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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Das grosse Los

in Prosa 27.11.2008 21:16
von Lennie • 829 Beiträge
Sehr ungewöhnlich, so tief fliegende Flugzeuge. Sie standen zu mehreren Nachbarn draussen im Garten vor der Tür und unterhielten sich, kurz vor dem Abendessen. Es war einer dieser friedlichen Sommerabende, an denen der Himmel hell und klar ist und die Luft warm bleibt, bis die Sonne untergeht.

Und plötzlich diese Maschinen, die sich von hinten näherten. Ein enormes Gebilde erschien wie in Zeitlupe über ihren Köpfen. Grau in mehreren Schattierungen, schob es sich langsam nach vorn, man konnte sämtliche Einzelheiten gut erkennen. Alle hoben den Kopf und starrten ungläubig in die Höhe. Unter dem Rumpf des Flugzeugs, und fast genauso lang wie es selber, war diskret ein langes dickes Rohr befestigt, das einem riesiges Zäpfchen ähnelte. Nicht so grau. Dunkler und bedrohlicher. Viel bedrohlicher. Und das ausgerechnet hier, klar wie eine Skizze, ein paar Meter über den Dächern ihrer Häuser. Eine Bombe. Die Bombe. Niemand hatte es ihnen gesagt, aber alle wussten es, instinktiv. Etwa so wie bei einem Erdbeben, das man zum ersten Mal erlebt. Niemand wird einen zuvor warnen, aber wenn man es erlebt, spürt man trotzdem, worum es sich handelt.

Und dann, von rechts kommend, zwei oder vielleicht auch drei andere Flugzeuge, kleiner, aber genauso grau. Die sich ziemlich schnell auf das grosse zu bewegten. Letzteres müsste abschwenken, um eine Kollision zu vermeiden, und das müsste es schnell tun. Es tat gar nichts, schien unbeweglich wie ein riesiger Kronleuchter in der Luft zu hängen und zu warten. Als es vom ersten der kleinen Flugzeuge berührt wurde, bewegte sich das grosse, aus seiner ursprünglichen Bahn abgeleitet, ein wenig nach links. Funken stoben und man sah, wie sich etwas Rauch bildete. Dann war das kleine Flugzeug verschwunden.
All das in völliger Ruhe.

Der Lärm brandete erst nach einer gewissen Verzögerung auf.

Sie hörten allerdings nichts mehr.

(übersetzt aus dem Französischen)
zuletzt bearbeitet 27.11.2008 21:22 | nach oben springen

#2

RE: Das grosse Los

in Prosa 29.11.2008 15:00
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Lennie,

mir gefällt, dass die spektaluläre schlimme Szenerie ziemlich unspektakulär erzählt wird, ohne ein Tick aufzubauschen. Mir gefallen auch die ausgedehnten Augenblicke ("Zeitlupe" und "schien unbeweglich wie ein riesiger Kronleuchter in der Luft zu hängen). Mulmig auch das Gefühl "All das in völliger Ruhe". Dadurch geht geht vom Text eine bedrohliche Stimmung aus (darum gut).

Assoziativ dachte ich natürlich an den kürzlichen Flugzeugabsturz vor der franz. Mittelmeerküste, obwohl das Erzählte wohl eher im Krieg spielt.

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 29.11.2008 15:01 | nach oben springen

#3

RE: Das grosse Los

in Prosa 29.11.2008 15:45
von Lennie • 829 Beiträge

Hallo Martinus,

an einen Kriegszustand dachte ich eigentlich nicht - eher tatsächlich an das Gegenteil: einen harmlosen, friedlichen, lauen Sommerabend... und dann sowas.
Das Original hatte ich übrigens grade mal eine halbe Stunde, ehe der A320 15 km von hier ins Meer fiel, fertig. Grusel!
Sie suchen immer noch nach den black boxes vor St. Cyprien. Bei dem Sturm heute muss das ein reines Vergnügen sein.
Ich glaube, das nächste Mal schreibe ich lieber wieder was Fröhlicheres!

