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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Bernard Malamud

in Die schöne Welt der Bücher 11.02.2009 15:35
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Tja, ein heftiges Buch, eine heftige Begegnung zweier so verschiedener und doch gleicher Schriftsteller.
Ich rede von
Bernard Malamuds "Die Mieter":

Jedes Buch, das ich schreibe, drängt mich näher an den Tod.

Lesser, ein Schriftsteller, der seit neun Jahren an seinem dritten Buch schreibt (das erste war ein Erfolg, das zweite ein Flop, das dritte soll nun ein Meisterwerk werden, eben um zu zeigen, dass er nicht ein einziges gutes Buch schreibt und damit sein Pulver verschossen hat), besetzt ein Haus in New York, das abgerissen werden soll. Alle anderen Mieter sind längst ausgezogen, haben die Abfindung eingesteckt und den Platz geräumt, er aber muss noch bleiben, weil er das Buch, das „dort geboren wurde“, auch dort zu Ende schreiben möchte, eine Gewohnheit eben, die Zeit sparte.

Zitat von Malamud
Vor der verfallenden, braun gestrichenen Mietskaserne (…) stand eine einzelne, verbeulte Mülltonne, die hauptsächlich seinen Abfall enthielt, Tausende zerfetzter, schreiender Worte, faulende Apfelkerngehäuse, Kaffeesatz und Eierschalen, eine literarische Mülltonne, der Abfall der Sprache war zur Sprache des Abfalls geworden.


Da ist das Treppenhaus voller Gestank „nach Dreck, übelstem Dreck, Urin, Erbrochenem, Leere“. Da sind die „Säufer mit nassen Hosen“, die „gesichtslosen Süchtigen“…
Um zu beschreiben, in welcher Ruine Lesser zurückbleibt, welches Haus er hier verteidigt, verwendet Malamud herrliche Bilder, denn natürlich kommen die Dunklen aus ihren Straßen, die Bettler und Obdachlosen, um alles mitzunehmen, was nicht niet- und nagelfest ist. Es wird in die Ecken uriniert und gekotet, selbst dann, wenn daneben noch eine Toilette vorhanden ist. Alles wird gestohlen, sogar Klosettöpfe verschwinden oder werden losgerissen, die Sitze mitgenommen…, Lesser fragt sich nicht umsonst:
Zitat von Malamud
… zu welchem Zweck? Als Hüte? Feuerholz? Pop-Art-Objekte? Um das Geschick der Menschen zu verhöhnen?

Es wirkt unheimlich, wenn man sich dieses zerfallene Haus mit den nächtlich schleichenden Schatten vorstellt, in dem lediglich die eine Wohnung von Lesser Zuflucht bedeutet, während alles andere um ihn herum einfach zerfällt, verwüstet wird, wo zum Dank für den schlechten Schlaf auf hartem Boden ein paar Scheiben eingeschmissen werden. Die Rastlosen verschwinden wieder, der Gestank bleibt.

Das nun sind die äußeren Umstände, aber dahinter… hinter starken Schlössern… liegt etwas anderes verborgen. Hier lebt ein Schriftsteller in seiner Vereinsamung und ist in seinem Streben nach dem Ideal gefangen.
Zitat von Malamud
„Er dachte lieber nicht daran, wieviel vom Leben er gar nicht erst zu nutzen suchte. Das war draußen, und er war drinnen.“

Die wirkliche Konfrontation mit sich selbst findet aber nicht statt, deutet sich nur darin an, dass er „das Schicksal des alten Hauses“ bedauert.
Doch, gerade diese Auseinandersetzungen sind nicht zu verachten, denn Lesser ist ein geborener Schriftsteller, der sich „an seinen Anker hält, an sein Gyroskop, seinen Zauberberg“ setzt.
Zitat von Malamud
Man kann Sprache nicht essen, aber sie stillt den Durst.

