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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Junichiro Tanizaki

in Die schöne Welt der Bücher 27.05.2010 22:45
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Insel der Puppen

Für den Unwissenden den Trug der Welt. Für den Erleuchteten das Wissen, dass alles eitel ist.

Um mein Interesse an japanischer Literatur erneut aufzufrischen, nahm ich mir ein kleines Buch von Junichiro Tanizaki vor, knapp 150 Seiten. Er wurde am 27. Juli 1886 in Tokio geboren und verstarb 1965 ebenda. Er war in Japan einer der bekanntesten Autoren zeitgenössischer Literatur und sogar ein favorisierter Kandidat für den Nobelpreis. Seine Romane, so heißt es, gestalten den Kontrast zwischen Tradition und Moderne in immer neuen Problemstellungen. Das bekannteste Buch von ihm ist „Der Schlüssel“, in dem er ein delikates Problem als eine Tagebuch-Chronik der sexuellen Spannungen aufgreift. (Bald mehr dazu.) Hier nun also erst einmal ein Blick auf „Insel der Puppen“.

Betrachtet man das Alter des Buches (1929 geschrieben), ist die moderne Sprache und Sichtweise, gerade unter japanischen Umständen, erstaunlich. Man bemerkt den westlichen Literatureinfluss auf Tanizaki, spürt seine Neigung zum Ästethizismus und den stets strengen und auch liebevollen Blick auf Japan. Sowohl geschichtlich als auch literarisch (kulturell) gewinnt der Leser tiefe Einblicke. Zum Beispiel über den verborgenen Sinn in Gedichten und Liedern:

Zitat von Tanizaki
Der wahre Reiz dieser Lieder liegt darin, dass es ihren Dichtern ziemlich gleichgültig war, ob die Masse der Hörer sie verstand oder nicht. Es genügte ihnen, wenn ein paar Begeisterte den Sinn zu entschlüsseln suchten. Schließlich wurden die meisten Lieder von Blinden verfasst, und gerade die haben etwas Dunkles, Rätselhaftes an sich.



Ganz kurz nimmt man an, der Protagonist Kaname würde seine Frau Misako des Ehebruchs verdächtigen, doch schnell stellt sich heraus, dass beide Ehepartner sich seit langem einander entfremdet haben. Misako pflegt längst eine Beziehung zu einem anderen Mann und Kaname duldet diesen Zustand, während sie versuchen, einen Ausweg aus dieser Misslage zu finden.

Vor dem Hintergrund eines traditionellen Bunraku-Puppenspiels (siehe unten) entwirft Tanizaki das Drama einer gescheiterten Ehe in ihrer Schwierigkeit, sich zu trennen. Sie müssen Rücksicht auf ihr Kind Hiroshi nehmen, auf die gesellschaftlichen Konventionen…

„Vermutlich gibt es im Westen Länder, in denen wegen solch einer Angelegenheit kein Mensch eine Miene verziehen würde. Allein Japan ist noch nicht soweit…“

… und vor allen Dingen auf die eigene Unentschlossenheit und Furcht. Hierbei tritt jener kulturelle Konflikt zutage, mit dem Tanizaki sich einen Namen gemacht hat, zwischen japanischer Tradition und Moderne.
Gerade Kaname und Misako sind der Moderne zugeneigt, während der Vater Misakos die Traditionen Japans pflegt, zu jenem Puppenspiel einlädt und dort mit seiner wesentlich jüngeren Geliebten aufkreuzt. Ein erneutes Verstellen und Spiel „Die glückliche Ehe“ beginnt. Misako ekelt sich vor ihrem Vater und hält ihn in moderner Denkweise für einen alten Lüstling, Kaname dagegen träumt von gleicher Möglichkeit, nur westlich umgesetzt.

