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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Arkadi & Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 19:15
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Arkadi und Boris Strugazki
MILLIARDEN JAHRE VOR DEM WELTUNTERGANG

Die Gebrüder schrieben auch "Picknick am Wegesrand", welches Tarkowskij filmisch so herrlich in "Stalker" umgesetzt hat. Sie gelten als die unumstritten besten Autoren der gegenwärtigen sowjetischen Phantastik. Arkadi, 1925 geboren, war Linguist und Japanologe, studierte zuvor an der Hochschule für Fremdsprachen und arbeitete auch am Institut für Fremdsprachen, sein Bruder Boris studierte Astronomie in Leningrad, war dann als Astronom am Observatorium Pulkovo tätig. Zu ihren besten Büchern gehören (nach Einband) "Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein" (1964), "Der Montag beginnt am Samstag" (1965), "Die Schnecke am Hang" usw.
Doch hier erst einmal anderes Schmuckstück.

Zitat von Inhalt des Buches
Ohne Umschweife erklärte der rothaarige Gnom dem Biologen Waingarten, dass eine gewisse außerirdische Zivilisation schon seit langem besorgt seine Experimente verfolge und dass er bevollmächtigt sei, ihm und noch einigen Wissenschaftlern den sofortigen Abbruch der Arbeiten und die Vernichtung sämtlichen Materials anzuempfehlen.
"Warum wir das fordern, hat Sie nicht zu interessieren", erklärte der Kupferrote. "Sobald Sie unserer Forderung nachkommen, werden wir alle Ihre Wünsche erfüllen. Sie erhalten drei Tage Bedenkzeit. Danach wird sich besagte Zivilisation befugt sehen, mit Maßnahmen der Stufe drei durchzugreifen."
Wie soll man sich entscheiden, wenn man so massiv unter Druck gesetzt wird?
Die STrugazkis trachten stets danach, ihre phantastischen Welten dinglich-konkret zu schildern. Das phantastische Element dient ihnen als künstlerisches Mittel, heranreifende Widersprüche, Konflikte des realen Lebens in verfremdeter, allegorischer Form sichtbar zu machen. In ihrer jüngsten Erzählung "Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang" ist die Handlungszeit die Gegenwart, sind die Helden unsere Zeitgenossen. Darum ist die Entscheidung, die sie zu treffen haben, in gewisser Weise auch unsere Entscheidung.


Lem sagte, dass die Welt der wissenschaftlichen Phantastik immer eine unparteiische Welt sein müsse. Das gelingt den Strugazkis in allen ihren Romanen. Sie erschaffen Märchen und Wirklichkeit zugleich, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. Und das gefällt mir so an ihrer Literatur.

Nun ein paar Zitate:
Zitat von
Diese Art Dunkel kriegt man mit Licht nicht weg…;



Zitat von
Ihr seid so einsam, dass ihr nicht einmal einen Feind habt!



Interessanter Gedanke aus „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ von den Strugazki’s:

Zitat von
W. prägte den Begriff Homöostatisches Weltgebäude:
„Das Weltgebäude wahrt seine Struktur“ – lautet sein Axiom.
Seiner Ansicht nach sind die Gesetze von der Erhaltung der Energie und der Materie bloß Teiläußerungen des Gesetzes von der Erhaltung der Struktur. Das Gesetz von der Nichtabnahme der Entropie widerspricht der Homöostase des Weltgebäudes und ist daher ein partikuläres und kein allgemeines Gesetz. Ergänzung zu diesem Gesetz ist das Gesetz von der unaufhörlichen Reproduktion der Vernunft. In der Kombination und im Widerstreit dieser beiden partikulären Gesetze realisiert sich also das allgemeine Gesetz von der Erhaltung der Struktur. Gäbe es nur noch das Gesetz von der Nichtabnahme der Entropie, verlöre das Weltgebäude seine Struktur, träte Chaos ein.
Andererseits: Gäbe es nur noch die sich ständig vervollkommnende allmächtige Vernunft oder würde sie auch nur dominieren, so geriete die Struktur des Weltgebäudes ebenfalls ins Wanken.
Natürlich würde das Weltgebäude dadurch weder besser noch schlechter werden, sondern einfach nur anders, nicht homöostatisch; denn die sich stetig entwickelnde Vernunft kennt nur ein Ziel: die Natur der Natur zu verändern. Folglich besteht das Wesen der Homöostase des Weltgebäudes in der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen zunehmender Entropie und der Entwicklung der Vernunft.

Alle Prozesse verlaufen eben so, dass die Energie erhalten bleibt. Alle Prozesse verlaufen so, dass die besagten Arbeiten (… ) mit Millionen und aber Millionen anderer Arbeiten vereint, nicht nach Milliarden Jahren zum Weltuntergang führen. Wobei es natürlich nicht um den Weltuntergang überhaupt geht, sondern um den Untergang jener Welt, die wir heute vor uns haben, die seit Milliarden Jahren existiert…


Zitat von
Ich hörte, dieser Weg führe zum Ozean des Todes, und kehrte auf halbem Wege um. Seither dehnen sich vor mir Umwege, öde und krumm…


Zitat von
Schlägt hier wirklich das Homöostatische Weltgebäude eine Mikrorevolte nieder, dann kann es durchaus so aussehen. Wie wenn ein Mensch mit einem Handtuch Jagd auf eine Fliege macht. Wilde Schläge pfeifen durch die Luft, Vasen fliegen von den Regalen, die Stehlampe kippt um, harmlose Nachtfalter gehen drauf, die Katze, auf die Pfote getreten, flitzt mit steilem Schwanz unter die Couch … Geballtes, schlecht gezieltes Vorgehen.



Zitat von
Emotionen sind bekanntlich ein Mangel an Information, nichts weiter.



Zitat von
Das Kostbarste auf der Welt ist meine eigene Person, sind meine Familie und meine Freunde. Alles andre kann mir gestohlen bleiben. Für das andre bin ich nicht verantwortlich. Mich schlagen? Wenn’s sein muss. Für mich. Für meine Familie, die Freunde. Bis aufs Blut. Aber für die Menschheit? Die Würde des Erdbewohners? Das galaktische Prestige? Für Worte schlag ich mich nicht!