Zitat von Malamud

„Ein Gesicht ist ein Gesicht, es verändert sich, wenn es die Stirn bietet.“

… sagt sich Harry Lesser und befindet sich im Bedauern, sein Leben dem Schreiben gewidmet zu haben, wird aber sofort durch die Freude über das Ergebnis getröstet, die Belohnung des erfinderischen Selbst. Was der Schriftsteller seinem Schreiben opfert, wird gerade in der zerfallenen Behausung gut sichtbar, als würde er sich inmitten der Trümmer von Haus und dem eigenen Ich an sein unfertiges Buch klammern.
Hier stößt der Leser nun auf den Zweikampf zwischen Lesser und Levenspiel, dem Hausbesitzer, der tagtäglich mit Lesser um dessen Auszug ringt.
Für ihn gilt:
Zitat von Malamud
„Scheiß auf die Kunst, in dieser Welt ist es das Herz, auf das es ankommt.“

Durch Levenspiel und seine Probleme mit dem Alltag und Lesser und seinen Probleme mit dem Schreiben wird der Konflikt zwischen Leben und Kunst deutlich. Was hat Vorrang? Wer hat mehr Anrecht auf seinen Standpunkt? Lesser, der Schriftsteller, der der Welt ein Meisterwerk schenken will, dafür aber die gewohnte Umgebung benötigt (die ja lediglich nur noch in seinen drei Zimmern besteht, außerhalb längst verkommen und zerfallen ist) oder Levenspiel, der das Haus besitzt, es für ein neues abreißen will und auf seine eigenen Kümmernisse weist, der damit ebenso mit dem Leben ringt, wenn auch stark übertrieben von ihm formuliert, um Lessers Herz zu bewegen. Ihr reiben sich Materialismus und Kapitalismus am Idealismus und erschaffen dadurch ein hohles Geräusch. Dass zwischen diesen Konfrontationen das Schreiben immer schwieriger wird, ist verständlich, denn Lesser bekommt immer mehr Angst. Das Haus wird immer fremdartiger. Wo es am Anfang noch hieß:
Zitat von Malamud
Zu Hause ist, wo mein Buch ist.

… so heißt es jetzt bereits:
Zitat von Malamud
Zu Hause ist da, wo du, wenn du dort bist, nicht ermordet wirst; wenn es doch passiert, ist es kein Zuhause. Die Welt ist voll von unsichtbaren Menschen auf der Jagd nach Menschen, die sie nicht kennen.


Auch hört er auf einmal überall seltsame Geräusche, bis hin zu einer anderen Schreibmaschine, als würde er selbst irgendwo dort in den anderen Räumen schwer arbeiten, während er gleichzeitig hinausgeht, um für sich Brot und Milch zu besorgen und nun auf sich selbst trifft. Er muss unterscheiden, ob sein Hirn ihm einen Streich spielt, oder ob da wirklich einer in den leeren Räumen sitzt und schreibt. Lesser wird sogar neidisch auf dieses Geräusch, denn der Fremde arbeitet, während er selbst nur lauscht. Tatsächlich handelt es sich hierbei um einen echten Menschen, und zwar um einen Schwarzen namens Willie Spearmint, der eifrig schreibt, während Lesser als weißer Gegensatz im Augenblick nur vom Schreiben träumt. Beide Schriftsteller stehen einander gegenüber, und noch unterscheiden sie sich durch ihre Hautfarbe, ihre Art zu arbeiten, ihren Schreibstil, ihr Denken. Doch, sie sind beide vom Schreiben besessen, sind beide einsam, auf ihre Weise, auch wenn Willie eine weiße Freundin hat, sie wollen etwas bewegen und haben sich ihrer Literatur verschrieben. Die Gegensätze werden nach und nach langsam immer mehr aufgehoben.
Willie – dem Schwarzen – geht es um den Soul, um den Kampf der Schwarzen. Dazu will er „Kohle machen“, um endlich seinem ewig im Kopf ausgereizten Elend zu entkommen, Lesser – der Weiße und der Jude - ist auf der Suche nach dem Kunstwerk, dem lang anhaltenden Nachruf. Für beide wird die Arbeit zur Tortur, denn der eine will etwas bewegen, ohne richtig schreiben zu können, ihm fehlt die richtige Form, der andere kennt die richtige Form, weiß sie aber nicht zu Ende zu bringen, weil er nicht genau weiß, worüber er schreibt.