Zitat von Tanizaki
„Allerdings schien es ihm ungerecht, nur wegen seiner Neigung zu ausländischen Dingen als „flach“ angeprangert zu werden. Er hatte dafür nämlich einen in seinen Augen durchaus triftigen Grund: Eine rein japanische Geschmacksrichtung, so wie sie der alte Herr vertrat, entsprach den Begriffen der Edoepoche (Anmerkung: In Edo, dem heutigen Tokio, regierten von 1603 bis 1868 Shogune (d. h. Militärdiktatoren) aus der Familie Tokugawa. Das geistig-kulturelle Zentrum verschob sich erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts von Kioto und Osaka nach Edo.), jenem Zeitabschnitt von zweieinhalb Jahrhunderten vor der Restauration von 1868, und Kaname hatte für die Edoepoche nichts übrig. Er lehnte sie scharf ab, doch es wäre ihm reichlich schwergefallen, dem alten Herrn die Gründe seiner Ablehnung verständlich zu machen. Sich selbst glaubte er seine Gegnerschaft sehr einfach erklären zu können: Die Edokultur war geprägt von Derbheit der Kaufmannsschicht, und wohin man auch sah, überall begegnete man dem Dunst des Marktplatzes. Nicht dass Kaname diese Atmosphäre von vorneherein widerwärtig gewesen wäre. Er war im Kaufmannsviertel Tokios aufgewachsen, bevor das Erdbeben es zerstörte. Der Gedanke daran erfüllte ihn zuweilen mit brennender Sehnsucht. Aber die bloße Tatsache, dass er ein Kind der Handelswelt war, ließ ihn ihre Unzulänglichkeiten, ihre Vulgarität und ihre überwiegende Besitzgier besonders deutlich empfinden. Seine Antwort darauf war sein Streben nach dem Erhabenen und Vergeistigten. Es genügte ihm nicht, dass etwas rührend, zauberhaft, anmutig war, es musste eine gewisse Ausstrahlung haben und die Gabe, Verehrung einzuflößen. Es sollte ihn entweder auf die Knie zwingen oder in den Himmel heben.
Kaname forderte dies nicht nur von Kunstwerken. Als Frauenverehrer suchte er beim weiblichen Geschlecht nach den gleichen göttlichen Eigenschaften. Doch er hatte das, was ihm vorschwebte, bislang weder in der Kunst noch bei einer Frau gefunden. Er nährte einen unbestimmten Traum, un die Tatsache, dass daraus keine Wirklichkeit entstehen wollte, steigerte nur noch die Kraft seiner Sehnsucht. Die Tradition der Frauenverehrung im Westen geht weit zurück, der westliche Mensch sieht in der geliebten Frau die Gestalt einer griechischen Göttin oder das Bild der Jungfrau Maria. Diese Geisteshaltung hat Brauch und Sitte des Westens so stark durchdrungen, dass sie ihren ungeteilten Niederschlag in den Künsten und im Schrifttum findet.
Kaname überkam eine schmerzliche Empfindung von Einsamkeit und Armut, wenn er an das Gefühlsleben des Japaners dachte, dem gerade das Bedürfnis nach Verehrung fehlt. Die altjapanische Hofdichtkunst und das Drama des feudalen Zeitalters, noch gestützt durch die starke und lebendige Kraft des Buddhismus, hatten in ihrer klassischen Würde etwas von dem, was er suchte, aber mit dem Edo-Shogunat und dem Verfall des Buddhismus verschwand sogar dies.


(Das ist ein sehr wichtiger Abschnitt in diesem Buch, warum ich ihn auch im Gesamten zitiere. Er drückt den inneren Konflikt Kanames wunderbar aus.)

Das Aufrechterhalten einer Scheinehe wird beiden Ehepartnern zur Belastung. Kaname sagt:

Das wirkliche Übel besteht nämlich darin, dass Misako und ich keinerlei Groll gegeneinander hegen. Wenn wir es täten, wäre die Sache vielleicht leichter, aber jeder von uns denkt, der andre hat völlig recht, und das macht alles so unmöglich.

Er kämpft mit der Sehnsucht nach der idealen Frau. Sie muss mehr Kurtisane als Mutter sein, aber dann doch auch nicht zu sehr:

Ich habe für Geishas nie etwas übrig gehabt. Was mir verschwebt, ist eine geschickte, kluge, moderne Frau mit einem Schuss Kurtisane.

Diese Verkörperung findet oder fand er nicht in Misako:

Von den ersten Jahren seiner Ehe war er von einem Gedanken besessen: wie kann ich Misako verlassen? Ich muss weg von ihr, ich muss von ihr loskommen. Es sah so aus, als habe er überhaupt nur aus diesem Zweck geheiratet.

