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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Angela Carter: Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffman

in Literatur im Verriß 26.04.2008 15:59
von Martinus • 3.194 Beiträge

ich habe gerade Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffmann abgebrochen...

Schon lange hat mich ein Roman nicht so zur Verzweiflung getrieben wie dieser. Offenbar bin ich hier an Lesegrenzen gestoßen, die ich nicht überwinden kann. Angeblich „hochdramatisch spannend“, wie ich auf dem Buchrücken lese, dabei ist es Langeweile, die mich wahnsinnig macht, dabei hat mir das erste Kapitel noch gefallen.

Es geht um den Bösewicht Doktor Hoffman, der mit seinen infernalischen Traummaschinen den Menschen die Träume entzieht und ihre Traumbilder die reale Welt einfließen lässt, sodass die Welt von Trugbildern zersetzt wird. Alles ist Täuschung, nichts ist mehr so wie es ist. Die Menschheit wird regelrecht in den Wahnsinn getrieben. Angela entwirft (leider zu wenig) wunderbare surrealistische Bilder.

„Wolkenpaläste stiegen empor und stürzten stumm in sich zusammen, daß einen Moment lang das vertraute Lagerhaus darunter sichtbar wurde, bis eine neue Kühnheit es ersetzte. Eine singende Säulengruppe explodierte mitten in einem Mantra, und siehe! Wieder waren es Straßenlaternen, bis sie, bei Einbruch der Nacht, schweigende Blumen wurden.“

oder über die Zerstörung der Kathedrale:

„Die Kuppel erhob sich und zerging gegen den klaren blauen Nachmittagshimmel wie ein lodernder Sonnenschirm...“

So könnte es weitergehen, von mir seitenlang und ich hätte das Buch mit Freuden zu Ende gelesen. Die Einleitung und das erste Kapitel fand ich wegen solcher Passagen sehr erfreulich. Doch dann erlebte ich einen Absturz. In den folgenden Kapiteln werden die Abenteuer eines Desiderio erzählt, der als einziger dem Wahn der Täuschung nicht unterlegen ist und auf der Suche nach Doktor Hoffman ist, um ihn zu ermorden. In diesen Kapiteln, und ich habe mehr als die Hälfte des Buches gelesen, verlor ich den strigenten Faden, der zur Ermordung des Bösewichts führen sollte, stattdessen wird der Leser mit allmöglichen erotischen Fantasien konfrontiert, was mich an sich nicht stört, ich weiß bloß nicht, warum das alles. Und wenn ich keinen Sinn mehr sehe, dann höre ich eben zu lesen auf. Jedes Kapitel berichtet von neuen Erlebnissen des Desiderio, aber wo ist der Zusammenhang? Ich konnte ihn eben nicht finden, wo bei ich weiß, dass ich nur von meinem subjektiven Empfinden spreche. Es gibt Leute, die den Roman wirklich sehr spannend finden.

Dagegen ist tiefere Hintergrund des Buches gar nicht langweilig. Heutzutage bilden wir uns hauptsächlich aufgrund der Medien ein Bild von der Welt. Was wäre denn, wenn Medien nur Lügen. Mit Computersoftware und technischen Tricks wäre es möglich, dass wir den Dalaih Lama zum Stattsempfang in Peking auf den Bildschirmen sehen. Wir verlassen uns so durch Medienberichte, dass wir geneigt sind zu glauben, was wir in den Fernseher sehen. Wenn ein böser Hoffman käme, und würde Bilder fälschen, was dann? Nicht auszudenken.

Sehr interessant ist die Zeittheorie im Roman. Ausgehend von einem Zitat von Alfred Jarry, aus „Heldentaten und Lehren des Doktor Faustroll (Pataphysiker)“, hat sie Angela Carter im Roman entwickelt. Hier noch das Zitat von Jarry:

"Stellen Sie sich die Ratlosigkeit eines Menschen außerhalb von Raum und Zeit vor, der seine Uhr verloren hat, sein Metermaß und seine Stimmgabel.“

Für mich enttäuschend, dass ich den Roman, obwohl er gute Ansätze hat, nach 200 Seiten abbrechen musste.