Zitat von Malamud
Ich schreibe es richtig, aber sage es falsch, dachte Lesser. Ich schreibe es richtig, weil ich es so oft überprüfe. Was ich sage, ist nicht überprüft und oft falsch. Dann dachte er: ich schreibe über Liebe, weil ich so wenig davon weiß.

Sie sind einander unangenehm, weil Lesser Willie als Eindringling empfindet, der ihn gleichzeitig neugierig macht, und Willie, in seinem Hass auf die Welt, ihn - den Weißen - sowieso von vorneherein ablehnt, aus Überzeugung und bissiger Verblendung. Trotzdem arrangieren sie sich miteinander, wollen wissen, wie der jeweils andere mit dem Schreiben und dem Leben umgeht.
Als Lesser endlich das Manuskript von Willie liest, das grässlich stinkt, sieht er diesen Fremden etwas deutlicher, der einfach so in sein Leben gepoltert ist. Auf einmal hat das Geschriebene keinen Geruch mehr. Malamud benutzt diese Form als Zeichen der Fremdheit, die sich allmählich auflöst. Der Weiße stinkt für den Schwarzen, der Schwarze für den Weißen, ihre Manuskripte strömen den Gestank der Verfremdung aus, die Mühe und den Schweiß der fremden Arbeit, zu der es schwierig ist, Zugang zu finden, gerade weil beide Schriftsteller einen eigenen Anspruch an ihre Arbeit stellen. Dazu kommen die Vorurteile, die übersteigerten Rassenkonflikte, die verbissene Suche nach eigener Selbstdarstellung. Der Schwarze ist schwarz und denkt schwarz, der Weiße muss schreiben, um leben zu können.
Lesser ist von Willies Manuskript tief bewegt, einerseits, weil dieser so viel Schlimmes erlebt hat, andererseits, weil er die Unvollkommenheit erkennt, die den Zeilen anhaftet.

Zitat von Malamud
Was kann ich einem Mann sagen, der soviel persönlichen Schmerz erduldet hat, soviel Ungerechtigkeit, für den – das ist klar – sein Schreiben Hoffnung und Erlösung bedeutet, der seinen Standpunkt dadurch bestimmt? Am Schluss wird er, wie es in den alten Sklavengeschichten erzählt wird, zur Freiheit gelangen, und zwar durch seine Einsicht, dass Schreiben Macht ist – sie steigt empor und trägt ihn mit sich -, aber hauptsächlich durch seinen Glauben, dass er, indem er schreibt, seinem Volk helfen kann, den Rassismus und die ökonomische Ungleichheit zu besiegen.

Aber das Ganze ist eben noch unausgereift, was Lesser Willie unsicher mitteilt, während dieser mit Wut reagiert, den kritischen Blick von Lesser nicht verkraftet, ihm vorwirft, er würde nie „schwarz fühlen“ können. Lesser sagt ihm:

Zitat von Malamud
Aber wenn die Erfahrung heißt, Mensch zu sein, und mich bewegt, dann hast du sie zu meiner Erfahrung gemacht. Du hast sie für mich erschaffen.


Doch Willie ist in seinen Vorurteilen und seinem eigenen Schmerz gefangen und will nicht verstehen:

Zitat von Malamud
„Die Kunst kann mir meinen feuchten Arsch lecken. Willst du wissen, was wirklich Kunst ist? Ich bin Kunst. Willie Spearmint, der schwarze Mann. Meine Form bin ich.“

Er denkt, das „jüdische Rattenhirn“ hätten Angst vor dem, was in seinem Buch steht, denn er hat sein Manuskript bereits an zehn jüdische Verleger geschickt, die es ablehnten. Lesser aber weiß, dass Spearmint einfach an seinem Stil arbeiten muss. Er fürchtet sich vor ihm als Schwarzen und vor der Reaktion als Schriftsteller, denn kann ein Schriftsteller einem anderen vermitteln, was an dessen Manuskript verkehrt ist, ohne dabei einfach die eigene Form aufzwingen zu wollen? Er kann ihm eigentlich nur in grammatikalischen Fragen zur Seite stehen oder höchstens als "Leser" reagieren und sagen, ob die Geschichte gewirkt hat.
Willie selbst drückt es dann so aus, als er über die Kritik von Lesser nachgedacht hat:


