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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

B. Traven

in Die schöne Welt der Bücher 16.03.2009 11:09
von Martinus • 3.194 Beiträge
Die Baumwollpflücker, Roman

„Ich fühle mich als Arbeiter, namenlos, ruhmlos wie jeder Arbeiter.", schrieb B. Traven einmal, der seine Person als Pseudonym tarnte, ein Geheimnis, das inzwischen aber als gelüftet gilt (siehe hier). 1923 kam er nach Mexiko und schrieb abenteuerliche, sozialkritische Romane. Traven schrieb immer aus der Perspektive der Verarmten und Unterdrückten. Wegen ihrer humanitären Aussage halte ich sein Werk für bedeutsam. Aus Tucholskys Munde entsprangen die Worte, B. Traven sei ein episches Talent größten Ausmaßes. „Die Baumwollpflücker“ sind autobiografisch orientiert. Genauso wie sein Held Gales trieb Traven vagabundierend als Gelegenheitsarbeiter in Mexiko umher: Er hat auf Ölfeldern gearbeitet, als Baumwollpflücker, in einer Bäckerei und als Viehtreiber....

Durch B. Traven's Roman erfahren wir sehr viel über die soziale Situation der Arbeiter in Mexiko in der 20er und 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Bemerkenswert oder doch eher erschreckend ist, das wir Parallelen zu unserer Gesellschaft wiederfinden.

Zitat von Traven
...der Trick, den sie mit den Arbeitslosen spielen. Überall wird angeworben, weil sie nicht wissen wer kommt und wer nicht kommt...der Farmer hat dann die Auswahl, sich die Billigsten auszusuchen und den Pflückerlohn zu pressen, weil der arme Teufel nicht mehr fortkann; er muss flücken, und wenn ihm nur drei Centavos für das Kilo geboten werden.



Er konnte nicht mehr wegfahren, weil er seine letzten Pesos für die Hinfahrt zum Landwirt ausgegeben hat. Die Entgeltpresserei erleben wir auch heute, wenn z.B. in einem Altenheim lieber eine polnische Mitarbeiterin angesellt wird, die sich mit 5€ /h zufrieden gibt, als eine teure Fachkraft. Die Arbeitsaufträge, die Gales bekam, waren alle nur vorrübergehend, denn wenn z.B. die Zeit des Baumwollpflückens vorbei war, dann war auch der Job weg. Es ist ähnlich so, wie man heute von einem befristeten Arbeitsvertrag in den nächsten befristeten Vertrag rutscht. Das Szenario geht weiter: Als Baumwollpflücker verdiente Gales pro Kilo acht Centavos, weil er ein Weißer ist, das sind zwei Centavos mehr, als die Schwarzen bekommen. Wen man es mit heutigen Zuständen vergleichen will, so komme ich auf den Gedanken, dass Mitarbeiter von einer Zeitarbeitsfirma weniger verdienen, als diejenigen, die beim Betrieb fest angestellt sind. Überhaupt, die Gelegenheitsarbeiter, die in Mexiko von einer befristeten Arbeit zu einer nächsten geschritten sind, erinnern ebenso an diverse Einsätze von heutigen Leiharbeitern (was für ein diskriminierendes Wort).

Zitat von Traven
Für ein Kilogramm Baumwolle pflücken bekamen wie sechs Centavos, ich ausnahmsweise acht. Und ein Kilo Baumwolle ist beinahe ein kleiner Berg, den zu schaffen man unter ständigem Bücken in der mitleidlosen Tropensonne zweihundert bis fünfhundert Knollen ausrupfen muss.


Dazu gab es eine äußerst bescheidene Ernährung: Im Wechsel „den einen Tag schwarze Bohnen mit Pfeffer, den nächsten Tag Reis mit Pfeffer“ und dann wieder von vorne. Dazu gab es selbstgebackenens Weizen-oder Maismehlbrot, was entweder kleistrig oder zu Kohle verbrannt war..usw. Alles trotz harter Arbeit äußerst karg. Dabei hatten die Leute Kleidung, die man eher als Flickfetzen bezeichnen konnte. Im Grunde genommen arbeiteten die Menschen auf den Baumwollfeldern unter dem Niveau einer Grundsicherung, wie wir es in Deutschland zu pflegen sagen. In dem damaligen Mexiko gab es keine zusätzlichen staatlichen Hilfen. Wie es dort heute ist, weiß ich nicht. Ich denke aber, inzwischen müsste es dort besser gehen, denn schon in Travens Roman wird eine Streikwelle der Bäcker ins Leben gerufen, um bessere Rechte der Bäcker durchzusetzen, dass eben nicht all der Gewinn in die Taschen des Chefs landet, sondern Mitarbeiter gerecht entlohnt werden. Es ist schon bezeichnend, wie Señor Doux, der Konditormeister, herumknausert, seinen Mitarbeitern mehr Rechte zu gönnen.

Bemerkenswert finde ich das Plädoyer für Huren. Traven verliert nie den Blick auf die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehend für ihr Dasein kämpfen müssen, sei es ein arbeitender Indianer oder eine Prostituierte. Dieses macht den Roman und allgemein gesprochen Travens Werk so humanitär. Seine Romane haben uns, wie wir am Beispiel der Baumwollpflücker gesehen haben, immer noch etwas zu sagen – gerade in unserer wirtschaftlichen Krisenzeit.

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 16.03.2009 11:10 | nach oben springen

#2

RE: B. Traven

in Die schöne Welt der Bücher 17.11.2010 16:25
von Jatman1 • 1.117 Beiträge

Habe ich mal als Kidi gelesen. Habe es gut in Erinnerung. Aber keinen Inhalt mehr. Dann die Biographie gelesen. Ich kann mich nur an meine Begeisterung erinnern, habe sie natürlich verborgt. Nunja. Ich habe sie mir vor gut 3 Wochen nochmal bestellt.
Grad mal hingegriffen. Sie ist von Rolf Recknagel, Reclam. Mensch das Ding hat ja einen 150 seitigen Anhang. Sowas hat mich damals natürlich überhaupt nicht interessiert. Wenn ich sie gelesen habe, sach ich nochmals hallo. Insofern interessant, wie man eine Biografie nach 30 Jahren Abstand empfindet.


www.dostojewski.eu
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