind Gratwanderungen zwischen Wirklichkeit und Traum.
In Antwort auf:
Der Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- oder Horntore dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt scheiden. Die ersten Augenblicke des Schlafes sind das Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen in wunderlichem Spiel: - es öffnet sich uns die Welt der Geister.

„Aurelia“ gilt als Kunst am Rande des Wahnsinns. Hier trauert der Erzähler direkt am Anfang einer großen Liebe nach, die ihn verlassen hat und projiziert seine Gefühle auf eine andere Frau, jedoch nur als geborgte und künstliche Bewunderung.
In Antwort auf:
Welche Verrücktheit, sagte ich mir, eine Frau, die dich nicht mehr liebt, so platonisch zu lieben! Daran ist meine Lektüre schuld; ich habe die Erfindungen der Dichter ernst genommen, und ich habe mir aus einer gewöhnlichen Persönlichkeit unseres Jahrhunderts eine Laura oder Beatrice gemacht…

Doch natürlich tritt dann in einem persönlichen Gespräch hervor, dass er für die neue Frau nicht so empfindet, dass er lediglich ein Gefühl schriftlich aus einem anderen, nicht an sie gerichteten Brief übertragen hat.
In Antwort auf:
Ich hatte an einem Tage mehrere Grade der Gefühle übersprungen, die man für eine Frau mit dem Schein der Aufrichtigkeit fassen kann.

Durch den Verlust dieser Liebe wird er sich des Todes bewusst, aber nicht, durch seine Trauer, sondern durch eine Begegnung. Er sieht die einst geliebte in einer anderen Frau als seltsames Abbild gespiegelt, wobei der Gedanke aufkommt, dass ihm hier entweder die Vorwarnung seines oder ihres Todes erscheint. Dass, weil aus der Selbstbetrachtung erfahren, er nun erwartet, dass er stirbt, scheint nachvollziehbar. Der Erzähler strebt nun nach dem Punkt, wo sein Körper den Zustand wechseln und er sterben würde. Er folgt einem Stern, über den er sich Erlösung erhofft und „das Schicksal einer befreiten Seele“.
Nachdem er dann zwischen den Welten schwebt, einmal nicht stirbt und zum anderen sich nicht mehr als Teil er Erde, der Menschen empfindet, kehrt er doch im Bedauern zurück und damit in die Welt seiner Träume.
Er erwähnt hier eine „in Deutschland wohlbekannte Überlieferung“:
In Antwort auf:
… wonach jeder Mensch einen Doppelgänger hat, und dass, wenn er ihn sieht, sein Tod nahe sei.

Hier spielt de Nerval wohl sicherlich nicht auf Freud an, denn den gab es ja zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht oder gerade erst als Kind. Trotzdem, da der Roman sich mit allerlei Traumsequenzen beschäftigt, fühlt man sich immer wieder an diesen erinnert.
Vielleicht ist hier eher Heine und seine Version von Schubert „Der Doppelgänger“ gemeint.
Es gilt allgemein:
Der Doppelgänger ist eine Figur der Angst vor dem Verlust, vor dem Tod und daher letztlich eine Figur des Todes. Der Doppelgänger als narzisstischer Anderer ist sowohl Schutz gegen den Tod wie Vorbote des Todes, Abwehr gegen Vernichtung und Verlust wie auch Ausdruck des Verlustes, des Mangels (an Einzigartigkeit). Ursprünglich sei die Vorstellung des Doppelgängers eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs gewesen. Freud führt später dagegen seine Ich - Theorie ins Feld, den Gegensatz zwischen der kritischen Ich - Instanz und dem unbewusst Verdrängten. Er gibt als Beispiel das Dichterwort von den zwei Seelen in einer Brust. Der Doppelgänger (also der Verdrängte Anteil des Ichs) sei damit zum Schreckbild geworden, wie die Götter nach dem Sturz ihrer Religion zu Dämonen würden (nach Heine, die Götter im Exil).
Bei Heine ist der Doppelgänger sogar eine Gestalt, die hinter ihm steht, wenn er schreibt.
Es ist aber nicht der Tod, nicht die „schwarz verschleierte Gestalt“, sondern die „Tat vor den Gedanken“.