Zitat von Malamud
Die Kunst ist o.k., wenn sie einem sagen hilft, was man sagen muss, aber ich will nicht zu einem halbarschigen weißen Schriftsteller werden und auch nicht zu einem arschkriecherischen Neger, der die Weißen nachäfft, weil er sich schämt oder Angst hat, ein Schwarzer zu sein. Ich schreibe schwarz, weil ich schwarz bin, und was ich zu sagen habe, bedeutet für Schwarze etwas anderes als für Weiße – wenn du das kapierst. Wir denken anders als ihr, Lesser. Wir handeln und wir sind und wir schreiben anders. Wenn irgendeine weiße Ratte dir jeden Tag ein Stück schwarze Haut von deinem Arsch reißt, muss es etwas ganz anderes für mich und für dich bedeuten, wenn jemand sagt: „setz dich“; und darum muss schwarze Literatur andres sein als weiße. Die Worte machen sie anders, weil die Erfahrung anders ist.

Hier stößt das Aufeinanderzugehen auf seine Grenzen.
Auch Lesser muss sich letztendlich seinem Selbst stellen:

Zitat von Malamud
Ihm war todübel von diesem endlosen, unvollendeten, biestigen Buch, die Disziplin, die zum Schreiben notwendig war, hing ihm zum Halse heraus, dieses zu sehr einer Sache geweihte, im Grunde zutiefst beschränkte Schriftstellerleben. Es brauchte nicht so zu sein, aber für Lesser war es so. Was habe ich mir selbst angetan? Das habe ich mir angetan, dass ich nichts mehr sehe oder fühle außer durch Sprache.

Und auch, wenn ihm bewusst wird:

Zitat von Malamud
Es ist nicht alles, es ist nicht alles. Das Buch ist nicht der Schriftsteller, der Schriftsteller schreibt das Buch.

... so bleibt er gefangen in seinem "Dasein als Schriftsteller", wo er lediglich davon träumt, zu leben, wo er glaubt, dass er durch das Schreiben den Tod abwehrt, "weil man immer weiter schreiben muss". Für ihn gilt: "Kunst ist Aktion", für Willie gilt: "Aktion ist Aktion".

Das Nebeneinander-Leben und Sein der beiden Schriftsteller wird immer angespannter. (Herrlich eine Szene dazwischen, als Willie Lesser vor seinen schwarzen Kumpels rettet, die ihm "den Schwanz abschneiden wollen", weil er es mit einem schwarzen Mädchen (Freundin eines anderen Schwarzen) getrieben hat, indem er verlangt, dass Lesser und er sich gegenseitig auf das Schlimmste beschimpfen.) Sie belauern einander bis "aufs Blut", und als Lesser sich dann in die weiße Freundin von Willie verliebt, eskaliert alles und endet in jeglicher Tragik, die man sich nur vorstellen kann. Es bleibt offen, ob es Wirklichkeit oder Wahnvorstellung ist, da das ganze Buch ein Schwimmen zwischen Traum und Realität ist, zwischen Lessers Ideen und Hoffnungen, Willies Hass und Brutalität und dem neutral dazwischen tretenden Hausbesitzer, der von diesem ganzen Kampf nur die äußeren Bedingungen mitbekommt und das Haus endlich abreißen will.
Denn ja, sie sind vordergründig beide Schriftsteller, doch dahinter sind sie Menschen und darunter lauert das Raubtier, ein unbändiger Hass aufeinander, der geblendet von Vorurteil und Rassismus ist, in einer Gegend, die verkommt, wie ihre zwei letzten Bewohner. Auch, wenn ihr Hass unterschiedliche Beweggründe hat, so zerstört er sie letztendlich beide.
Das ideal geschriebene Buch endet dabei bei beiden Schriftstellern als leeres Blatt, als ein immer wieder aufgeschobenes Ende, das ewig Unvollendete. Den Schwarzen treibt sein Hass in die Schreiberei, der aus der Ungerechtigkeit seiner Lage, seiner Hautfarbe, seiner schlimmen Vergangenheit entstand, der verblendet in seinen Aggressionen nach Rache sinnt, seine Hautfarbe als Trennung benutzt, sich in ein Raubtier verwandelt, das in der Ungerechtigkeit nun seinerseits einen Grund wittert, ungerecht sein zu dürfen, den Juden treibt seine Unfähigkeit zur Liebe und zum Leben selbst in ein ähnliches Dilemma. Er schreibt, ohne zu leben, er schreibt über die Liebe, ohne zu wissen, was sie bedeutet. Er denkt, er liebt eine Frau, doch er versteht nicht, diese Liebe zu schätzen. Malamud verarbeitet hier etliche Konflikte, reißt den Leser in eine graue Welt der Unmöglichkeit, miteinander zu reden, und die Ironie dabei, dass beide Menschen schreiben, das Wort also als Waffe benutzen, und nicht miteinander sprechen können, verstärkt die ausweglose Situation. Beide nutzen das Buch als Ausdrucksmöglichkeit, als Schutzschild und Ausrede, um in wirklichen Leben nicht unterzugehen, ohne dabei zu bemerken, dass sie beide längst gescheitert sind, einzig durch ihr „Ideal“ und ihre völlige Unfähigkeit, hinter allem – hinter Rasse und Schriftstellerdasein – den Menschen zu erkennen.

