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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Oskar Panizza

in Die schöne Welt der Bücher 21.03.2008 17:50
von Martinus • 3.194 Beiträge
Heute habe ich eine herrlich Erzählung von Oskar Panizza gelesen: "Das Wachsfigurenkabinett". Weil es zum Karfreitag passt, möchte ich meinen Eindruck schildern:

Auf der Nürnberger Dult (Jahrmarkt) entdeckt der Erzähler unserer Geschichte eine Schaubude, die mit der Aufschrift "Leiden und Sterben unseres Heilandes Jesu Christi". Er geht in die Schaubude und kommt gerade noch rechtzeitig zu Beginn der Vorstellung über das Leiden Christi an. Dargestellt wird die Leidensgeschichte Jesu vom letzten Abendmahl bis zur Kreuzigung Jesu. Das besondere ist, die Hauptpersonen des Geschehens werden mit Wachsfiguren dargestellt, die einfache mechanische Bewegungen ausführen können und, und wenn die Technik nicht versagt, auch ein paar Worte sprechen können. In der letzten Szene, der Kreuzigung, mischen sich unter den Wachsfiguren auch lebende Personen.

Das originelle an Panizzas Erzählung ist, dass die Vorstellung nicht zur tragödienhaften Passion über die Bühne geht, sondern eher grotesk, so dass es letzten Endes zur einer kommödienhaften Vorstellung ausartet.

Dazu ein Beispiel: Vorgesehen ist, die Wachsfigur von Jesu soll in einem bestimmten Moment das biblische Wort "Wahrlich, ich sage Euch, Einer unter Euch wird mich verraten!", sagen. Die Technik versagt aber hier(wie immer), den Satzt ruft dann der Schaubudenbesitzer durch das Publikum. Die Jesusfigur bringt nur den Kürzel "Nja" aus dem Mund. Nicht allein die Szenerie ist komisch, sondern die Komik entsteht auch daraus, wie Oskar Panizza mit Wörtern jongliert:

Zitat von Panizza
Dieses "Nja" war so sonderbar prononciert, daß ich es dem Leser etwas analysieren muß: zuerst kam ein schnurrendes Geräusch, dann hob sich die Oberlippe und zeigte zwei Reihen vortrefflich eingesetzter Zähne fest aufeinandergebissen;da die Holzpfeife, welche das schnurrende Geräusch hervorbrachte, ziemlich dicht hinter den Kiefern saß, so wurde der Ton jetzt bei geöffneten Lippen heller,, hatte aber gleichzeitig einen gaumigen hölzernen Clarinettentimbre, der übrigens, wie ich glaube, beabsichtigt war; nun sprang der Unterkiefer auf, die Mundhöhle wurde sichtbar; die gleiche Feder, die dies bewirkte, mußte auch noch ein anderes Register öffnen, denn im gleichen Moment, und direkt anschließend an das schnurrende "N", sprang ein helles, tonendes, frisches "ja"! heraus, welches insofern vortrefflich konstruiert war, als jetzt der Mund durch das etwas Offen-bleiben der Lippen einen zufriedenen, heiteren Ausdruck annahm, was doch mit dem bejahenden Charakter der Partikel "Ja!" durchaus im Einklang steht.


Dieses Textbeispiel gefällt mir so sehr, weil das ürsprunglich gemeinte Tragische in einen "zufriedenen, heiteren Ausdruck" endet. Besonders feinsinnig und elegant, weil diese Heiterkeit aufgrund fehlerhaft funktionierter Technik aufgedrückt wird. So brauch man sich auch nicht wundern, das Judas englisch redet, denn diese Wachsfigur hatte der Schaubudenbesitzer von einer englischen Truppe abgekauft.

Wie es im Text über die Zuschauer heißt, "die Leute sind ganz paff", so wird der Leser dieser Geschichte ganz baff werden, erstaunt sein, wie die Komödie hochgeschraubt wird bis zum Tumult.

Oskar Panizza galt als Satiriker, der u.a. auch die katholische Kirche angriff. Diese Geschichte legt hierzu ein köstliches Zeugnis ab.

Zu Oskar Panizza habe ich den Erzählband "Der Korsettenfritz", Matthes&Seitz, 1981

Dieser Autor hat eine faszinierende Art zu schreiben. Gerne werde ich noch einige Erzählungen vorstellen.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 21.03.2008 17:50 | nach oben springen

#2

RE: Oskar Panizza

in Die schöne Welt der Bücher 21.03.2008 18:18
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
... dass Panizza ein deutscher Schriftsteller war, hätte ich beim ersten Überfliegen seines Namens gar nicht gedacht. Und erneut ein Kreisen um die Irrenanstalt und verschiedene Verschwörungstheorien. Passt ja ins Thema von Artaud und Foucault.

Zitat von Martinus
Dieser Autor hat eine faszinierende Art zu schreiben. Gerne werde ich noch einige Erzählungen vorstellen.


Ja, Martinus, mach' mal. Der Herr interessiert mich auch.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 21.03.2008 18:19 | nach oben springen

#3

RE: Oskar Panizza

in Die schöne Welt der Bücher 21.03.2008 18:30
von Martinus • 3.194 Beiträge

wird gemacht, Taxine. Von Antonin Artaud und Leiris erscheint auch einiges bei Matthes&Seitz;
ebenso: Oskar Panizza: "Die kriminelle Psychose" Darum werde ich mich kümmern.

Als nächstes bespreche ich von Panizza "Die Menschenfabrik", eine gesellschaftskritische Erzählung.

Martinus




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#4

RE: Oskar Panizza

in Die schöne Welt der Bücher 21.03.2008 18:37
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Ein Kämpfer für die "künstlerische Freiheit" ist uns immer sympathisch. (Ich glaube, Artaud wäre mir in der wirklichen Begegnung ein bisschen unheimlich).

Ist in deiner Ausgabe auch "Das Liebeskonzil"?



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 21.03.2008 18:52 | nach oben springen

#5

RE: Oskar Panizza

in Die schöne Welt der Bücher 21.03.2008 20:05
von Martinus • 3.194 Beiträge

"Das Liebeskonzil" ist nicht enthalten (ich glaube, das ist ein Theaterstück).

Interessant für uns ist noch dieses Buch:

Boeser, Knut (Hrsg.)
Der Fall Oskar Panizza. Ein deutscher Dichter im Gefängnis. Eine Dokumentation
(Berlin), Edition Heinrich, (1989)

Liebe Grüße
Martinus




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