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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

James Joyce

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 20:56
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ja, "Ulysses" - ein Werk voller Irrwege, tiefsinnigem Gespräch, absurder Unterhaltungen, konfuser Gedanken und herrlicher Einblicke.
Man gewöhnt sich recht schnell an das Chaos der Worte, und nimmt man sich die Originalsprache und die deutsche Übersetzung vor, findet man interessante Umsetzungen.
Dies ist kein Buch zum "einfach" Lesen oder zum Zeitvertreib. Hier ist ein ganzes Universum in Zeilen gebannt, die Welt James Joyce.

Joyce beschreibt in seinem Ulysses einen Tag, den 16. Juni 1905, in Dublin, während dessen er die beiden Hauptfiguren, den Anzeigenacquisiteuer Leopold Bloom und den Hilfslehrer Stephen Dedalus, auf ihren verschlungenen Wegen durch die Stadt begleitet.

Joyce schrieb bereits vorher selbst unter dem Pseudonym "Stephen Dedalus" Kurzgeschichten und hat ebenso selbst als Englischlehrer gearbeitet.
Als er mit "Ulysses" begann, sagte er zu einem Freund:

Ich schreibe zur Zeit an einem Buch, das sich auf die Irrfahrten des Odysseus stützt. Das heißt, die Odyssee dient mir als Grundplan. Nur ist meine Zeit die jüngste Vergangenheit, und die Irrfahrten meines Helden beanspruchen nicht mehr als achtzehn Stunden.

Interessant sind natürlich die Wortspielereien, die ganz plötzlich frei gebildeten Assoziationen und Abschweifungen. Auch wird jeder Protagonist, jeder Buchcharakter mit einer ganz eigens für ihn ausgestatteten Sprache versehen. Zum Beispiel ist die Erzählung um Stephen Dedalus herum sehr literarisch, mit vielen lateinischen Zitaten gespickt, während bei Bloom der "graue Mann", der sich gerne selbst reden hört, durchschimmert. Auch die drei Mädchen im 13. Kapitel, auf die Bloom am Strand trifft, sind in eine ganz eigene Sprache verpackt, naiv und blumig beschriebene Gedankengänge und Gespräche.
Oft werden wir aus dem inneren Monolog hinaus ins Geschehen geführt, treffen auf Situationen und landen wieder in den Gedanken. Dabei wechselt Joyce oft auch den Ton seines Schreibens. Mal in alter Sprache, mal in poetischer Tiefe, mal in Umgangssprache, mal bildhaft oder einfach im Erzählton.

Oft, wird man von einer Szene in die nächste gestoßen und muss sich wieder völlig neu orientieren.
Lesen als Spiel. Mir gefällt's!


Das 14. Kapitel, bei dem die Übersetzung ins "Altdeutsch" (?) abdriftet, bleibt in den ersten Sätzen ein Entziffern von Hieroglyphen. Erinnert ein bisschen an das Lesen von "Finnegans Wake", nur einfacher, nicht in dieser völligen Offenheit und Wortneufindung.
Hat man "Ulysses" im Orignial daneben, lässt es sich einfach verstehen, versucht man das Spiel im Deutschen, fällt mir auf, dass ein Darübergleiten hilfreich ist, um die Worte besser und schneller zu erfassen. Es ist, als ob man ein Bild nicht scharf stellt, sondern abgeschwächt, etwas verschwommen an sich vorbeigleiten lässt. "Schwebt" man so über die Zeilen, sind sie doch recht gut zu verstehen:
Hier ein Versuch für den, der daran Spaß hat:

In Antwort auf:
Doch ward des jungen Prahlhansens forcht versiegt von des Besenfftigers worten? Nein, denn er hett im busen eine stachel die hieß Bitterkeit und solche wolt sich nicht lassen wegthun durch worte. Und ward er denn weder Ruhig nun wie der eine noch Gottsförchtig wie der ander? Er ward es beids nicht so gerne ers auch geworden. Aber hett er sich nicht könen mühen das fleschgen Gottsforcht wieder zu finden welches er in Jugend besessen daß er darmit lebe? Nein, dieß vermucht er nicht denn er hett der Gnade nicht mehr dieß fleschgen zu finden.


