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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 04.09.2008 10:09
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Erste Klanggerüste
Kurzes Lied im Zwölfertakt

Aus dem Spiegel blickt
ein neues Gesicht.
Anmut der Fremde,
Land der Ferne.
Meer, rauscht an die Füße,
bis sich Stille ausbreitet
im Inneren
die Höhle – wo einst Menschen lebten,
ganze Städte, unterirdisch.
Treppen aus Fels und Stalaktit.
Knochen ahnt man,
Fund und Antike.

Wege betreten,
auf denen einst Denker wanderten.
Spürt man die Energien
der Philosophien?
Kinderlachen. Geboren, gereift
Aristoteles in Stagira.
Mächtige Stadtmauer,
nicht zu durchschauen,
doch dort in der Höhe
überblickt man Welten und Meere.
Glasklar bis in türkise Tiefen
schwimmen Fische über welligen Sand.

Inmitten der Neuzeit
klafft altes Gestein.
Rotonda und Galeriusbogen,
Obelisk – wie grob verteilt auf aller Welt.
Zeichen? In warmes Licht getaucht.
Kirchen auf Strassen
und dann als Matroschka
kleiner und kleiner
Kapellen in Gärten
und für jeden Toten das kleinste Modell.
Kerzen brennen für verlorene Seelen
und für die Wünsche. Lampenöl.

Reiches Leben im Kloster,
wo einst ein Fürst lebte,
um seinen Beutezug zu planen.
Plünderungen, der heilige Berg birgt Schätze,
bis der Papst schimpft.
Ein Mönch schiebt in schwarzem Gewand,
das Gesicht unter dichtem Bartwuchs,
in Sandalen gekleidet
einen Einkaufwagen durch die Moderne.
Staunend verharre ich,
er, der dort lebt,
wo ich nie hin kann.

Unmöglich ist es nicht,
die Grenze, aus Stein gezogen bis ans Wasser,
darüber Stacheldraht. Durchaus
mit einem Schritt zu übersteigen.
Schilder warnen vor Illegalität.
Zehn Menschen dürfen täglich auf den dritten Finger.
Athos – Berg in der Weite,
so oft betrachtet, und du rückst nicht näher.
Schönes Gebilde voller Mystik.
Bis auf fünfhundert Meter erreicht man
verbotenes Land über Fähren.
Glotzende Gewalt,

deutsche Sprache, rot glänzende Gesichter.
Fotoapparate üben sich im Geräusch.
Busse auf Ouranopoli blockieren die Strasse.
Umkehren, kreischt der Geist. Tavernen werben
„Echt griechische Küche“
- was sonst?
Und gekritzelt dazu:
„Wir sprechen deutsch!“
… und das dann in vielen Sprachen.
Russen bevölkern den Ort.
Doch der Berg gleicht alles aus.
Sichtbar von überall
zeigt er seine Größe
blickt zurück auf den, der blickt.

Eine einzige Wolke
gerät zum Prachtgebilde,
schwebt über der Berglandschaft
schlägt Schatten über kleinsten Raum,
daneben die Weite
in üblicher Sonne.
Unecht und doch ohne Last,
Magritte lässt grüßen.
Und jeder Ort enthüllt Düfte
von Nadelholz, Olive, Traube und Gegrilltem.
Zirpen, welches sofort erlöscht,
sobald man vorbeigeht.

Ein neuer Hausbewohner
in meinen vier Wänden,
das Bad geöffnet und zusammengezuckt,
ähnlich der Gast. Geschöpf der Starre.
Das Weiß der Augen spiegelt den Schreck,
wir beide verharren kurz voreinander,
ich werde zu ihm,
solange die Wand in Risse sich teilt
und Sonne das Gemäuer wärmt.
„Oh Prüfung.“ Nicht lange braucht’s zur Begeisterung.
Leben. Natur. Beieinander.
Die Nacht wird’s zeigen.

So vieles gesehen,
so vieles schon erlebt.
Kaum Zeit um das Gigantische
in Worte zu mindern.
Raum und Gedanke
Unendlichkeiten,
weit dehnt sich das Sein
glitzert im Wasser, Edelstein des Bewussten
zieht vorbei durch den Canale Grande.
Kulisse. Gemälde.
Rein bleibt die Erinnerung.
So legt man sich nieder

und döst ohne Schatten…



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 04.09.2008 10:17 | nach oben springen

#2

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 07.09.2008 11:02
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Einschnitt ins Aktuelle:
Nachrichten aus Thessaloniki:
Jugendliche raubten einen Supermarkt aus und verteilten das Geraubte auf der Strasse.

