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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Kazuo Ishiguro

in Die schöne Welt der Bücher 05.06.2009 19:07
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Kazuo Ishiguro ist zwar in Japan geboren, aber in England aufgewachsen. Daraus erklärt sich auch ein Roman wie "Was vom Tage übrig blieb". Sein Stil zeigt sich sehr ruhig und fließend, fast wie der Titel des Romans, den ich gelesen habe. Ishiguro muss man wahrscheinlich am besten im Original lesen, um die Schönheit seines Schreibstils zu erfahren.

Ich werde sicherlich noch mehr von diesem Autor lesen, als nächstes Buch "Alles, was wir geben mussten". Viel weiß ich noch nicht über ihn, darum sei hier erst einmal ein kleines Interview eingestellt, durch das er als Person vielleicht sichtbarer wird.

Aber nun zu:
Der Maler der fließenden Welt

Die Leute reden von Loyalität und meinen blinden Gehorsam.

Das sind durchaus Sympathien, die den Leser an die Geschichte von Masuji Ono fesseln, und gleichzeitig bleibt vorerst in jedem Wort ein Geheimnis verborgen, das man ergründen will. Ohne Verdacht – ohne gelesen zu haben, worum es in diesem Buch geht – lässt man sich erst einmal in die japanische Welt treiben, sieht Haus, Garten und den scheinbaren Gehorsam der Kinder, was sich mit der neuen Entwicklung allmählich aufzulösen beginnt. Eine der Töchter entschuldigt sich - an den Vater gewandt - etwa zwanzig Mal oder weist ihr Kind zurecht, unerzogen zu sein, Bilder, die einerseits für das Bewährte, die Traditionen der Familie stehen, andererseits durch schnippische Nebenbemerkungen oder eben den Ungehorsam des kleinen Enkels zeigen, dass die Werte der Traditionen immer mehr missachtet werden. Hinter all diesen Alltagsbegegnungen wuchert eine tragische Vergangenheit der Gewalt und des Krieges. Die Töchter tuscheln oft hinter dem Rücken des Vaters, ziehen sich vor ihm zurück, machen Andeutungen.
Bald schon wird deutlicher, worin das Problem besteht. Die jüngste Tochter soll verheiratet werden und musste schon einmal die Auflösung einer Verlobung in Kauf nehmen. Ono glaubt, dass der Rücktritt der Familie mit seiner Vergangenheit zutun haben könnte.
In Japan wird für eine Verlobung von der Familie eine Art „Schnüffler“ engagiert, der herausfinden soll, um was für eine Familie es sich handelt, der die Tochter oder der Sohn anvertraut wird. Auf einen gleichen Stand legt man viel Wert (sei es genügend Geld, Einfluss oder einfach nur der Ruf), auf gutes Ansehen und eine lupenreine Weste. Trotz des guten Rufes, den Ono durch seine Malerei genießt, durch seine Schüler und den wohlverdienten Ruhestand, fürchtet er, dass die Familie des neuen Verlobten etwas finden könnte, was die bevorstehende Heirat erneut ins Wanken bringt.
Ono muss sich langsam seiner Vergangenheit stellen, doch man spürt bald deutlich, dass es seine eigenen Selbstzweifel sind, die er mit der Konfrontation anderer Menschen immer wieder neu durchlebt.
Er sieht, wie die Jugend all die verachtet, die sich patriotisch dem Vaterland verschworen und den Krieg befürwortet haben, auch wenn sie dabei nur Randfiguren darstellten. Zum Beispiel hat Ono seine Frau, sowie auch seinen Sohn durch den Krieg verloren und nimmt diese Tatsachen als Notwendigkeit hin. Gerade emotional äußert er sich kaum dazu, wirkt eher trocken und gefasst.
Einer seiner Schwiegersöhne, der auf der Beerdigung des Sohnes anwesend ist, sagt zu ihm:

In Antwort auf:
Die Leute, die Kenji und seinesgleichen losgeschickt haben, damit sie tapfer sterben – wo sind sie heute? Sie sind am Leben, und für sie hat sich nicht viel verändert. Viele sind sogar erfolgreicher als vorher und benehmen sich gegenüber den Amerikanern mustergültig. Dabei sind sie es gewesen, die uns in die Katastrophe geführt haben. Aber nicht um sie, sondern um junge Männer wie Kenji müssen wir trauern. Das ist es, was mich wütend macht. Tapfere junge Männer sterben für stupide Ideale, aber die wahren Schuldigen leben nach wie vor in unserer Mitte.