Zitat von
Wenn ein Panzer auf dich zurollt, und du hast bloß deinen Kopf als Waffe, dann musst du zusehen, daß du rechtzeitig wegspringst…



Schlussgedanke:
Wenn wir endlich begreifen, dass die Welt ist und die Natur schafft und das Weltgehäuse auch Dinge erfindet, die wir uns nicht erklären können, die aber Bestandteil des Daseins sind, dann lohnt sich nicht das ständige Hinterfragen und das ewige Herausfindenwollen, wie so etwas geschehen konnte, sondern man muss den Zustand akzeptieren und mit dem Bewusstsein weiterexistieren, dass der Zustand genau so existiert. Erst dann kann man dagegen ankämpfen, gegen den Weltuntergang, der noch Milliarden Jahre entfernt liegt und gerade deswegen duldet, dass man nicht sofort die Kraft findet, sich zu wehren und dagegen anzukämpfen. Nicht hinterfragen, sondern handeln, heißt hier also die Devise, auch wenn die Natur einem rothaarige Gnome und das Hirngespinst eine Superzivilisation vorgaukelt…

Ein herrliches Buch...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.08.2007 21:20 | nach oben springen

#2

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 20.08.2007 15:40
von Martinus • 3.194 Beiträge
Arkadi & Boris Strugazki "Das vergessene Experiment"

Seit dem am 30. Juni 1908 der Himmel über der Taiga brannte, ein riesiges Kraterloch entstand, kursierten viele Theorien nach der Ursache. War es der Einschlag eines Asteorieden, der Absturz eines Ufos oder eine Atombombe. Und das 1908? Der Ausbruch eines unterirdischen Vulkans sei am warscheinlichsten meldete die SZ am 27.06.2007. Neue Forschungen glauben an kosmische Explosionen (ja, mehrere) in der Luft. Bisher fand man aber kein kosmisches Material. Im Krater befindet sich inzwischen ein See.

Dieses Rätsel spornte Science Fiction Autoren an. Die schönste mir bekannte Variante ist ein Roman von Stanislaw Lem: „Die Astronauten“. Darin handelt es sich um eine Weltraumrakete, die zu Erkundungszwecken von der Venus gestartet wurde und einer Katastrophe zum Opfer fiel.

Dass sich die Autoren Arkadi und Boris Strugazki in ihrer Erzählung „Das vergessene Experiment“ (1974) auf dieses mysteriöse Ereignis beziehen wird nicht erwähnt, es ist aber doch sehr wahrscheinlich. Denn, so heißt es, vor 48 Jahren gab es in der Taiga eine riesige Explosion, die Pflanzen und Tiere in dieser Gegend genetisch verändert haben. Ein Forscherteam vom „Institut für Nichtklassische Mechanik“ will mit einem Panzerfahrzeug zum Epizentrum vorrücken. Das ist aber nicht so einfach, weil ein seltsamer blauer Nebel ein Eindringen schwierig macht.

Zitat von A.&B. Strugazki
Achtundvierzig Jahre sind seit der großen Explosion verstrichen, die Strahlungsintensität hat sich bereits um ein Zehntel verringert, es sind Adhärenzien entwickelt worden, mit deren Hilfe der radioaktive Staub gebunden werden soll, was auch tatsächlich passiert, und plötzlich – Schluß. Auf einmal haben wir Funkenausbrüche, Brände; der Teufel und die Hölle sind los...


Das Forscherteam kann bis zum Epizentrum vordringen und sie stehen vor den Ruinen einer physikalischen Forschungseinrichtung

Mehr wird fairerweise nicht verraten. Es geht darum, dass der Mensch für geniale wissenschaftliche Erforschungen einen bitteren Preis bezahlen muss. Ob Forschung zu jedem Preis notwendig ist, darüber mag der Leser am Schluss nachdenken. Davon abgesehen ist es eine Erzählung, die eher unspektakulär ist, nach bekannten Motiven aufgebaut. Ein unbekanntes Gebiet wird betreten, soll erforscht werden. Natürlich birgt das Gefahren, und es ist auch ein bisschen unheimlich. Wenn das auch ein großer Wurf ist, so lese ich doch so was abenteuerliches auch mal gerne. Zumal ich mich nicht so oft im Science Ficton- Bereich bewege, war die 30 Seiten-Geschichte trotzdem reizvoll.

Aber nun her mit den Meisterwerken der Russenbrüder!

Liebe Grüße
Martinus

PS: Die Geschichte findet man in "Fenster der Unendlichkeit", eine Anthologie sowjetischer Phantastik, Verlag Das Neue Berlin 1975 (erste Auflage 1974).



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 18.09.2007 21:35 | nach oben springen

#3

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 20.08.2007 19:41
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Unbedingt muss man bei den Strugazkis natürlich auch "Picknick am Wegesrand" erwähnen, ein fast phantastisches Märchen voller Poesie, Hinterfragung und dezent Übernatürlichem.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist diese ganze Auseinandersetzung mit dem Menschen in einer futuristischen Zeit, die aber durch die innere Magie des Menschen in jede Zeit zu denken ist. Nach Stanislaw Lem ist dieser Roman einer der bedeutendsten der Gegenwart im Science-Fiction-Bereich.
Zum Inhalt:
Zitat von
Außerirdische Wesen haben gegen Ende unseres Jahrhunderts die Erde besucht. Niemand hat sie gesehen, keiner weiß, woher sie kamen und wohin sie gegangen sind, doch in sechs Gebieten auf unserem Planeten haben sie unerklärliche Gegenstände und Erscheinungen zurückgelassen, eine Herausforderung an die irdische Wissenschaft. Vielleicht auch eine Bedrohung der Menschheit? Jedenfalls erforscht nicht nur das internationale Institut für außeridische Kulturen die Phänomene in den "Besucherzonen", auch allerlei obskure Privatleute zeigen reges Interesse an den fremden Maschinen, darunter Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes. So ist in der Stadt Harmunt, am Rande einer der "Zonen", ein neuer Beruf entstanden: der "Schatzgräber", der die außerirdischen Objekte auf eigene Rechnung und eigenes Risiko aus der "Zone" schmuggelt, doppelt bedroht von den unheimlichen Gefahren in der "Zone" und von den Soldaten des Kordons an ihrem Rande.

