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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 29.08.2007 00:36
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Zum Buch:
Der Roman sollte zuerst „Mein Bruder und ich“ heißen, was schon verdeutlicht, dass darin viel Autobiografisches mit eingeflossen ist. Die Figur Woronin hat das „Gesicht“ von Boris Strugazki, ist ebenso Astronom gewesen und zeigt auch sein forsches Wesen. Auch der Jude Katzmann hat ein reales Vorbild in einem Bekannten der Strugazkis. Wenn man sich vorstellt, dass der Roman fast zu existieren aufgehört hätte, durch Hausdurchsuchung nur eine einzige Kopie gerettet wurde, dann erfasst man diese ganze Gefahr, der sich die Strugazkis ausgesetzt haben, nicht nur im politischen Sinne, sondern auch im Verlangen der Autoren, ein Werk zu schreiben, um es zu schreiben. Doch zum Gesamtbild des Werkes gehören die Leser, und ohne die ist das Werk nicht vollkommen. Darum bin ich noch ein Stück glücklicher darüber, dass der Roman überlebt hat, dass ich ihn lesen, darin schwelgen, mich führen lassen konnte. Wieder einmal ein Stück Zeit und Literatur, das man nicht loslassen möchte.

Zum Beispiel blättert man gerne noch einmal auf folgende Sätze:
Zitat von
Vor Taten muss man sich verneigen, nicht vor Statuen.


Zitat von
Besonders hasse ich, wenn einer mit Ewigkeiten um sich wirft.


Zitat von
Das alles erscheint nur deshalb wichtig, weil die Mehrheit es für wichtig hält. Und die Mehrheit hält es für wichtig, weil sie sich den Bauch voll schlagen und ihr Leben um den Preis geringster Anstrengungen versüßen will.
(…)
Die Geschichte der Mehrheit hat einen Anfang und ein Ende. Anfangs frisst die Mehrheit das, was man ihr gibt. Und am Ende beschäftigt sie sich ihr Leben lang mit dem Problem der Auswahl …




Schlussgedanke:

Was bleibt, ist die ewige Suche, ein Ziel zu wählen, um der Ziellosigkeit zu entgehen, der Wunsch, nie der Trägheit zu verfallen, sich nicht einer Obrigkeit zu unterwerfen (schon gar nicht, um sich selbst dabei zu verlieren oder seine Ideale). Bei allem Kampf und Beschwernissen treibt es den Menschen weiter, auch dann, wenn der Luxus ihn umfängt.
So ist der Sinn des Lebens weiterzugehen, immer weiter, um zu sehen, was kommt, um sich überraschen zu lassen, dabei nie stillzustehen.
Zu wissen, dass niemand den anderen benötigt und trotzdem weiterzumachen.

Für das Leben gilt: Es gibt keinen Rückweg, und man sollte sich daran auch nicht klammern.
Denn egal, was der Mensch auch tut, aus aller Zufälligkeit, aus all seinem Unwissen erwächst trotzdem immer wieder etwas Schönes, etwas Großes, vielleicht ein Tempel.

