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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Ingeborg Bachmann

in Die schöne Welt der Bücher 09.07.2008 21:28
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

Ahhh... eine neue Begeisterung für eine weitere Schriftstellerin, tragisch in ihrer Seele, tragisch in ihren Zeilen, tragisch in ihrem Tod. "Malina" - ein Meisterwerk der poetischen Selbstzerstörung und Selbstauflösung.

In Antwort auf:
Ich bin die erste vollkommene Vergeudung, ekstatisch und unfähig, einen vernünftigen Gebrauch von der Welt zu machen, und auf dem Maskenball der Gesellschaft kann ich auftauchen, aber ich kann auch wegbleiben, wie jemand, der verhindert ist oder vergessen hat, sich eine Maske zu machen, aus Nachlässigkeit sein Kostüm nicht mehr finden kann und darum eines Tages nicht mehr aufgefordert wird.


Schreiben ist Leben, sagte Ingeborg Bachmann einmal. Denn erst das Schreiben eröffnet ihr einen Ort, einen der Zeit enthobenen, einen der Geschichte fernen Un-Ort, an dem Leben möglich ist. Der Bedrohung durch den Faschismus, dieser "vollendeten Unterdrückung des Anderen" liegt sowohl der Ausmerzung der Juden durch das Nazi-Regime als auch der Unterdrückung der Frau in der Geschlechterbeziehung zu Grunde. Leben ist ein Kriegszustand. Krieg und Frieden. Was übrig bleibt ist nur der Krieg, und darin löst sich alles auf, was Glück sein könnte, Liebe, Gleichberechtigung.
In Antwort auf:
Es ist immer Krieg.
Hier ist immer Gewalt.
Hier ist immer Kampf.
Es ist der ewige Krieg.

... heißt es in "Malina".

Zunächst ist es einmal wieder seltsam, wie sich ein Leben aus der Sicht zurück ineinander fügt. Bachmann verfasst drei Romane zum Thema „Todesarten“ und kommt mittendrin durch schwerste Verbrennungen um, weil sie durch ihre Tablettensucht mit der Zigarette in der Hand einschläft. Ein unnötiger Tod und das Erwachen eines Mythos. War es Selbstmord? Hat sie in ihren Zeilen bereits ihren Wunsch nach dem Tod angedeutet? Oder, sollte man in ihren Zeilen nach einem möglichen Todeswunsch forschen? Wahrscheinlich nicht unbedingt.
Obwohl in „Malina“ recht eigenartige Zeilen vorkommen, die sich wunderbar mit ihrem Tod in Verbindung bringen lassen, oder als hätte ein geschickter Verleger hier nachträglich die richtigen Zeilen hinzugefügt (was natürlich Blödsinn ist), so richtet sie da folgende Worte an Malina:
In Antwort auf:
Verstehst du, meine flammenden Briefe, meine flammenden Aufrufe, meine flammenden Begehren, das ganze Feuer, das ich zu Papier gebracht habe, mit meiner verbrannten Hand – vor allem fürchte ich, dass es zu einem verkohlten Stück Papier werden könnte. Alles Papier der Welt ist ja zuletzt verkohlt oder vom Wasser aufgeweicht worden, denn über das Feuer schicken sie das Wasser.


Da könnten einem schon so zwei, drei Schauer über den Rücken laufen, aber es ist eben leicht, aus dem Rückblick die Dinge zusammenfügen zu wollen. Vielleicht war ihre Angst vor dem Feuer wirklich, und sie hat ihn tatsächlich provoziert, aber all das bleibt nur Spekulation.
In erster Linie sind durch ihren frühzeitigen Tod die drei Romane unvollendet geblieben. Zusammen mit "Der Fall Franza" und "Requiem für Fanny Goldmann" sollte "Malina" nach dem Willen Ingeborg Bachmanns den Zyklus "Todesarten" bilden. Im Jahre 1971 wurde der Roman "Malina" als der einzige vollendete Teil dieses künstlerischen Werkes (und einziger Roman überhaupt) veröffentlicht.
„Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren und starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Bachmanns Gedichte und Hörspiele verbinden freirhythmische Versformen mit den Vorgaben intellektuell-abstrakter Gedankenlyrik. Dabei stehen eine ausgeprägte Bildlichkeit und eine hohe Musikalität des Ausdrucks im Vordergrund. Eines ihrer Zentralthemen ist die Befreiung des Menschen aus der Unverbindlichkeit des Lebens zur wahren Existenz.“ heißt es über sie. Sie lernte Celan kennen, hatte eine kurze Affäre mit ihm und war später mit Max Frisch zusammen. Dort in Rom kann man sie sich vorstellen, wie sie ihr Werk in deutscher Sprache verfasst, inmitten einer anderen Welt und Hinblick auf das Vergangene.