Liebe Grüße
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#2

RE: Angela Carter: Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffman

in Literatur im Verriß 20.08.2009 16:47
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Was an Carters Buch einfach als Enttäuschung auf den Leser wirken muss, ist die Tatsache, dass sie nach der Idee der "infernalischen Traummaschinen" einfach in eine Art Plagiat oder Interpretation von Lautréamonts "Die Gesänge des Maldoror" verfällt und darunter dann noch de Sade hebt. Es beginnt so vielversprechend (obwohl ich finde, dass das Buch trotz der seltsamen Entwicklung in das Pervertierte, um die ganze Wunschverwirklichung dann mit der Erotoenergie zu erklären, nicht in diesen Ordner gehört. Mal kurz aus meiner Betrachtung:
Sich vorzustellen, dass auf einmal alle Ängste und Träume und Phantasien wirklich werden, dass alles zur Täuschung gerät, dass alles vor allen Dingen in Frage gestellt werden muss, dass keine Flucht mehr möglich ist, der Mensch weder auf der Straße, wo das Chaos tobt, noch in seinen eigenen Räumen, wo seine eigenen Schatten schleichen, sicher ist, eine Notwendigkeit zu berücksichtigen, die darauf verweist, sich nach dem neuen Descartes’schen Muster zu richten: „Ich fühle Schmerz, also bin ich“, zeigt deutlich, was in diesem Buch an Tiefe und Lesefreude möglich gewesen wäre, hätte Carter sich die Mühe gemacht, ihre ersten, rasend schnellen Entwürfe richtig auszubauen. Das erste Kapitel ist wirklich prall gefüllt und entschädigt für die ganzen, etwas trüb vor sich hindümpelnden weiteren Entwicklungen. Ein Meer an philosophisch, surrealen Betrachtungswinkeln, eine Stadt, die aus einer gewohnten Kontrolle gerät. Halluzinationen bewirken Bilder, die die Menschen durch ihre Unsicherheit an Wirklichkeit und Unwirklichkeit in die pure Verzweiflung treiben. Alles wird sichtbar und wirklich, aber da die Menschen sind, wie sie sind, werden häufiger ihre Ängste sichtbar, nicht schöne Phantasien, keine Wünsche noch lyrische Bilder - Doch nur wenige der Verwandlungen waren lyrischer Natur. Häufig füllten imaginäre Massaker den Rinnstein mit Blut, außerdem rief die psychologische Wirkung all dieser vielen Verzerrungen – verbunden mit dem Zerfall des Alltagslebens und den Entbehrungen und Härten, unter denen wir nach und nach zu leiden hatten – eine tiefe Angst und ein Gefühl großer Melancholie hervor. – was sich dann wiederum in neue leidvolle Traumbilder verwandelt – ein Teufelskreis - warum die Stadt sich nicht schillernd, sondern hauptsächlich von ihrer Hässlichkeit, ja einer schrecklichen Künstlichkeit zeigt.
Klar ist Doktor Hoffman ein Abbild des Urvaters Albert Hofmann, der das LSD entdeckt hat, warum Carter hier auch deutlich auf die Gefahr der Bewusstseinserweiterung eingeht, der schlechte Trip in aller Deutlichkeit, eine Fear and Loathing in Las Vegas – Version, die Wirklichkeit annimmt und jeden vereinnahmt und verschlingt, wie auch die Möglichkeiten dieser neuen Sichtweiten darstellt. Sie teilt ihren Doktor dann auch geschickt in Doktor Hoffman und seine Tochter Albertina.
Nicht selten verüben die Menschen durch all diese Phänomene Selbstmord, da sie mit dieser Unsicherheit an Wirklichkeit nicht mehr zurechtkommen. Hofmann in seinem Selbstversuch notierte:

Zitat von Albert Hofmann in seinen Aufzeichnungen
Meine Umgebung hatte sich nun in beängstigender Weise verwandelt. […] die vertrauten Gegenstände nahmen groteske, meist bedrohliche Formen an. Sie waren in dauernder Bewegung, wie belebt, wie von innerer Unruhe erfüllt.
Das Unerwartete und die Angst verstärken sich.