Zitat von Antiphon
Lebend und mit offenen Augen nennt er uns seine Mörder.

(Antiphon, Tetralogie)

Malamud hat mich mit seinem Roman völlig gefesselt, so dass ich bald auch "Der Fixer" von ihm lesen werde - Fixer bezeichnet im Englischen übrigens eine Art Hausmeister, jemanden, der Dinge aller Art repariert. Zu "Die Mieter" gibt es auch einen Film (nicht mit Polanskis "Der Mieter" zu verwechseln, der sich an Roland Tupors surealen Roman "Der Mieter" hält). Der Film heißt "The Tenants" und ist unter der Regie von Danny Green entstanden.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.02.2009 16:44 | nach oben springen

#2

RE: Bernard Malamud

in Die schöne Welt der Bücher 12.05.2009 20:13
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Der Fixer

Es gibt keine falschen Bücher. Falsch ist nur die Angst vor ihnen.

Was mir an Malamuds Schreibstil gut gefällt, sind seine humorigen Zwischennuancen, selbst in ernsten Situationen. Da packt er Sätze und Szenen dazwischen, über die man in Lachen ausbricht, ohne, dass man es vorhersehen hätte können. Das sind Vergleiche oder einfach nur Aussprüche, manchmal Situationen oder Bemerkungen.
Bei „Der Fixer“ werden wir nach Russland geführt, wobei Malamud den Antisemitismus näher betrachtet und zeigt, wie ein Jude sich in dieser ungerechtfertigten Abneigung zurechtfinden muss. Malamud beginnt direkt blutrünstig, mit einem Kindermord, wo man eine ausgeblutete Leiche gefunden hat, um zu verdeutlichen, dass es sich um einen Ritualmord handelt. "Natürlich" nehmen die Leute an, die Mörder wären Juden gewesen.