Er geht wie immer ohne Gruß, vielleicht, weil wir noch das ganze Leben vor uns haben.


In "Malina" treffen wir auf eine sehr unselbständige, nervöse Frau. Man bemerkt sofort, dass sie etwas sehr Schweres, Tragisches mit sich herumschleppt. Manchmal wirkt der Roman „Malina“ wie ein innerer Monolog oder als würde die Ich-Erzählerin ihre ganze Welt in ihr zerbrechliches Inneres verlegen. Auch erscheint es oft wie eine Gratwanderung durch die freud’sche Deutungswelt, ein Gang durch verschachtelte Zwischenräume, Angstzustände, Traumgestalten.

Was mir sofort auffällt: Man muss bei Bachmann die einzelnen Passagen für sich festhalten, gedanklich auseinander nehmen. Sie weist mit allem, was sie erzählt, auf etwas hin. Da ist irgendetwas passiert, was sich am Anfang nicht einmal in eine mögliche Richtung abzeichnet und am Ende in der Schwebe bleibt. Alles ist nur Ahnung.

Die Ich-Erzählerin ist unbeständig, hat mehrfach ihre Adresse gewechselt und eine Leidenschaft für Ivan. Leben tut sie aber mit Malina, einem Mann in den Vierzigern, von eher ruhigem Gemüt, der sie oft aus ihren Chaoszuständen wieder zurückholt. Beide sind ihr nah und gleichzeitig fremd. Das erfährt man zumindest am Anfang.
Der Bericht der Protagonistin schwingt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Da herrscht diese mächtige Liebe zu Ivan, intensiv, zerstörerisch, kalt. Dadurch, dass er in ihr Leben getreten ist, hat sich die Welt um sie herum verändert, hat ihre Bedrohlichkeit verloren. Herrlich, wie Bachmann, diese Veränderung beschreibt, die die Liebe auszulösen vermag. Er ist aus Ungarn, Jude, wie es scheint, und hat zwei Kinder. Das alles zusammen ergibt dann seine Welt, in die sie selbst keinen Zugang hat. Gleichzeitig aber wird ihre Welt zu seiner, damit eine, die sich ausschließlich um ihn dreht. Es erscheint, dass sie für sich keinen Grund für ein Leben sieht. Es muss sich um einen Anderen drehen.
Ivan wurde für sie erschaffen, und zwar durch sie, damit will sie wohl sagen, dass sie ein Idealbild von ihm errichtet hat. Ihre ganze Welt hat sich auf ihn eingespielt, nichts hat Wert, wenn er nicht in ihrer Nähe ist, was selten genug ist. Es handelt sich um eine sehr unterwürfige Liebe, die sich durch das auszeichnet, was ihm nichts bedeutet und sie nicht zu sagen vermag.
Ivan ist ihre Obsession. Sie ist ihm völlig verfallen, richtet ihr ganzes Leben nach ihm aus. Besonders schön ihre Anrufe, dieser Wunsch nach Zuwendung, den er ihr zwar erfüllt, den sie aber aus diesem mächtigen Verlangen nie ausreichend finden kann. Ivan muss dem Ideal entsprechen, dass sie von ihm errichtet hat, während dieses Ideal auf die wenigen Momente abgestimmt ist, wo er ihr gehört. Das, was sie entfremdet, sind die Augenblicke, in denen er weit weg ist, sie höchstens durch den Telefonhörer erreicht, wo seine Stimme die Zeit vernichtet, wo sich alles um sie herum für ihn in Nichts auflöst, oder die Momente, wo er ganz nah bei ihr ist und sie in all das Unausgesprochene drängt. Es liegt aber nicht nur an Ivan und seinen lauwarmen Gefühlen, sondern auch an ihr. Sie verbirgt ein Geheimnis, etwas, das ihr passiert ist und das er halbherzig versucht zu ergründen. Doch sie wehrt sich dagegen, nicht nur ihm gegenüber, sondern auch bei Malina. (Bei diesem dreht es sich allerdings um ein anderes Gespräch). Bei Ivan wirkt es, als ob sie nicht möchte, dass er es weiß, vielleicht, weil sie dadurch an Weiblichkeit verliert. Sie hofft auf einen „Gefühlssatz“ (wo sie mit ihm knappe, nur für sie verständliche Sätze tauscht), aber wie soll so ein Satz entstehen, wenn sie von vorneherein alles verbirgt, die Mauer errichtet, durch die weder Ivan noch sonst jemand dringen kann.
In Antwort auf:
.. denn mit seinen Blicken muss Ivan erst die Bilder aus meinen Augen waschen, die vor seinem Kommen auf die Netzhaut gefallen sind, und nach vielen Reinigungen taucht dann doch wieder ein finsteres, furchtbares Bild auf, beinahe nicht zu löschen, und Ivan schiebt mir dann rasch ein lichtes darüber, damit kein böser Blick von mir ausgeht, damit ich diesen entsetzlichen Blick verliere, von dem ich weiß, wieso ich ihn bekommen habe, aber ich erinnre mich nicht, erinnre mich nicht….

