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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Kunstkritik

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:48
von Taxine
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Nach Regeln zu urteilen erscheint mir in der Kunst eher zwecklos, denn bei aller Vielfalt, die sich immer mehr in die Weite dehnt, wo die Zeit nicht mehr Aufklärung bietet, sondern immer häufiger Verwirrung, wo die Tiefe nicht mehr Bedingung, sondern in der Schnelligkeit des Stroms eher hinderlich ist, bleibt auch der Geschmack der Gegenwart nichts Beständiges.

Was heute gefällt, kann in 100 Jahren verurteilt werden oder gar nicht einmal mehr Beachtung finden. Auch das Gegenteil ergibt Sinn, dass ein verurteiltes Werk auf einmal riesigen Zuspruch erhält.
Es gibt Dichter, die 100 Jahre später erst Anerkennung fanden und dann nicht ihr, sondern das nächste Jahrhundert geprägt haben. Es gibt erfahrungsgemäß etliche Künstler, die einen neuen Stil entwarfen und unbekannt zu Grunde gingen, um später in der Gewalt von Markt und Leben in riesige Höhen gehoben zu werden.

Der einzige Weg, auf dem ein Künstler einen Betrachter im Rezeptionsprozess auf eine gleichberechtigte Ebene hebt, besteht nun einmal darin, ihm etwas Bekanntes zu liefern, etwas, was in gleicher Sprache oder Form das Auge erreicht und anspricht.
Was der Mensch nicht kennt, verwirft er mit Wucht. Und der Künstler spielt dabei eher eine nebensächliche Rolle.
Darum sollte er auch immer nach seinen ganz eigenen Gesetzen handeln.
Wo wir umgeben von allen Trends und Richtungsweisungen sind, wo der breitgetretene Pfad der Masse Richtlinie bleibt, kann der jeweilige Kunst-Trend ebenso schnelllebig und bald wieder vergessen sein. Fast mag es erscheinen, dass alles sowieso nur noch vom richtigen Marketing abhängt, völlig egal wie begabt oder ausgefallen der Künstler ist. Regeln im Grundgerüst bestehen alle Male, aber auch der Trend zum Regelbrechen ist schon aufgekommen und wird es immer wieder.

Gut oder schlecht - bleibt daher immer nur beschränkt auf den Blick in nur zwei Richtungen, während es unzählige gibt, und wo der Mensch(/Betrachter) aus seinen Gefühlen heraus entscheidet, hier völlig abhängig von seinen Leidenschaften und Erlebnissen ist, die manchmal auch innerhalb von Stunden wechseln können, darf gerade der Künstler sich nicht einschüchtern lassen, von Wort, Meinung und Zeitgeschmack.
Denn auch das menschliche Gewissen ist zeitabhängig... Alles bleibt ein unbekümmerter Wisch über die Geschichte, ein Wachsen und Schwinden an Ereignissen, in denen Menschen leben, schöpfen und dann sterben.
In 100 000 Jahren kann bereits alles verloschen sein ... mitsamt allen Beweisen und Erinnerungen.

Für die Ewigkeit zu schaffen, ist somit sowieso ein sinnloses Unterfangen. Dann muss man das alles auch nicht so ernst nehmen.

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#2

RE: Kunstkritik

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:49
von Moulin
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In Antwort auf:
Nach Regeln zu urteilen erscheint mir in der Kunst eher zwecklos...
...Regeln im Grundgerüst bestehen alle Male, aber auch der Trend zum Regelbrechen ist schon aufgekommen und wird es immer wieder...