Tanizaki lässt den Leser seine Figuren betrachten, jedoch wechseln die Perspektiven, wobei man einmal mehr über Kaname und dann auch mehr über Misako erfährt. Beide Sichtweisen unterscheiden sich von einander, doch wenn sie sich gegenüberstehen, wirken sie, als wären sie völlig gleicher Meinung. Sie holen sich einen chinesischen Verwandten zur Hilfe, der sich auch von seiner Frau getrennt hat. Kaname wie auch Misako führen etliche Gründe an, warum es notwendig ist, die Scheidung immer wieder hinauszuschieben, z. B. in eine freundlichere Jahreszeit zu verlegen, um den Kummer aller Beteiligten so klein wie möglich zu halten. Der chinesische Verwandte hält dies für eine Ausrede:

Auch dann wird wieder etwas dazwischenkommen, und abermals wird ein Aufschub entstehen. Ihr werdet zu keinem Ende kommen, ich sehe es schon.

Während seines Besuchs merken Kaname und Misako, wie etwas von der Last für einen kurzen Augenblick von ihnen abfällt. Sie müssen sich vor dem Freund nicht verstellen, wie sie es ansonsten überall tun.

… all das zeigte unerwartet, wieviel noch in ihnen von Mann und Frau übrig war, wenn sie einen Augenblick vergaßen, Mann und Frau zu spielen.

Bald schimmert durch, dass die beiden Ehepartner sich nicht nur auseinander gelebt haben. Sie teilen gleiche Interessen, fühlen sich nicht von einander angezogen, doch so einfach liegen die Dinge nicht. Dahinter verbirgt sich eine über Jahre dahin schleichende Ursache.

Was Kaname beim Beobachten der Beziehung zwischen Misakos Vater und seiner wesentlich jüngeren und unterwürfigen Geliebten feststellt, ist der Umgang mit ihr, der ihn an die Handhabung einer Puppe erinnert. Der alte Herr erzieht sich das junge Mädchen zurecht, zu einer passablen Frau, mit der er leben kann, die auch nach seinem Tod wieder in gute Hände finden wird. Auch bei sich selbst erkennt Kaname die Neigung zu dieser Art Frau, die ihm bedingungslos gehorcht.

Eine empfindsame Frau, eine Frau mit eigenen Gedanken, kann mit fortschreitendem Alter eigentlich nur schwieriger und weniger liebenswert werden.

In vielen Gedanken Kansames drückt sich sein inneres Wesen und seine Einstellung zu Liebe und Sein aus. In ihm schlummert die Sehnsucht nach einer ausländischen Frau, was gleichbedeutend die Sehnsucht nach Europa ist, Japan zu verlassen, das Andere kennenzulernen, wie es vielen jungen Japanern geht, die zwischen Tradition und Moderne hin- und hergerissen sind, wobei ihn Trägheit und Furcht daran hindern.
Aus anderen Romanen kenne ich die Schwierigkeit, die japanische Ehen sowohl im Eingehen als auch in einer Trennung mit sich bringen. Bei Tanizaki wird all das eher angedeutet.

Die verschiedenen Puppentheater- und Pantomimentraditionen werden schön aus der Sicht Kanames beschrieben. Die bis zu 1,20 m großen, prächtig gekleideten Puppen werfen von drei, dem Publikum sichtbaren Spielern bewegt. Der Text wird gesprochen, gesunden und von Shamisenmusik begleitet. Man sieht Familien, die unterhalb der Bühne, die nicht immer in einem Theater, sondern auf bestimmten japanischen Inseln auch im Freien aufgeführt werden, manchmal von morgens bis abends stattfinden, ihr Essen bereiten, Sake kochen und das Miteinander pflegen, Partei für den besseren Puppenspieler ergreifen. Das Puppenspiel in seiner Realität oder Primitivität gerät sowohl zum Vordergrund wie auch zum Hintergrund, die Puppenspieler sind Teil der Bühne und die Geschichte selbst spielt neben der Musik eine geringfügige Rolle, da die Stücke oftmals längst bekannt sind. Man erfährt von den traditionellen Instrumenten und Gesängen, von Liedern und dem Veralten dieser außergewöhnlichen Kunst, Puppen zum Leben zu erwecken. Viele der aufgeführten Stücke beruhen auf geschichtlichen Tatsachen und sind keineswegs Fiktion.

Zitat von Tanizaki
Sich an ein Vorbild zu halten, sich einer Form zu unterwerfen, bedeutet den Verfall der Kunst, heißt es manchmal. Aber Volkskunst wie dieses Puppentheater – ist sie das, was sie ist, nicht geworden dank der Anlehnung an ein festes, unveränderliches Richtmaß? Die schwerblütigen alten Stücke vom Land bergen in gewissem Sinne das Werden der Rasse in sich. Generationen begabter Vorführer haben jede Einzelheit des Repertoires der Sicherheit von Stimmung und Handlung angepasst und sie so sorgfältig überliefert, dass der Liebhaber nur die Vorschriften genau zu befolgen und das Gesangspodium aufzustellen braucht, um ein getreues Abbild des Stücks hervorzubringen. Der Zuschauer aber, während er das Geschehen auf der Bühne verfolgt, kann unversehens eine Gedankenverbindung herstellen zu den großen Namen, deren Werk er vor sich sieht.