Sie lebt also mit einem Geheimnis und weiß es auch gut zu rechtfertigen, in ein richtiges Licht zu rücken.
Wenn niemand mehr etwas zu verbergen hat, dann wird erst offensichtlich, wie sehr wir uns doch von unserer Neugierde auf andere ablenken lassen. Nicht nur, dass wir selbst nicht sichtbarer werden, die Welt bleibt uns verborgen, weil wir nicht verstehen, in ihr zu lesen, weil wir uns durch Oberflächlichkeiten ablenken lassen, ja, ein Leben lang damit beschäftigt sein können. Alles dreht sich nur um die anderen, wie wirke ich, wie wirken sie, was machen sie, was reden sie, und wäre all das auf einmal erloschen, würde niemand mehr etwas zu verbergen haben, würde dadurch erst sichtbar werden, was wir alles eigentlich nicht verstehen, wie wenig wir über die wirklichen Dinge wissen.
Mit ihren Worten:
In Antwort auf:
Während wir uns so mühelos zurechtfinden miteinander, geht dieses Gemetzel in der Stadt weiter, unerträgliche Bemerkungen, Kommentare und Gerüchtsfetzen zirkulieren in den Restaurants, auf den Parties, in den Wohnungen (…), oder sie werden allen Ärmeren beigebracht durch die Illustrierten, die Zeitungen, im Kino und durch die Bücher, in denen von Dingen auf eine Weise die Erde geht, dass die Dinge sich empfehlen und zurückziehen zu sich selber und zu uns, und nackt will jeder dastehn, die anderen bis auf die Haut ausziehen, verschwinden soll jedes Geheimnis, erbrochen werden wie eine verschlossene Lade, aber wo kein Geheimnis war, wird nie etwas zu finden sein, und die Ratlosigkeit nach den Einbrüchen, den Entkleidungen, den Perlustrierungen und Visitationen nimmt zu, kein Dornbusch brennt, kein kleinstes Licht geht auf, nicht in den Räuschen und in keiner fanatischen Ernüchterung, und das Gesetz der Welt liegt unverstandener denn je auf allen.


Sehr schön sind ihre Protestbriefe, darunter die Empörung an den Präsidenten der Akademie, dass er ihr Glückwünsche zum Geburtstag überbringt, dieses Beharren auf Zivilisation und Aufklärung, während sie selbst rein gar nichts mit diesem Ereignis zu tun hat, es eher an ein für sie peinliches, intimes Erlebnis ihrer Eltern erinnert, dass sie nicht öffentlich preiszugeben erachtet. Sie hat eine Schreibhilfe, der sie Briefe diktiert, aber die, die ihr wahres Empfinden zeigen, schickt sie nicht ab. Überhaupt hat die Protagonistin ein paar eigenartige Eigenschaften, die dem Leser zeigen, wie verwirrt sie in ihrem Inneren ist, wieviel schwarzer Humor sich hinter aller Bitterkeit verbirgt und wie laut der Schrei nach Liebe wäre, könnte man ihn vernehmen.

Um beide Männer in ihrem Charakter zu zeigen, ist diese Stelle geeignet:
In Antwort auf:
Draußen lähmen uns darum die anderen Menschen, weil sie sich Rechte nehmen, weil ihnen Rechte genommen oder vorenthalten werden und weil sie ständig rechtlos gegeneinander aufbegehren. Ivan würde sagen: Die alle vergiften einander das Leben. Malina würde sagen: Die alle, mit ihren gemieteten Ansichten, bei diesen hohen Miete, die werden teuer bezahlen.


