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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Das Haus

in Prosa 09.11.2008 15:56
von Lennie • 829 Beiträge
Die Grünanlage kam ihr viel unscheinbarer vor. Sie hatte sie grösser in Erinnerung gehabt, fast wie einen Park. Die hellen Kieswege, die sie durchquerten und über die sie oft mit dem Fahrrad von der Schule nach Hause gefahren war, erkannte sie jedoch sofort wieder, sie sahen noch aus wie damals.
Weiter vorn war früher ein Spielplatz gewesen. Auf der Anhöhe, gegenüber eines kleinen Teiches. Von dort aus konnte sie immer in vollem Schwung bis zur Bushaltestelle « Schützenstrasse » hinuntersausen, ohne treten zu müssen – das hatte Spass gemacht.
Der Spielplatz war nicht mehr da, an seiner Stelle befand sich heute eine grosse Rasenfläche. Aber den Teich gab es noch. Und auch die beiden grossen Kastanienbäume rechts am Wegesrand mit der Bank dazwischen.
Da hatte er mittags immer gesessen und seine Butterbrote verspeist.

Er gehörte seit jeher zum Stadtbild. Mit einem uralten ausrangierten Kinderwagen zog er täglich durch die Strassen und trug Zeitungen aus, sommers wie winters mit einem Regenmantel aus weissem Plastikmaterial bekleidet, der ihm bis zum Knie reichte. Auf dem Kopf hatte er eine dazu passende Schirmmütze, auf der vorn in grossen roten Buchstaben das Wort « BILD » prangte.
Alle nannten ihn den dummen Waldemar. Er war weder jung noch alt. Beim Laufen zog er ein Bein nach und ruderte mit einem Arm immer weit ausholend durch die Luft, um das Gleichgewicht zu halten. Mitunter gab er auch merkwürdige Geräusche von sich, die einen erschreckten. Es klang wie ein Bellen. Die Leute sagten, er sei nicht ganz richtig im Kopf und das käme vom Krieg.

Sie hatte Angst vor ihm. Wenn sie aus der Schule kam und ihn in der Ferne erblickte – mit seinem eigenartig schlenkernden Gang war er unverkennbar schon von Weitem zu erkennen - änderte sie hastig die Richtung und nahm einen anderen Weg, um ihm nicht begegnen zu müssen. Kreuzte sie ihn dennoch unvermutet irgendwo, dann klopfte ihr das Herz im Hals, bis sie ihn überholt hatte, und sie strampelte heftig auf ihrem Fahrrad, um die Distanz zu ihm möglichst schnell zu vergrössern.

Eines Tages war sie fast mit ihm zusammengestossen. Sie hatte ihn zu spät bemerkt, als sie in der Grünanlage schwungvoll um eine Kurve gesaust kam. Da hockte er mitten auf dem Weg neben seinem lächerlichen Vehikel und stöhnte. Schlitternd brachte sie ihr Fahrrad gerade noch rechtzeitig zum Stehen, um ihn nicht über den Haufen zu fahren.
Er hob den Kopf und deutete mit einem entschuldigenden Lächeln auf seine Füsse.
« Bitte! » sagte er.
Die Schnürsenkel seiner Schuhe waren gelöst und mit seinen ungelenken Fingern gelang es ihm offensichtlich nicht, sie erneut zu binden.
Wäre sie noch in Fahrt gewesen, hätte sie wie üblich so getan, als sähe sie ihn nicht und hätte ihren Weg hastig fortgesetzt. Nun stand sie aber schon neben ihm und etwas in ihr hielt sie davor zurück, diesem Impuls zu folgen.
Seine Schuhe waren klobige Gebilde, die bis über den Knöchel hinaufragten. Einer hatte eine seltsam klumpige Form, gar nicht wie ein richtiger Fuss.
Sie brauchte ihren ganzen Mut, um sich hinzuhocken und ihm die Stiefel zu schnüren, aber sie tat es. Sie traute sich später sogar, ein paar von den mit bunten Zuckerperlen bestreuten Schokoladenplätzchen zu nehmen, die er ihr anbot.

Von da an wich sie ihm nicht mehr aus. Wenn sie ihn mittags auf der Bank zwischen den beiden Kastanienbäumen entdeckte, setzte sie sich manchmal ein Weilchen zu ihm. Sie sammelte Tierbilder, die ihren Cornflakes-Packungen beilagen und hatte herausgefunden, dass er Schäferhunde mochte. Wenn sie ein paar Schäferhund-Bilder doppelt hatte, schenkte sie sie ihm und freute sich, wenn er sich freute.

Vor dem verlassenen Haus, das ein Stück vor der Grünanlage in einem verwahrlosten Garten stand, an dem sie jeden Tag vorüber fuhr, hatte sie sich nie gefürchtet.

Einmal, als sie auf dem Heimweg war, entdeckte sie den alten Kinderwagen mit den Zeitungen vor dem Grundstück. Er war umgestürzt, die Zeitungen lagen auf der Erde im Dreck. Sie lehnte ihr Fahrrad an den Zaun und richtete das Vehikel wieder auf, wobei sie Ausschau nach Waldemar hielt. Auf dem kurzen Pfad, der zum Haus führte, sah sie die schwarze Ledertasche liegen, die er immer an einem langen Gurt vor dem Bauch trug und in der er seine Butterbrote und das Wechselgeld für die Zeitungen verwahrte. Dicht daneben hatten sich ein paar Papiere im Gras verfangen. Sie erkannte zwei ihrer Schäferhund-Bilder.
Die vermoderte Tür des Hauses stand halb offen. Sie hing schief in den Angeln und war mit dunklen Flecken beschmiert. Aus der Türöffnung ragten zwei Füsse, die in klobigen Stiefeln steckten. Einer hatte eine seltsam klumpige Form, gar nicht wie ein richtiger Fuss.

In der Zeitung stand später, er habe gar nicht Waldemar geheissen. Sondern Helmut Wondratschek, 49 Jahre alt.
zuletzt bearbeitet 11.11.2008 19:10 | nach oben springen

#2

RE: Das Haus

in Prosa 10.11.2008 17:13
von Salin • 102 Beiträge


Woran liegt's, dass Ihre Bilder nicht ähnlich naturalistisch sind wie diese Prosa?
Oder sollte ich andersherum fragen?


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#3

RE: Das Haus

in Prosa 10.11.2008 23:01
von Lennie • 829 Beiträge

Ja - woran mag das liegen? Eine interessante Frage, verehrter Salin.
Ich denke, es muss zwangsläufig einen Unterschied geben, denn das Medium ist nicht dasselbe. Die Motivation ist nicht dieselbe.
Könnte ich alles malen, bräuchte ich nicht zu schreiben.
Könnte ich alles in Worte fassen, bräuchte ich nicht zu malen.
So ähnlich. Nehme ich an.
Je länger ich drüber nachdenke, umso interessanter wird sie, diese Frage...
Vielen Dank für die Anregung!

Bises, Lennie

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