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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Das gebrochene Herz

in Prosa 30.10.2008 22:46
von Lennie • 829 Beiträge

In einer Stadt im Süden. Um in diese Klinik zu gelangen, muss man die Innenstadt durchqueren. Vor langer Zeit hattest du mich schon einmal dort hingebracht, aber ich erinnere mich nicht mehr an den Weg.

Die Strassen waren eng, es herrschte viel Verkehr, und ich war zu sehr von meinem Zustand in Anspruch genommen, als dass ich darauf geachtet hätte, wie man dort hinkam. Ich wusste, du würdest mich hinbringen, und das genügte mir. Ich vertraute dir, wie üblich.
Alles, was ich noch weiss, ist, dass man zum Schluss eine steil ansteigende Strasse hinauf musste, so ähnlich wie in Ménilmontant. Eine lange, nicht sehr breite Strasse, die in Kurven nach oben führte. Und die Gebäude da oben waren ganz neu und sauber, nicht so grau und dunkel wie im Zentrum. Es war immer noch dichter Verkehr, überall viele Menschen.

Dann ist all das Schlimme passiert und wir haben uns jahrelang nicht gesehen. In meinem Kopf ist das alles ganz undeutlich geworden, ich erinnere mich nicht mehr genau.

Und jetzt muss ich wieder in diese Klinik. Ich habe erst ein wenig gezögert, aber dann habe ich Kontakt zu dir aufgenommen und gefragt, ob du bereit wärst, mich noch einmal dort hinzubringen. Weil du doch diese Stadt so gut kennst. Du hast ein bisschen überrascht gewirkt, von mir zu hören, aber dann hast du eingewilligt und wir haben uns verabredet.

Ich war so glücklich, dich zu sehen, aber schon beim ersten Blickwechsel stellte sich das Unbehagen ein. Du sahst mich nicht. Du tatest nur einen möglicherweise etwas unangenehmen Gefallen, um den man dich gebeten hatte, das war alles. Ziemlich hastig erklärtest du mir, welchen Weg ich einschlagen musste, denn du konntest mich nicht bis zum Ziel begleiten. Vielleicht wartete jemand auf dich. Irgendwo. Vermutlich. Jedenfalls warst du in Eile.

Du hast von deiner Arbeit gesprochen, von deinem Sport, von deiner Musik. Und viel von Politik. Du hast mir keine einzige Frage gestellt, du wolltest nichts wissen. Weder über mich, noch über mein Leben, noch über den Grund, weshalb ich heute erneut in diese Klinik muss.

Das letzte Mal hattest du so viel Angst um mich. Der Skandal, den du auf der Station vom Zaun gebrochen hast, als der Arzt nicht schnell genug kam! Sie waren kurz davor gewesen, die Polizei zu rufen. Und ich – ich habe dich so geliebt...!

Da ist sie, die ansteigende Strasse. Gerade vor mir. Man braucht ihr nur bis nach oben zu folgen, um dann auf der rechten Seite die Klinik zu sehen. Stimmt, es ist wirklich ganz einfach. Das werde ich schon alleine schaffen.

Ein flüchtiger Abschiedskuss auf die Wange – du bist mit den Gedanken bereits woanders.

Wir werden uns anrufen - natürlich.

Irgendwann.

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#2

RE: Das gebrochene Herz

in Prosa 31.10.2008 18:12
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Lennie,

ich denke, das erzählerische Ich ist psychisch krank, also, irgendwann ist wieder ein Schub ausgebrochen, und sie muss in das Krankenhaus. Der Mann, der ihr zu anfangs gerne bei gestanden war, ist nun wieder mit der inzwischen ihm lästigen Aufgabe betraut, ihr den Weg ins Krankenhaus zu zeigen. Eine traurige geschichte von Ausgrenzung, was auch schön herüberkommt.

Am Schluss würde ich das Gefühl des Alleingelassenwerdens aber nicht zerreden, sondern einfach nur ganz kurz, damit der Leser selber nachfühlt. z.B. so:

"Ein flüchtiger Abschiedskuss auf die Wange"....