Ivan erscheint oberflächlich und lehnt das Leid der Menschen ab, nicht, weil es nicht existiert, sondern weil er es satt hat, darüber zu reden, es immer wieder in neues Licht zu stellen, es dadurch zu vermehren. Auch gibt ihre immer Ratschläge zu den unnötigsten Dingen. Es muss auch wirklich unangenehm sein, wenn man auf die eigenen Vorwände (sie benötigt Vorwände, um ihn zu sehen) auch noch Erklärungen anhören muss, wo sie doch aus ganz anderen Gründen angewendet werden. Aber hier zeigt sich die Schwierigkeit jedes Spiels, das Dilemma, wenn Menschen nicht offen miteinander reden können und sich lieber, damit die Gefühle etwas länger erhalten bleiben, etwas vormachen.
Malina ist eher von ruhigerem, durchdachtem Typ. Er wirkt älter und reifer, wesentlich sympathischer, weil er nur Gegenstück ist, und unwirklich.
Die Ich-Erzählerin ist exzentrisch, chaotisch, selbstzerstörerisch, ein Zustand, aus dem Malina oder Ivan sie befreien sollen. Ivan hilft ihr an der Oberfläche, rät ihr, gut zu essen oder nichts zu trinken, bricht ihr aber das Herz, wenn er sie alleine lässt, Malina hat ein Ohr für ihr „eingekreistes Denken um sich selbst“, nimmt sie aber nicht als Mensch ernst.

Für sie wird all das zu einem Spiel. Da sie nichts von ihrer Schwäche oder Leidenschaft zeigen möchte, wie sehr sie Ivan verfallen ist, versucht sie sich selbst auszutricksen, ähnlich, wie ein Trinker, der sich einen Tag lang zwingt, nichts zu trinken, um dann, wenn dieser Tag mit all seinem Kampf und Krampf vorüber ist, stolz auf sich sein zu können und sich darauf einen einzuschenken. Sie überlistet sich selbst, und wenn Ivan dann ihre scheinbare Gleichgültigkeit bemerkt, dann ist sie glücklich, um danach gleich wieder zu leiden. Nichts Offenes, Vertrautes herrscht zwischen ihnen, sondern Unausgesprochenes. Sie spielen Spiele, um sich nicht zu öffnen, vielleicht aus Angst, einander dann nicht mehr anziehend zu finden. Sie möchte nicht an die Zeit denken, wenn er nicht mehr in ihrem Leben ist. Dann wird ihr Leben nur noch ein Rückblick in die Vergangenheit sein. Dieser Gedanke beherrscht ihr ganzes Leben und trägt dazu bei, dass sie sich nicht öffnen kann.
Die Stimmung im Buch ist bedrückend. Man verfolgt die Gedanken und Ängste der Ich-Erzählerin, sieht ihre Zerbrechlichkeit, ihre Schwächen, ihre Hoffnungen.

Sie traut sich nicht, ihm ihre wahren Gefühle zu gestehen, dass es für sie ernster ist, als für ihn. Sie fragt im Spiel nach der Fähigkeit zu lieben, die Ivan als Frauengeschwätz abtut. In seiner Nähe ist sie gefasst, danach bricht sie oft zusammen und macht verrückte Dinge. Sie schweigt in ihrer Traurigkeit und wird dadurch immer unruhiger. Sie richtet ihr ganzes Leben nach ihm aus, selbst nach seinen Abwesenheiten, während er in seinem keinen Platz für sie einräumt.
In ihren Briefen, die sie nie abschickt, und Gedanken, die sie nie laut denkt, wird das sehr deutlich. Da gab es in der Vergangenheit wohl viele Enttäuschungen, auch eine Freundin hat sie fallen gelassen. Sie schreibt an sie:
In Antwort auf:
Wo kein Wunsch nach Trennung besteht, kann es zu keiner kommen, es kann also nur Dein tiefer Wunsch gewesen sein, dem jeder Anlass recht war. Für mich hätte es nie einen Anlass gegeben, und heute kann es deswegen auch keinen geben. Du hast Dich nur zurückgebildet in mir, Du bist in die Zeit vergangen, in der wir einmal beisammen waren, und dort steht ein Jugendbildnis von Dir, nicht mehr zu beschädigen durch die späteren Geschehnisse und meine Gedanken darüber. Es ist nicht mehr zu verderben. Es steht in dem Mausoleum in mir, neben den Bildern der erdachten Gestalten, der bald auflebenden und bald absterbenden Figuren.


