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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Heinrich Mann

in Die schöne Welt der Bücher 06.08.2008 17:19
von Martinus • 3.194 Beiträge
Vor vielen Jahren habe ich zwar Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“ gelesen, trotzdem komme ich erst jetzt, durch die der Lektüre „Der Untertan“, viel tiefer in die Strukturen des Wilhelminischen Reiches hinein, und in die Welt Heinrich Manns. Im „Untertan“ ist Heinrich Mann nicht nur der kleinere Bruder von Thomas, sondern dem großen Bruder durchaus ebenbürtig.

Im „Untertan“ erzählt Heinrich Mann vom obrigkeitsgläubigen Diederich Heßling, der im Wilhelminischen Reich, im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, zu immer mehr Macht aufsteigt, ein vollkommen mit Herz und Blut kaisertreuer Untertan, der aber nach unten hin mit besonders autoritärer Härte seine Schläge verteilt.

In dem Essay „Reichstag“ (1911) charakterisiert Heinrich Mann den wilhelminischen Typus, so einen wie Diederich Heßling, wie folgt:

Zitat von Heinrich Mann
dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers.


In den ersten zwei Kapiteln werden die Grundlagen für Heßlings Charakter gelegt, in den Kapiteln danach sein Aufstieg zur macht. Es ist faszinierend anzusehen, wie scharf durchdacht Heinrich Mann die Ursachen der Persönlichkeitsstruktur aufzeigt. Im Grunde genommen ist Heßling ein Weichei. Im ersten Satz heißt es:

Zitat von Heinrich Mann
Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.


Heßlings Vater war ein autoritärer Geist und Diederich, das Kind, sein Untertan. Der Vater war noch fürchterlicher als ein Gnom aus Diederichs Märchenbuch „und obendrein sollte man ihn lieben“. Die Schläge seines Vaters legt das Kind als Liebesbezeugung aus. „Ihr wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen könntet.“ Diederich weist sich schon hier als Masochist aus. Die Untertänigkeit gegenüber seines Vaters zeigt sich u.a. darin, dass er drohte, die Arbeiter von Vaters Papierfabrik zu verpetzen, wenn sie sich während der Arbeit Bier beschafften. Er empfand sogar Lust dabei, hat seine Macht schon damals ausgekostet, indem er "kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln ließ, zu der Herr Heßling zurückkehren sollte." Später als er die Firma übernahm, kehrte er seinen Sadismus noch deutlicher heraus, schließlich verlangte er „Deutsche Zucht und Sitte“. Bemerkenswert ist, dass sich Diederich in der Papierfabrik mit Kompetenzgerangel auseinandersetzen muss, dabei überdeckt er seine Schwächen mit Schroffheit und Hass.

Zitat von Heinrich Mann
Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach, der Haß gab ihm deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte gleichzeitig die krummen, mageren Beine des menschen, seine knochigen Schultern mit den Armen, die vornüberhingen – und nun der Maschinenmeister zu den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefer arbeiten unter dem dünnen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk haßte, und diese knotigen Hände! Der schwarze Kerl war längst vorüber, und seine Ausdünstungen roch Diederich noch immer.


Heinrich Mann zeigt den antisemitischen Geist der damaligen Zeit auf.:
Zitat von Heinrich Mann

Einmal nur, in Untertertia, geschah es, daß Diederich jede Rücksicht vergaß, sich blindlings betätigte und zum siegestrunkenen Unterdrücker ward. Er hatte, wie es üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner Klsse gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen Kundgebung. Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein Kreuz und drückte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen und draußen. Denn durch ihn handelte die Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte, bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Selbstbewußtsein, das kollektiv war!


Auf einer Wahlversammlung der Kaisertreuen wird er sehr viel später zu einer „spartanischen Zucht der Rasse“ aufrufen und „Blödsinnige und Sittlichkeitsverbrecher“ (sollen) „durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung“ verhindert werden.

In der Wilhelminischen Epoche werden Weichen für den Faschismus gestellt. Heßling wäre auch unter Hitler ein treuer Mitläufer geworden. Ein sadomasochistischer Charakter kann nur gegenüber den schwächeren feindselig werden. Den Mächtigeren gehorcht er als ergebender Untertan (in diversen Arbeiten haben u.a. Theodor W. Adorno und Erich Fromm versucht, diesem Charaktertyp, dem „autoritären Charakter“, auf die Spur zu kommen, um zu klären, wie solche Menschen zum Anhänger des Faschismus werden konnten).

Zitat von Heinrich Mann
Ein Mensch im gefährlichsten Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder: der Kaiser, vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. Diederich riß den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in der Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der Kaiser. Der Mensch war Monarchist, ein treuer Untertan!


Kaiser Wilhelm II

Werner Peters als Diederich Heßling (im Film).

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 07.08.2008 10:57 | nach oben springen


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