Nach und nach wird Ono wachsamer und beginnt das Verhalten seiner Kinder zu hinterfragen. Er führt uns in seinen Erzählungen zurück in seine Jugend, seinen Werdegang als Künstler, seine Ausbildung bei einem berühmten Lehrer, von dem er sich später abwendet, um eine eigene Kunst zu erschaffen, die nicht mehr „dekadent und hermetisch“ ist, führt uns durch Orte, die es nicht mehr gibt und in Geschehen und Gespräche, die längst vergangen sind.
Durch die friedliche, ruhige Erzählform erahnt man die japanische Kultur. Die Malerei wird unter Aufsicht eines Lehrers erprobt, wobei die Aufgabe des Schülers darin besteht, die malerische Qualität sowie das, worauf der Lehrer in der Malerei Wert legt, bedingungslos zu übernehmen. Bevor Ono in diese Welt der Künste eintritt, arbeitet er eine Weile für eine Firma, die Malerei im Akkord herstellt, und hat selbst aus dieser Erfahrung gelernt:
In Antwort auf:

Die Zeit bei Takeda hat mich in einem frühen Stadium meines Lebens etwas Wichtiges begreifen lassen, nämlich dass es zwar richtig ist, zu seinen Lehrern aufzuschauen, dass man aber andererseits stets ihre Autorität in Frage stellen sollte. Aus der Erfahrung bei Takeda habe ich gelernt, niemals blind der Menge zu folgen, sondern genau darauf zu achten, in welche Richtung mich die anderen drängen wollen.


Oft wird das japanische Bewusstsein für den Fluß und das Treibenlassen deutlich, besonders im Verhalten der Menschen miteinander, die Begegnungen, die Reaktionen aufeinander.
Manchmal habe ich mich gefragt, warum Ono so oft die Perspektive seines Enkels näher beleuchtet, bis deutlicher wird, dass er damit versucht, die moderne Entwicklung zu erfassen, weil dieser viele amerikanische Filme und Comicfiguren verehrt, damit in einer Welt lebt, die Ono fremd und eigenartig erscheint. Überhaupt handelt es sich um ein sehr eigenwilliges und verzogenes Kind. Auch spiegelt sich in den Augen des Kindes das Verhalten der Erwachsenen, wie z. B. die Ängstlichkeit der Töchter, andererseits auch der Chauvinismus, den wiederum Ono fördert. (Frauen verstehen nicht… Frauen vertragen nicht… usw.)
Die japanischen Traditionen, dieses Schreiten durch die Gärten und die Mußestunden der Lehrer, das Sichtbarmachen der Zartheit der fließenden Welt, fand ich sehr eindrucksvoll, wohingegen die Politik und der falsche Patriotismus des Erzählers aus seinem Blickwinkel nur erahnbar sind, erst zum Schluss in ihrer ganzen Tragweite sichtbar werden, zunächst höchstens durch die Reaktion der Jugend und seiner Töchter. Man sieht, wie Ono herangewachsen ist, wie er ausgebildet, in welche Welt er hineinerzogen wird, dass seine Worte, dass man die Dinge nicht so vereinfachen kann, indem man einfach Schuld zuweist, von fatalen und falschen Handlungen spricht, durchaus berechtigt sind. Egal, in welcher Zeit oder Bewegung die Welt sich auch befindet, so ist es immer schwer, gegen einen Strom zu schwimmen oder sich zu wehren. Auch die Beweggründe sind völlig unterschiedlich, die Reaktionen auf das, was in der Welt geschieht. Jemand der zu den Dingen schweigt, der sie befürwortet, der dagegen rebelliert, vertritt immer nur eine Seite des Gesamtgeschehens, und darauf zurückzublicken und mit dem Finger auf Schuld oder Nichtschuld zu deuten, hebt das Geschehene nicht auf. Einige reagieren still, andere bringen sich um, wiederum andere bleiben selbstzufrieden. Der Mensch in seiner Zeit hat es immer schwer, den Überblick zu bewahren, denn oftmals lässt sich nicht einfach in richtig oder falsch trennen.
Nur in seinem oftmals unüberlegten Handeln, als er z. B. dem Kind seiner Tochter Sake geben will oder vielleicht auch in welcher Weise er den Tod seines Sohnes oder seiner Frau verkraftet, zeigt sich, dass Ono von einem Stolz für Tradition und „Ritual“ verblendet ist. Er möchte seine Tradition weitertragen, denn das Sake-Trinken ist eindeutig ein altes Ritual, selbst auf Kosten eines kleinen Kindes. Es ist seine störrische Art sich aufzulehnen, während die Vernunft und der Fortschritt um ihn toben.