Und mit den Worten der Strugazkis:
Zitat von
Das Beste, was die Menschheit in hunderttausend Jahren ersonnen hat, alles Wesentliche, was sie begriffen und erkannt hat, wird für diesen Tempel verwendet. Jahrtausende ihrer Geschichte hindurch, kämpfend, hungernd, in Sklaverei verfallend und sich daraus erhebend, fressend und kopulierend, trägt die Menschheit ohne es zu ahnen diesen Tempel auf dem trüben Kamm ihrer Woge. Es kommt vor, dass sie plötzlich den Tempel auf sich bemerkt, sich besinnt und sich dann entweder daran macht, diesen Tempel in Ziegelsteine zu zerlegen, oder ihm krampfhaft huldigt oder einen zweiten Tempel errichtet, in der Nachbarschaft, um den ersten herabzusetzen, doch niemals versteht sie wirklich, womit sie es zu tun hat, und wenn sie vergeblich versucht hat, den Tempel auf die eine oder andere Art zu benutzen, wendet sie sich sehr bald wieder ihren sogenannten alltäglichen Bedürfnissen zu: Sie teilt etwas schon dreiunddreißig Mal Geteiltes von neuem, kreuzigt jemand, erhöht jemanden – und der Tempel wächst und wächst von einem Jahrhundert zum anderen, von einem Jahrtausend ins nächste, und man kann ihn weder zerstören noch endgültig herabwürdigen. Das merkwürdigste ist (…), dass jeder Ziegelstein dieses Tempels, jedes unsterbliche Buch, jede unsterbliche Melodie, jedes einmalige Bauwerk die geballte Erfahrung ebendieser Menschheit in sich trägt, ihre Ideen und die Ideen über sie, die Ideen über Ziele und Widersprüche der menschlichen Existenz. So fern der Tempel auch allen augenblicklichen Interessen dieser kannibalischen Schweineherde zu sein scheint, ist er zugleich untrennbar mit dieser Herde verbunden und undenkbar ohne sie.
Und merkwürdig ist außerdem (…), dass diesen Tempel eigentlich niemand bewusst erbaut. Man kann ihn nicht vorher auf dem Papier oder in einem genialen Hirn planen, er wächst von selber, unweigerlich in sich alles Wertvolle aufnehmend, was die menschliche Geschichte hervorbringt…



Jeder sollte einfach ein bisschen „Tempel“ in sich tragen. Auch muss man bedenken, dass zu einem Tempel immer ein Erbauer, ein Priester (Verkünder) wie auch ein Benutzer gehört. Ein Tempel ohne Benutzer wäre sinnlos. Darum erfüllt jeder Mensch dabei seine Rolle.

Und, was das Experiment nun ist? Ach, es ist so einfach …

Noch mehr Wissenswertes über die Brüder erfährt man hier:
Die Bibliothek Strugazki



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 29.08.2007 01:14 | nach oben springen

#17

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 04.09.2007 18:40
von Martinus • 3.194 Beiträge
"Die zweite Invasion der Marsianer"

Diesmal erzählen die Brüder von einer Gesellschaft, die alles über sich ergehen lässt und die Leute vor allem nur mit ihren eigenen Interessen beschäftigt sind. Dass die Hauptperson Apollon, er hat kurioser Weise den Namen des Lichtgottes, kurz vor der Rente steht, sich um eine höhere Renteneinstufung bemüht, und ausgerechnet Briefmarken sammelt, ja, da stelle ich mir schon einen langweiligen Typen vor. Der andere, ein einbeiniger Alter, namens Polyphem, macht auch keinen geistreichen Eindruck, auch nicht Minotauros, ein hoffnungsloser Alkoholiker. Die Leute ratschen auf der Straße, gehen in die Kneipe. Nichts besonderes. Als eines Nachts ein roter Feuerschein am Himmel glüht, scheint das erst einmal nur Apollon zu interessieren. Seine Tochter, die gerade Herrn Nikostrat küsst, lässt sich durch die erderschütternde Explosion gar nicht aufschrecken. Beide küssen weiter. Da passiert also etwas außergewöhnliches und....naja, scheint sich sonst niemand dafür zu interessieren? Dem Polizisten Pandareus fällt zur Explosion auch nichts sonderliches ein. Er fühlt sich eher gestört, als Apollon ihn anruft.

Die Leute dort, alle so etwas wie stumpfige Genossen, die zwar gerüchterweise mitbekommen, dass Marsianer auf der Erde gelandet sind, aber nicht hinterfragen nach dem „Warum?“ und „Was wollen sie überhaupt“ Bisher hat ja noch niemand ein Marswesen vor die Augen bekommen. Zu anfangs glaubten man an eine Mobilmachung zum Krieg oder an die Explosion einer unterirdischen Marmaladenfabrik.
Zitat von Strugazki

Das durch das monotone Leben umnachtete Hirn meiner Mitbürger fabriziert schon bei der kleinsten Schwankung die unwahrscheinlichsten Hirngespinste. Unsere Gemeinde kann man mit einem im nächlichen Schlaf versunkenen Hühnerstall vergleichen, wo es schon genügt, an einem Federchen der ersten, auf der Stange schlafenden, scheckigen Henne anzukommen, und schon gerät alles in eine unbeschreibliche Aufregung: es entsteht ein Geflatter und gegacker, und der Mist fliegt nur so durch die Gegend.