Die Regeln der Kunst, viel geliebt von denen, die sie als gegeben betrachten, viel gehasst von denen, die sie für etwas unnatürlich Unnotwendiges halten.
Die Regeln der Kunst, sie sind kein einzuhaltendes Raster einiger Weniger, die sich überlegt haben, Kunst in ihrer Ausübung elitär werden zu lassen.
Als unnötigen Akademiekram abgetan, fristen sie ihr Dasein in einer Welt der Vorurteile, doch sie sind etwas Allgegenwärtiges, die Regeln der Kunst.
Allesamt basieren sie auf nichts Anderem, als auf den täglich wahrnehmbaren Regeln der Natur.
Schatten, Perspektive, Farbenlehre, alles kein Hokus Pokus, vor dem man sich ängstigen muß.
Sie zu brechen, heißt auch sie zu kennen, und nochmehr. Aus gebrochenen Regeln entstehen gleich neue, in ihrer Vielzahl kaum abschätzbar.
Die Kunst, die ein Künstler aus seiner Mitte heraus schafft, lässt sich damit nur beurteilen, wenn der Schaffende selbst seinen Wert auf die äußere Verkleidung seines Werkes legt, auch sein Image als Künstler in den Vordergrund stellt, und in dem Moment, in dem er das tut, muss er sich eine, auf den Regeln der Kunst basierende Kritik auch gefallen lassen.

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#3

RE: Kunstkritik

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:50
von Ferro
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Nach Kriterien zu urteilen sollte auf jeden Fall Grundgerüst der Kunst sein. Gerade heute spielt sich der Künstler all zu oft als Regelbrecher auf, weil er zwei Kleckse auf eine Leinwand klatscht und dazu eine passende Erklärung hat.
Dabei überspringt so ein Künstler oft das "Studieren", das Erlernen des Handwerkes. Moulin hat recht, wenn er sagt, dass das Regelbrechen nur aus der Kenntnis eben dieser Regeln gerechtfertigt ist.
Leider ist durch die Zeit hindurch, durch dieses Vereinfachen, irgendwann alles zur Kunst erklärt worden.
Alles ist Kunst! sagte Warhol, aber zustimmen werde ich ihm sicherlich nicht.
Für mich müssen auf einem Bild auch klare Verhältnisse herrschen, nach denen ich urteilen kann. Hin und wieder reizt mich das eine oder andere Bild, selbst wenn ich es nicht begreife, (eher selten, vielleicht, wenn es durch Farben besticht etc.), ansonsten richte ich mein Urteil immer nach den Grundregeln der Kunst. Und ich glaube, hier bin ich doch strenger Betrachter!




Gruß an euch
Ferro

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#4

RE: Kunstkritik

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:50
von Jo
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Ich glaube, Kunst kann man ebenso wenig bewerten, wie die schulischen Leistungen von Kindern.
Ein Bild ist in erster Linie zum Betrachten da. Es gefällt oder es gefällt nicht.
Mich stören Regeln im Bild. Das sieht gewollt aus. Es gab auch Regeln, wie genau man den menschlichen Körper darzustellen hatte. Nur frage ich mich da, warum dann die Menschen in alten Gemälden immer so steif dasitzen?
Vielleicht weil der Maler in seinem Handwerk sich zu sehr an die Regeln gehalten hat?

In der heutigen Zeit kann man auf jeden Fall nicht mehr nach Regeln urteilen, dafür ist die Kunstwelt bereits zu überschwemmt mit immer wieder neuen Ausartungen.
Was wären denn die Regeln für Konzeptkunst oder Aktionskunst?
So mancher Künstler lebt auch nur vom Improvisieren...
Schwierig sich da noch an Bezugspunkte zu halten.

Es grüßt
Jo

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#5

RE: Kunstkritik

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:50
von Moulin
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...noch etwas Senf dazu, so lange mir das Thema noch frisch ist...

Ich glaube, dass der bildende Künstler ohnehin die meisten Regeln durch seine ihm eigene, starke Wahrnehmung erfasst und in sein eigenes Schaffen einfließen lässt. Damit sind diese Regeln auch dort allgegenwärtig, ohne wissentlich als solche benannt wordenb zu sein.
Es passiert uns ja auch oft beim Lesen, dass wir uns in den geschriebenen Zeilen wiederfinden, woraus wir dann für uns die Schlüsse ziehen, dass uns dieses Denken und Handeln unlängst in Fleisch und Blut übergegangen war, ohne dass wir gezielt darauf hingearbeitet hatten.

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