Und nein, das sind keine Rechtschreibfehler.

Was ebenfalls sehr interessant an diesem Abschnitt von "Ulysses" ist, sind die zwei verschiedenen Ströme, die sich durch die Seiten ziehen. Zunächst ein Kauderwelch an Sprach- und Wortchaos, ebenso sind die Sätze vom Inhalt schwerfällig und höflich klassisch. Dann werden die Worte klarer, während auch das Sprachmuster einfacher wird und sich immer weiter in die neue Zeit wagt, bis es in der Umgangssprache endet und nun auch klar im Wort wird.
Hier also ein Spiel mit Wort und Inhalt, sich überkreuzend, ineinander fließend, schließlich aneinander anpassend...
Es kommt einem so vor, als beginne man ganz langsam mit dem Lesen und werde immer schneller, als entziffere man zuerst und erkennt dann immer klarer, als würde die Zeit immer schneller vergehen, desto leichter man auffasst. Und wo Joyce dann in verständigen Worten die Lücken füllt, die vorher in kleinen Rätseln verborgen gelieben sind, wird das Bild immer deutlicher. All das wirkt tatsächlich, als ob man einen Film betrachtet, der zunächst unscharf ist, als wäre die Kamera falsch eingestellt, ein Wirrwarr, das man ganz langsam entschlüsselt, bis sich das Bild immer weiter klärt und schließlich scharf ist, erkennbar in all seinen Einzelheiten.
Beeindruckend!
Einen Moment hält dieses Bild, dann verirrt es sich wieder ins Gebrabbel, verliert sich in wüstem Suff und Dialekt.
Wahrlich, een Kunschtwäärk, dies seltsam Geschwätz. Da würd wohl noch vielet jesacht werden müssen...



Ein paar Auszüge, wild herausgezogen, mal nur auf die Wortwirkung fixiert. Die Reihenfolge ist stimmig mit dem Romanablauf.
In Antwort auf:
Was? Wo? Ich kann mich an gar nichts erinnern. Ich behalte nur Ideen und Empfindungen.



In Antwort auf:
Du wolltest nicht niederknien, um zu beten für deine Mutter an ihrem Sterbebett, als sie dich bat. Warum? Weil du den verfluchten Jesuitenzug in dir hast, bloß dass er dir verkehrt herum eingeimpft worden ist.



Das lebendige Bild der Sprache:

In Antwort auf:
Mit einem Stoß seines Messers schnellte er seinen Tischgenossen je eine aufgespießte dicke Scheibe Brot zu.


Völlig faszinierend, wie Joyce Gedankengänge, Sprachwitz, Beschreibung an Landschaft, Einblick in Mythologisches miteinander verflechtet, das ein lebendiges Bild mit Abschweifungen entsteht…

In Antwort auf:
Sieh dir die See an. Was scheren sie Beleidigungen?



In Antwort auf:
Auch sie von der Erde verschwunden, Averrhoes und Moses Maimonides, dunkle Männer in Weise und Bewegung, die in ihren Spottspiegeln die obskure Seele der Welt aufblitzen ließen, eine Finsternis, leuchtend im Licht, doch vom Licht nicht begriffen.


In Antwort auf:
Die empörte Zeit prallt zurück, Zuck um Zuck.



In Antwort auf:
Narrengeschnatter. Sie wimmelten laut und unheimlich herum im Tempel, die Köpfe voll pausenlos schwirrender Flausen unter den linkisch getragenen Seidenhüten. Nicht die ihren: diese Kleider, diese Reden, diese Gesten.