Auszug aus den Reisetagebüchern:
(Vorgestern, gegen 23 Uhr)
Ein Erdbeben. Noch nie erlebt. Ein Rumpeln bis in die Knochen, tiefer Ton in der Ausdehnung. Detonation. Ein Brummen pfeift einen durch den Magen. Autoalarm. Das Haus ist uralt. Die Nachbarn stürzen auf den Balkon, zittern – ich meine: sie, die hier wohnen.
Das letzte große Beben war 1978, das Haus allerdings davor gebaut, damit ohne Bestimmungen. Diese ängstlichen Gesichter machen mich erst nachdenklich, denn ich kenne solche Situationen nicht, weiß nur, dass ich mich unter den Türrahmen stellen soll (was ich auch getan habe). Was für eine Erschütterung. Hier, auf dem Felsen soll man geschützter sein. Schwieriger ist es dort, wo der Untergrund nicht fest ist. Dort passieren die Unfälle. Erste Sirenen erklingen. Auf mich wirkt alles wie ein Film oder ein Roman. Ich bin mir der Gefahr vielleicht gar nicht bewusst. Ich sitze hier und schreibe, was zeigt, wie wenig ich von all dem verstehe, ohne die Angst Herr meine Sinne werden zu lassen. Etwas mulmig ist mir, aber mehr durch die Panik dort draußen vor der Tür. Es liegt wenige Minuten zurück und wirkt schon weit entfernt, nicht mehr nachvollziehbar. Risse in der Wand. Auf einmal etliche. Vorher nicht darauf geachtet? Oder gerade erst entstanden?
Ah… das Telefon klingelt. Besorgte Nachfragen. Aber immernoch: ich spüre keine Angst. Was soll ich dagegen auch tun, wenn hier das Gemäuer zusammenstürzt? Auf der Strasse herrscht Aufregung. Geschrei. In den Nachrichten ist nichts zu finden, dafür ist das alles wohl noch zu frisch. Durcheinander. Sollte ich zwischen gleichen Ruinen landen, wie ich sie mir heute in Dion betrachtet habe? Den Palast des Dionysos? Den Palast der Isis? Sind die Energien, die ich aus den Steinen gewonnen habe, vielleicht so mächtig, dass sie Erschütterungen bewirken können? Energien gehen nie verloren. Alles, was einst existierte, lebt in gewisser Art weiter. Man betritt alte Flächen, antike Stätten, findet Nägel aus dem Mittelalter, erfreut sich an einem winzigen Klumpen „Blutgestein“ – Opferaltar??? und wandert ahnungslos weiter, betrachtet das „Römische Theater“, das „Hellenistische Theater“ und nun finden sich überall in der Wand neue Risse. Altes Haus. Ach… Phantasie. Kreatur des Inneren. Springst in den Geist und verwüstest die Ruhe. Jetzt, wo sich alles wieder in Stille hüllt.

Zuflucht zur Poesie:
(Eindrücke von unterwegs)

Olymp – du Scheingebilde,
wirkst fast durchsichtig,
wie eine Fata Morgana.
Bist du Wolkengerüst oder wirklich?
Schimmerst in der Ferne
und enthüllst zackige Spitzen.
Du reichst bis in den Himmel,
von Wolken umwoben
thronen auf dir die Götter.
Zeus flüstert nicht.
Wenn die Sonne sich ihrem Untergang entgegenneigt,
dann glaubt man, doppelt zu sehen.
Alles verschwimmt,
Gipfel liegt über Gipfel.
Optische Täuschungen.
Der Geist wird leicht und schwebt dort oben.
Nun wird auch klar,
woher die Menschen
ihren Glauben gewinnen,
beim Anblick so hoher Bergmassive,
die aus den Augen
Höhlen machen.
Aufgerissen um Aufzunehmen.
Höher als das steht nur das Schicksal.
Lauscht man auf Schritte,
Tänze der Moiren.
Zerteilt sich in die Welt,
und hundertfach geknotete Seile
können nicht aufhalten,
was herrschen will.
Wolkensammler.
Blitz und Donner
verkünden dein Wort.
Und über höchster Krone
kreist der Adler.