(mehr nicht, der Leser weiß dann schon, dass sie sich vielleicht nie mehr wieder sehen)

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 31.10.2008 18:13 | nach oben springen

#3

RE: Das gebrochene Herz

in Prosa 01.11.2008 14:40
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Dieser Text ist sehr offen, er erschließt sich mir nicht in jedes Detail. Dass dort eine Liebe zerbrach, wird dennoch offensichtlich, das gebrochene Herz der Frau, die immernoch an dem Mann hängt, der sie verließ - denn er muss sie verlassen haben, wenn es ihm gleichgültig ist, wie es ihr geht -, schimmert durch den gesamten Text.
Martinus Interpretation drängte sich mir in ähnlicher Art und Weise auch auf, aber, desto öfter ich den Text lese, desto unsicherer werde ich. Es ließe sich auch interpretieren, dass die "Klinik" der Moment einer Abtreibung war, der Verlust des gemeinsamen Kindes, der die Liebe zerstörte.
Dass sie ihn darauf erneut fragt, sie zu begleiten, ist natürlich dann etwas irritierend und lässt sich in dieser Variante dann so deuten, dass das einst gemeinsam Geteilte - der Weg - den Schritt in diese erneute Tortour erleichtert.
Wenn die Frau psychisch krank ist, gebrochen auch im Geist, sich beide Male freiwillig in ärztliche Behandlung begibt, dann ist der Mann trotz allem der Auslöser, der, der sie dazu bewegt hat, weil sie ihm in diesen Schritten vertraut, weil er die "lästige Aufgabe" noch einmal übernimmt. Warum? Wenn sie ihm egal ist? Nur aus einem Schuldgefühl heraus...

Das ist ein Text, der denken lässt, liebe Lennie.
Ich werde noch ein paar Mal lesen müssen, um mehr zu erkennen.

Liebe Grüße
TAxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.11.2008 14:46 | nach oben springen

#4

RE: Das gebrochene Herz

in Prosa 01.11.2008 18:48
von Lennie • 829 Beiträge

Vielen Dank für eure Kommentare, Martinus und Taxine!

Eure Interpretationen finde ich sehr interessant. Es könnte sich durchaus um eine psychische Erkrankung handeln, unter der die Frau leidet, das stimmt. Ob das bei dem ersten Klinikaufenthalt auch schon der Fall war, wird nicht ersichtlich. Da kann es auch etwas anderes gewesen sein. An eine Abtreibung denke ich dabei nicht, eher vielleicht an eine Fehlgeburt...?

Die Frau hängt ihrer grossen Liebe noch immer nach und verdrängt die Erinnerung an den Grund der Trennung. Als sie ihn kontaktiert, erinnert der Mann sich vielleicht zunächst auch noch einmal an die positiven Momente ihrer Beziehung – und ist deshalb mit einem Treffen einverstanden.

Doch als sie sich dann tatsächlich begegnen, sind die Emotionen der beiden sehr unterschiedlich. Der Mann hat offenbar sein Leben neu organisiert, darin ist für die Frau « von damals » inzwischen kein Platz mehr, er fühlt sich ihr lediglich noch verpflichtet. Für die Frau ist das ein Schock, sie muss ernüchtert erkennen, dass die grosse Liebe ihrer Erinnerung nicht mehr exisitiert und auch nicht wieder aufleben wird.
Das zu akzeptieren fällt ihr schwer, sie muss es sich bewusst klarmachen. Deshalb klingt die Geschichte dann so tröpfchenweise aus.

Ich habe ziemliche Schwierigkeiten, diese Art von « Flash »-Geschichten, die mitunter meinen Geist befallen, richtig zu erklären. Sie sind innerhalb von ein paar Minuten da wie ein Film und kommen unverdaut aus dem Kopf aufs Papier. Das ist mit dieser hier so ähnlich wie bei den Geschichten mit dem verletzten Kater oder der gruseligen letzten Autofahrt... sorry!

Liebe Grüsse, Lennie

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