Und Stephen hier im Selbstgespräch, im inneren Monolog, Explosion an Gedankentiefe:

In Antwort auf:
Unausweichliche Modalität des Sichtbaren: zum mindestens dies, wenn nicht mehr, gedacht durch meine Augen. Die Handschrift aller Dinge bin ich hier zu lesen, Seelaich und Seetang, die nahende Flut, den rostigen Stiefel dort. Rotzgrün, Blausilber und Rost: gefärbte Zeichen. Grenzen des Diaphanen Doch er fügt hinzu: in Körpern. Dann ward er ihrer Körperlichkeit gewahr noch vor ihrer Gefärbtheit. Und wie? Indem er mit der Birne dagegen stieß, gewiss. Also, nicht so hastig.


In Antwort auf:
Das tue ich, mit jeweils einem langen Schritt. Einen sehr kurzen Zeitraum lang durch sehr kurze Raumzeiten. Fünf, sechs: das Nacheinander. Genau: und das ist die unausweichliche Modalität des Hörbaren.



Und auch in den nächsten Kapiteln in schönster Joyce-Sprache:
In Antwort auf:
Der Mittag schlummert. Kevin Egan dreht Dynamit-Zigaretten zwischen den Fingern, die von Druckerschwärze verschmiert sind, seinen grünen Sorgenbrecher süffelnd wie Patrice seinen weißen. Um uns herum forken sich gierige Schlinger gewürzte Bohnen in den Schlund.


(Der grüne Sorgenbrecher steht hier für Absinth)

oder hier:
In Antwort auf:
All der schwere Sand hier ist Sprache, von Wind und Gezeiten abgelagert. Und dort, die Steinmale toter Erbauer…


Ein Fest der Poesie, wie ich finde.
In Antwort auf:
Ein Punkt, lebendiger Hund, wuchs in die Sicht, quer über die Sandfläche rennend. Gutergott, will der auf mich los? Sein freier Wille, Respekt davor. Du wirst nicht Herr sein andrer noch ihr Sklave.


In Antwort auf:
Danach also schmachtest du, nach dem Gebell ihres Beifalls?



In Antwort auf:
Ich werf’ diesen endlichen Schatten ab von mir, Menschengestalt, unausweichlich, ruf’ ihn zurück. Doch wär’ er, endlos, meiner noch, Form meiner Form.


In Antwort auf:
Eunuch. Auch ein Ausweg.



Bloom in bester Manier:
In Antwort auf:
Und ich hab zurückgelächelt. Ein Lächeln geht einen langen Weg. Bloß Höflichkeit vielleicht.


In Antwort auf:

Ein leerer Leichenwagen trabte vorbei, vom Friedhof kommend: sieht richtig erleichtert aus.



Und zur Kunst:

In Antwort auf:
Die Kunst hat uns Ideen zu offenbaren, formlose geistige Essenzen.
Die oberste Frage an ein Kunstwerk ist, aus wie tiefem Leben es geboren ward.


und


In Antwort auf:
Wie wir (… ) unsere Körper weben und entweben (… ) von Tag zu Tag, unter fortwährendem Herüber-und Hinüberschießen der Moleküle, so auch webt und entwebt der Künstler sein Bild.


Wie gesagt, ein Fest:

In Antwort auf:
Eingesargte Gedanken um mich herum, in Mumientruhen, einbalsamiert in Wortspezerei.



Joyce in Person seiner Jugend (Stephen) spielt oft mit dem Gerücht, dass Bacon möglicherweise die Shakespeare-Dramen geschrieben haben könnte.

In Antwort auf:
Guter Bacon: muffig geworden. Shakespeare der Hafer, der Bacon sticht.


Überhaupt hinterfragt er, wer denn nun Shakespeare tatsächlich gewesen sein könnte.
Besonders beeindruckt hat mich die Auseinandersetzung von Stephen über Shakespeare und Hamlet.
Hier ist man genötigt, sich ein bisschen Hintergrundwissen anzueignen, ein bisschen nachzuforschen, von was Stephen da eigentlich redet. So stieß ich bei mir auf interessante Wissenslücken, die nun gefüllt sind.
Ich wusste zum Beispiel vorher nicht, dass "Hamlet" gar nicht durch Skakespeare erfunden, sondern nur umgeschrieben bzw. ausgebaut wurde, Vorlage war eine altdänische Sage des dänischen Historikers Saxo Grammaticus. Bei ihm heißt Shakespeares "Hamlet" "Amletus", dieser ist ebenso Zentralgestalt, nur ist dieser ein grausamer Rächer, wogegen Shakespeare seinen Hamlet in den renaissancehaften Zweifler und Zauderer verwandelte, der seinen legendären Vorläufer im allgemeinen Bewusstsein fast vollständig verdrängte.