Der Gerüchte wegen enstehen witzige groteske Züge, so identifiziert man angebliche Fußspuren eines Marsianers, mit denen des auf Krücken wandelnden Polyphems. Trotzdem hat diese Erzählung nicht den eleganten Witz von „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“. Das mag natürlich nachvollziebare Gründe haben. Die langweilige Eintönigkeit des Lebens kann nun nicht mit mit leichter Eleganz präsentiert werden.

Mir kommt der Gedanke auf, die Strugazkis erzählen in Form einer Parabel über die Menschen unter der Sowjetdiktatur. Lassen sich Menschen in einer Diktatur zwangsweise alles über sich ergehen, so sind hier die Menschen den Marsianern unterworfen, die in aller Stille die Macht ergreifen.
Zitat von Strugazki

Die Geschichte der Menschheit endet somit nicht etwa im Getöse einer kosmischen Katastrophe oder in den Flammen eines Atomkriegs, ja nicht einmal im Schraubstock einer Überbevölkerung, sondern in einer geruhsamen, gesättigten Stille.


Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 04.09.2007 18:46 | nach oben springen

#18

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 09.09.2007 18:36
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Gerade, wo ich mich vorher noch mit diesem Thema der Übersättigung beschäftigt habe, fällt mir dieses Buch in die Hände.
Die gierigen Dinge des Jahrhunderts

Für den Bruchteil eines Augenblicks spürte ich, dass ich zugrunde ging. Und ich fand es gemütlich, zugrunde zu gehen.

Was für ein Durcheinander, in das uns hier die Strugazkis führen. Iwan kommt in einer von diesen Städten an, in der dem Menschen alle Bedürfnisse erfüllt werden. Vorerst weiß er noch nicht, was ihn erwartet. Er, der angebliche Literat (in Wirklichkeit ist er inkognito unterwegs), so wird ihm vorhergesagt, wird hier nicht das vollenden, für was er hergekommen ist. Hier schimmert schon diese Bequemlichkeit hindurch, in die der Mensch verfällt, wenn ihm alles gegeben ist.

Die Witwe, bei der Iwan einzieht, ist ein typisches Exemplar von Ergebenheit für die Uniform, jemand, der geblendet vom Gefunkel der Sterne den Sinn der Uniform übersieht. Den Krieg lehnt sie ab, das Beispiel ihrer Abneigung ist menschlich und naiv, während die Armee ihr wichtig, weil prunkvoll erscheint. Daneben diese scheinheilige Sicherheit durch die Anwesenheit von Militär, ohne den Zweck dahinter wahrzunehmen. Da erhält der Leser schon eine Ahnung, auf welche Art Mensch er hier trifft.
Auch ein Friseurbesuch offenbart aufschlussreiche Einblicke, diese Geschichte mit dem „Meister“, der aus Iwan sein eigenes schönes Abbild formt mittels Gedankenlesens und Typerfassung – ist eine wunderbare Szene. Hier steht Iwan nun vor dem Spiegel, bewundert sich und erkennt die Lüge. Nichts an innerer Welt ist jetzt noch wichtig, er muss sich nicht mehr über das Innere nach außen definieren, um Anerkennung zu finden. Sein Äußeres verführt, so dass dabei leicht das Innere verkommen kann. (Es bleibt aber ein eindeutig "touristischer" Zug. Die Einheimischen sind schon einen Schritt weiter.)

