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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Homo Touristicus Vulgaris

in Prosa 30.10.2008 14:51
von Lennie • 829 Beiträge

Der homo touristicus vulgaris ist ein Säugetier, das zu den Nestbauern gezählt werden muss. Waren diese Nester in der Vergangenheit noch leicht transportierbar und aus textilem Gewebe, so entwickeln sie sich seit den jüngsten Mutationen zu immer massiveren Behausungen. Eine vermutete genetisch bedingte Fehlentwicklung hat sogar bei einer grossen Anzahl der h.t.v. dazu geführt, dass diese inzwischen mehrere, für den tatsächlichen Bedarf überdimensioniert konzipierte und sehr solide Nester in verschiedenen Landschaftsgebieten anlegen, sich aber nur ein paar Tage des Jahrs tatsächlich in jedem davon aufhalten und sie ansonsten leer und verschlossen ihrem Schicksal überlassen. Ein in letzter Zeit verstärkt beobachteter immer häufiger werdender Wechsel dieser Nester lässt eine psychisch ungute Entwicklung der Spezies vermuten, die zu einer dauerhaften Verwilderung führen könnte. Vorsicht bei der Kontaktaufnahme ist also angesagt, besonders bei einer eventuell ins Auge gefassten vorübergehenden Nest-Überlassung.

Der h.t.v. zieht sich zum Überwintern unverständlicherweise in die klimatisch rüden und unwirtlichen Gegenden der nördlichen Hemisphäre zurück und befällt dann, mit Beginn der Ostertage, in zunehmender Anzahl und auch in Gruppen regelmässig die Mittelmeer-Regionen. In der Regel ist er nicht bösartig, oft lediglich etwas verstockt und scheu, kann aber auch heute noch, mit etwas Training und Fingerspitzengefühl, zur Zufriedenheit der Feriengebiets-Ureinwohner (F.G.U.) geschröpft werden. (Hinweise für effizientes Schröpfen bei minimalem Zeitaufwand folgen in einem entsprechenden Kapitel).

Die eindeutige Zuordnung der verschiedenen h.t.v. durch die F.G.U. ist nicht ganz einfach und verlangt von Letzteren ein gewisses Mass an Training, gepaart mit einer guten Beobachtungsgabe. Insgesamt zerfällt der h.t.v. zunächst in drei Untergruppen, die allerdings auch ein relativ ungeübter F.G.U. schnell voneinander zu unterscheiden lernt:

a) den h.t.v. flip-flopus, der darum bemüht ist, sich den F.G.U. in Lebensweise und äusserem Erscheinungsbild weitestgehend anzupassen und dies durch entsprechend unauffälliges Schuhwerk („Flip-Flops“), gepaart mit farbenfrohen Batik-Bermudas und T-shirts mit dem Aufdruck „New York“ oder „Disneyland Paris“ zum Ausdruck bringt. Der Kontakt zu dieser Spezies ist ungefährlich, zum Schröpfen eignet sie sich jedoch nur bedingt.

b) den h.t.v. orthopaedicus, der vor allem aus Gründen des Wissensdurstes an der Migrationswelle teilnimmt und dessen Ziel es ist, in möglichst kurzer Zeit eine möglichst grosse Anzahl von XI-ème-siècle-Kathedralen, Museen und erklimmenswerten Berggipfeln aus nächster Nähe, bzw. von innen, aussen, oben und unten zu fotografieren. Zu erkennen ist er äusserlich unschwer an seinen aerodynamischen Tennisschuhen oder, bei grosser Hitze, den ebenso spektakulären Birkenstock-Sandalen. Beide mit Fussbett-Einlage.

Diese Gruppe bildet bei weitem die ergiebigste und erfolgversprechendste, was das Schröpfen betrifft – solange man bei der Kontaktaufnahme die notwendige Sorgfalt walten lässt.

c) den h.t.v. corinthii, im Volksmund auch „Korinthenkacker“ genannt. Er bewegt sich fast ausschliesslich in Strassenschuhen, beigefarbenen shorts mit Bügelfalte und vor allem – wichtig! – weissen Socken, wodurch er unschwer zu identifizieren ist. Dieses Erscheinungsbild wird nicht selten noch durch ein grosszylindriges Automobil ergänzt. Vor einer unvorbereiteten Kontaktaufnahme mit dieser Gruppe kann nur gewarnt werden – allerdings haben geübte Schröpfer unter den F.G.U. gerade an dieser Gattung ihre ganz besondere Freude.