Danke für deinen Kommentar
und schönes Wochenende!
LG, Lennie

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#4

RE: Das grosse Los

in Prosa 01.12.2008 19:29
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Na, man löst ja so etwas nicht aus, indem man ähnliches schreibt. Stellt euch das mal vor: jeder Gedanke ein sich materialisierender Schlag in die Welt...
Das Gerüst dieses kurzen Prosastückes steht. Man liest und wundert sich. Zuerst dachte ich sofort an die angeblichen Flugzeuge, die zwei Türme (und ein etwas weiter entferntes Haus ... ) kosteten. Natürlich hat deine Geschichte rein gar nichts damit zu tun. Ich dachte nur aufgrund der "Verzögerung des Lärms" daran, weil es da bestimmte Spekulationen gab, auch für das Flugzeug im Pentagon, das niemand hören konnte, obwohl es einige hundert Meter über die Köpfe der Menschen hinwegflog und dann ein Loch hinterließ, dass unmöglich von einem so großen Flugzeug stammen konnte (von den danach fehlenden Wrackteilen mal abgesehen)... Wenn man aus Thessaloniki herausfährt, dann trifft man auf einen Flughafen, der direkt neben einer Strasse liegt. Fährt man diese Strasse entlang, sieht man unmittelbar über dieser, so knapp über dem Kopf, das Flugzeug landen. Es kommt dabei regelrecht auf einen zu. Dabei wird deutlich: Man kann es hören und ... vor allen Dingen... man kann es sehen. Aber, auch das hat nichts mit deiner Geschichte zu tun. Die Drohnen, die "Bombe" oder Rakete darunter erweckte in mir diese Assoziationen. Ich muss sagen, das alleine tut der Text. Etwas erwecken, ohne mir direkt etwas zu sagen. An Krieg dachte ich nicht. Eher erinnerte mich das an einen Strand, an dem ich lag, und über den dann ein seltsam lautes Geschwader an Militärjets hinwegfegte. Ich finde, irgendwie löst so etwas immer Nachdenklichkeit aus, egal, wie harmlos es auch sei.
Bei dir, liebe Lennie, scheint eine Kollision stattzufinden, aber mir fehlt etwas "Hintergrund", etwas, das die Situation einkreist. So sehe ich Menschen, die das Geschehen am Himmel beobachten, die dieser Zusammenprall vielleicht sogar das Leben kostet (das Schweigen der letzten Zeilen). Aber, ich habe keinerlei Hinweis. Das ist, nehme ich an, auch so gedacht. Vielleicht fehlt mir ein bisschen "Drama".

Liebe Lennie: wenn du schreibst "aus dem Französischen übersetzt", heißt das dann, du hast den Text im Original französisch geschrieben und dann einfach noch einmal übersetzt?

Sei herzlich gegrüßt
(übrigens: tolles Bild. Eine da Vinci'sche Interpretation?)
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.12.2008 21:07 | nach oben springen

#5

RE: Das grosse Los

in Prosa 02.12.2008 00:39
von Lennie • 829 Beiträge

Hihi! Nee, das war nicht so ernst gemeint. Ich fand es nur seltsam, dass kurz nachdem ich diese Szene geschrieben hatte, ein paar Kilometer weiter tatsächlich ein Flieger verunglückte.
Das ist wieder eine von diesen Flash-Geschichten, ohne richtigen Anfang und ohne richtiges Ende, wie ein Stück Film, das sich durch meinen Kopf spulte. Ich dachte drüber nach, wie das wohl sein könnte, wenn man in einer ganz alltäglichen Situation plötzlich "aus heiterem Himmel" mit einer aberwitzigen Katastrophe konfrontiert wird, die man sich Bild für Bild entwickeln sieht. Das sollte aus Sicht eines der diskutierenden Nachbarn berichtet werden, der dann leider zu mehr Drama-Schilderung nicht mehr fähig ist, da tot.

Das Original ist auf französisch, das stimmt (Pardon, falls in der deutschen Version paar schräge Formulierungen mit reingerutscht sein sollten; das fällt mir manchmal erst auf, wenn's zu spät ist.)

Danke für's Bild - dein neues ist auch sehr gut gelungen! Wie ein zersplitterter Spiegel, eine interessante Idee!
Bonne nuit,
Lennie

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