Das Ausfüllen der Formulare vor Betreten verschiedener Aktivitäten und Dinge ist nur noch Routine, etwas, das die Gewohnheit mit sich bringt und keinen Nutzen hat, außer der Gewohnheit, (ein von den Strugazkis gerne aufgegriffener Vorwurf gegen die Bürokratie) viele der Abkürzungen sind den jeweiligen Formularausteilern nicht einmal mehr bekannt.
Alles ist hier im Überfluss vorhanden. Da gibt es Aromatika, "Gute-Laune-Salons", Tänze, gemixte Drinks mit WIRKUNG.
Die Menschen ergeben sich ihren Vorlieben, verbreitet ist der alkoholische Rausch. Überhaupt ist die Flucht in den Rausch beliebt, weil schnell sichtbar wird, dass alle sich in diesem Überfluss langweilen. Diese innere Unruhe weckt schnell Aggressionen, doch dafür, wie wir später sehen, ist bereits Abhilfe geschaffen worden. Das Essen ist synthetisch, es gibt Surrogate für alles, die Menschen wirken ebenso nur noch wie Abbilder ihrer selbst. Viele sind ausgelaugt oder nehmen ihr Umfeld kaum wahr. Auch im Verhalten der Menschen in ihren Dienstleistungen erkennt man diese ganze Übersättigung. Dem Menschen werden seine Wünsche erfüllt, Konsum wird in jedem Ausmaß bereitgehalten, und wenn der Mensch dann aus Langweile oder einfach, weil er nicht gierig ist, ablehnt, wird das „Zeug“ auf die Strasse geschleudert, ganz einfach weggeworfen. Der Gesprächston ist grimmig, oft aggressiv und immer selbstbezogen.

Verrufen sind die „Intel“s, wohl Menschen, die nicht diesem hochgelobten und verbreiteten "Neooptimismus" verfallen sind. Ich nehme an, "intel"ligente Leute, die sich gegen diese ganze Form an Übersättigung auflehnen, die erkennen, dass der Menschen hier in der Fülle von Alkohol und Suchtmittel unterzugehen droht. Allerdings sind sie nicht weniger gewalttätig als die "betrunkene" Allgemeinheit.
Zum Beispiel erkennt man das an solchen Situationen:
Die Masse wird mit Lichtern in einen Rausch/Traum versetzt, und die „Intels“ versuchen das Zombiehafte zu durchbrechen, in dem sie Tränengas abwerfen und in die Menge feuern.
Diese Lichter werden „Bibberlein“ genannt, die von einem Neooptimisten erfunden wurden, der darüber sagt:

Zitat von
Man rufe sich ins Gedächtnis zurück, welch herrlichen Schuss Munterkeit und guter Laune ein lichter, glücklicher, freudvoller Traum verleiht. (…) Nicht ohne Grund ist der Traum als Mittel zur Heilung vieler psychischer Erkrankungen schon seit mehr als hundert Jahren bekannt. Wir aber sind alle ein bisschen krank. Krank durch unsere Sorgen, zermürbt von den Kleinigkeiten des Alltags, gereizt von den gewiss seltenen, aber hier und da noch anzutreffenden Ungeregeltheiten, den unvermeidlichen Reibungen zwischen den Individualitäten, der normalen gesunden sexuellen Unbefriedigtheit und der Unzufriedenheit mit sich selbst, die jedem Bürger in hohem Maße eigen ist. Wie das aromatische Badusan (Schaumbad) den Straßenstaub vom müden Körper wäscht, so spült und reinigt ein freudvoller Traum die ermattete Seele. Vor Sorgen und Ungeregeltheiten ist uns nicht mehr bange.

Rausch, wonnevollen Traum, Trinksucht, doch dadurch geht die Wirklichkeit ja nicht abhanden. Das Erwachen ist schmerzvoll und erweckt sofort die Sehnsucht nach neuem Traum. Nur, kann man nicht im Traum leben.
Langsam begreift Iwan, dass hier der Dummkopf willkommen ist und auch geschaffen wird.
Zitat von Strugazki
Den Dummkopf hätschelte man, den Dummkopf zog man fürsorglich groß, den Dummkopf düngte man. Der Dummkopf war zur Norm geworden, es fehlte nicht mehr viel, dann wurde er zu Ideal und die Dolltoren der Philosophie tanzten begeistert Ringelreihen um ihn. Die Zeitungen tanzten jetzt schon Ringelreihen. Ach, Dummkopf, wie bist du nett! Ach, wie bist du gesund und munter, Dummkopf! Ach, wie optimistisch du bist, Dummkopf, und wie klug, was für ein feines Humorgefühl du hast, Dummkopf, und wie geschickt du die Kreuzworträtsel löst!