So lautet der Einband, tatsächlich aber ist das eine sehr grobe Randbeschreibung. Verschiedene Menschen machen sich auf den Weg, die Zone zu ergründen, alle mit der Hoffnung, dort auf die "goldene Kugel" zu stoßen, die angeblich Wünsche erfüllt. Der ganze Weg dorthin ist eine Auseinandersetzung mit dem Wesen Mensch, der Schatzgräber zum Beispiel ist der normale durchschnittliche Arbeiter, der zu Hause Frau und "Äffchen" zu versorgen hat. Das "Äffchen" - scheinbar die Tochter, ist eine Mutation aus der Folge des "Besuchs", die das Grundbedürfnis nach der Wunscherfüllung des Schatzgräbers darstellt.
Die Hinterfragung, warum sich all diese Menschen dieser Gefahr aussetzen, in die Zone zu dringen und ihr Geheimnis, wenn nicht zu lüften, so doch zu erforschen, bleibt eine wunderbare philosophische Auseinandersetzung, die am Ende mit Erreichen des Ziels den Menschen vor seine eigene Mutlosigkeit stellt. Denn: Wie den Wunsch formulieren? Wie wissen, ob der Wunsch wirklich gut gewählt ist.
Der erste Versuch scheitert, so dass der Schatzgräber, sich selbst zwingt, erneut in die Zone aufzubrechen, diesmal mit einem eigenen Führer. Hier auch wieder dieses Verlangen nach Veränderung, vielleicht nur um der Reise willen, das Nichtakzeptieren des eigenen Scheiterns.

Zitat von Lem im Nachwort
Unter den zahlreichen Eigentümlichkeiten der Zone fällt auf, dass ihre Grenzen starr und scharf festgelegt sind. Weder Flugobjekte wie ein gewisser "Flaum" noch sonstige Zonenphänomene gelangen jemals über die Demarkationslinie der Zone und ihre Umgebung hinaus. Hier könnte man wiederum behaupten, diese "Zurückhaltung" der Zone, die sich selbst feste Grenzen setzt, sei das Werk eines weiteren "reinen Zufalls". A priori wird jedoch die Hypothese wahrscheinlicher sein, dass dies nicht der FAll ist, sondern dass die Zone "sich selbst im Zaum hält", weil sie etwas enthält, was ihr nach Plan und Absicht der Besucher eine solche Geschlossenheit verleiht.

Vielleicht zieht sie den Menschen, der sie einmal betreten hat, aber auch immer wieder in ihren Bann.

Das Ereignis, das die Zone erschuf, bleibt ein Geheimnis, was der ganzen Geschichte eine wunderbare Undurchsichtigkeit gibt, die verlangt, dass man einfach akzeptiert. Vielleicht sind die Außerirdischen in böser Absicht erschienen, vielleicht aber haben sie auch nur am Wegesrand gerastet und einfach ihren Abfall hinterlassen.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.08.2007 20:13 | nach oben springen

#4

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 20.08.2007 20:08
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

herzlichen Dank für deine ausgiebigen Erläuterungen. Ja, Menschen bohren ins Ungewisse, wollen alles wissen, vieles, alles deuteln...und ignorieren Gefahren und alles wegen einem Picknick. Was für eine Ironie. Das wird unbedingt gelesen.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 22.08.2007 09:46 | nach oben springen

#5

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 20.08.2007 21:01
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Ja, Martinus, des lohnet sich.

Ich mache mich nun an "Montag beginnt am Samstag".

Zitat von Einband
In Nitschawo, dem "Naturwissenschaftlichen Institut für Zauberei und Wohlfahrt", mit den Abteilungen "Ewige Jugend" und "Sinn des Lebens", forscht eine Reihe gelehrter Köpfe. "Sie waren Magier, Menschen mit großen Anfangsbuchstaben, und ihre Devise war: "Montag beginnt am Samstag". Magier waren sie, weil sie viel wussten,so viel, dass die Quantität ihnen schließlich in Qualität überging, und so traten sie mit der Welt in andere Beziehungen als die gewöhnlichen Menschen."
Professor Vybegallo, ein Institutsvorstand und leidenschaftlicher Experimentator, ein Scharlatan, stellt der Öffentlichkeit sein neuestes Experiment vor. Er hat das lebendige Modell eines Menschen entworfen, das nur die Bedürfnisse des Bauches kennt.


Wenn ich mir Arkadi und Boris vorstelle, wobei der eine in Moskau und der andere in Leningrad arbeitete, dann frage ich mich, wie sie so harmonisch an einem Buch schreiben konnten, ohne, dass man den Übergang bemerkt. Zwei Menschen, die an einer Sache schreiben. Erstaunlich. Arkadi ist 1991 gestorben, und damit hörte diese großartige Zusammenarbeit dann auf.
Sehr amüsant, was Gogol über die Strugazkis gesagt hat:
Zitat von
Aber das Merkwürdigste, ja das Unbegreiflichste ist wohl das, wie die Autoren auf solche Themen kommen. Ich muss schon sagen, völlig unbgegreiflich ist mir das ... Ich kann das einfach nicht verstehen.

Ich bin immer sehr gespannt, was mich in den Romanen erwartet. Los geht's.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 21.08.2007 12:56 | nach oben springen

#6

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 21.08.2007 12:52
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Mit dem Auto unterwegs, von zwei Fußgängern aufgelesen, wird der Programmierer Alexander (Sascha) in ein Haus geführt, in dem die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Die alte Frau scheint Gedankenlesen zu können und in der Nacht unterhalten sich Stimmen über das Sein.
(Ich hatte vergessen, dass man die Brüder doch in ihrer Art zu schreiben auseinanderhalten kann, nicht vom Stil, sondern vom Inhalt. Ich glaube zumindest, Boris herauszuhören, wenn es um die Überlegungen geht. Nur eine Theorie.)