Gestern erneute kleine Beben, aber nicht vergleichbar mit obigem Erlebnis.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.09.2008 10:35 | nach oben springen

#3

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 07.09.2008 11:09
von Martinus • 3.194 Beiträge



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#4

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 07.09.2008 12:11
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Dieses liegt zwar weiter zurück, aber erklärt die Ängste der Nachbarschaft.
Wahrscheinlich wurden die Menschen hier in letzter Zeit schon öfter durchgerüttelt.




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#5

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 07.09.2008 12:55
von ascolto • 1.289 Beiträge


Wenns ümmer noch net wüssen, dadd olle A würd schon janz mulmenig vom fladdern und kreisen hier droben uim Azur:
Uich kömm erst uin die Bäum oder Büsch wenn dadd Grollen ein Ende und die Platten nicht mehr knarren, dadd Bergmassiv net mehr danzt.
Aus den Schwüngen,

der letzte Mohikaner,
A dlerfeder


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#6

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 07.09.2008 13:09
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Ja, erst wenn's hier nicht mehr rüttelt,
wird das Eis im Glas geschüttelt,
tanzt der Grieche seine Lieder,
trommelt Meeresrauschen wider
über Gipfel und das Sein,
reicht man sich die Gläser Wein.
Zuckt die Achseln, häuft sich eben
weiteres Gestein daneben.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.09.2008 13:10 | nach oben springen

#7

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 07.09.2008 13:20
von Martinus • 3.194 Beiträge
Ich habe ganz früher einmal die Geschichte vom Unterweltsroß geschrieben. Darin bebt auch die Erde, allerdings auf Kreta.



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 07.09.2008 13:24 | nach oben springen

#8

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 28.10.2008 16:24
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Irrfahrt zum Berg Athos