Jakow Bok, der seinen Glauben verloren hat, von seiner unfruchtbaren Frau betrogen und verlassen wurde (zumindest aus seiner Sicht der Dinge), – „Der Tee schmeckte bitter, und Jakow gab dem Leben die Schuld daran“, bricht zu neuen Ufern auf, verlässt das Stedtl, um in Kiew ein neues Glück zu suchen. Nur ist es für einen Juden inmitten der antisemitischen Gesetze und Ansichten nicht gerade leicht, sein Glück zu finden. Aus Zufall rettet er einen Mann vor dem Erstickungstod, genauer, er findet ihn betrunken und mit dem Gesicht nach unten im Schnee und wird von seiner Tochter aus Dankbarkeit zum Retter ernannt, wo ihm der Gerettete dann als Belohnung nicht Geld, sondern Arbeit anbietet. Ausgerechnet dieser Mann trägt den doppelköpfigen Adler der „schwarzen Hundert“ an der Kleidung, womit er sich offen zu seinem Judenhass bekennt, und treibt Jakow in eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Es ist eine Chance, leben zu können, während er seine Religion vor dem Mann verschweigen muss; schließlich aber wird ihm bewusst, dass es eigentlich nichts Besseres sein könnte, als wenn ausgerechnet ein Antisemit einem Juden Arbeit verschafft, so nimmt er an. Doch durch die Tochter, die ein verkrüppeltes Bein hat und sich in ihn verliebt, wird ihm weitere Arbeit angeboten, als Aufseher in einer Ziegelei, wo er die Buchhaltung übernehmen soll und gleichzeitig auch ein Zimmer oberhalb der Fabrik beziehen darf, ausgerechnet in einem Stadtteil, in dem den Juden strengstens verboten ist, zu leben. (Es ist eine Schweinerei, dass Menschen Gesetze „gegen“ Menschen festlegen, wie in Russland oder auch in anderen Ländern z. B. die Judengesetze, wo die Juden auf bestimmte Gebiete und Rechte beschränkt wurden. Wer hat das Recht, solche Dinge festzulegen? Wer hat überhaupt das Recht, den Menschen in Gesetze zu drängen, die ihn seiner Freiheit berauben und ihn in ein System zwingen?)
Da er die Überwachung des Ziegeltransports bewerkstelligt, beginnen ihn die Arbeiter, die gerne klauen, „weil sie Menschen sind“, zu hassen und ihn als Spitzel zu betrachten. Diese Stellung, die er dort bezogen hat, weit weg von dem Gönner und seiner Tochter, macht ihn zu einem einsamen Menschen. So beginnt er sich mit der russischen Geschichte auseineinanderzusetzen, liest viel, sieht die Grausamkeiten der Vergangenheiten, die Russen gegen die Russen kämpfen, sucht Zuflucht bei Spinoza:
In Antwort auf:
Wenn es einen Gott gab, so hatte er, nachdem er Spinoza gelesen hatte, seinen Laden zugemacht und war zur Idee geworden.

… und beginnt selbst zu schreiben.
In Antwort auf:
„Ich bin in der Geschichte“, schrieb er, „und doch nicht in ihr. Ich stehe sozusagen weit außerhalb von ihr, sie geht an mir vorüber. (…)“

Das, was er schreibt, verbrennt er aus Vorsicht danach im Ofen.
In Antwort auf:
Niemand kann einen Gedanken verbrennen, selbst wenn man den Menschen verbrennt.


Nachdem Jakow einen alten Juden vor den Steinwürfen Jugendlicher rettet und kurz bei sich aufnimmt, geschieht das am Anfang des Buches genannte Verbrechen, ein zwölfjähriger Junge wird ausgeblutet in einer Höhle aufgefunden, es handelt sich ausgerechnet auch noch um einen der Jungen, die Jakow zuvor, weil sie in der Ziegelei herumschnüffelten, vom Hof gejagt hat. Die Bevölkerung wird unruhig und will ein Pogrom veranstalten. Die Schuld liegt eindeutig bei den Juden, es müsse gehandelt werden und Russland vor diesen gerettet werden. Als Jakow, der sich gefälschte Papiere machen lassen hat, diese abholen will, ist die Druckerei abgebrannt, er beschließt zu fliehen und wird noch auf der eigenen Treppe festgenommen, wo er zugibt Jude zu sein, jedoch unschuldig.

In der Haft trifft er auf den Untersuchungsrichter Bibikow, der ihn über Spinoza befragt.
In Antwort auf:
Frei ist man, wenn man eins ist mit dem Geiste Gottes. Und wenn man es ist, weiß man es. Gleichzeitig liegt die Schwierigkeit darin, dass man durch die Natur gebunden ist, wenn das auch nicht auf Gott zutrifft, der sowieso die Natur ist.


Und über die Notwendigkeit:
In Antwort auf:
Außerdem glaube ich, sie bedeutet, dass das Leben eben Leben ist und es keinen Sinn hat, es ins Grab zu stoßen.