Man weiß nie genau, ob es sich um Wirklichkeiten, Gedankenwelten, Träumereien oder Phantasien handelt. Zum Beispiel fällt mir ein seltsames Namensspiel zwischen Malina und der Haushälterin (?) Lina auf. Warum? Ist die Frau nur Fiktion? Ist er nur Fiktion? Ist er eine schützende Erfindung von ihr, wo er immer da ist, wenn sie ihn braucht, wo er nach ihrem Glas greift, wo zwei verschiedene auf dem Tisch stehen, wo seine Worte immer nur die Ergänzung zu ihren Worten sind, wo er immer weiß, was sie zu verbergen sucht? Ist alles längst gewesen, und die Erzählerin ganz woanders?
Alles bleibt in der Schwebe. Dann aber folgt endlich ein Blick auf das, was an Entsetzlichem in ihrer Vergangenheit liegt, was die ganze Zeit durch die Zeilen hindurch schimmert. Es wird zunächst zur Bedrohung "Vater".
Es ist noch nicht genau zu erkennen, ob alles der Wirklichkeit entspricht, oder ob der Vater sie wirklich missbraucht hat. Der Vorwurf steht im Raum, dass er die Familie verlassen hat und mit einer wesentlich jüngeren Frau (ihrer Klassenkameradin) nach Amerika gegangen ist. Dass er sie und die Mutter geschlagen hat, könnte wahr sein. Der Missbrauch wird später widerrufen, weil sie sagt, sie wäre gerne vergewaltigt worden und wurde es nicht. Sie meint aber den Kriegszustand, um ihn durch den erlittenen Schmerz anders ertragen zu können. Ein grausamer Wunsch. Diese Albträume sind aufwühlend und erschütternd. Mir, als Leser, erscheinen sie wie eine wirkliche Bedrängung und als ein Mix aus Wahrheit und Fiktion, aus übersteigerten Hass, Übertreibungen und diesem gewissen wahren Kern in allem.
Vielleicht ist es auch nur ein Hirngespinst? Eine alte Angst, die sie in absurden Träumereien auslebt?
Ihr Vater wird vom Theaterregisseur zum Pastor zum Universitätsprofessor zum Architekten. Erschafft sie ein Überbild von ihm?
Die Träume werden dann immer absurder. Da taucht schließlich sogar ein "Friedhof der ermordeten Töchter" auf.
Und es wird noch absurder. Ein verlorenes Kind, das sie Animus nennen möchte, was zeigt, was es ist, und im Gefängnis dann ein Kampf der verlorenen Sätze bis hin zu Schopenhauer und seinem Satz vom Grunde.
Was ist der Grund? Was ist die Ursache? Vielleicht ist es nur die Angst, nicht mehr schreiben zu können, weil das Innere so wacklig ist. Was aber ist diese Zelle, von der sie da träumt? Das eigene Gefängnis? Die Ängste der Schriftstellerin?
Vielleicht ist sie dieses verlorene Kind. Ihre Geburt war ungewollt, von ihr und von den Eltern, und auch, wenn sie nicht erwünscht war, so macht sie sich dieses ungewollte Leben zu ihrem Leben. Der Vater und die Mutter verschmelzen zu einem Wesen, da sie in dieser Beziehung gleiche Gegner sind. Beide haben das „Ereignis“ nicht kommen sehen und wollen ihr in ihren Albträumen die Schuld geben. Doch kein Kind trägt die Schuld an seiner Geburt. „Wir werden in die Welt geworfen…“ All das bleibt philosophische Auseinandersetzung.

Deuten kann man das in dieser Weise: Das Ungeheuer „Vater“ ist ihre Besessenheit zu Ivan. Ihre Angst. Ivan selbst, der sich so sehr vor ihr zurückzieht, der sie eigentlich gar nicht in seinem Leben möchte.
Genauso gut steht diese Bedrohung für alles. Da werden die Gaskammern lebendig, das Treiben vieler Menschen unter schlimmen Bedingungen, die Ereignisse unter dem Nationalsozialismus. Ödipuskomplex und Greuel der Welt, Hass und Gewalt, Kriege, von der sich die Erzählerin bedroht fühlt, die aus ihr dieses unsichere Wrack gemacht haben, all das steht für die Todesangst, von der sie gepackt ist, warum ihre ganze Psyche daran zu zerbrechen droht. Denn diese Gefahr dort draußen geht für die Protagonistin nie vorüber, auch wenn kein Krieg herrscht, sieht sie überall das Leid. Oder, wie Malina es sagt:
In Antwort auf:
Man hungert auch zu einer anderen Zeit, auf der Strasse, zwischen den wohlgenährten Passanten.