… als vor uns die Strasse endete, waren wir nicht wenig erstaunt, ein Schild wies in riesigen Buchstaben darauf hin, dass hier Militärgebiet begann, dass die Nutzung von Kamera und Photoapparat strengstens untersagt war. Oberhalb lag bereits die Bergspitze, darauf Masten und ein Gebilde mit runder Kuppel. Hinter diesem Schild führte ein schmaler Weg weiter, der durch eine Schranke unterbrochen war. Was blieb uns anderes übrig, als zu wenden, ich hatte von einigen Leuten gehört, die gewagt hatten, militärisches Gebiet zu betreten, noch jung und ausgelassen, auf die tatsächlich scharf geschossen wurde, warum es uns nicht gerade reizte, hier Mut zu beweisen und irgendwelche Regeln zu brechen. Mein Begleiter kam allerdings auf die glorreiche Idee, das Auto nur halb zu wenden, weil sich dort eine andere „Strasse“ auftat. Da uns hier kein Schild warnte, musste diese Richtung vielleicht weiterführen, denn nach der vorherigen Mühsal den Berg hinauf, wo wir uns sowieso schon verfahren hatten, wo der Ausblick auf Thessaloniki, auf einen unten liegenden See und auf das immer wieder neu berauschende und in der Ferne liegende, glitzernde Meer überwältigend war, wo Fichten, Nadel- und andere Bäume in den Abgrund führten, während sich die schmale, betonierte Strasse beständig bergaufwärts wälzte, manchmal durchkreuzt von einigen kleinen Bergdörfern, die wie Kulissen wirkten, wie für uns aufgestellt, um danach sofort wieder in Leere zu verpuffen, nach dieser langen Strecke also, erschien eine Rückfahrt uns nicht gerade besonders einladend. Vielleicht war es eine etwas trotzige Reaktion oder die Suche nach der neuen Herausforderung, die uns hier lenkte, in dieser Gegend wurden wir erstaunlich häufig von einer Art Abenteuerlust gepackt. Auch, wollten wir einfach nicht einsehen, den ganzen Weg umsonst gemacht zu haben, um an einer militärischen Schranke zu scheitern, irgendwohin musste unsere Hinauffahrt doch führen, immerhin gab es schließlich eine Strecke bergauf, die doch nicht so einfach enden konnte, so mitten in die Landschaft abgebrochen, ohne Vorwarnung, während wir zuvor noch durch etliche Schilder beharrlich hinaufgelockt wurden. Es musste hier oben einen Sinn machen, den Abweg zu nehmen, wenn er auch leider nicht betoniert war, eher wirkte, als wäre eine Walze gerade erst darüber gefahren und hätte die Strasse ganz frisch für uns geebnet. Sie bestand nur aus Sand und Stein, und eigentlich war die Entscheidung, sie zu nehmen, nicht einmal gemeinsam getroffen, sondern nur durch mein Schweigen oder nicht rechtzeitiges Reagieren ausgelöst worden, wo sie nun unabdingbar in das Unbekannte anstieg. Mein griechischer Freund war in diesen Dingen nicht zimperlich, wo er seine Wahl auch noch mit einem verführerischen Lächeln untermalte, mir für einen kurzen Moment mit warmen Glutaugen den Sinn für Zeit und Raum nahm. Lediglich etwas mulmig wurde mir zumute, als er dieses „Ach, was soll’s“ ausstieß und das Auto über den holprigen Anfang dieser Reise lenkte. Und was für eine.
Ein Wald tat sich vor uns auf, wir fuhren um den Gipfel herum, soweit konnte ich es schon einmal überblicken, kamen immer tiefer in das Forst hinein, während die Strasse sich mit Nadeln füllte, ein Nadelbett, auf dem die Reifen einsackten, und das dabei jedes Geräusch verschluckte. Alles hatte etwas Wildes, war reine Natur, kein Mensch war zu sehen, kein Auto, nur wir und der Wald und diese fünf Hunde, die urplötzlich vor uns auftauchten, am Rand und teilweise auch auf der Strasse ausgestreckt lagen und uns mit einem Blick à la Tipolo beobachteten, - darum tauften wir sie später auch Tipolohunde, weil sie die Arroganz der tipolo’schen Heiligen besaßen, eine leichte Überheblichkeit im Tierblick -, wie wir da vorsichtig an ihnen vorbeirollten. Rudelhunde, dachte ich bei mir. Erst hier wurde mir bewusst, dass wir uns durch einen Wald voller wilder Tiere bewegten und wurde direkt hellhörig, mit einer leichten innerlichen Anspannung. Das waren nicht Haustierchen, in Griechenland liefen die Hunde frei herum, was sie allerdings auch friedlicher machte, als die verzogenen Geschöpfe menschlicher Erziehung, nein, das waren Hunde, die ihr Gebiet bewachten und in das wir soeben unverlangt eindrangen. Sie ließen es dabei bewenden, blickten uns lange nach, als wollten sie sagen:
„Na, einmal lassen wir euch noch davonkommen. Seht zu, dass ihr Land gewinnt!“ Ja wirklich, so wirkten ihre Köpfe der Erhabenheit, und ich vermeinte auch, das leichte Zucken der Vorderbeine erkannt zu haben, noch unentschlossen, sich zu erheben.