Und in aller Übersättigung bleibt es dann auch kein Wunder, dass manche Menschen wie folgt denken:
Zitat von Strugazki
Ja, früher waren sie wenigstens neidisch aufeinander(…) Natürlich klammerten sie sich mit den Zähnen an ihren Trödel, ans Geld, an die einträgliche Stellung … Opferten ihr Leben dafür. Wer die stärkere Faust oder den gescheiteren Kopf hatte, der war oben … Jetzt ist das Leben fett, still, überall herrscht Wohlstand. An was sich anpassen?

Da werden dann eben seltsame Spiele und Zerstreuungen erfunden, weil das Leben sonst "wie Regenwasser" ist, Spiele, die bei Unerfahrenheit auch mal das Leben kosten können.

Zitat von Strugazki
Amüsiere dich, Land der Dummköpfe, und denke an nichts!

Und wo landet man durch solche Lebensmaxime? Ganz genau, in der Gleichgültigkeit.

Die Witwe, bei der Iwan wohnt, hat eine Tochter und einen Sohn - Len, der in ständiger Angst lebt, weil er sich von nekrotischen Gestalten umgeben glaubt. Diese Gestalten sind aber nichts anderes als sturzbetrunkene Erwachsene aus der Sicht des Kindes, die auf dieses wirken, als wären sie gefährlich und tot. (Ein großartiges Bild der Strugazkis, wie ich finde.) Bei Tage sind sie Dummköpfe, bei Nacht sind sie Verfluchte. Oder, in der Nacht sind sie Lebende, bei Tag sind sie Leichen. Tagsüber der Kater, nachts der Rausch. Und dazwischen die erwachsenen, ernsten Kinder.

Scheinbar gibt es einen simplen Empfänger, der in der Kombination mit anderen Dingen (Alkohol davor, heißes Badewasser, Insektenrepellent - also überall erhältliche und einfach machtbare Dinge) den neutralen Menschen in diese Welt der Teilnahmslosigkeit führt und aus ihm dann diesen verfluchten Menschen macht. Iwan ist in dieser Stadt, um genau das herauszufinden. Seine Freunde sind längst nicht mehr sie selbst, sie sind diesem "Apparat der Bedürfnissättigung" unheilvoll erlegen. Iwan, als Außenstehender, erkennt in ihnen nur noch das Wrack, die langsam zerfallende Hülle. Da er diese Menschen von früheren Zeiten kennt, kann er auch Vergleiche ziehen. Die Übersättigung, der Sturz in den Rausch, die völlige Gleichgültigkeit töten zuerst den Geist, dann den Körper ab. Da Iwan selbst, da er noch nicht gierig ist, nur am für ihn eher harmlosen "Bibblerlein" teilgenommen hat, aber nicht die schwerliegenden, nicht rückgängig zu machenden Varianten der Geistesbeeinflussung probiert hat, ist sein Blick auch noch klar, er verspürt nur bedingt diese Gleichgültigkeit und die Lust, sich zu betrinken.
Doch genau das soll er herausfinden, wie sie funktionieren, diese "Wellen".

Selbst in der totalitären Zufriedenheit bleibt festzustellen:
Zitat von Strugazki
...zu viel Hass, zu wenig Liebe, Hass ist leicht zu lernen, Liebe - schwer, und außerdem hat man die Liebe zu sehr abgenutzt und begeifert, und sie ist passiv, merkwürdigerweise ist es so gekommen, dass die Liebe stets passiv ist, der Hass dagegen aktiv und deshalb attraktiv, und man sagt auch, dass der Hass von der Natur komme, die Liebe aber vom Geist, von viel Geist...

Und der Geist wird hier nun einmal ganz langsam abgetötet. Liebe gibt es nur noch als Surrogat, wie alles andere auch. Zurück bleibt der satte Mensch, der nicht mehr mal in der Lage ist, sich die kategorischen drei Wünsche vorzustellen. Wo alle Möglichkeiten der Wunsch- und Bedürfnisbefriedigung gegeben sind, giert der Mensch immer nach mehr, nach dem Allumfassenden, der absoluten Stimulanz.
Und langsam klärt sich das Verhalten der Menschen noch ein Stück mehr. Denn von außen war nur der Zerfall erkennbar. Leere im Kopf nach dem Erwachen. Außerhalb des Prozesses ist der Mensch vorwiegend ein Höhlenmensch. Doch innen tobt die völlige Erfüllung aller Begierden.
Zitat von Strugazki
...Die Phantasie ist ein kostbares Ding, doch man darf sie nicht nach innen lenken.