(Selbst in den kleinsten Details schimmert der Konflikt immer wieder durch. Moderne gegen Tradition. Tradition gegen Moderne.)

Hätte man hier an jeder Straßenecke solcherlei Puppenaufführung zur Verfügung, würden sich einige wohl so manchen Kinobesuch ersparen. (Es würden selbst solche bedient, die gerne Actionfilme ansehen.)

Zitat von Tanizaki
Die Dame Tamamo zum Beispiel wird in Osaka gewöhnlich nur in drei Akten gegeben, aber in Awaji wird das Stück vom Prolog an in einem Zug durchgespielt, dabei zeigt man den neunschwänzigen Fuchs, wie er die Dame Tamamo tötet und hernach ihre Eingeweide frisst – anscheinend Bündel roter Watte. Im Lied von Ise wird das Gemetzel der Zehn recht anschaulich dargestellt: Arme und Beine werden über die Bühne verstreut.



Der Puppenspieler Tanizaki spannt für das Verständnis verschiedene Fäden, auch wenn seine Sprache und das, wovon er berichtet, sehr einfach zu lesen ist. Hier schlummern Vergleiche, Bilder, Verbindungen zwischen den Dingen. Der Hinweis auf die gepuderten Puppen der einen Tradition und dem schwer wieder abzubekommenden Puder seiner aus Polen stammenden Konkubine, ermöglichen z. B. neben der Offensichtlichkeit der Umstände auch nähere Einsicht auf die eigentlichen Gefühle, ohne sie subtil auszusprechen. Bei den Puppen verglich Kansame Eleganz gegen bäuerlich grobe Farbenpracht, die Unterschiede der Puppen in den verschiedenen Städten (Theaterrichtungen), gleichzeitig lässt sich hier auch der Unterschied zwischen seinen Neigungen und dem, was er in seiner Ehe gefunden hat, nachvollziehen. Ein Schreibstil also, der alle Personen psychologisch ausleuchtet, ohne zu beschreiben, der dem Leser die Aufgabe gibt, hellhörig die Ereignisse zu verfolgen und abzuwägen Stark.

Fazit: Gefühllosigkeit ist in einer Ehe eine der schmerzhaftesten Zustände für beide Seiten. Der eine hofft auf Emotion und Reaktion, der andere steht dem machtlos und unfähig gegenüber, bis sie einander so fremd geworden sind, dass sie es nicht einmal mehr wagen, ein ehrliches Wort aneinander zu richten. Nicht Geben-Können und nicht Nehmen-Können, trotz des gegenseitigen Respekts füreinander, sind Gift für jede Liebesbeziehung.


(Quelle: asianinterstage.com)

Angefügte Bilder:
oyako20061.jpg



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 28.05.2010 00:03 | nach oben springen

#2

RE: Junichiro Tanizaki

in Die schöne Welt der Bücher 27.05.2010 23:21
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hallo Taxine,

heute tröpfeln ja viel mir unbekannte Literaten vom Himmel. Ehrlich gesagt, ich habe noch nie einen japanischen Roman gelesen, nur mal Kenzaburō Ōe angelesen ("Der stumme Schrei"; mit diesem Roman muss ich mich bei Gelegenheit noch einmal beschäftigen). Zum Antesten habe ich "Tal der Puppen" geordert.
Problemehegeschichten interessieren mich ja doch.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 12.06.2010 13:18 | nach oben springen

#3

RE: Junichiro Tanizaki

in Die schöne Welt der Bücher 27.05.2010 23:33
von Taxine • Admin | 6.063 Beiträge

Hallo Martinus,

ich lese dann von Tanizaki noch "Der Schlüssel". Yasunari Kawabata würde mich auch interessieren. Die Themen sind ähnlich, die Schriftsteller sollen von gleicher Wesensart sein (was auch immer das bedeutet ) Letzterer ist ja Literaturnobelpreisträger (nicht, dass das eine Rolle spielt).