So fuhren wir weiter, gerieten tiefer in den Wald hinein, eine intim geschlossene und für sich eigene Landschaft. Es herrschte eine stickige Hitze, so dass wir beide Fenster offen hatten, was allerdings dazu führte, dass ich neben mir, im Gehölz, jedes Geräusch, jedes Knacken wahrnahm und dann fürchterlich zusammenzuckte, mich einerseits gierig auf das Abenteuer, andererseits mit der Begegnung Natur unsicher an meinen Türgriff klammerte, den Finger auf dem Fensterknopf, um dieses, bei einem eventuellen Angriff, sofort hinauf surren zu lassen. Hinter jeder Kurve erwartete ich Schatten, Bewegungen, Hunde, hungrige Raubtiere. Nach einer Weile Fahrt, ich war schon ruhiger geworden, auch, weil uns ein Vater mit seinen zwei Söhnen durch das Geäst entgegen stieg, bewaffnet mit Hut und Stock, freilich zu Fuß und mit einer Absicht - der geplanten Route einer Wanderung, kamen wir auf eine Lichtung, die schnell wieder in sich zusammensackte, verdrängt von neuen Bäumen mit riesigen und ebenmäßigen Wuchs. Noch die Wanderer im Hinterkopf, wie sie da über Fels und Stein kletterten, konnte ich mir nicht vorstellen, dass überhaupt je einer auf die Idee gekommen sein könnte, auf dieser Strasse, die eigentlich mehr ein steiniger Waldweg war, mit dem Auto zu fahren, obwohl mein Mitfahrer auf den Pfad deutete und erklärte:
„Hier hat sich jemand die Mühe gemacht, einen Weg zu legen, dann muss er wohl auch irgendwohin führen!“
… was mich etwas beruhigte. Die Wanderer, als Zeichen von Leben, dass wir uns nicht völlig in der Wildnis verirrt hatten, verschafften mir etwas lockerere Gesichtszüge, auch, wenn man nicht gerade von Gelassenheit reden konnte. Wir umfuhren immernoch den Gipfel, der von Bäumen in Felsen wechselte und uns schließlich auf eine einigermaßen freie Fläche führte, ein riesiges Feld, das keinen Horizont zu besitzen schien, weites Gebiet, ewige Landschaft. Und der Weg war kein Weg mehr, sondern eine kleine Spur inmitten von Gräsern, ein Faden, der sich durch das Gebiet zog und kaum noch richtig zu erkennen oder befahrbar war. Aber, was wusste ich schon, und hätte ich geahnt, dass dieser Weg noch ein wahres Prachtstück war, während sich bald zeigen sollte, dass selbst ein „Faden“ im Feld sich in die Abstraktion eines Weges verwandeln konnte, um wirklich nicht mehr befahrbar zu sein, dann hätte sich meine innere Anspannung an diesem Punkt erst einmal vollständig verflüchtigt. So aber ließ ich mich in tiefes Schweigen versunken nur kräftig durchschütteln, und dafür, dass wir Richtung Athos fahren wollten, hatten wir wenigstens ein anderes Gebirge kennengelernt, eines von diesen, die von unten betrachtet, wie kleine Hügel aussahen. Ich gewöhnte mich daran, durch Zufall oder durch eine innere Sehnsucht waren wir hier her gelangt, irrten seit knapp einer Stunde durch diese Wildnis, und ich ergab mich dieser Reise, spürte die Aufregung durch meinen Körper fließen, erfreute mich an der Vegetation. Doch lange hielt dieser Zustand nicht an, ich erschrak fürchterlich, weil sich, da wir langsam fahren mussten, während unter unseren Reifen die ersten Steine und Äste knackten, ein lautes Geräusch neben mir öffnete, hinter Gräsern etwas in Bewegung geriet, ein Raubtier, das seine Zähne fletschte oder ein Ungeheuer, wie aus den irritierenden, nächtlichen Verwirrungen einer unbewussten Welt entsprungen. Ich hielt den Atem an, das Gras zerteilte sich, und bevor ich, mit aufgerissenen Augen, einen Schrei ausstoßen konnte, beugte sich das Ungeheuer bereits durch mein Fenster ins Auto hinein, kaute gelassen Gras, wischte mit sabberndem Maul am Fensterrahmen entlang, und stellte sich als eine, wenn auch mächtige, Kuh heraus. Ich atmete auf und musste lachen, weil mir bewusst wurde, dass ich mich vor Hunden und Kühen fürchtete, es waren immerhin keine sehr angriffslustigen Tiere, gerade letztere nicht, die mit ihrer rauen Zunge nun gemächlich über meinen Arm fuhr und sich dann wieder abwendete, um weiter ihr Gras zu verdauen oder aus diesem irgendwie doch faszinierenden Magen erneut hochzuwürgen. Dieser gutmütige Kopf schüttelte sich hinter uns und verschwand wieder zwischen den Gräsern.
Das Feld führte immernoch in die Unendlichkeit, ja wirklich… eine Ewigkeit mussten wir so gefahren sein. Wir schwiegen beide, denn wir wussten nicht, was uns erwartete, wann endlich ein Schild oder ein Dorf oder etwas anderes kommen würde, um uns einen neuen Hinweis zu geben. Dann erblickte ich in der Ferne mehrere Punkte, die größer wurden.
„Kühe!“ rief ich, jetzt vorgewarnt und gefasst auf solche Begegnungen. „Vielleicht eine Herde!“
Doch die Kühe stellten sich nun als Ziegen heraus, die in Glockengeräuschen den Hügel hinunter rannten. Wir sahen uns lächelnd an, erstarrten dann aber in unserer Mimik, da wir nicht mit ihren Beschützern gerechnet hatten. Mit einem Mal rannten da hinter der meckernden Geräuschskulisse einige wutentbrannte Hunde auf unser Auto zu. Ich benutzte hastig meinen Fensterknopf und hatte vergessen, dass der Motor der Scheibe sehr träge war, was das Fenster in Zeitlupe hinaufbewegte. Zum Glück waren wir noch weit entfernt, die Hunde erreichten unser Auto erst, wütend bellend, als das Fenster nur noch einen Schlitz weit offen stand. Beruhigt und schon an einiges gewöhnt, sah ich, dass mein Begleiter in gleicher Weise reagiert hatte, was meine Vorsicht nicht ganz so lächerlich machte.