Ab hier nimmt der Mensch keine Rücksicht mehr, hat keinen Bezug zur Außenwelt, solange sie nichts mit der inneren Befriedigung zu tun hat.
Tja,
Zitat von Strugazki
...die Welt ist keineswegs schlecht, nein, sie ist langweilig

... an solchem Ort, völlig egal, dass alle Bedürfnisse befriedigt werden.
So zeigt sich:
Aus Standard(voraussetzungen) kann trotzdem etwas Bedrohliches erwachsen, im Material, wie auch im Grundbedürfnis, und:
Das genießende Tier überwiegt das vernunftbegabte Wesen.
Oder anders gesagt:
Der Geist ist im Bauchspeck erstickt.



Und, die Moral von der Geschicht'?
Die Gier zeigt böse ihr Gesicht,
wenn nur das eig'ne Wesen zählt,
hat man den Zweck des Seins verfehlt.

Und natürlich strugazkisch:
Ein System löst das nächste ab,
und macht die Welt darum noch lange nicht besser.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.07.2009 22:10 | nach oben springen

#19

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 18.09.2007 10:25
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Taxine,

hier haben mich die Strugazkis am Schlaffitchen gepackt, mich in ein Wirrwarr meines Geistes gezogen. Ich las 200 Seiten und dachte, mein Gott, irgendwie bin ich in die Thematik an mir vorbei und begann noch einmal von vorne, befinde mich gerade am Ende des achten Kapitels.

Der Roman ist deswegen nicht einfach für mich, weil ich mir doch einiges zusammenpuzzeln muss. Die Entdeckung des mit Drogen zugedröhnten Riemaiers, erst an dieser Stelle der Hinweis, das „Dewon“ (das Mittel gegen Mücken) und Alkohol warscheinlich zusammenhängen.

Und jetzt noch dies: Der Philosophieprofessors Opir und seine Lehre des „Neooptimismus“ Das finde ich äußerst interessant:

Zitat von Strugazki
Wir wissen: Die Stunde kommt, da die unsichtbare Strahlung des Traumgenerators, den ich gemeinsam mit dem Publikum zärtlich >Bibberlein< nennen möchte, uns heilt, mit Optimismus erfüllt und uns das Dasein wieder freudig empfinden lässt.


Der Traumgenerator „Bibberlein“ wirkt auch gegen den Alkoholismus. Und jetzt meine Frage: Die Droge SLEG wirkt in Zusammenhang mit Alkohol, Prof. Opir will aber mit dem „Bibberlein“ gegen den Alkoholismus wirken. Ist also Opir ein Gegner dieser Droge? Warscheinlich schon.

Ja, es ist eine furchtbare Welt. Der äußere Schein ist alles (siehe die Friseurgeschichte) und der Philosophieprofessor zitiert nachGoethe:

„Verweile Augenblick, du bist schön!“ (bei Goethe: „Verweile doch, du bist schön“).

Nach Opir hat es die Wissenschaft geschafft, die Menschheit vollends mit ihren Wünschen zu befriedigen.

Der Mensch wird zugedröhnt mit schönen Träumen und Drogensuggeraten, als ob dieses äußere Haben, dieses Raffen und konsumieren, dieses hindämmern im Rausch ein sinnerfülltes Leben erfüllen könnte. Hierin liegt ja die Kritik der Strugazkis, Kritik an diese Art Wohlfahrtsstaat. Darum hieß es in der Frieseurszene, Iwan erkannte die Lüge.

Bei der Liebe von Waina zur Armee dachte ich an protzigen Armeeaufmärsche an Staatsfeiertagen in der SowjetunionIm Sozialismus ist alles verstaatlicht, alles kommt von oben. Der Herrscher wie ein Gott (Stalin). Hier die Wissenschaft als Gott, der der Menschheit Seligkeit verspricht. Dabei ist alles nur unters Volk gestreutes Opium.