Und frieren tut man nicht unbedingt dann immer, wenn es kalt ist.

Letztendlich handelt es sich nicht um ihren Vater, sondern um ihren Mörder, sagt sie. Das Leben ist für sie Krieg… ewiger Krieg. Und dieser Mörder darin ist alles, was sie ängstigt, die Bedrohung des Lebens, ihr Wahn. In diesem Wahn wird alles zum Schrecken, und die Vergangenheit, mit der sie leben muss, zu einer Last. In wie weit diese Traumzustände den wirklichen entsprechen, lässt sich nicht genau sagen, weil alles nur Metapher ist. Gleichzeitig ist jeder Mensch von seinem Mörder bedrängt, weil wir zum Beispiel durch das Aufgezwungene eines Krieges sterben können oder die Welt und das Leben nicht ertragen. Andere werden durch vorherrschende Bedingungen in den Selbstmord getrieben. (Bestes Beispiel ist Artauds Versuch, van Gogh als Selbstmörder durch die Gesellschaft darzustellen.) Menschen töten Menschen. Die Natur tötet Menschen. Ein Bus tötet Menschen. Wir sind Gefangene der Anderen, Gefangene von Situationen und von uns nicht kontrollierbaren Umständen. Darin sind wir, nach Bachmann, einer ständigen Bedrohung ausgesetzt. Und nebenher gehen die Menschen auch kriminell miteinander um. Selbst die Liebe ist ein "krimineller Zustand".
In dem Vorwort zu „Der Fall Franza“ geht sie auf dieses Thema ein:
In Antwort auf:
Ja, ich behaupte und werde nur versuchen, einen ersten Beweis zu erbringen, das noch heute sehr viele Menschen nicht sterben, sondern ermordet werden. Denn nichts ist ja, wenn auch nicht gewaltiger, das vielleicht, aber jedenfalls ungeheuerer als der Mensch, wenn ich Sie an eine Schulstunde erinnern darf. Die Verbrechen, die Geist verlangen, an unsren Geist rühren und weniger an unsere Sinne, also die uns am tiefsten berühren – dort fließt kein Blut, und das Gemetzel findet innerhalb des Erlaubten und der Sitten statt, innerhalb einer Gesellschaft, deren schwache Nerven von den Bestialitäten erzittern. Aber die Verbrechen sind darum nicht geringer geworden, sie verlangen nur ein größeres Raffinement, einen anderen Grad von Intelligenz, und sie sind schrecklich.


All das führte zu dem jetzigen Zustand der Pein, dieser so spürbaren Todesangst und Traurigkeit. Und letztendlich hasst sie sich selbst und hat dieses Leben nicht gewählt. Sie fühlt sich als lebender Leichnam.

Es heißt, dass in "Malina" viele poetische Gedanken zu Celan eingeflochten sind. Sie sollen über ihre Poesie miteinander kommuniziert haben. Bachmann gibt in einer Szene an, dass sie vor Malina ein Bündel Briefe in einer Schublade verstecken muss. Nach ihrem Tod wurde in einem Fach ihres Sekretärs ein verschnürtes Bündel Briefe von Celan gefunden. Hier sind solche Auszüge, die eigentlich an Celan gerichtet sind oder eine Erinnerung an ihn darstellen.
In Antwort auf:
Nur ich habe immer noch Todesangst, weil es wieder anfängt,
weil ich wahnsinnig werde, er sagt:
‚Sei ganz ruhig, denk an den Stadtpark,
denk an das Blatt, denk an den Garten in Wien,
an unseren Baum, die Paulownia blüht.‘
Sofort bin ich ruhig, denn uns beiden ist es gleich ergangen,
ich sehe, wie er auf seinen Kopf deutet, ich weiß,
was sie mit seinem Kopf gemacht haben."


Oder hier:
In Antwort auf:
In den vielen Baracken, im hintersten Zimmer finde ich ihn,
er wartet dort müde auf mich, in seinem schwärzer als
schwarzen siderischen Mantel, in dem ich ihn vor einigen
tausend Jahren gesehen habe.