Zwei Menschen unterhalten sich und sind doch nicht. Es ist ein sprechender Spiegel, der verkündet:
Zitat von
Das einzige Ich, das ist das Weltich, und zwar bin ich das, kapiert? Die Vereinigung alles Unbewussten, welches selbige aus der Dunkelheit der Welt hervorgeht, bringet das Ich zum Verschwinden mit der Entwicklung der Geisteskraft.

(Zitat aus den Upanischaden)

Ein Blick in ihn verweigert dem Schlafenden den eigenen Anblick, ein riesiger Kater rezitiert Märchen und ein einziges Buch nimmt unzählige verschiedene Titel an. Alles nur Traum und doch kein Traum.
Zwischen allem Seltsamen tauchen auch typisch menschliche Attribute auf. Die Habgier zum Beispiel oder der wissenschaftliche Blick.

Es kam mir in den Sinn, dass man ein gewöhnliches Interview mit dem Teufel oder einem Zauberer durch eine kunstgerechte Anwendung der Wissenschaften erfolgreich ersetzen könnte.
(H. G. Wells)

In der Auseinandersetzung mit seinem Traum und den seltsamen Ereignissen, die dieses Haus zu bergen scheint, gesteht sich Sascha ein:
Zitat von
Es war mir übrigens alles, wovon ich hier Zeuge wurde, nicht unbekannt. Über solche Dinge und Begebenheiten hatte ich schon irgendwo gelesen. Und jetzt fiel mir ein, dass mir das Verhalten der Leute, die in ähnliche Situationen geraten waren, schon immer ungewöhnlich dumm erschienen war. Anstatt mit voller Begeisterung zuzugreifen und die verlockenden Aussichten auszunützen, welche sich durch einen glücklichen Zufall ergeben hatten, bekamen es die Leute gewöhnlich mit der Angst zu tun und wollten eigentlich bloß eins – wieder so rasch wie möglich im Alltagskram untertauchen.


Der Vorhang, der die bekannte Welt von der Welt des Unbekannten trennt, ist ja auch nicht leicht zu heben. Doch Sascha ist bereit, hier mit Begeisterung hineinzuspringen.

Die Experimentatoren:
Zitat von
… sehr zielstrebige und arbeitsfreudige Herren – welchen bloß jegliche Phantasie fehlt und die deshalb übervorsichtig zu sein pflegen in ihren Urteilen. Erhalten diese Herren einmal ein unorthodoxes Resultat, so verwerfen sie es gleich wieder und beeilen sich, es durch die Ungenauigkeit des Experiments zu erklären.


Zitat von
Man macht förmlich einen großen Bogen um jegliches Neue, einfach weil man sich ans Alte gewöhnt hat und es viel bequemer ist, sich den alten Autoritäten zu fügen. In Theorie und Praxis.


Mir gefällt es sehr gut, dass der Protagonist sich die Dinge nicht erklären kann, (also den Zustand aller seltsamen Gegebenheiten nicht als Normalität betrachtet) sie aber gerne erlebt und sich dabei mit sich selbst und diesen Dingen auseinandersetzt. Er hinterfragt auch das, was er sieht, wenn er zum Beispiel entdeckt, dass er ein Fünfkopekenstück besitzt, das sich revertiert. Er testet eine Stunde herum, wie und wann das Geldstück wieder in seiner Tasche auftaucht.

Zitat von
Was sind wir doch allesamt naive Materialisten, dachte ich. Und Rationalisten obendrein. Wir wollen doch für alles auf der Stelle eine rationalistische Erklärung, (...) Und keinem würde es in den Sinn kommen, das in dem Raum zwischen den bekannten FAkten und den neuen Erscheinungen ein Meer von unbekannten Dingen liegen könnte.


Auch die Zitate über den jeweiligen Kapiteln sind gut gewählt:

"Und glauben Sie selbst auch an Geister?" fragte einer der Zuhörer den Lektor.
"Natürlich nicht", antwortete der Lektor und löstse sich langsam in Luft auf.


Macht Spaß zu lesen. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.08.2007 13:42 | nach oben springen

#7

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 22.08.2007 14:56
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Im Mittelpunkt steht ein Diwan, der droht, geklaut zu werden. Wie es sich herausstellt, ist er ein Translator, was die nächtlichen Stimmen erklärt. Ich selbst kann mir das nur so begründen, dass das Schlafen Alexanders auf dem Diwan alle Schwingungen im Raum übersetzt.

Auf jeden Fall sieht man jetzt, dass Alexander in einem Museum untergebracht wurde, und aufgrund seiner Experimente mit dem Fünfkopekenstück, werden dort nun Untersuchungen durchgeführt. Er muss sich unter einer Tarnkappe verstecken, während die Beamten über ihn spekulieren. Schließlich rät ihm sein neuer Freund Roman irgendwann, die Kappe ruhig wieder abzunehmen, weil einstimmig beschlossen wurde, dass Alexander nur ein Phantom wäre und nun niemand mehr an ihn glauben würde. Das ist natürlich um so witziger, wenn alles so absurd wirkt, wenn alle Seltsamkeiten als normal betrachtet werden, während der echte Mensch zur Illusion wird. So kann Alexander also wieder sichtbar werden, ohne als der, der er ist, wahrgenommen zu werden.

Der Museumsverwalter Modest Matwejewitsch hält Alexander für einen Homunculus, sieht ihn also als künstlich geschaffenen Menschen und somit Teil des Museums, als Ausstellungsstück. In Verbindung mit der vorherigen Auseinandersetzung und das Ablehnen seiner Existenz, kann man diesen Vergleich auch zweideutig sehen, als eine Schaffung aus dem Munde Descartes, dem schon damals bewusst war, dass bei der visuellen Wahrnehmung auf der Netzhaut ein Bild generiert wird. Descartes schloss aus diesem Sachverhalt, dass Menschen nicht direkt die materielle Welt, sondern innere Bilder wahrnehmen. Bei ihm hatte der Homunculus die Form eines immateriellen Geistes, dem an der Ephiphyse Informationen über die materielle Welt präsentiert werden sollten. Und anders gesagt: „Der wahrnehmende Mensch betrachtet immer schon wie der Besucher einer Camera obscura ausschließlich Bilder, die sich zwischen ihm und der angeblich gesehenen Welt befinden.“ (Wiesing)
Im Kopf sitzt also ein Homunculus und übersetzt das Gesehene für den Geist, um es zu begreifen und in eine eigene Sicht zu deuten.
Wenn hier der Museumsverwalter Alexander nicht mehr als gesuchte Person wahrnimmt, weil alle beschlossen haben, dass er nur ein Hirngespinst sei, so sieht er in ihm einen Gegenstand des Museums. Eben seine Vorstellung und dabei das Einzige, was er akzeptieren kann.
Ja, so kann man sich in weite Felder der Phantasie jagen lassen.