„Man weiß nicht, was passieren kann!“ sagte er und lachte.
Als wir dann schließlich auch die Herde Ziegen mit ihren angriffslustigen Bewachern überstanden hatten, wiederum war keine Menschenseele zu sehen, gerieten wir an eine Gabelung, wenn man die zwei sich in zwei entgegen gesetzte Richtungen teilenden Fäden im Gras überhaupt Gabelung nennen konnte. Wir entschieden uns für die rechte Seite, weil in der Ferne der nächste Gipfel erschien, unterhalb von diesem erneut Bäume, und, zu unserer Erleichterung, auch einige, vereinzelte Häuser. Wir blickten darauf, wie auf eine Hoffnung, etwas verunsichert stellten wir fest, dass sich zwischen den Häusern, denen wir uns näherten, keine Strassen befanden, dass sie sich vielmehr inmitten von Fels aus dem Stein erhoben. Auch erreichten wir sie nicht, vielmehr wurden sie wieder kleiner, weil sich der Weg im Feld in eine andere Richtung schlängelte und uns zu unserem Bedauern wieder wegführte. Wieder fuhren wir mehrere Kilometer, waren froh, zuvor noch getankt zu haben, - was wäre uns hier in dieser Einöde, in dieser völligen Leere, wohl begegnet, außer der Wind und die Nacht oder, wenn es schlecht lief, die Hunde. Menschen wären uns sicherlich nicht zur Hilfe geeilt, ganz einfach, weil es hier eben keine gab. Nun mussten wir auch noch feststellen, dass sich der Weg verschlechterte, die kleinen Kiesel waren, ohne dass wir es, aufgrund der uns angreifenden Hunde, direkt gemerkt hatten, zu Geröll geworden, dieses Geröll geriet nun zu ausgewachsenen Steinen und Felsbrocken, und das Knacken unter unseren Reifen wurde zum ohrenbetäubenden Krachen, wobei wir nicht immer ausmachen konnten, ob es sich nun um den zerberstenden Stein oder um das Zerfetzen unserer Reifen handelte. Ein paar Mal lobten wir auch das Auto, es war immerhin kein Jeep, andere würden es nicht einmal ein Auto nennen, aber es führte uns sicher voran, wenn auch das Voran ins Nichts führte. Seltsamerweise teilte sich der Weg erneut, und tatsächlich trafen wir völlig unerwartet, inmitten von Feld und Nichts, auf ein Schild. Ein echtes Schild als Pfeil mit einem Dorfnamen darauf. Wie man sich denken kann, folgten wir diesem Wink des Schicksals, ratterten die Strasse (haha) hinunter, die nun scheinbar wieder ins Tal führte. Ich wagte nicht, mich umzublicken, wollte nicht sehen, was wir hinter uns gelassen hatten, aber ich musste doch feststellen, dass sich allmählich Ruhe in meinem Inneren ausgebreitet hatte, etwas, was ganz angenehm durch mich hindurch flutete, im Wissen, dass wir irgendwann irgendwo ankommen mussten, dass das nun einmal so gehörte, wenn sich Menschen die Mühe machten, hier Wege anzulegen, auch wenn sie kaum zu befahren waren.
Endlich entdeckten wir vor uns eine kleine Hütte, die mit einem Zaun versehen war. Der „Faden“ führte direkt daran vorbei, alles lag leblos, wenn nicht gar tot, es sah aus, als wäre hier lange niemand mehr gewesen. Etwas enttäuscht darüber und im Vorausblick, dass dort wieder Feld und Baum begannen, rollten wir daran vorbei, als sich hinter dem Zaun, der sich bereitwillig neben unserem Auto öffnete, auf einmal etwas erhob, etwas Großes und Weißes. Ich war erneut dabei, mein Fenster hoch zu machen, half auch nach, indem ich mit der Hand die Scheibe hochschob, als das Ding sich als riesiger Hund an einer dicken Kette herausstellte, der, schläfrig von der Sonne und eine menschliche Begegnung nicht gewöhnt, auffuhr, jedoch und zu unserem Glück schwankte und wieder zusammenbrach. Ein mächtiges Viech, eine Rasse, die ich nicht kannte. Wäre es beweglicher gewesen, wäre es nur etwas kühler draußen, so hätte es mich leicht durch das Fenster an der Kehle packen können. So aber hörte man nur dieses laute Schnaufen, diese untere Zahnreihe, die sich im gesamten Kiefer vorschob und durch die zwischen spitzen Reißzähnen hindurch der zähflüssige und schaumige Geifer troff. Mein griechischer Freund gab Gas, was uns wegbrachte, was wir aber nicht lange durchhalten konnten, weil der Weg einfach nicht für große Geschwindigkeiten geeignet war. Man könnte auch sagen, zu Fuß wären wir schneller gewesen, allerdings war die Sicherheit unseres Autos uns doch lieber. Mit einem leichten Bedauern musste ich dann auch noch feststellen, dass die Häuser, die wir vorher in der Ferne gesehen hatten, nicht mehr sichtbar waren, wir stattdessen auf den nächsten Berg zufuhren, wobei der Weg wieder hinaufführte und uns jetzt Baumstämme und Felsbrocken in die Fahrt legte, denen auszuweichen ein wahres Kunststück war.