Näheres zur gefahrlosen Kontaktaufnahme und einige Grundübungen zum Schröpfen (mit Sprachlabor-Training) folgen in der nächsten Ausgabe.


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#2

RE: Homo Touristicus Vulgaris

in Prosa 30.10.2008 15:04
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Schöner Blick auf den Tourismus.

Meine Mama, also die gute Frau, gehört auf jeden Fall in die zweite Kategorie, zu den h.t.v. orthopaedicus. Dieses, so muss man sagen, wirkte auch auf mich, prägte mich sozusagen. Als Kind mitgeschleppt, an der Hand hin und her gezerrt, betrachtete ich also schon in frühen Jahren die Kunst und Kathedralen fremder Gegenden und Länder, was mir heute, so kann ich nicht abstreiten, manchmal in schöner Erinnerung wieder in den Kopf steigt. Der damalige Stress dagegen war in der kindlichen Auseinandersetzung mit Welt und Sein (die Liebe zum Spiel) dann eher durch ein beständiges "Oach nö!" oder ein prustendes Geräusch durch die Lippen gekennzeichnet, das sich daraus ergibt, wenn das Kind seine sabberigen Lippen vorstülpt und die Luft langsam, oft verklebt von Eis oder Schokolade, hinauslässt. Daher vielleicht auch meine Pausbacken, ... wer weiß.

Nee... also das Obige gefällt mir gut. Diese Liste lässt sich wunderbar erweitern.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.10.2008 16:54 | nach oben springen

#3

RE: Homo Touristicus Vulgaris

in Prosa 30.10.2008 15:10
von Lennie • 829 Beiträge

In Antwort auf:
Meine Mama, also die gute Frau, gehört auf jeden Fall in die zweite Kategorie, zu den h.t.v. orthopaedicus


*grins* - meine auch!! Als Kinder haben wir das damals gehasst wie die Pest, kiloweise österreichische Kirchen.... und hinter jeder Ecke noch eine....

Erweiterungen existieren auch bereits im Rohbau - nur für manche Feinarbeiten muss ich in einer richtig giftigen Laune sein (zumindest vorübergehend), damit was draus wird. Mal sehn - vielleicht was für lange Winterabende...

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#4

RE: Homo Touristicus Vulgaris

in Prosa 30.10.2008 15:14
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Da bin ich gespannt.

Mein Vater war und ist bis heute übrigens auch nicht besser. Der konnte meine erste Rebellion mit ca. zwölf oder dreizehn Jahren gar nicht verstehen, wo ich nach der zehnten Kirche und der elften Brücke (da schlägt sein Architektenherz lauter) auf einmal die Arme verschränkte, wütend vor mich hinstarrte und mich weigerte, das Auto zu verlassen. Tja... der Vorwurf in den weiten Abgründen seiner Augen besteht bis heute! Ja, ja... das hat er mir nie verziehen...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.10.2008 15:16 | nach oben springen

#5

RE: Homo Touristicus Vulgaris

in Prosa 30.10.2008 19:52
von Salin • 102 Beiträge


Ich ein Freund derartiger Verschiebungen. So wird Bewusstsein erweitert.

Auf Clichés kann man da eigentlich verzichten.

Und diese umständlichen Formulierungen, sind die beabsichtigt?
Der Text wirkt dadurch wie auf Stelzen und erinnert an Radiobeiträge aus den Fünfzigern. Was sicherlich seinen Reiz hat.
Beim Lexika-Duktus bin ich eigentlich eher für die neutrale, modernere Schreibweise (siehe die "Schwarzen Schnabelwürfe"), doch die würde hier wohl weniger passen. Also besser mit Stelzen.


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#6

RE: Homo Touristicus Vulgaris

in Prosa 30.10.2008 20:59
von Lennie • 829 Beiträge

Ja, Salin: der stelzige, umständliche "Retro"-Stil, der ist tatsächlich Absicht. Mir war so danach - wegen der Karikatur des Ganzen. Aber das muss natürlich nicht jeder mögen.
Was die "schwarzen Schnabelwürfe" sind, weiss ich leider nicht und kann mich nicht dazu äussern. Ich bin schon sehr lange fernab vom Schuss und habe vermutlich in so mancher Hinsicht den Anschluss an die deutsche "Aktualität" verpasst. Da muss ich mit leben.

Schönen Abend! Lennie

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