Alexander soll nun der neue Programmierer werden. Ob er vielleicht diese "Welt" dann ein bisschen mitkreiert?
Der Museumsdirektor zumindest besteht aus zwei verschiedenen Personen, die trotzdem eine sind. Man muss sich das in Form einer Persönlichkeitsspaltung vorstellen, nur nicht im Geiste und tatsächlich in zwei verschiedene Menschen. Er heißt Janus Poluhektowitsch (wie kommt man auf solche Namen?) und teilt sich in A-Janus (ein Verwalter) und U-Janus (der eigentliche Direktor).
Zitat von
Es ist ein und derselbe Mensch, nur in zwei Personen eben.

Scheinbar ganz einfach, was?



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.08.2007 15:58 | nach oben springen

#8

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 22.08.2007 17:27
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
JAHRMARKT DER EITELKEIT
Alexander arbeitet jetzt also für diese „verwunschene Welt“. Im Institut (ein Gebäude, das von außen wirkt, als hätte es nur ein Stockwerk, von innen aber ganze zwölf birgt) sind ganz unterschiedliche Menschen und Zauberer tätig. Einer davon war früher Großinquisitor und führt gerne Experimente an sich selbst und an seinen Mitarbeitern durch, was im Institut als umstritten gilt und nicht gerne gesehen wird. Ein anderer hat unter Peter dem Großen als Chemiker gedient und hatte später mittelmäßigen Erfolg als Yogi. Er kehrte auch unter Katharina der Großen anlässlich eines Bauernaufstands zurück und wurde seiner Nase beraubt.
Die Abteilung für lineares Glück oder die Erforschung des Sinns des Lebens treiben in viel Arbeit. Dann gibt es noch Vybegallo, der ein Zyniker und Dummkopf ist und sich mit Eugenik befasst. Seine nicht gerade raffinierte Theorie lautet, dass alle Unzufriedenheit aus einem Mangel an Lebensmittel entsteht.
Aber grundsätzlich sind die Thesen und Theorien auf der Suche nach Glück – der weißen Thesis, die früher von einem Wissenschaftler scheinbar als Nebenprodukt abgetan wurde und nun wiedergefunden werden musste, denn sie verspricht das Glück aller Menschen. Sicherlich sind dazwischen auch kasuistische Definitionen, wie: Glück ist die Abwesenheit des Unglücks, oder Gedichte:

Ihr fragt mich,
was ich fürs höchste Glück
au dieser Erde halte?
Zwei Dinge:
Die Geisteshaltung so zu wechseln,
wie einen Pfennig für einen Schilling.
und zweitens
zu lauschen einer jungen Frau Gesang
weitab vom Weg,
jedoch nachdem man ihn erkannt hat.



Konfrontiert man diese eifrigen Forscher aber mit der Frage: Gibt es das Glück überhaupt?
… dann sind sie schnell beleidigt.

Und dann taucht auch noch Merlin auf, der gerne und ausführlich Mark Twain zitiert und dessen Geschichten als seine eigenen Abenteuer ausgibt.
Was für ein Haufen an Gestalten, und dabei sind die Geister, lebendigen Skelette und Makrodämonen noch nicht einmal erwähnt.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.08.2007 03:16 | nach oben springen

#9

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 22.08.2007 17:35
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo,

zwischendurch noch einmal zu "Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang"

Also, ich muss sagen toll. Die ersten dreißig Seiten habe ich durchgelacht. Der Leser wird erst einmal auf ganz andere Fährten geführt. Dieser Humor, diese Schlacksigkeit fand ich grandios.

Allein diese Bemerkung schon:

Zitat von Strugazki
Man saß da, plauderte, trank Tee,schwitzte. Sie nannte ihn bereits Dimotschka und er sie Lidotschka.
.

Und dann spielt die Welt verrückt, durch das (angebliche) hereinbrechen einer außerirdischen Superzivilisation, die Forschungen einiger Wissenschaftler stoppen will. "Im Phantastischen offenbart sich das Übernatürliche wie ein Riss in dem universellen Zusammenhang", heißt es bei Roger Caillois. In dieser Erzählung wird das Geschehen aber anders gedeutet, obwohl der Grundzug doch phantastisch anmutet.
Zitat von Strugazki

Kaum treten rothaarige Wichte auf den Plan, schon glauben wir, daß keine Naturgewalten, sondern irgendeine Vernunft, Gesellschaft, Zivilisation die Hand im Spiel hat.


In Dingen, die wir nicht rational erklären können, suchen wir immer nach dem Übernatürlichen.

Zitat von Strugazki

"Warum sie es für Notwendig erachten, gerade eure Forschungen zu unterbinden", fuhr Wetscherowski fort, "diese Frage ist ebenso kompliziert wie müßig".


Also, warum dann noch nach dem "Warum?" grübeln. (Taxine hat weiter oben die Sachverhalte erläutert).

Bei den seltsamen Begebenheiten kann es sich um Auswirkungen eines nicht durchschaubaren Naturgesetzes halten. Diese Forscherei, nur weil der Mensch nicht alles versteht, ist seine Gier. Da wir nie alles wissen können, ist diese Gier Energieverschwendung.
Wir

Zitat von Strugazki
sind drauf und dran zu glauben, die stillen Geheimnisse der Natur seien lediglich so etwas wie Juwelen in einem Banksafe.


Das ist das Problem. Daher wird Akzeptanz gefordert. Nicht alles Unerklärliche muss geklärt werden. Eine ähnliche Situation wie in "Picknick am Wegesrand" (s.o.)