„Und wenn wir jetzt einen Gipfel um den nächsten umfahren? Was, wenn wir einfach nur im Kreis über diese Berge gondeln und nie wieder auf eine Stadt treffen?“ fragte ich und sah meinen Begleiter etwas irritiert an. Er lächelte und tätschelte mir den Arm.
„Nur keine Sorge, solange wir vorwärts kommen, ist alles in Ordnung!“
Gesagt, getan, oder besser gesagt, nicht getan, denn der Weg knickte mit der nächsten Biegung nach unten ab, das Auto war nicht mehr zu lenken, und so rutschten wir in schräger Stellung das nun steil werdende Gefälle hinab. Gekonnt, das muss ich wirklich sagen, lenkte dieser Mann das Auto über riesige und spitze Steinkanten hinweg, immer wieder warf ich ein, wir sollten umkehren, worauf er, nicht gerade beruhigend, nur darauf hinwies, dass es keine Möglichkeit gab, das Auto zu wenden, was uns eben dazu nötigte, immer weiter vorwärts zu fahren, und was mich stark an eine Filmszene erinnerte, wo der Mann mit seiner Frau von Bösewichten an einen Stuhl gefesselt war, ein Wahrheitsserum verabreicht bekommen hatte und auf die Frage, ob sie sterben würden, klipp und klar „Jupp!“ sagte. Nicht gerade ein guter Film, es ist lange her, dass ich ihn gesehen habe, wenn auch mit halben Auge, aber diese schoss mir eben durch den Kopf, und ich musste meinen Begleiter, so geschickt er auch im Fahren war, mit einem ähnlichen Ausdruck angesehen haben, wie die Frau den Mann, der, statt sie zu beruhigen, so herzhaft „ehrlich“ zu ihr war. Am Auto knirschte das Gehölz und ein quietschender Ton riss schreckliche Kratzer in den Lack. Unten angekommen wirkte alles ziemlich hoffnungslos, auch wenn der Stillstand gut tat. Es ging wieder bergauf, Bäume umgaben uns, ein hochstämmiger Kiefernwald nahm uns auf, (oder sagen wir, ich nenne sie Kiefern, was sie nicht waren, weil ich die genaue Bezeichnung dieser Bäume nicht kenne. Es soll nur ein Bild erschaffen, verdeutlichen, was uns hier umgab, dem Vergleich dienen, bis mir die Baumart irgendwann bekannt ist.) Geräusche neben uns im Gebüsch, den Finger am Knopf, erklommen wir dieses Verwilderte und konnten nicht aufhören zu lachen. Es war wohl so etwas, wie das Hinweglachen der Besorgnisse. Tatsächlich, nach all dieser Tortour, gelangten wir erneut auf ein freies Feld, sichtlich erleichtert, auch wenn uns hier ein ähnlicher Anblick geboten war, wie vor dem „Felswandweg“, aber dennoch wurde die Strecke wieder breiter und wesentlich leichter zu befahren. Endlich, in der Ferne, erblickten wir einen Jeep, und was noch besser war, davor sogar einen Menschen. Wir trauten unseren Augen kaum. Einen Schäfer, der mit seiner Herde und seinen Hunden am Wegrand stand und uns mit buschigen Augenbrauen entgegensah. Wir fragten ihn, ob er wüsste, wo wir auf eine richtige Strasse finden könnten, eine, die betoniert war und vielleicht in eine Stadt oder auf eine Hauptstrasse führte, und natürlich erzählten wir ihm auch, dass wir uns in diesen Bergen fürchterlich verirrt hatten, worauf er laut lachte und nach vorne deutete, wo der Weg in einer Biegung tatsächlich nur wenige Meter weiter wieder in anständiges Pflaster wechselte, wo hinter Busch und Baum Motorengeräusche vernehmbar waren. Noch ein letztes Mal mussten wir schnell die Fenster hoch machen, weil auch seine Hunde das Auto angriffen, - später stellten wir fest, dass unsere Reifen und die untere Gummileiste richtige Bissspuren aufwiesen -, auch war es beschwerlich weiterzufahren, wenn vier Hunde uns umzingelten und regelrecht einkreisten, ohne sie anzufahren. Die waren darin richtig geschickt, während der Schäfer, wie ich im Rückspiegel feststellen konnte, sich seelenruhig seine Pfeife anzündete und abwartete. Mit einem Ruck überwanden wir eine ganze Dimension, kamen vom staubigen Weg auf die betonierte Strasse, das Herz hüpfte leicht und froh im Gleichklang mit diesem Ruck, das Auto fuhr ruhig und beständig über Asphalt, und als wir nicht mehr als hundert Meter zurückgelegt hatten, war alles wieder „menschlich“, Städte und Dörfer am Rande, eine Autobahn in der Nähe, das Meer auf der anderen Seite, Berge im Hintergrund, und dieses Abenteuer verblasste schlagartig zur bloßen Erinnerung, war wenige Minuten später nicht mehr vorstellbar, wirkte unrealistisch, als hätten wir das alles nur geträumt. Alles fügte sich, Schilder zeigten uns, wie weit es noch war, wir waren auf dem richtigen Weg, in der Ferne sahen wir den Berg in seinem Nebel, und für einen kurzen Moment vernahm ich von seinem Gipfel den Schall höhnischen Gelächters. Und noch ein Stück weiter, als ich schweigend durch das Fenster auf ihn blickte, auf diesen graublauen und verrauchten Felsen, fiel mir die Augenfarbe der Hunde ein, als sie mich kalt und verwildert angestarrt hatten, und laut sagte ich:
„Die Hunde hatten Augen wie ein Gebirge!“