Liebe Grüße
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#20

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 18.09.2007 13:41
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Hallo Martinus,

ja, der Anfang des Buches war verwirrend, als ob die Strugazkis einfach nur andeuten und dem Leser überlassen, sich da seine Auffassung selbst zusammenzusetzen.
Das "Bibberlein" soll zwar gegen den Alkoholismus wirken, ist aber nur eine Täuschung, weil es die Menschen ja trotzdem nicht vom Trinken und Drogennehmen abhält. Es versetzt in einen künstlichen Rausch ohne Nebenwirkungen. Das ist in etwa so, als ob man Tabletten gegen Halsweh nimmt, die aber nicht den geschwollenen Hals lindern und den Schmerz bekämpfen, sondern nur den Schmerz überdecken.
Das "Bibberlein" ist eine Täuschung, um die Menschen ruhig zu halten. Kein Wunder, dass sie dann auch wie Zombies wirken. Opir ist ein Neooptimist, weil er sich nicht mit den Problemen auseinandersetzt, sondern sie lediglich in ein gutes Licht rücken will. Er ist ein Gegner von gar nichts, außer dem "schmutzigen Anblick" der Dinge.

All diese Möglichkeiten der Sättigung werden ja durch die ständige Gewohnheit und den ständigen Überfluss gar nicht mehr genutzt. Die Menschen, die dort leben, sind so übersättigt, dass sie nur noch den Rausch suchen. Sie suchen den Rausch, weil sie sich sonst zu Tode langweilen. Sie müssen ja nichts mehr tun, um sich die "Erfüllung ihrer Wünsche" zu ermöglichen (oder gar zu verdienen). Sie bekommen sie vor die Füße geworfen.

Man sieht in dem Buch so viele Gegensätze, die eigentlich alle gleich enden. Der Neooptimist, der nichts für die Menschen tut, sondern nur für den Staat, damit keine Unruhen entstehen, die "Intels", die gegen das "Bibberlein" kämpfen, dabei aber Gewalt anwenden, der "Fischer", der den Menschen in ihrer Übersättigung ein Spiel bietet, das beim Verlieren sogar den Tod nach sich zieht, der Beauftragte, der selbst dem Rausch verfällt, und am Ende der Rebell, der von Rebellion und Kampf spricht und sich dabei den Magen füllt.
Iwan sieht es richtig, wenn er all diese Menschen darauf hinweist, dass das Streben nach "Sattsein" nicht die Lösung ist, dass ein anderes Streben notwendig ist.

Lieben Gruß
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.07.2009 22:08 | nach oben springen

#21

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 18.09.2007 14:45
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

Die Zweitlektüre jat mir gut getan und ich bin jetzt durch. Im elften Kapitel wird der britische Science Ficton-Autor Kingsley Amis erwähnt, er habe vorausgesehen

Zitat von Strugazki
daß es möglich würde, das Gehirn zu stimulieren, um ein illusorisches Dasein zu schaffen, das ebenso kraß oder noch krasser als das reale sei.

Das erwähnte Buch, die "Neuen Karten der Hölle", konnte ich aber im Internet nicht auftreiben.

Zitat von Strugazki
...die sich in die illusorische Welt begeben haben, sind für die reale Welt verloren.


Zitat von Aldous Huxley

To make this trivial world sublime,
take half a Gramme of phanerothyme.


Zitat von Aldous Huxley
Nichts bewahrt uns so gründlich vor Illusionen wie ein Blick in den Spiegel.


Liebe Grüße
Martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#22

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 20.09.2007 09:49
von Martinus • 3.194 Beiträge
Nach Karl Marx ist der Mensch Opfer seiner Bedürfnisse, die befriedigt werden sollen. Im Roman sagt Professor Opir:

Zitat von Stugazki
Das Fundament des Goldenen Zeitalters zu legen bedeutet, die Ökonomie den Händen der gierigen Dummköpfe und Fetischisten zu entreißen, sie staatlich zu machen und unbeschränkt zu entwickeln.