Mir gefällt, dass die Strugazkis das Genre der SF/Phantastik benutzen, um auf grundlegende Probleme des Menschen sprechen zu kommen. Das macht die Lektüre wertvoll. Das Unheimliche ist unsichtbar, darum rückt der Mensch, um den es geht, in den Vordergrund. Mit der Action-Literatur dieses Genres nicht zu vergleichen.

Absolut stark!

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 22.08.2007 17:56 | nach oben springen

#10

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 22.08.2007 18:01
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Da bist du ja richtig durch das Buch durchgeflogen. Ja, das gefällt mir an den Strugazkis auch, dass sie trotz der phantastisch reflektierten Visionen die Grundfragen des Daseins erörtern.
In "Montag beginnt am Samstag" ist es ebenso, jedoch viel märchenhafter und obskurer.
Trotzdem bleibt zwischen dem Schillernden ein Kern an Wirklichkeit erhalten.
In "Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang" ist es umgekehrt. Die Wirklichkeit wird mit Phantastischem gespickt, und es geht ein Stück philosophischer zu.

Liebe Grüße
Taxine




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#11

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 22.08.2007 18:19
von Martinus • 3.194 Beiträge
ja, heute war ich am Buch festgeklebt und las 3/4 des Büchleins

Ich habe noch eine interessante Seite der Strugazkis gefunden, vor allem wird dort auf die Erzählung "Sandfieber" weiterverlinkt.

Ich werde die Autoren natürlich weiterverfolgen.

Demnächst/in Kürze lese ich "Die zweite Invasion der Marsmenschen" und
"Die gierigen Dinge des Jahrhunderts"


Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 22.08.2007 18:20 | nach oben springen

#12

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 22.08.2007 18:26
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Dankeschön, lieber Martinus. Schöne Seite und besonders wegen der vollständigen Erzählung.
Ich würde gerne mal eine Biografie über die beiden Brüder lesen, gibt's wahrscheinlich noch nicht, weil ich mich die ganze Zeit frage, wie man zu zweit an einem Roman arbeiten kann und dabei völlig unabhängig voneinander. Es heißt ja, dass ihre Geschichten manchmal völlig durcheinander geraten und es erst gegen Ende wieder schaffen, einander zu überschneiden.
Was müssen das für kleine Kämpfe gewesen sein? Der eine hat die Idee, der andere setzt eine andere dagegen, beide werden in das Buch integriert, um sich schließlich zu ergänzen. Wahnsinn.

Herzelich
Taxine




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#13

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 23.08.2007 21:32
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Zurück zum Roman "Montag beginnt am Samstag"

Nun wird das Geheimnis um den Diwan gelüftet, er verwandelt Wirklichkeit in Märchenwelt.

Und als Alexander nun Nachtwache im Institut schieben muss, wird ihm auf einmal die Ganze Welt dieser Menschen und Zauberer und Wesen um ihn herum bewusst, und ganz nebenbei zeichnen die Strugazkis ein wunderbares Bild der menschlichen Qualitäten und Schwächen:
Zitat von
Ein jeder Mensch ist in seinem Innersten ein Magier, er wird aber erst dann ein Magier, wenn er weniger an sich selbst und mehr an die anderen denkt ,wenn ihm die Arbeit interessanter erscheint, als sich der Muße – im alten Sinn dieses Wortes – hinzugeben.
Und sicherlich ist die Arbeitshypothese nicht sehr weit von der Wahrheit entfernt, denn ebenso wie die Arbeit den Affen zum Menschen machte, ebenso erwandelt das Fehlen von Arbeit in viel kürzerer Zeit den Menschen zum Affen. Und sogar in Schlimmeres als Affen.



Zumal:
Zitat von
Natürlich kann der Mensch nie zur Gänze mit seinem inneren Schweinehund fertig werden, deshalb ist er ja auch ein unvollkommenes Wesen – der Übergang vom Neandertaler zum Magier. Aber er kann versuchen, gegen seine üblen Gedanken anzukämpfen, darin liegt seine Chance. Selbstverständlich kann er auch resignieren, wir kennen ja die hübschen Redewendungen („man lebt ja nur einmal“ – „Ich bin ja auch nur ein Mensch“ – und wie diese verkehrten Weisheiten alle heißen) …


Und etwas ironischer:
Zitat von
Es gibt aber auch andere. Die mit den leeren Augen. Mit traumwandlerischer Sicherheit wissen sie immer, auf welcher Seite des Brots die Butter ist. Auf ihre Art sind sie auch gar nicht dumm. Auf ihre Art sind sie gute Kenner der menschlichen Natur.


Hier greifen die Strugazkis ein altbekanntes Thema ihrer Philosophie auf, mit der sie sich wohl in vielen ihrer Bücher beschäftigen.
Zitat von
In unserer Zeit erwarten die Menschen, welche mit Wissenschaft nichts zu tun haben, Wunder und immer nur Wunder von ihr. Das Schlimme daran aber ist, dass sie in der Praxis unfähig sind, ein echtes Wunder der Wissenschaft von gewöhnlicher Taschenspielerei oder irgendeinem intellektuellen Salto mortale auseinanderzuhalten.


Dann erleben wir ein Experiment, das in sich die Auseinandersetzung von Sättigung und Befriedigung birgt, allerdings in einer sehr fragwürdigen Art und Weise. Ein Experiment, das von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.08.2007 01:18 | nach oben springen

#14

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 24.08.2007 01:16
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Und nun zum letzten Kapitel:

TOHUWABOHU

Als Gott die Zeit erschuf, sagen die Irländer, schuf er sie zur Genüge.
(H. Böll)

Alexander lässt sich darauf ein, in eine Zeitmaschine zu steigen, die ausgerechnet in Dimensionen führt, in denen Romanfiguren ein echtes Leben führen. So begegnet er hier zum Beispiel nackten Menschen, die nur eine Mütze tragen und besinnt sich darauf, dass manche Schriftsteller nun einmal die Angewohnheit haben, zu schreiben:
Zitat von
Die Tür ging auf, und es erschien ein muskulöser Mann mit einer zottigen Mütze und dunkler Brille.