Ähnlich ist es mit der Stadt, die aus ihren Fugen gerät, wo selbst die Zeit vernichtet ist, weil die Uhren verrückt spielen und keiner mehr weiß, wie spät es nun wirklich ist.
Hier wird auch deutlich, was Carter als Idee verwendet hat.
Die erste Besprechung der Minister, die gegen den Doktor und seinen sich realisierenden Wünschen vorgehen wollen, endet mit einem kollektiven Übergeben, weil sich ihr Büro und Besprechungszimmer kurzerhand in ein schaukelndes Boot verwandelt hat.
Bettler, die „elend in einem Haufen Abfall und Träume herumstochern“, werden zu seltsamen Gestalten, die unechte Talismane verkauften, die sich später dann auflösen.

In Antwort auf:
Offensichtlich waren die Phantome in der Lage, natürlichen Substanzen eine sinnvoll umrissene Bedeutung zu geben.

Denn der Aberglaube selbst ist ein Scheingebilde und nur für den wirklich, der daran glaubt.
Die einzige, vage Sicherheit, die die Menschen noch haben, ist der Schlaf. Eine Umkehrung der Wirklichkeit, „denn im Schlaf wussten wir wenigstens, dass wir träumten“.

Sich dagegen zu Wehr zu setzen, zeigt die Grenzen der Menschen und der Gesellschaft, da gleich darauf eine Invasion durch die Straßen marschiert, eine Definitionspolizei, die so aggressiv auftritt, „als hätte man sie auf einen Schlag in einem jüdischen Alptraum angeworben“.
Wo sich zuerst noch die Molekularzusammensetzung erkennen und durch Laser sichtbar machen lässt, werden von dem bösartigen Doktor bald auch seine Visionen perfektioniert und neu angepasst.
Die Forschung und Physik muss sich dem Problem in allen denkbaren Möglichkeiten annehmen.
Künstlich lässt sich nur noch das Umgekehrte ermöglichen. Aus der Phantasiewelt heraus gehoben, wirkt bald eine zu hohe „Dosis Realität“ tödlich, weil sie nicht mehr zu verkraften ist.
Wissenschaftler und Physiker machen sich an die Arbeit. Zum Beispiel soll ein Computerprogramm Abhilfe schaffen:

In Antwort auf:
Er glaubte, dass die Stadt – die er als Mikrokosmos des Universums auffasste – eine endliche Menge von Objekten enthielt und eine endliche Menge ihrer möglichen Kombinationen, und dass man deshalb eine Liste erstellen konnte, welche alle möglichen separaten Formen enthielt, die logisch zulässig waren.

Dafür bedarf es aber der übermenschlichen Erinnerung an all das, was jemals existiert hat, „und sei es nur einmal und auch dann nur einen Moment“. So lässt sich erst einmal erfassen, was möglich und was nicht möglich ist.
Sobald ein Ding als „möglich“ registriert war, folgte jedoch die unendlich kompliziertere Überprüfung im Hinblick darauf, ob es auch wahrscheinlich ist.

Durch diesen ganzen „Wahn“-Zustand, wird all das Vorhandene neu sichtbar und lässt sich leicht in Frage stellen.
Jeder Mensch ist sich sicher, weil er einen bestimmten Namen besitzt, der ihm auch eine bestimmte Stellung innerhalb der Gesellschaft garantiert.