Kawabatas Prosa orientiert sich am formalen Ideal des Haiku ... wie zwischen den schwarzen Strichen der japanischen Tuischezeichnungen die Leere mit zum Bild gehört, so ist auch bei ihm viel Weiß zwischen den Worten ... das Weiß der höchsten Stilisierung, die alles weglässt außer dem Wesentlichen.
... heißt es in einer Buchbesprechung im Deutschlandfunk.
Klingt ja nicht schlecht.

Ansonsten natürlich Kazuo Ishiguro.

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 28.05.2010 00:00 | nach oben springen

#4

RE: Junichiro Tanizaki

in Die schöne Welt der Bücher 13.06.2010 12:41
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hallo,

Da mich Tanizaki begeistert, werde ich auf jedenfall in Kawabata hineinlesen. Natürlich war ich wieder zu voreilig. Natürlich habe ich schon japanische Romane gelesen, gleich vier Bücher von Haruki Murakami. Trotzdem bin ich von japanischer Kultur überhaupt nicht durchdrungen, das gilt eben auch für Afrika, auch wenn ich Coetzee gelesen habe oder Das Hausboot am Nil von ‏نجيب محفوظ(Nagib Mahfuz).

Gleich vorweg: Ich habe kein Problem, "Insel der Puppen" in die Galerie großer Eheromane zu stellen. Dieser Roman vermittelt Zeitlosigkeit und wird immer lesbar bleiben und hoffentlich bei uns im Westen immer präsent bleiben, wobei mir schon graumelt, diese kostbaren 150 Seiten schon wieder in antiquarische Kisten zu sehen. Der Roman ist aus dem Japanischen ins Amerikanische übersetzt worden, Curt Meyer-Klason schenkte uns die deutsche Version. Wir wissen überhaupt nicht, wie der Roman in Japanisch auf uns wirken würde. Die deutsche Übersetzung finde ich großartig. Ich kann diese Sprache nur als zart und voll von Grazie bezeichnen, so zart wir Kirschblüten (oder sind Kirschblüten in Bezug auf Japan auch nur ein Klischee?). Trotz dieser sprachlichen Anmut ist der Roman keineswegs versüßlicht. Ich kann mir vorstellen, die deutsche Übersetzung könnte wirklich in etwa die Athmosphäre vermitteln wie das japanische Original.

Der Beginn des Romans schon famos. Das Ehepaar ist unfähig Entscheidungen zu treffen wie dann auch in Sachen der Scheidung.

Zitat von Tanizaki
Vorsichtig ihrem Blick ausweichend, sah er sie an. Genaugenommen musterte er nur ihre Kleidung und bemühte sich, darin eine Absicht zu erraten, die ihm seinen Entschluß zu erleichtern ermochte.



Hier wird uns schon die Entfremdung zwischen Kaname und Misako, mustert man doch nicht nur die Kleidung einer Frau, sondern das erotische dabei ist, dass der Betrachter ahnen möchte, was unter der Kleidung ist. Aber diese Erotik ist dem Ehepaar schon längst verpflogen, eine körperliche Anziehung gibt es nicht mehr. Darum schreibt Tanizaki auf der ersten Buchseite so völlig unerotisierend und leitet auf diese Weise in das Thema des Romans ein. Gerade diese Verhaltensweisen, die kleinen Gesten wie im Zitat, haben ihren besonderen Reiz.

Als Takanatsu anreist, die Familie besucht, gibt es die herrliche Szenerie, ein Gespräch zwischen Kaname und Takanatsu, in dem so hübsch aufgezeigt wird, wie Kaname das Problem vor sich hinnschiebt, seinem Sohn zu erklären, dass sich die Eltern scheiden lassen möchten. Diese Ausreden und Ausflüchte beherbergen ein wenig Komik, auch wenn es tragisch ist.

In dem Vater Misakos, der das traditionelle Japan verkörpert, drückt sich auch die Angst aus, die Tradition könne mal aussterben.

Zitat von Tanizaki
"Dies sind wohl die letzten der großen Puppenmeister. Ich möchte wissen, was geschieht, wenn sie ausgestorben sind"



Man kann jetzt diesem Gegenüberstellen, was geschehe, wenn die Tradition der Ehe über den Haufen geworfen werde? Hierin liegt auch die Tatsache für die Schwierigkeit, sich für eine Scheidung zu entscheiden. Im Roman steht drin, wie hoch die Scheidungsrate im Westen ist( ja, damals schon, 1929).

Das letzte Drittel werde ich jetzt noch lesen und es ist schon entschieden, "Der Schlüssel" wird auch gelesen.