Im Rückblick seiner Erzählung sieht man dann, dass er sich irgendwann auf die Politik eingelassen hat und seine Malerei in den Dienst des Krieges gestellt hat.
Zu seinem Meister sagt er:
In Antwort auf:
Sensei, ich glaube fest daran, dass wir Künstler in einer unruhigen Zeit wie dieser lernen müssen, etwas Greifbareres als nur die gefälligen Dinge zu schätzen, die sich bei Tagesanbruch in nichts auflösen. Es muss nicht so sein, dass Künstler immer nur in einer dekadenten und hermetischen Welt zu Hause sind. Mein Gewissen sagt mir, Sensei, dass ich nicht für alle Zeiten ein „Künstler in einer fließenden Welt“ bleiben darf.


Für diese Einstellung und das Befürworten des Krieges verrät er selbst Freunde, wie z. B. später einen seiner begabten Schüler, Menschen, die in den Augen der Regierung nicht patriotisch genug sind. Allerdings kann er die Konsequenzen nicht richtig abschätzen, und als er dann auf die Wirklichkeit trifft, verteidigt er sie mit einer so schönen, kleinen Geste, die sich nur in einigen unschuldigen Fragen äußert, was sehr anschaulich macht, wie schwerfällig eigene Ansicht, Welt und Gewalt aufeinander reagieren. Dass sein eigener Sohn dem Ganzen zum Opfer fiel, scheint ihn erst durch die Reaktionen anderer Menschen bewusster zu werden, wenn auch geringfügig; denn der Verdacht der Töchter, er könnte aus Schuldgefühl Selbstmord begehen, ist wohl eher aus der Luft gegriffen, weil Ono zwar bereut, aber trotz allem denkt:
In Antwort auf:
Es ist anzunehmen, dass nicht viele Menschen die Erfahrung eines solchen Gefühls vergönnt ist. Leute vom Schlage Shintaros oder meines Freundes Schildkröte gehen vielleicht unbeirrt ihren Weg, tüchtig und harmlos zugleich, doch ihresgleichen wird nie jenes besondere Gefühl kennenlernen, das mich an jenem Tag erfüllte, denn sie wissen nicht, was es bedeutet, beim Versuch, sich über das Mittelmaß zu erheben, alles aufs Spiel zu setzen.

Und das war vielleicht auch sein Grundantrieb, wobei er eine Zeit und eine Politik genutzt hat, um aus dem Loch dieser Alle-sind-Gleich - Erziehung auszubrechen.
Gerade in der Malerei wird der Konflikt immer wieder sichtbar: Soll sie sich in eine eigene, hermetische Welt zurückziehen und sich mit z. B. der Schönheit befassen, weltabgewandt und für sich stehend, oder muss sie inmitten der Welt stattfinden und diese auch abbilden, in all ihren groben Zügen. Diese Frage stellt Ono sich als junger Mensch und beantwortet sie auf seine Weise, nicht blind, sondern ahnungslos, auf nur einen Blickwinkel konzentriert, ohne all die anderen mit einzubeziehen. Er möchte mithelfen, das Elend zu verringern und lässt sich einreden, dass Krieg eine Lösung wäre. So handelt er aus erstem Antrieb sicherlich nicht gerade böswillig.