Celan, der verfolgte Jude, sprang übrigens in die Seine und ertrank. All diese Auszüge sind im zweiten Kapitel zu finden, das ihre Traumsequenzen darstellt. Ihre Trauer für sein erlebtes Leben und seinen Tod dringt durch die Zeilen.
In Antwort auf:

Wie viele aber haben Köpfe, nichts weiter als Köpfe?

... schreit sie darauf im dritten Kapitel.

Den ganzen Roman über fragt man sich natürlich immer, wer Malina ist, ob eine Erfindung von ihr, um nicht allein gegen die Bosheit der Welt bestehen zu müssen (möglich, dass Malina das Traumgebilde des perfekten Mannes ist, den sie sich an ihre Seite wünscht), ob ein geistiges Ich ihrer selbst oder wirklich ein Mann, mit dem sie ihr Leben geteilt hat (ihre Freundin hat sich nach ihm erkundigt, was heißen kann: 1) Sie kennt ihn, es gibt ihn also wirklich. 2) Sie kennt ihn aus den Erzählungen der Protagonistin 3) Da sie eine Freundin ist, kann sie in der Vergangenheit mit den Phantasien der Protagonistin konfrontiert gewesen sein, diese damit kennen und aus Respekt vor einer alten Freundschaft nach Malina gefragt haben 4) Der Besuch bei den Freunden, um Ivans Abwesenheit kleiner zu halten, war ebenso nur ein Phantasiegebäude, wie viele andere Dinge. (Überhaupt war ja der ganze Besuch bei alten Freunden nur das Aufzeigen der Dekadenz, Begegnungen mit dem falschen Lächeln an Zwang und Kovention.)Tatsächlich gibt die Autorin am Schluss an, wer Malina ist. In diesen Begegnungen mit Ivan, Malina und anderen Menschen spiegelt sich letztendlich immer nur die Erzählerin wider. Zum anderen verdeutlicht sich in den Gesprächen mit Malina die Sprachlosigkeit mit Ivan und ihre Unfähigkeit, ihr Leben zu leben. Die Erzählerin verschwindet schließlich in Malina, wodurch das geistige Ich sichtbar wird. Malina ist damit kein anderer als sie selbst.

Dieses Werk hat mich völlig begeistert, mitgerissen. Es ist durchaus kein "Dokument einer Lebenskrise", wie es Rudolf Hartung in seiner Betrachtung ausgelegt und was Bachmann sehr betroffen gemacht hat, sondern eine Darstellung zwischen Welt und Sein, Außen und Innen, Sehnsucht und Unfähigkeit der Umsetzung. Es ist voller Andeutungen und Metaphern, Bildern und Erkenntnissen. Es zeigt den Menschen in all seiner Zerbrechlichkeit und seiner Denkkraft. Es ist eine Poesie! Damit unbedingt zu empfehlen!



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.07.2008 23:45 | nach oben springen

#2

RE: Ingeborg Bachmann

in Die schöne Welt der Bücher 09.07.2008 22:48
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

Ich habe deine Ausführungen genossen. Gerade erst habe ich den Roman auch gelesen und ebenso einige Gedanken zu Papier gebracht. Mir ist aber bewusst, dass eine einmalige Lektüre zu wenig ist um dann etwas darüber zu schreiben. Jedenfalls geht es mir so. Das liegt an der Vieldeutbarkeit des Romans. Ich bräuchte an sich noch viel mehr Zeit und noch zwei Romandürchgänge. Trotzdem wage ich meine Gedanken den deinen folgen zu lassen.

Größtenteils ist es ein innerer Monolog einer Frau. Der Text wirkt wie ein Protokoll, wie eine Dokumentation über das seelische Innenleben einer Frau. Mit Malina wohnt sie in der Ungargasse 6 in Wien, III.Bezirk. Es stellt sich später heraus, das Malina nur ein Produkt ihrer Seelespaltung ist. Malina ist imaginär. Wenn sie mit Malina Dialoge führt, sind das in Wirklichkeit Selbstgespräche. In wieweit Ivan, wohnhaft in Ungargasse 9, real ist, muss ich mal offenlassen. Die Frau liebt Ivan, Ivan hat aber kaum Zeit für sie. Für die Frau bleibt Ivan eine Wunschvorstellung:

In Antwort auf:
Ich denke an Ivan.
Ich denke an die Liebe.
An die Injektionen von Wirklichkeit.
......