Liebe Grüße
mArtinus

Angefügte Bilder:
Insel der Puppen.jpg



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 13.06.2010 13:53 | nach oben springen

#5

RE: Junichiro Tanizaki

in Die schöne Welt der Bücher 29.08.2010 15:25
von Martinus • 3.195 Beiträge

„Der Schlüssel“

„Der Schlüssel“ - das ist einerseits der Schlüssel, mit dem er die Schublade abschließt, in dem sich sein Tagebuch befindet und andererseits ist der Schlüssel das geheime Tagebuch, welches er vor seiner versteckt. Ein intimes Bekenntnis über sein Sexualleben. Seine inzwischen 45 jährige Frau ist in eine der ältesten Familien Kyotos hineingeboren und nach konfuzianischen Vorstellungen erzogen worden. So legt sie noch heute nach 20 jähriger Ehe großen Wert auf althergebrachte Moralvorstellungen, gibt dabei allerdings ein gekünsteltes Frauenbild vorgeblicher Sittsamkeit ab, scheinheilige Fraulichkeit, gespielte Vornehmheit (das behauptet zumindest ihr Mann in seinem Tagebuch) –, sodass ihr prüdes Sexualleben und Ehetreue wie eine Selbstlüge erscheint. Diese Ehe wurde von ihren Eltern in die Wege geleitet, so musste sie einen Mann lieben, der, wie sie sagt, erotisch nicht zu ihr passte. Tanizaki, ein Gegner erstarrter Moralvorstellungen, legt in diesem Roman sehr deutlich nah, was er von diesem Anachronismus hält. Nämlich nichts.

Der Universitätsprofessor pflegte ein gelangweiltes Sexualleben mit seiner prüden Frau, damals in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts als Sex noch ein Tabuthema war. Man redet nicht über Sex, man will es es aber traut sich nicht. Mit seiner Frau Ikuko konnte er über dieses Thema niemals reden. Ein Tagebuch ist der notgedrungende Ausweg, auf diesem Wege endlich von seinen intimen Wünschen sorglos alles preisgeben zu können, in der Hoffnung, niemand möge es lesen. Doch ganz im Stillen quillt der Wunsch, Ikuko möge den Schlüssel finden und in seinem Tagebuch stöbern. Das ganze wird auch umgedreht, denn auch Ikuko schreibt ein intimes Tagebuch, auch hier der geheime Wunsch, der sich in einer Befürchtung ausdrückt, ihr Mann könne ihr Tagebuch finden.

Weil ihm die Tagebücher offenbart werden, wird der Leser Zeuge von Intimitäten eines Ehepaares.
Spannung wird erzeugt, weil wir diese aus unterschiedlicher Perspektive der Betroffenen erzählt bekommen. Das Tagebuch birgt Überraschungen, nicht wegen pikanter Textstellen, nein, der Text ist ohne rote Ohrwascheln lesbar. Die Konsequenz, die sich aus dem Text ergibt, ist der Hammer. Ach, natürlich, wie in vielen Liebesromanen so auch in diesem, da macht der eine Partner, damit er den anderen an sich binden kann, eifersüchtig. Wohin das führt, ist eben hier nicht mehr trivial. Ein intelligentes Büchlein welches Neugier auf eine Konfuzius-Lektüre bereitet.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 29.08.2010 15:25 | nach oben springen

#6

RE: Junichiro Tanizaki

in Die schöne Welt der Bücher 19.11.2010 10:29
von Salin • 102 Beiträge

Einen ähnlichen Einblick wie die Insel der Puppen bietet Lob des Schattens / Entwurf einer japanischen Ästhetik, ebenfalls von Tanizaki Jun'ichiro (in der von mir bevorzugten Schreibweise mit vorangestelltem Familiennamen).

Kawabatas Schneeland und seinen Kirschbaum-im-Winter-Roman habe ich noch in angenehmer Erinnerung, glaube aber nicht, dass ich dergleichen jemals wieder lesen werde.

Sprachlich sind Romanciers aus Fernost leider wenig interessant, abgesehen von ihrer mitunter höchst feinsinnigen Art, wobei gewisse Grundkenntnisse in der jeweiligen regionalen Symbolik bei derlei Lektüren – wie auch bei Filmen von Zhang Yimou oder Wong Kar-wai – von Vorteil sind. Als relativ simples Beispiel sei das Motiv der Chrysanthemen bei Kawabata erwähnt.

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