In der Person des Philosophen wird das Sowjetsystem karikatiert. Alles wird von Staate kontrolliert, der Staat ist auch für die Bedürfnisbefriedigung zuständig, sogar ein Begriff aus mythischreligiöser Herkunft, das Goldene Zeitalter, wird missbraucht. Die Droge SLEG, der Traumgenerator, eine Fiktion, gleichzeitig ein Abbild der Staatskontrolle von außen. Das Menschsein wird in einer Diktatur mit Füßen getreten, ein Mensch muss nicht mehr denken, für alles ist gesorgt. Letzten Endes muss dann alles in Lanerweile stagnieren. Es ist so, als ob die Strugazkis das Ende der Sowjetära vorausahnen. Michail Gorbatschow bezeichnete die Breschnew-Ära als „Zeit der Stagnation, der russische Historiker Wiktor Kozlow spöttisch als „Das goldene Zeitalter der Stagnation“. Wohlgemerkt, der Roman wurde 1965 verfasst.

Im elften Kapitel werden Experimente der US- Forscher James Olds und Peter Milner erwähnt, die im Jahre 1956 das neuronale Lustzentrum bei Rattenentdeckten. Mit implantierten Drähten konnte bei den Tieren jederzeit Lust erzeugt werden, die Folge davon war, dass andere Triebe und Wünsche ihren Reiz verloren. Boris & Arkadi schöpften aus dieser wissenschaftlichen Entdeckung und Gestalten im Roman eine Gesellschaft, die niemand haben will.

Aus heutiger Sicht kann der Roman auch als Kritik der modernen Gesellschaft gelten. In Arbeitsbetrieben, in denen Menschen nur zum Wirtschaftsfaktor degradiert werden, Menschen gemobbt werden, das menschliche Wesen abgetötet wird, eine Gesellschaft, in der Menschen ab 50 nichts mehr wert sind, deshalb Menschen, den Bezug zu ihrem Inneren verlieren, eine große Leere entsteht, braucht man sich über psychische Störungen wie Burn-out- Syndrom oder Depression nicht mehr wundern.

Auch wenn der Roman ein wenig chaotisch abläuft, man den Faden des Romans zusammenpuzzeln muß, so kann jede künftige Generation den Roman auf ihre Weise deuten.

Liebe Grüße
Martinus



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zuletzt bearbeitet 20.09.2007 09:52 | nach oben springen

#23

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 20.07.2009 23:59
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ein paar Gedanken zu "Atomvulkan Golkonda".
Man spürt deutlich, dass es sich bei diesem Roman um den ersten der Strugazkis handelt. Noch fehlt es den Zeilen an Tiefgang und Hinterfragung. Es ist der einfache Bericht über eine Expedition zur Venus, die Kommandant, Navigator, Pilot, zwei Geologen und der Protagonist und Erzähler Bykow, ein Atomfahrzeugingenieur, auf sich nehmen. Letzterer ist erprobt in Wüsten und steuert gekonnt den - die Bezeichnung fand ich klasse - "Knaben", ein Raupenwagen, der jede Form an Gestein und Unebenheit bewältigt. Die Vorbereitung und schließlich der Flug selbst werden eindrucksvoll geschildert, gemächlich und mit der Sympathie für die Figuren, die miteinander auskommen müssen. Grundsätzlich geht es um den unbedingten Willen des Menschen, über die Erde hinaus, das All und andere Planeten zu erobern, die erschreckende Opferbereitschaft der Kosmonauten für diesen Traum und die leicht angedeutete Gier der Institute, über den Menschen hinaus mit der erschaffenen Technik zu trumpfen, in diesem Fall mit der Photonenrakete "Chius". Da bleibt die Frage: Lohnt es sich, so viele Menschen zu opfern, um über die Erde hinaus etwas Erdhaftes zu erschaffen? Die Chius-Insassen sind fest davon überzeugt und träumen unter den schwierigsten bis tödlichsten Bedingungen ihren Traum weiter, dass einmal Raumschiffe auf der Venus landen und Menschen dort ein eiskaltes Getränk schlürfen werden.
Nach diesem Roman ist man gewillt, in den nächsten Strugazki-Roman zu entschwinden, wie eine Art Prolog für das spätere Werk.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 21.07.2009 00:16 | nach oben springen


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