Thema bei Stephen: HAMLET WAR SEIN EIGENER VATER.
Grundsätzlich entfacht sich also folgende Frage: Wenn der Vater, der keinen Sohn hat, kein Vater ist, kann dann der Sohn, der keinen Vater hat, ein Sohn sein?

Man kann, wenn man will, den Gedanken ja noch ein bisschen weiter spinnen. Hier muss man sich natürlich ein bisschen mit dem echten Leben Shakespeares auseinandersetzen. Shakespeare hatte drei Kinder, davon waren zwei Zwillinge. Einer davon, Sohn Hamnet, starb im Alter von elf Jahren in Folge der Pest, was ihn (Skakespeare) dann (abstrakt gesehen) zu einem Vater machte, der kein Vater (mehr) war.

Hier steht der Verdacht, dass Skakespeare durch den Tod dieses Sohnes die Figur des Hamlets entwickelte.

Als Ruthlandbaconsouthamptonshakespeare oder ein anderer Dichter nämlichen Namens in der Komödie der Irrungen den Hamlet schrieb, war er nicht bloß der Vater seines eigenen Sohnes...
(Hamnet) sondern da er kein Sohn mehr war (Shakespeares Vater John Shakespeare starb, danach schrieb William seinen Hamlet), war er und fühlte er sich als Vater seines gesamten Geschlechts, als Vater seines eigenen Großvaters, als Vater seines ungeborenen Enkels, der ebendeshalb nie geboren wurde, denn die Natur (… ) verabscheut die Vollkommenheit.

Was seine Familie betrifft (… ) so lebte seiner Mutter Name im Wald von Arden. Ihr Tod brachte ihm die Szene mit Volumnia im Coriolan. Seines Knabensohns Tod ist die Sterbeszene des jungen Arthur im König Johann. Hamlet, der schwarze Prinz, ist Hamnet Shakespeare.

Das Motiv der Verbannung, Verbannung aus dem Herzen, Verbannung aus der Heimat, erklingt ununterbrochen, (… ) Es verdoppelt sich in der Mitte seines (Shakespeares) Lebens, klingt auf in einem andern, wiederholt sich… Es wiederholt sich abermals, als dem Grabe nah ist, als seine verheiratete Tochter Susan(na), ein Apfel, nicht weit vom Stamm gefallen, des Ehebruchs angeklagt wird. Aber es war die Erbsünde, die seinen Verstand verdunkelte, seinen Willen schwächte und eine starke Neigung zum Bösen in ihm hinterließ. (… ) Es steht zwischen den Zeilen seiner letzten geschriebenen Worte, es ist zu Stein geworden auf seinem Grabmal, unter dem die vier Knochen seiner Frau ihre Ruhe nicht finden sollen. Nicht hat es Alter hinwelken können. Schönheit und Friede haben es nicht getilgt. Es kehrt in immer neuer Reizung wieder, allüberall in der Welt, die er geschaffen hat, (… )

Er ist der Geist und der Prinz. Er ist alles in allem.

Er hat keine Lust am Manne, und am Weibe auch nicht (… ) Nach einem Leben der Abwesenheit kehrt er an den Fleck Erde zurück, da er geboren ward und wo er immer gewesen, Mann und Knabe, ein stummer Zeuge, und dort, wo seine Lebensreise endet, pflanzt er sein Maulbeerbäumchen in die Erde. Und stirbt. Der Pulsschlag hemmte sich. Totengräber begraben Hamlet père und Hamlet fils. Ein König und ein Prinz zuletzt im Tode, mit Begleitmusik. Und, wenn denn auch ermordet und verraten, so doch beweint von allen schwachen zarten Herzen, denn, Däne oder Dubliner, Schmerz um die Toten ist der einzige Gatte, von dem sie nie geschieden werden wollen.