Man könnte hier in einer weit ausgeholten Interpretation einen kleinen Angriff auf die schriftstellerischen Ungenauigkeiten erkennen.
Als er weiterfliegt, bemerkt er, dass nach dem Jahr 2000 einige "empfindliche Lücken in der Zeit" auftreten.
Zitat von
Ich flog durch Zeiträume, die der Materie beraubt waren. An diesen Stellen war es stockdunkel, und nur ganz selten hörte man hinter der grauen Wand Detonationen und sah vereinzelt Brände auflodern.


Auch schimmert durch, dass es eine Zeit gab, in der sich alle Menschen in riesigen Kühlschränken einfrieren ließen. Dann teilt sich die Welt (das Universum) durch die "eiserne Mauer" in zwei Welten: Die Welt der humanen Vorstellungen und die Welt der Angst vor der Zukunft.
In der einen Welt ist der Begriff "Angst" nicht mehr bekannt, in der anderen herrscht das völlige Chaos, und nur die Zeit ändert dieses Dahinter schließlich in Verwüstung und Leere. Egal, wohin man auf dieser Seite der Welt blickt, immer werden die Menschen von irgendeiner anderen Existenz unterjocht (Roboter, Viren, ... ein Monarch).
Weil Alexander die "andere Welt der Unterjochung" aus einer Luke betrachtet, somit in der "friedlichen Welt" steht, kommt in mir der Verdacht auf, dass diese Wirklichkeit nicht real ist. In ihr entdeckt er immer neue Wiederholungen und stellt fest, dass Millionen Jahre weiter immernoch die gleichen Kühlschränke und Bedingungen herrschen. Wahrscheinlich ist das eine Zeitschleife oder ganz einfach der Weg des Außenstehenden. Aber, genaues erfährt man nicht, denn, sobald an der Zeitmaschine die Kupplung nicht richtig funktioniert, wird Alexander schon wieder in die Zeit zurückgeschleudert, aus der er gekommen ist. Das Hier und Jetzt.
Letztendlich handelt es sich nicht um einen Blick in die Zukunft, sondern um einen Blick in eine längst beschriebene Zukunft.

"Der einzige Unterschied zwischen der Zeit und jeder der drei anderen Dimensionen des Raumes besteht darin, dass ich unser Bewusstsein entlang der Zeit bewegt."
sagte H. G. Wells. Daher kann man sich, wenn überhaupt, auch nur in eine Zukunft katapultieren, die man sich vorstellen kann, die somit dem eigenen Geist und der Erinnerungen an literarische, wissenschaftliche Schriften entspringt. So jedenfalls erkläre ich es mir.
Wells schrieb ja "Die Zeitmaschine", darauf nehmen die Strugazkis sicherlich Bezug. Auch waren die Eindrücke bei Alexanders Reise (die Herrschaft der Roboter) ein Eindruck aus den "Krieg der Welten".

Wenn ich mir jetzt den Roman so betrachte, der mit einer sehr märchenhaften Phantastik gefüllt ist, dann bleibt die Kernaussage für mich, dass der Mensch sich seiner Arbeit, seiner Weiterentwicklung widmen soll, dass das Streben nach einem schönen Leben einziges Ziel ist, ebenso, wie dafür Lösungen heranschaffen zu wollen. Alle Zauberer, Geister und Magier, die in diesen Zeilen auftreten, nutzen ihre Kräfte nicht, um zu Spielen oder sich ein leichtes, faules Leben zu machen, sondern, um nach Zufriedenheit, Glück und den Sinn des Lebens zu suchen, besser gesagt, in ihren Versuchen herauszufinden, wie das für alle Menschen machbar ist, also einen Dienst für die Menschheit zu leisten. Selbst der Scharlatan Vybegallo trägt mit seinen absurden und fast schon unnötigen Experimenten trotzdem dazu bei, das Wohl des Menschen vergrößern zu wollen, auch wenn es ihm dabei hauptsächlich um eigene Prestige geht. Seine Eitelkeit und das eher knappe Durchdenken seiner Thesen zielt trotz allem nicht auf Schlechtigkeit hinaus, oder auf das "Böse". Manchmal tritt auch die Unabwendbarkeit des Todes hervor (eine weitere Kernaussage), dass auch ein Zauberer, ein Geist, ein künstlich erschaffenes Wesen nicht davor gefeilt ist, zu sterben, wie viele Versuche auch vorgenommen werden. (Zum Beispiel soll ein toter Fisch durch lebendiges Wasser wieder zum Leben erweckt werden, was nicht gelingt.) Und zu guter Letzt höre ich auch eine kleine Huldigung an die Poesie heraus, die (trotz eines Ausspruchs Dickens: Keiner spricht in Reimen und hüte dich vor den Poeten!) zwischen all dem ebenso ihre Berechtigung hat und dabei ihren eigenen Zauber in sich trägt.

Jetzt habe ich mal wieder, statt einer Rezension, das ganze Buch auseinandergenommen, aber bei manchen lohnt es sich einfach, einen tiefen und ausführlichen Blick darauf zu werfen. Das Ende des Romans ist wunderbar, völlig genial. Aber, das verrate ich natürlich nicht.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.08.2007 03:11 | nach oben springen

#15

RE: Arkadi &Boris Strugazki

in Die schöne Welt der Bücher 25.08.2007 21:55
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Und nun zu:
Das Experiment

