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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Marcel Proust

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:23
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Balzac, das ist die menschliche Komödie (oder Tragödie), Proust hingegen die Tragödie (oder Komödie) eines Menschen.

(Mauriac „Proust“)


Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust wer ist nicht schon häufiger in seiner verlorenen (und wiedergefundenen) Zeit verschwunden, ganze Orte wurden nach seinen Romaneindrücken umbenannt. Proust, als ein Erfinder einer anderen Zeitmaschine, der sich dem Gedankengang verschreibt, dafür abschweift und sich nicht die Mühe macht, das Ganze zu komprimieren, stattdessen den Leser in seine Welt führt und ihm die Schönheit seines Denkens, Erinnerns und seine bildhafte Sprache vermittelt, hat, ganz im Gegenteil, sein Werk bis ins Kleinste geplant und wie eine ganze Kathedrale erbaut. Ein Satz aus dem Anfang entfernt, so schrieb Proust einmal an Francois Mauriac, würde das ganze Gebäude zum Einsturz bringen, jene Gedanken am Anfang stimmen also überein mit den späteren Begebenheiten. Alleine das ist schon faszinierend, von der Sprache einmal abgesehen, in der sich lange schwelgen lässt, auch wenn im Grunde über viele Seiten hinweg nichts geschieht, Proust sich stattdessen in Details und deren Details versenkt, was den Text selbst nie unterbricht, eigentlich erst den Erzählstil ausmacht. Für Prousts Werk braucht es Zeit, viel Zeit und Freude, sich ganz seiner Welt hinzugeben, sie zu genießen, während man sich die poetischen Bilder auf der Zunge zergehen lässt und mit ihm abschweift, über die Längen so mancher Beschreibung, in denen er genauso schwebt, wie der Leser. 4000 Seiten und mehr hat er hinterlassen, aus denen man so schnell nicht wieder entkommt, die alleine für sich das Werk ausmachen, jedoch als „die Arbeit“ keinesfalls ausreichten. Proust machte Vorstudien zu seinen Romanen, bis er sich ans Werk setzte, dieses dann noch einmal überarbeitete.


Marcel Proust hat niemals etwas nur erfunden, was ihn selber betraf oder in seinen Büchern jenem Erzähler zugeschrieben wird, mit dem er – abgesehen von bestimmten, im Rahmen eines Romans unvermeidlichen Umsetzungen – fast völlig zu einer Person verschmilzt.


(Mauriac „Proust“)

Proust wurde am 10. Juli 1871 in Auteuil geboren und ist am 18. November 1922 in Paris gestorben. Dazwischen lag die Welt, die er betrat und beobachtete, erfasste und verarbeitete, als Beobachter von Nuancen. Proust konnte stundenlang einen Rosenstrauch betrachten und sich in die Details versenken, ebenso war ihm wichtig, über das, wovon er schrieb, genauste Kenntnis zu besitzen. Es genügte ihm nicht, etwas nur kurz zu skizzieren, die Handhabung, Verwendung, die Herstellung, das Material und vieles mehr musste ihm bekannt sein, um überhaupt in der Beschreibung näher betrachtet zu werden.

Über das Werk von Joyce wurde gesagt, dass man Dublin nach seiner Beschreibung, würde es je in irgendeiner Form vernichtet, detailgetreu wieder aufbauen könnte. Für das Werk von Proust gilt dasselbe. Dem schwer asthmakranken Proust wurde sein Werk zum Leben, er arbeitete irgendwann in einem Raum, der mit Kork ausgelegt war, um so Schalldichte zu erreichen, ganz so, als wollte er keinen Gedanken verlieren, keinen Eindruck vorbeiziehen lassen.
Seine Krankheit fesselte ihn ans Bett. In seinem Buch findet er die Freuden vergangener Jahre wieder, die an die Stelle wirklichen Erlebens treten, das heißt, einer Gegenwart.

Die ersten Entwürfe von "A la recherche du temps perdu" finanzierte Proust aus eigener Tasche. Berühmt ist das Verlagshaus Gallimard für seine Ablehnungen großer Schriftsteller, darunter neben Proust auch Joyce. Bei Proust stellte sich André Gide quer, der das Manuskript mit kleinster Schrift überflog und annahm, es würde sich um eine Geschichte voller Herzoge und Herzoginnen halten. Hinterher bereute er seinen ersten Eindruck und entschuldigte sich bei Proust. Im Brief bekannte er, dass er die "Recherche" nicht mehr zur Seite legen könne.
In diesem Sinne trifft Prousts eigene Ansicht zu, die er in "Swanns Welt" festhält. Dort behauptet er:

Zitat von Proust
Wir sind sehr langsam darin, in der besonderen Physiognomie eines neuen Schriftstellers das Modell mit der Aufschrift „große Begabung“ im Museumsbestand unserer Allgemeinvorstellungen herauszuerkennen. Gerade weil es sich um ein neues Gesicht handelt, stellen wir die Ähnlichkeit mit dem was wir ein Genie nennen, nicht gleich fest. Wir sprechen von Originalität, Charme, Differenziertheit, Kraft; und dann, eines Tages, machen wir uns klar, dass gerade das den großen Schriftsteller ausmacht.



Gide gesteht Proust auch, dass er homosexuell ist, Frauen für ihn immer nur eine Liebe im Geiste seien. Prousts Beziehung zu seinem Chauffeur Agostinelli, mit dem er viele Reisen machte, weckten schließlich die Lust, ihn als Sekretär einzustellen, wobei dieser dann alles Handschriftliche auf der Maschine abschrieb. Der kluge und sensible Agostinelli ist eines der Vorbilder für die Romanfigur Albertine, Mauriac spricht in seiner Monografie auch von dem Kammerdiener Albert. Proust wandelte seine Liebe zu Albert im Buch in ein anderes Geschlecht um, was an der Liebe selbst jedoch nichts änderte. Alle Freuden und Leiden der Liebe gleichen sich, so dachte Proust. Er machte aus Albert auch darum Albertine, um seiner Mutter keinen Kummer zu bereiten. Erst nach ihrem Tod wurde er offener innerhalb dieses Themas, wenn er selbst auch sein „Anderssein“ nie akzeptieren wollte.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.04.2012 22:04 | nach oben springen


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