Der Kampf der Physiker ist ein Kampf gegen den Physiker schlechthin, der sein Wissen nicht der Menschheit, sondern scheinbar einer eigenen Sache widmet.
In Antwort auf:
Ja, es war wesentlich ein Kampf zwischen einem Enzyklopädisten und einem Dichter, denn Hoffman war zwar ein Wissenschaftler, doch er gebrauchte sein machtvolles Wissen nur dazu, das Unsichtbare sichtbar zu machen, obwohl es uns durchaus so schien, als sei sein letztes Ziel, die Welt zu beherrschen.

Die geschaffenen Phantome aber sind echter als die bloße, verpuffende Vorstellung. Man konnte sie berühren und für echt halten. Da kann es schon einmal vorkommen, dass ein Vater sein Kind auf die Straße schmettert, weil ihm sein Lächeln „zu echt“ erscheint.
In Antwort auf:
Das endlos variierte Panoptikum um uns war so kompliziert wie ein wirklicher Mensch…


„Jedes Phantom war ein Symbol, das vor furchtbarer Bedeutung vibrierte“, doch die Menschen sind nicht fähig, diese Zeichen zu deuten, auch nicht der Held der Geschichte, der all das berichtet. Ihm erscheint eine gläserne Frau, die ihn jeden Tag besucht und Botschaften hinterlässt. „Nicht denken, hinsehen“ oder „Wenn du anfängst zu denken, entgeht dir das Entscheidende“.

Bald wird natürlich sichtbar, dass der Doktor durchaus nicht nur bösartig ist, wie es zuvor den Anschein hat. Er gewährt den Menschen etwas Neues, Einzigartiges. Die Zeit ist vernichtet, so dass jeder seine Zeit selbst bestimmen kann, die Richtung ist befreit, dass jeder gehen kann, wohin er will. Tatsächlich will er den Menschen befreien, die Gesellschaftsschichten, so wie sie sind, zerstören, und nur aus der Perspektive des Gewohnten und der Ordnung wirkt sein Tun katastrophal.
Tatsächlich wird ein Kampf zwischen dem Toten und Festen der Realität und den weichen, schwingenden Möglichkeiten der Phantasie erkennbar. Besonders im Minister, der versucht, den Doktor zu bekämpfen, wird das Starre deutlich, wo er als phantasieloser Mensch die Ordnung bewahren will und sich nach dem, was er kennt, richtet. Er ist unbestechlich, weil ihm das Phantom an Möglichkeiten, das der Doktor offenbart, nicht beeindruckt, eben weil es Phantom ist, damit, trotz der Berührbarkeit immernoch unwirklich.
Hier stellt sich dem Leser die Frage. Was ist und bewirkt ein Phantom, das so echt ist, wie das wirkliche Objekt? Wird es dadurch nicht genauso wirklich, selbst wenn es nur „der Schatten des Fleisches“ ist? Die Grundstruktur eines Phantoms macht es ja nur zum irrealen Objekt, weil es flüchtig und nicht fassbar ist. Wenn es aber nun berührbar ist, sieht es etwas anders aus.
Das Chaos der Menschen basiert auf ihre Orientierungslosigkeit und dem Verlust der Gewohnheiten. Würden sie nun annehmen, was ihnen dort geboten wird, würden sie zumindest innerlich nicht scheitern. Da aber die Phantasie Individualität verlangt, wird jeder seiner Phantasie nachgehen, warum wieder Chaos herrschen muss. Das wäre damit zu vergleichen, wie wenn jeder auf einmal Zauberkräfte hätte und mittels seiner Gedanken die Dinge beeinflussen oder gar lenken könnte. Nur sind die „Geschöpfe“ des Doktors nicht nur durch den Menschen selbst kreiert, sondern völlig willkürlich, höchstens aus einer Grundstruktur des Asymmetrischen gebildet, was die Phantome dann urplötzlich und völlig überraschend auftreten lässt. Auch entspringen sie hauptsächlich seiner eigenen Phantasie. Man kann sie also nicht lenken, sondern begegnet ihnen. Es ist eine fremdartige Schöpfung, die durch die Versuche, sie zu beseitigen, auch noch willkürlicher und noch fremdartiger werden.
Aus den Augen der Befürworter des Doktors:
In Antwort auf:
Unsere Bildwelt können Sie nicht zerstören. Sie mögen die Erscheinungen vernichten, doch die essentielle Asymmetrie kann weder erschaffen noch zerstört werden. Nur verändert. Und wenn Sie die Bilder mit Ihren Laserstrahlen und Ihrem Infrarot auflösen, verwandeln sie sich nur in ihre Bestandteile zurück und treten bald wieder in einer anderen Form zusammen, deren noch größere Willkürlichkeit Sie durch Ihren Eingriff verursacht haben.