Was Wirklichkeit ist und was Fantasie kann im zweiten Teil des Romans nur schwer, streckenweise auch gar nicht auseinandergehalten werden. In wahrhaft alptraumhaftem Monolog, der mit puzzlehaften Sequenzen von Kriegserlebnissen bestückt ist, erfahren wir die Ursache ihrer seelischen Verletzung, ihres Seelenmordes, von der rohen Gewalt, die der Vater ihr angetan hat. Krieg und Vater haben hier die dieselbe Bedeutung, nämlich Gewalt. Darum ist für die Frau der Krieg niemals zu Ende, weil sie unter der Gewalt, die ihr angetan wurde, ihr ganzen Leben lang leiden wird.

Ihre Trauer macht sich auch bemerkbar durch ihre Kleidung. So sagt Ivan:

In Antwort auf:
Das macht dich doch alt, was du machst
Graue und braune Kleider machen dich alt
Verschenk deine Trauerkleider ans Rote Kreuz
Wer hat dir diese Grabkleider erlaubt?


Der Tod spielt eine große Rolle. Es ist so, als wolle die Protagonistin mit ihrem harten Schicksal versuchen fertig zu werden, in dem sie als Schriftstellerin sich mit „Todesarten“ beschäftigt. Aber sie wird nicht fertig damit, kann ihre Texte dem Verlag nicht abliefern, und Ivan kritisiert auch noch ihre „Obsession mit der Finsternis“.

Sie ist einsam und allein, auch wenn sie Malina hat. Folgender Textauszug sagt mir, dass Malina irreal ist, eine Art Doppelgänger:

In Antwort auf:
Ivan ist nicht gewarnt vor mir. Er weiß nicht, mit wem er umgeht, daß er sich befaßt mit einer Erscheinung, die auch täuschen kann, ich will Ivan nicht in die Irre führen, aber für ihm wird nie sichtbar, daß ich doppelt bin. Ich bin auch Malinas Geschöpf....


Dass Ingeborg Bachmann eine Lyrikerin war, erspürt man auch in diesem einzigen Roman. Zugegeben, der Text macht es dem Leser nicht leicht, weil es keine stringente Handlung gibt, keinen roten Faden. Außerdem kann hier viel interpretiert werden, da mag jeder Leser seine eigene Anschauung entwickeln. Es ist aber auch etwas großartiges, wenn ein Kunstwerk vielschichtig gedeutet werden kann (Ich denke an dieser Stelle auch an Kafka). Das andere ist dies, es gibt unendlich viele besonders beeindruckende Textpassagen, dass man davor niederknien möchte. Ein Sprachkunstwerk ersten Ranges. Ich denke, ich übertreibe nicht. Es ist wirklich grandios. So wird ein literarischer Text der Protagonistin zitiert, ein Märchen, und bewusst ändert sich der Sprachgestus in einen phänomenal märchenhaften Ton. Ebenso sind die Alptraumfantasien erste Sahne und auch sonst....Poesie von Alpha bis Omega.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 09.07.2008 22:53 | nach oben springen

#3

RE: Ingeborg Bachmann

in Die schöne Welt der Bücher 09.07.2008 22:59
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Ja, das ist eine gute Stelle, Martinus, die du herausgesucht hast, um Malina als ihr Alter Ego zu verdeutlichen. Oft gibt es Andeutungen, darum hinterfragt man als Leser auch, wer er sein könnte. Und das Ende spricht ebenfalls für sich.
Der Roman ist wirklich ein wunderbar offenes Werk, auch deshalb hat er mich so begeistert. Man könnte ewig deuten, und eigentlich hatte ich noch mehr Gedanken und Ideen, als die obigen, festgehalten, aber das ginge dann doch zu sehr in eine unerträgliche Weite. (Vielleicht in Stücken und als Gedankenfetzen, in den nächsten Beiträgen. ) Wir werden nicht geführt, wir verharren in Staunen vor diesen Satzschöpfungen, die uns etwas sagen wollen, ohne sich festzulegen. Auch finde ich, dass all das irgendwie zusammengehört, eine Geschichte ergibt. Diese Verwirrung bis ans Ende des Buches ist toll! Und gerade das Ende, so finde ich, erklärt dann wieder so vieles, zwingt den Leser, erneut lesen zu wollen.
Herrlich!!!

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.07.2008 23:02 | nach oben springen


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