Ich bin kein Gespenst der Vergangenheit,
kein grabentstiegener Strohwisch,
und von Rhetorik bin ich kein Freund,
bin auch nicht sehr philosophisch. Ich bin von praktischer Natur,
und immer schweigsam und ruhig.
Doch wisse: was du ersonnen im Geist
das führe ich aus, das tue ich. Und gehen auch die Jahre darüber hin,
ich raste nicht, bis ich verwandle
in Wirklichkeit, was du gedacht;
du denkst, und ich, ich handle.

(Heine)

Der Doppelgänger ist das ausführende Werkzeug für die Phantasie, bringt den Tod und zerschmettert die „Skelette des Aberglaubens“. Trotzdem steht er bei Heine eher als dessen Machtlosigkeit seiner Kreativität gegenüber. Möglich ist darum auch die Anspielung auf Storms „Im Zeichen des Todes“.

Solche und ähnliche Symbole machen den gesamten Text aus, und es ist ein Vergnügen, sich hier der Phantasie, Deutung und dem eigenen Verständnis hinzugeben. Das Buch zeigt sich als Verwirrspiel, Labyrinth und Reise, was gleichzeitig alles greifbar und ungreifbar macht. Es ist ein Buch über den Verlust der Liebe, aber viel mehr noch über den Tod. Ein Muss für den Literaturkunstliebhaber!

In Antwort auf:
Das Nichts (…) besteht nicht in dem Sinn wie man es meint; aber die Erde ist selbst ein materieller Körper, dessen geistiger Extrakt die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrunde gehen als der Geist, aber sie kann sich verändern nach dem Guten und nach dem Bösen. Unsre Vergangenheit und unsre Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und unsre Rasse lebt in uns.


Gerard de Nerval beging Selbstmord, als er sich nach einem erneuten Aufenthalt in einer Irrenanstalt als Clochard in den Pariser Strassen wiederfand. In seinen Taschen fanden sich die letzten Seiten von "Aurelia", woraufhin Gautier und Freunde annahmen, das Werk wäre unvollständig. Mittlerweile besteht aber der Verdacht, dass das Werk in sich abgeschlossen ist. Ich finde auch, dass "Aurelia" endet, dass das Werk rund ist und fertig war, bevor Nerval sich umgebracht hat, und dass er nicht schon starb, während er noch daran schrieb. Damit ist "Aurelia" als Ganzes zu betrachten.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.02.2008 20:52 | nach oben springen

#2

RE: Gérard de Nerval

in Die schöne Welt der Bücher 07.03.2008 19:13
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Artaud über Gérard de Nerval:
Zitat von Artaud

Gérard de Nerval war nicht verrückt, aber er war dessen angeklagt, um bestimmte wesentliche Enthüllungen, die er zu machen gedachte, zu diskreditieren, und außer dass man ihn derart anklagte, wurde er auf den Kopf geschlagen, eines Abends physisch auf den Kopf geschlagen, um ihn die ungeheuren Tatsachen, die er gerade enthüllen wollte, vergessen zu machen und die durch diesen Schlag in ihm auf die übernatürliche Ebene zurückgedrängt wurden, weil die ganze Gesellschaft, heimlich vereint war, um ihn deren Wirklichkeit vergessen zu lassen.


Und:
Zitat von Artaud in einem Brief
Um sich am frühen Morgen an einer Straßenlaterne einer zwielichtigen Strasse aufzuhängen, muss man in den Anfängen dieser Erhängungsimmanenz Zusammenschnürungen des Herzens haben. Man muss Ängste haben, aus denen Gérard de Nerval unglaubliche Musiken zu bilden verstand, die aber nicht wegen der Melodie oder der Musik etwas gelten, sondern wegen der Tiefe, ich meine der tiefen Unterleibshöhle eines verwundeten Herzens.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.03.2008 19:14 | nach oben springen


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