In Antwort auf:

Jedes Leben besteht aus vielen Tagen, immer einem nach dem andern. Wir schreiten durch uns selbst dahin, Räubern begegnend, Geistern, Riesen, alten Männern… Doch immer imgrunde uns selbst.



Bleibt noch im Worte Haines zu sagen:
Shakespeare ist der ewige Jagdgrund für alle Köpfe, die aus der Balance geraten sind.

Und was ist großartig von Shakespeare übrig?

In Antwort auf:
Sein oder Nichtsein. Weisheiten auf Abruf.



Aber, zu Bloom zurück, dem alten Joyce:

In Antwort auf:
Manche Leute, sagt Bloom, können wohl den Splitter im Auge des anderen sehen, aber den Balken im eigenen, den sehen sie nicht.


In Antwort auf:
Ihr kunstloses Erröten entmenschte mich.


Aber von dort zum Theaterstück, auch hier macht sich Joyce einen Spaß.
Zum Eindruck:


In Antwort auf:
PADDY DIGNAM (der Tote): Es ist wahr .Es war meine Beerdingung. (… )
BLOOM (mit Triumph): Sehen Sie?
PADDY DIGNAM: Bloom, ich bin Paddy Dignams Geist. Hör’, hör’, oh höre!
ZWEITER WACHMANN (bekreuzigt sich): Wie ist das möglich?
ERSTER WACHMANN Das steht nicht im Kleinen Katechismus.
PADDY DIGNAM: Durch Metempsychose. Spuk.
EINE STIMME Ach du dickes Ei.
PADDY DIGNAM…



Küsse werden lebendig, umschwirren ihn, tirilierend, zwitschernd. Das nenne ich doch mal ein Bühnenstück, wohl die Gedanken Blooms, gemischt mit seinem Schuldbewusstsein? Das Stück hier herrlich absurd, Zwischenrufe und Meinungswechsel, völlig hin und her gerissenes Gespräch. Die Grundstruktur liegt wohl darin, dass sich die Herrschaften in einem Bordell aufhalten. Die Strasse davor ist wohl Schauplatz. Bloom ringt mit sich und seinen intimen Wünschen, lässt sich zunächst anklagen und fast von den Damen, denen er angeblich schlüpfrige Briefe geschrieben hat, durchwalken, bis der Umschwung erfolgt und nun in Lobgesang gesungen wird. Er lässt sich salben und träumt sich als König, Herrscher.

Spiel... Schauspiel... Lachen... Spiel:

In Antwort auf:
EINE MILLIONÄRIN (reich): Ist er nicht einfach wundervoll?
EINE ADLIGE DAME (adlig): Was der Mann alles gesehen hat.
EINE FEMINISTIN (männlich): Und getan!



Auch französische Wortspiele hier von Joyce:
die Zweideutigkeit dabei nur im Klang, nicht im Schriftbild oder Inhalt.

jeunesse se passe klingt auch wie: wie Je ne sait pas.

Von diesen Spielereien hat er noch weitere gestreut.

Doch zurück zum schönen, tiefen Worte:

In Antwort auf:
Tod ist die höchste Form von Leben.


In Antwort auf:
Gott schütz deinen Verstand, der weiß mehr, als du je vergessen hast.


In Antwort auf:
Am Anfang war das Wort. Am Ende die Welt ohne Ende.



Nun zum 15. Kapitel, das sich erneut wie ein Theaterstück liest.
Zwischen den Dialogen herrliche Beschreibungen:

… den Mund in harten Falten vorgestülpt, die Augen steinig verloren geschlossen, psalmodiert in fremdartiger Monotonie…

Die siamesischen Zwillinge, Philipp Suffkopp und Philipp Nüchtern, zwei Oxfort-Dons mit Rasenmähern, erscheinen in der Fensternische. Beide sind mit Matthew Arnolds Gesicht maskiert.