Carter gewährt damit einen Blick auf das Geschehen, wenn es akzeptiert und wenn es nicht akzeptiert wird. Ein Außen- und Innenblick, im Annehmen oder Verwerfen.
Auch das Faustthema wird gut im Hintergrund bewahrt, die Verführung durch den Teufel, denn was ist es anderes, wenn der Botschafter des Doktors Phantome nach Belieben bietet und ihnen ansonsten, falls die Bedingungen der völligen „Narrenfreiheit für Doktor Hoffman“ nicht erfüllt werden, das Chaos an Bild und Phantom offeriert.
Schön, die Parabel:
In Antwort auf:
Ein Mann schloss einen Pakt mit dem Teufel. Die Bedingung war: der Mann verlor seine Seele, sobald Satan Gott ermordet haben würde. „Nichts leichter als das“, sagte Satan und setzte sich die Pistole an die Brust.

Davon abgesehen, dass Gott und der Teufel hier vertauschbar sind, so bleibt die Überlegung, ob der Mann nun seine Seele verliert. Denn, wenn der eine wie der andere vernichtet ist, an wen wird dann die Seele verloren? Haben dann nicht "alle" verloren?

Als der Erzähler Desiderio dann als Spion in eine der normalen Städte geschickt wird, mit dem Auftrag, Informationen zu sammeln und mit dem Endziel, Doktor Hoffman zu ermorden, erscheint ihm die Wirklichkeit auf einmal grau und trist, die Straßen sind Straßen, die Städte grau und hässlich und selbst die Vogelscheuchen sehen aus wie Vogelscheuchen. Wer die Phantasie gekostet hat, wird der Wirklichkeit in ihrer Schlichtheit überdrüssig, ist von ihr gelangweilt. Der Erzähler ist längst infiziert von den Bildern und Phantomen des Doktors. So zeigt sich, dass eine Art Gewöhnung durchaus stattfindet.

Desiderio gerät nun in die Stadt S., in der nichts wirklich und gleichzeitig sehr real erscheint. Er begegnet dem Schaubudenbesitzer, durch den er einen Zugang zu der „Wissenschaft“ des Doktors erhält. Die Zeit und ihre Vernichtung werden eingekreist, die Zusammenarbeit mit einem anderen Wissenschaftler, der später ein obskures Theater führt, in dem Zeitreisen möglich sind, alleine, indem die Menschen auf Bilder blicken, die dann lebendig werden. Ein üblicher Kinoeffekt, ein gebanntes Bild auf Leinwand, das damit die Zeit einfängt.
Durch den Tod eines Mädchens gerät Desiderio, der zum Teil indianisches Blut in sich trägt, zu seinen Wurzeln zurück, denn er wird als der Mörder des Mädchens gejagt. Er versteckt sich bei den „Wilden“, zu denen er sich sofort zugehörig fühlt, bis er erkennt, worauf diese familiäre Bindung (er soll die neunjährige Tochter heiraten und dann gefressen werden, damit die Wilden sein Wissen und Können absorbieren können) hinausführen wird. Das alte Ritual, die Gewohnheiten der „Wilden“ werden schön aufgezeigt, was ihn fast das Leben kostet. Er flieht und gelangt in eine sympathische Gruppe an Schaustellern und Freaks, in deren Leben und Arbeit man als Leser einen wunderbaren, bunten Einblick erhält. Danach die Begegnung mit einem leibhaften de Sade oder zumindest mit einer seiner Romangestalten, der die Negierung von Welt und Leben lebt, ein Zusammentreffen von Sadismus und Masochismus.
Sie gelangen zum „Anonymen Haus“, das jedem offen steht, der Geld dabei hat. Diener kümmern sich um den Grafen und Desiderio und führen ihn in die Räumlichkeiten.
In Antwort auf:

Niemand von der Dienerschaft war maskiert, ihre Rollen machten sie hinreichend anonym.

Dort begegnet er auch kurz Albertina, als flüchtige Version, bevor sie sich wieder auflöst.

In Antwort auf:
Als wäre sie die ganze Zeit, die sie mich küsste, nur ein Gespenst gewesen, aus nichts als meinem Verlangen geboren – das erste Phantom, das mich in all den Jahren gespenstischer Heimsuchung getäuscht hatte. Ich hatte das Gefühl, ich sei nur mehr eine leere Hülse, von den Winden des unglücklichen Zufalls hierhin und dorthin geweht, und das einzige Licht, das mich führte, war das trügerische Schillern des Gesichts meiner Geliebten.


Was dann ins Absurde führt, ist eben der Fortgang der Geschichte. Natürlich lässt sich ein Zusammenhang erkennen, doch die Situationen selbst werden immer grotesker (siehe die neun Akrobaten, von denen Desiderio vergewaltigt wird) oder dann schließlich viel später die Situation mit den Kentauren.
Die Enttäuschung des Lesers wird nach und nach geweckt, weil der Anfang der Geschichte so gut wie nichts mehr mit dem Ende der Geschichte zu tun hat, außer die kleine Verbindung der Wünsche und Ängste, die durch die Schaubude in ihrer Darstellung gut ausgedrückt sind. Statt die Anfangsszene also auszubauen, verfällt Carter in einen Darstellungsform, in der sie ihre Hauptfigur einfach nur durch eine Tortur an sexuellen Abartigkeiten und Landschaften schickt, die einerseits eine Betrachtung wert sind, andererseits aber immer wieder in ähnlichem Umfang vorkommen. Irgendwie treibt man in kleiner Sehnsucht ständig zum Anfang zurück und überlegt sich selbst eine andere Art Ausgang oder Verbindung mit diesem so überwältigenden Einstieg. Auch fragt man sich, warum sie in diese anderen Landschaften abdriftet (was einerseits ganz und gar eine H'ommage an Lautréamont sein könnte, andererseits sogar an Barths "Tabakhändler" erinnert, weil sowohl Pirat und Wilde vertreten sind). Das anonyme Haus ist pur Lautréamont, und zwar die Szene, als Gott sich vor seinem Haar für die Ausschweifungen rechtfertigt. Carter entwickelt daraus ein Schautheater an Tiermenschen, an denen sich der de sade'sche Graf vergeht, und wo Desideiro seine Angebetete wiederfindet, die sich hinterher als genauso langweilig und gleichzeitig teuflisch herausstellt, wie ihr Vater. Statt dass der Doktor die Kontrolle über seine Phantome verliert (was mir eher als flüchtiger Ausweg erschien, um ihre Figur überhaupt aus der Stadt herauszutreiben und damit der Spannung zu berauben) hätte Carter die Situation der ausartenden Phänomene und des damit verbundenen Chaos ruhig näher betrachten können, in eine Weiterentwicklung samt Folgen ausbauen können.
Trotzdem ist das Buch in seinen Grundpfeilern gelungen, Carter schreibt großartig und bewirkt in jedem Fall Nachdenklichkeit.
Die Szene mit den Kentauren sprengt ein wenig den Rahmen, wird aber durch die Freud'sche Analyse gerettet oder zumindest abgeschwächt. Auch kann man es natürlich als Mutation der unkontrollierten Wünsche betrachten, ein Aufzeigen der Extreme, die wirklich geworden im Inneren der Menschen wuchern.