Der Untersuchungsrichter fragt ihn:
"Würden Sie sagen, Sie hätten Ihre eigene Philosophie? Und wenn sie das behaupten – worin besteht sie?
Jakow antwortet:
„Wenn ich überhaupt eine habe, besteht sie nur aus Haut und Knochen.“

Danach beginnt für den Fixer die leidvolle Tortour in der Haft. Man klagt ihn an, der Mörder des Jungen zu sein, da er Jude ist, ohne ihn anzuklagen. Bis die eigentliche Anklage erhoben werden kann, muss er in seiner Zelle abwarten. Dazu werden religiöse Glaubensfragen, wie auch gesetzlich festgelegte Dinge näher beleuchtet, wobei sich die Ereignisse, diese kleinen Lügen Jakows, langsam nach und nach gegen ihn kehren.
Während die Zeit dahinfließt, muss sich Jakow dem Hass gegen ihn, gegen die Juden, seinem Unglauben, seiner Menschlichkeit stellen.

In Antwort auf:
Wenn man zu einer gewissen Art von Menschen gehörte, hielt sich der Tod von einem fern. Dann rührten die Leiden vom Leben her – von der Armut, den Irrtümern anderen gegenüber, den Schicksalsschlägen. Man lebte, man litt – aber man lebte.

… was mich das Leiden gelehrt hat, ist die Nutzlosigkeit des Leidens…


Obwohl das Buch in Russland spielt, ist darin kein wirklicher Tropfen russische Stimmung. Die Geschichte in ihren Grundpfeilern könnte überall spielen, wenn nicht der Zar und die Ungerechtigkeit gegenüber den Juden vorherrschen würden. Das liegt vielleicht daran, dass Malamud Amerikaner ist. Die einzige Menschlichkeit, die durchschimmert, ist die im Herzen des Juden, der sich gegen die Ungerechtigkeit wehrt. Die Russen wirken alle wie angriffslustige, hassende Bestien, fast jede Figur (außer einer Ausnahme – Bibikow) ist hässlich und falsch, genau das, was den Juden in diesem Buch als bösartige Anschuldigung vorgeworfen wird. Sie sind hintertrieben, sind Mörder, sind Hassende, sind dumm und grobschlächtig. Nichts erinnert auch nur an russische Begebenheiten, jedoch in jeglicher Hinsicht an jüdische. Der Jude, der unschuldig Gequälte, wo sich eine ganze Welt gegen ihn richtet und dieses Volk abgrundtief hasst, wird so sehr überbeleuchtet, dass es manchmal schon fast aufdringlich ist. Aber, das ist nun einmal der Inhalt der Geschichte. Die schrecklichen, in Russland gestarteten Pogrome, in deren grelles Licht Malamud seine Figur treten lässt. Am Ende schreit er: „Tod den Antisemiten!“, während sich am Rand der Straße weinende Juden das Gesicht zerkratzen – und, wenn man das Buch schließt, denkt man für einen kurzen Augenblick tatsächlich so blutrünstig. Zumindest denkt man: Jeder, der fanatisch hasst, sollte seinen eigenen Hass zu spüren bekommen. Da umfängt einen ein tiefes Mitgefühl für die Figur, den armen Menschen, der drei Jahre seines Lebens unter den schlimmsten Haftbedingungen verliert, weil er Sündenbock für eine falsche Hetze und eine falsche Regierung ist. Malamud versteht es, seiner Figur sympathische Züge zu verleihen, in seiner Bescheidenheit und in seinem Humor, in seiner Demut und seinem Unglauben, den er in Frage stellt. Jakow ist ein, aus der jüdischen Literatur bekannter Schlemiel-Typ, ein "Pechvogel einfacher Herkunft, unschuldig leidend, aber gerade darin moralisch groß". Durch den sehr einseitigen Blick erkennt man natürlich deutlich, dass Malamud selbst Jude ist, überzeugt und vielleicht selbst ein bisschen fanatisch.
Aber, wie heißt es so schön im Buch:
In Antwort auf:
Wo es keinen Kampf um Freiheit gibt, gibt es auch keine Freiheit.



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zuletzt bearbeitet 12.05.2009 21:36 | nach oben springen


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