Das Experiment ist das Experiment. heißt es schon in den ersten Zeilen. Hier wird nichts hinterfragt, hier wird akzeptiert und gehandelt. Freiwillige Menschen sind hier zusammengekommen, um das Experiment zu wagen. Die einen aus persönlichen Gründen, die anderen, um aus ihrem alten Leben zu flüchten, wiederum andere aus reiner Neugierde. Sie sprechen alle die gleiche Sprache, obwohl sie aus den verschiedensten Gebieten kommen. Der Japaner nimmt an, dass er und alle anderen japanisch sprechen, der Amerikaner denkt, alle sprechen amerikanisch, der Russe das seinige.
Hier treffen also Menschen zusammen und versuchen sich in einem Experiment, das nicht explizit festgelegt ist. Es wirkt wie eine schwammige Masse, die es nun zu formen gilt. Doch immer wieder trifft etwas Unvorhergesehenes ein, im Moment sind es Paviane, die die Stadt besetzen. Zunächst gehen die Menschen dagegen vor, versuchen sich daran, da Polizei und Normalmensch keine Waffen benutzen dürfen – nur Schurken haben Waffen, dadurch sind sie scheinbar auch vom normalen Menschen zu unterscheiden - die Affen einfach wegzujagen, aber da sie erfolglos bleiben, gewöhnen sie sich an die Viecher auf ihren Strassen und versuchen, eine Ordnung zu schaffen, also die Affen einzufangen und sie zu kontrollieren. Dieser Einblick sagt schon viel aus über die Gewohnheiten, die hier herrschen.
So wird sicherlich dieses Verhalten von sinnlosem Gehorsam und sinnlosen Befehlen, Anordnungen und Beschlüssen ins Licht gerückt, die rein gar nicht bewegen oder verändern, sich höchstens besser ordnen lassen. Das Papier steht über der Welt, eine Akte hat mehr Bedeutung als ein Menschenleben.
Es gibt einfache Gesetze. Zum Beispiel ist jeder verpflichtet, alle paar Wochen anstandslos die Arbeit zu wechseln, um zu verhindern, dass der Mensch sich bereichern kann und will. (Die Theorie kennen wir ja irgendwoher!)
Schön wird im Buch von jemanden zitiert:
Zitat von
„Wenn ich in ein anderes Land reise, dann frage ich niemals, ob die Gesetze dort gut oder schlecht sind. Ich frage nur, ob sie befolgt werden.“
Und das Gesetz steht über dem Recht des Einzelnen.

Voraussetzung für das Experiment:
Zitat von
… bis ans Ende vorbehaltlos an die Idee zu glauben. Begreifen, dass Nichtverstehen die notwendige Bedingung des Experiments ist.

Ansonsten beginnt der Zerfall, das ganze Bestreben wird zur Farce. Denn:
Zitat von
Unverständnis gebiert Unglauben. Unglauben den Tod.


Zwei Geheimnisse nehmen nun eine besondere Wichtigkeit ein. Einmal ein seltsames Ziegelhaus, in dem Leute verschwinden, zum anderen eine riesige Mauer, neben der zerschmetterte Menschen liegen (hier tut sich die Frage auf, wie sie die Mauer hinaufgekommen sein sollen, die glatt und unüberwindbar erscheint).

Der Protagonist Andrej Woronin wird mit diesen beiden Fällen betraut und tritt selbst in das ominöse Haus, das sich quer durch die Stadt bewegt, dass an leeren Plätzen und Grundstücken auftaucht und wieder verschwindet. Hier trifft er auf seine eigenen Obsessionen und Vorstellungen, Blicke in seine Vergangenheit und Ängste. Auch begegnet er dem "Großen Strategen", mit dem natürlich Stalin gemeint ist, wie auch Budjonny und Trotzki, die als Bauern auftreten.
Danach konfrontiert ihn ein alter Mann mit der Möglichkeit, dass er vielleicht nicht einfach hierher gekommen ist, um am Experiment teilzunehmen, sondern gestorben sein muss, wie alle anderen auch. Für diesen Mann ist dieses ideologische Konstrukt nach einem kommunistisch gesinnten schönen Aufbau einer neuen Gesellschaft (erst einmal in klein, um sie zu testen) nichts weiter, als das Büßen der eigenen Sünden.
Er bezeichnet all das hier als Zustand des Bösen, wogegen Andrej sich wehrt:
Zitat von
Das Böse ist immer eine Klassenerscheinung. Es gibt kein Böses an sich.


Andrej ist durchtränkt von dem Wunsch, eine neue Welt zu schaffen, die in ihrer Planung den arbeitsfreudigen und tüchtigen Menschen enthält, der sich genügsam und gehorsam verhält. Er übersieht dabei die sich daraus nachziehenden Konsequenzen, denn seine Ideologie hinterfragt nicht, was Menschen daraus machen können. Er sieht die allgemeine Ehrlichkeit (diese Natürlichkeit, jeden anzuzeigen, der sich der Ordnung in irgendeiner Art und Weise widersetzt, weil es dem Allgemeinwohl dient) alleine von dem Standpunkt aus, dass dem Menschen hier etwas gegeben wird, aus dem er etwas Neues und Schönes schaffen kann. Doch mit dem Auftauchen des roten Hauses erwacht in den Menschen ein seltsamer Widerstand. Und langsam wird deutlich:
Zitat von
Ein Gesetz kann nicht alles vorhersehen.

und
Zitat von
Ein Gesetz für alle gibt es nicht und kann es nicht geben. Es gibt kein Gesetz, das zugleich für Ausbeuter und Ausgebeutete gilt.

Doch noch kann sich Andrej seiner Idealvorstellung nicht entziehen.

Es wird für das Experiment nach besonderen Menschen gesucht. Gewusst wird nicht, nach welchen, gewusst wird nur, welche Menschen man nicht braucht.
Alle werden auf den Aufbau des Experiments abgestimmt.
Zitat von
Nur wer nichts tut, begeht keine Fehler. Nicht Fehler sind gefährlich – gefährlich ist die Passivität, verlogene moralische Reinheit ist gefährlich, Treue zu alten Geboten! Wohin können überlebte Gebote führen? Nur in eine überlebte Welt.


Besonders bedenklich aber bleibt die Freundschaft zu einem ehemaligen Faschisten, dem Andrej gerne die Arbeit übergibt, zu der er nicht imstande ist. Die Folter.

Diesen Roman schrieben die Strugazkis bewusst so, dass er erst einmal in der Schublade verschwand, denn er enthält alle Kritik an den kommunistischen Umständen unter Stalin, ist eine schonungslose Abrechnung mit Ideologiegläubigkeit und Personenkult.
Science Fiction findet man darin nur ganz am Rande, in den wunderbaren Ideen und Ereignissen, im Gesamtkonstrukt des Experiments. Doch, wie immer, lässt man sich als Leser von den Strugazkis führen und sieht alles Geschehen als völlig normal und im Hier und Jetzt.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 29.08.2007 00:29 | nach oben springen


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