All das ist ein Potpourri aus de Sade, Roussel, Lautréamont, etwas Potocki und anderen, ein Mischmasch an Phantasie, Mystik und Philosophie, gut geschrieben und zusammengesetzt.
Die Negation des Grafen ist die Negation Lautréamonts selbst, die Wandlungsfähigkeit Albertinas die der lautréamont'schen Figuren. Vergleicht man, findet man erschreckend viele Parallelen (obwohl Lautréamont etwas zynisch selbst das Plagiat als Notwendigkeit anerkennt, um einen Gedanken aufzunehmen, weiterzuentwickeln oder zu widerlegen (in seinen "Dichtungen" geht er darauf ein). Darum ist auch der Schluss bei Carter irgendwie lahm, die Erotoenergie, aus der heraus alles gesteuert wird, die Sklaven, die zur Batterie dafür geraten, der gelangweilte Doktor usw. befriedigt nicht. Die Idee der Hofmann-Droge z. B. in einen wirklichen Raum gesetzt, ohne auf die eigentlichen Auswirkungen einzugehen, deutet sich auch bei Lautrémont an, der bereits in seinen Gesängen zeigt, was passiert, wenn das Böse, Gott selbst oder der Erzähler, der Buße oder Nichtbuße tut, Gestalt annehmen.

Letztendlich werde ich auf jeden Fall mehr von Carter lesen, weil ich ihre Themen interessant finde. So wird dieser Ordner zwar hier weiter bestehen, aber vielleicht in der anderen Rubrik wieder auferstehen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.08.2009 19:43 | nach oben springen

#3

RE: Angela Carter: Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffman

in Literatur im Verriß 20.08.2009 21:10
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
nicht in diesen Ordner gehört.


Das ist eben das Risiko, wenn man einen Roman in den Verriss-Ordner stellt. Jemand anders könnte dann meinen "oh, oh oh, so geht das nicht"

Du hast ja noch so einige interessante Aspekte aus dem Roman herausgeholt, was ich gerne gelesen habe. Mich überfiel damals beim Lesen die Langeweile. Warscheinlich lag es auch am Thema, dass mich nicht gereizt hat.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#4

RE: Angela Carter: Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffman

in Literatur im Verriß 20.08.2009 21:14
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Na, um Grunde stimme ich dir ja zu, weil ich irgendwo genau nachvollziehen kann, warum du den Roman in diesen Ordner gepackt hast. Die Aspekte habe ich ja auch nur aus den ersten Kapiteln gezogen, die dir auch gefallen haben.

Bei mir ist es auch dieses Rundherum, diese verschiedenen Deutungen usw., die mich dabei beeinflussen. Neugierig bin ich schon auf die weiteren Carter-Romane. Was dabei herauskommt, weiß ich natürlich noch nicht.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.08.2009 21:16 | nach oben springen

#5

RE: Angela Carter: Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffman

in Literatur im Verriß 20.08.2009 21:36
von ascolto • 1.289 Beiträge

Werter Martinus,

uisch so, wir haben alle unsere Eigenperspektive und deshalb kann für den Einen es aufregend und für den Anderen ermüdend.
Zurücklegen und später uin der Reife wenn man mag, nochmals versuchen....?

Uich langweile muich nücht, uich schließe dann janz schnell empört die Leinenklappe!Etwa so:.....


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#6

RE: Angela Carter: Die infernalischen Traummaschinen des Doktor Hoffman

in Literatur im Verriß 02.03.2010 20:26
von Bea • 680 Beiträge

Also was es nicht so alles gibt. Pataphysiker




Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

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