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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Joyce Carol Oates

in Die schöne Welt der Bücher 09.10.2008 18:17
von Martinus • 3.194 Beiträge
"Die unsichtbaren Narben, 1987, dt. 1992

Die Sowjets zünden 1949 ihre erste Atombombe. Das Wettrüsten zwischen den USA und den Sowjets wird so richtig angekurbelt, die Angst vor einem Atomkrieg manifestiert sich im Bewusstsein der Bevölkerung. So auch in Lyle Stevick, der in Joyce Carol Oates' Roman „Die unsichtbaren Narben“ im Jahre 1955 einen Atombunker auf seinen Garten bauen lässt. Zu seiner jüngsten Tochter Enid, seinem Engelchen:

Zitat von Joyce Carol Oates
Machst du dir Sorgen wegen eines atomaren Krieges? Liegt es daran? Die Hauptsache ist doch, daß wir darauf vorbereitet sind, begreifst du das nicht, Schätzchen? Dein Papa wird wie immer für dich sorgen.


Wie immer? Am 07. Juni 1953 unternimmt Enid Maria einen Selbstmordversuch. Ihre Eltern sprechen von einem Versehen, als herauskommt, sie habe eine Überdosis Aspirin eingenommen. Unsichtbare psychische Narben möchte man nicht herauskehren. Seitdem Lyle am 30. November 1951 wegen Verdachts auf „Verbreitung kommunistischer Propaganda“ festgenommen worden ist, und ein fünfstündiges Verhör über sich ergehen lassen musste, ist für ihn die Welt nicht er so, wie sie war. Eine Narbe geht durch die Welt. Der Senator Joseph McCarthy ist von einer kommunistischen Unterwanderung der Bundesregierung überzeugt. Ein möglicher Atomkrieg droht und Mr. Stevicks Sohn Warren kommt schwerstverletzt aus dem Koreakrieg zurück. Es droht die Narbe, die die Familie noch zusammenhält, aufzubrechen:

Zitat von Joyce Carol Oates
Sein Leben bestand aus Fragmenten und Scherben, Knochen und Schrapnellsplittern, fleischfetzen, er hatte sogar ein zusammengestückeltes Gesicht, wie er es nannte – die Nähte an seinen Kiefer paßten selbst nach zwei Operationen nicht richtig zusammen; durchs linke Auge sah er verschwommen, es war fast nicht, die blitzenden Plastikzähne an der partiellen Gaumenplatte waren vielleicht zu perfekt, um für echt gehalten zu werden.


Selbst das Leid, welches Warren erlitten hat, wird fleißig verdrängt. Warren gegenüber muss es doch höhnisch erschallen, wenn geglaubt wird, es mache ihm schon nichts aus, weil er stündlich dem lieben Gott Dankbarkeit erweise, dass er am Leben sei.

Ins Zentrum des Romans rückt aber das Liebesverhältnis zwischen Enid,des Vaters liebste Tochter, mit ihrem Onkel Felix. Eine brisante, unanständige Begebenheit, wenn man bedenkt, dass die Stevicks eine konservativ katholische Familie sind. Auch wenn die junge Generation sich von dieser Weltvorstellung entfernt, spuken im Geiste Warrens immmer noch Gedanken herum, Sex „sei etwas Sündhaftes und für Männer wie auch für Frauen etwas Erniedrigendes.“. Auch sonst, natürlich, diese amour fou zwischen Onkel und Nichte ist inzestiös und muss geheimgehalten werden. Im angetrunkenen Zustand verführt er sie erstmals.
Zitat von Joyce Carol Oates

Er sagte ihren Namen, ihren Namen, so süß so süß so süß – dann unterdrückte er einen Rülpser, und Enid bekam Bier zu riechen.


Joyce Carol Oates zeigt, wie Männer in solch eine Misere hereinrutschen und nicht wieder heauskommen. Verantwortungslosigkeit wird angeprangert. Die Autorin predigt aber keine Moral, Felix weiß selbst, er ist ein „Mistkerl“. Alle Entschuldigungen danach, so etwas würde nie wieder passieren, verlaufen im Sande. Genau das Gegenteil erfolgt, die sexuellen Exzesse werden häufiger, und die Autorin erzählt Szenen sehr souverän und offenherzig über Erotik und Sex.

Zitat von Joyce Carol Oates
Er sagte ihr, sie könne nicht schwanger werden, die Blutung wasche alles weg; es sei die beste Zeit zum Bumsen, und die Frauen seien da richtig scharf darauf, Enid wolle es ja genauso wie er. Und er müsse keinen Pariser überziehen drüberziehen; das Drum und Dran mit der Empfängnisverhütung habe er allmählich satt,...


Sehr plastisch vor dem Hintergrund der 1950er Jahre entwirft Oates auf fast 600 Seiten einen fesselnden Eiblick in eine eine Familie aus den USA. Literarisch werden die Narben, die die Eltern nicht wahrhaben wollen, vor Augen geführt. Der Autorin gelingt es in fantastischer realistischer Manier, Probleme und Konflikte ohne zu moralisieren oder zu psychologisieren herrlich aufs Papier zu bringen, besonders natürlich die Affäre von Enid und Felix, dieser Tanz zwischen den Gefühlen, dieser „Miskerl“, all das ist mit Genuss zu lesen.

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 09.10.2008 18:22 | nach oben springen


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