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 28.10.2008 22:31 | nach oben springen

#9

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 28.10.2008 16:55
von Martinus • 3.194 Beiträge

Diese Irrfahrt ist wirklich spannend zu lesen. Wildfremd in der Wildnis. Ich bin ja froh, dass ich in Griechenland nur harmlosen Eseln oder Ziegen und Schafen begegnet bin.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#10

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 28.10.2008 17:09
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Hallo Martinus.

Ja, das wirkt um so erschreckender, wenn man nicht weiß, wo man ist und wohin der "Weg" führt...
Danach fühlt man sich richtig leicht und unbeschwert.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
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#11

RE: Die Weite - 1. Station: Thessaloniki

in Gedanken vom Tag 28.10.2008 19:50
von Lennie • 829 Beiträge

Ein interessanter Bericht, Taxine!
So etwas Ähnliches ist mir mal auf dem Pelopones (weiss nicht recht, wie man den richtig schreibt...) passiert. Allerdings in einem Mietauto. Und ohne böse Hunde, dafür aber auch fast ohne Benzin (war auch spannend).... Und mit einem französischen statt einem griechischen Beifahrer. Diese "Pistenstrassen", die wir damals etwas unfreiwillig entdeckt haben, scheint es demnach immer noch zu geben, auch weiter im Norden.
Fein auch die Landschaftsbeschreibungen - man kann sich deine neue Umgebung jetzt schon ein bisschen vorstellen!

Bises, Lennie

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