Dieses Kapitel ist also die Phantasie von Stephen, eine Halluzination, in der sich alles Gesagte und Erlebte zu einem Theaterstück wandelt, in dem am Ende gar der von dem jungen Fidelen bewunderte Shakespeare auftritt, freilich als Abbild in einem anderen Menschen. Der bärtige Mann wandelt sich wieder in die Züge des bartlosen Shakespeares, heißt es da. Hier nun scheint mir der bartlose Jüngling Hamlet zu erscheinen, den aber Shakespeare in Stephens Phantasie verkörpert, der wiederum natürlich ein völlig anderer ist. Wieder Anspielungen auf die Hamlet-Idee:
Er weist per Algebra nach, dass Hamlets Enkel Shakespeares Großvater ist und er selber der Geist seines eigenen Vaters.

Oft die völlige Undurchsichtigkeit in allem Detail, nur ein grober Überblick. Bloom und Stephen befinden sich in einem Bordell, wo sich Prostituierte und Nymphen umschweben. Vielleicht wächst das Weibsbild in der Phantasie zur Nymphe, die unberührt und ohne Geschlecht ist. Ein reines Abbild in allem Sumpf der Verderbtheit. Stephen wurde im anderen Kapitel schon so betrunken, dass alles, was an Dialogen hier hin und her streift, wohl sein Abbild einer Wirklichkeit ist, ein Gespräch wie auf der Bühne, ein Streit und Schimpf, ein Ringen mit der Erregung und Abneigung. Stephen dazwischen „plappert mit marionettenem Zucken“, während Bloom sich der Beschimpfung stellt. Frauen, die ihm sein Wesen, sein Ehebrechen vor Augen führen. Bloom wehrt sich dagegen in Berichten aus seiner Jugend.
Es ist anstrengend zu lesen, weil es ein Zickzacksprung zwischen den Gemütern ist. Und nicht nur der Mensch spricht hier, sondern auch die Türklinke, die Sünden der Vergangenheit, das Schlaftal.
Die Situation, als Bloom auf seine Tochter trifft, wirkt wie ein kurzes Aufflackern an Schuldbewusstsein, das sich schnell wieder verzieht. Im Großen und Ganzen ist es ein Ringen um das Selbst mit der Bloom'schen und überhaupt männlichen, wie auch weiblichen Geilheit. Dazwischen der „Schmutz“, der gierig Bietende, das ohrenbetäubende Ordinäre der Huren.
Am Ende bricht Stephen auf der Strasse zusammen, worauf Bloom sich um ihn kümmert und ihn unter seine Fittiche nimmt. Das nächste Kapitel ist wieder übersichtlicher geschrieben, doch noch einmal in schönster Erinnerung:

In Antwort auf:
SHAKESPEARE: (in würdevollem Bauchrednerton): Solch lautes leeres Lachen verrät den leeren Geist.





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#2

RE: James Joyce

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:03
von Cora
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Danke für die Buchbesprechung Annelie,
ich habe Ulysses zwar auch schon angelesen, aber dann wieder zur Seite gelegt. War mir dann doch etwas zu "schwerfällig".
Man sollte wirklich Zeit haben für Joyce
Werke.
Sie muten an, als wären sie mit einem
ihnen eigen innewohnenden Geist geschrieben, der sich gegen das "schnell mal eben lesen"
sperrt.
Ich nehme mir Joyce Werke im Winter wieder zur Hand, dann hab ich mehr Ruhe.
Gerne ziehe ich dann deine Überlegungen mit
hinzu.
Momentan lese ich noch "Der Unberührbare".
LG
Cora

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#3

RE: James Joyce

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:11
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Hallo Cora,

ja, Joyce ist nicht für die ... na sagen wir mal ... "Leseentspannung" geeignet. Es sind so viele geschichtete Tiefen darin und so viel absurdes Spiel, dass man ihn manchmal hinter den Zeilen lachen hört.
Bin gespannt, wie dein Eindruck ist.

Sei herzlich gegrüßt
Taxine




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