Die Vergangenheit bleibt Last, viele Handlungen sind der Zeit angepasst und wiederum auch nicht. Einige haben gehandelt, ohne zu handeln. Das wird wunderbar deutlich, blickt man auf Onos Malerei und z. B. die zarte Suche nach Licht, die sein Lehrer Mori-san beharrlich fortsetzt, während sie in Zeiten des Krieges und der patriotischen Stimmung keine Geltung mehr findet. Ono dagegen hat Erfolg, ohne zu merken, dass seine Malerei zum Zweck gerät und den Sinn der Kunst verschleiert. Das, was in ihm bohrt, ist auch diese Ahnung, wird unter anderem in seiner Bescheidenheit sichtbar, wenn andere Menschen ihn für sein Werk loben oder ihm Achtung entgegen bringen.
Er wollte etwas bewegen, indem er handelte, sein Lehrer hat nicht gehandelt und erscheint im Blick auf diese gemeinsame Vergangenheit nun weiser, was ihm Ono ganz tief im Inneren auch irgendwie nie verzeiht. Dessen Strenge und Autorität waren wiederum einer der Gründe, warum Ono sich für einen anderen Weg entschied.

Als Ono dann am Ende die Wehmut ergreift, dass das Viertel der alten Spelunken und Gasthäuser gegen riesige Glasbauten für neue Büros und amerikanischen Wandel eingetauscht wird, kann man sein Gefühl sehr gut verstehen, denn auch die neue Seite des Nach-vorne-Eilens, den die Jugend lebt, mit dem Befürworten des Fortschritts, der Modernität, der amerikanischen Schnelligkeit, trägt seine Schattenseiten, die wiederum nur durch Augen gesehen werden können, die anderes erlebt haben, auch die schönen Seiten der anderen Zeiten kennen. Die Jugend, die nicht mehr auf ihre Alten hört, die sie eher verächtlich betrachtet oder gar als Relikt (der alte Narr) der Vergangenheit sieht, die überhaupt das, was sie nichts angeht, ablehnt, weist eine ähnliche Blindheit auf, wie sie Ono überwältigte, als er nicht auf die Alten seiner Generation hören wollte. Gegenseitige Nichtachtung bleibt gefährliche Sprachlosigkeit zwischen den Generationen und ermöglicht dann auch immer wieder gleiche Fehler der Unwissenheit.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.06.2009 19:53 | nach oben springen

#2

RE: Kazuo Ishiguro

in Die schöne Welt der Bücher 07.06.2009 00:40
von larifant • 270 Beiträge
Zitat von Taxine
Ishiguro muss man wahrscheinlich am besten im Original lesen, um die Schönheit seines Schreibstils zu erfahren.

Warum?

Ich hätte ganz im Gegenteil Ishiguros Werke als Beispiele für übersetzungsrobuste Literatur genannt.
Das Markante ist ja die Art der Informationsvermittlung (insbesondere die Auslassungen) und die ist zunächst einmal sprachunabhängig.

Im direkten Vergleich habe ich allerdings bisher nur "The remains of the day" in englisch und in deutsch gelesen.
Da fehlte mir in der Übersetzung nichts.
(ganz im Gegensatz z.B. zu einem anderen meiner Lieblingsautoren Donald Barthelme, der viel über Tonfälle und sprachliche Anklänge/Assoziationen transportiert. Da überstehen die wenigsten Texte die Übersetzung.)

Gruß,
L.

zuletzt bearbeitet 07.06.2009 00:40 | nach oben springen

#3

RE: Kazuo Ishiguro

in Die schöne Welt der Bücher 18.06.2009 22:54
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ich muss ja sagen, dieses Buch gibt mir wirklich zu denken. Nicht so sehr wegen der Betrachtungen, die Ono anstellt, diese Rückblicke und das Hadern mit Richtig und Falsch, die Vergangenheit von Krieg und Patriotismus (solche Schuldfragen wurden schließlich überall aufgeworfen, um sich ihnen zu stellen oder auch nicht), eher aufgrund der Voraussetzungen japanischer Lebensverhältnisse, die mir ganz und gar kontrolliert und mit Verantwortung bis in die Vergangenheit zurück erscheinen.
Hier stoße ich auf viele Gegebenheiten, die mich einerseits faszinieren und andererseits irritieren. Da zeigt sich das "Selbst-in-Schach-Halten" schon in kleinsten Gegebenheiten.
Wenn ein Japaner bereits um Tochter/Sohn fürchten muss, sobald diese/r heiraten will, (vielleicht auch in anderen Situationen, wenn er z. B. eine Stellung annimmt, eine Wohnung bezieht - hier reicht es womöglich nicht aus, zu zeigen, ob man schuldenfrei im materiellen Sinne ist, da muss der Ruf für alles herhalten, die Schuld selbst wird fast schon personifiziert, insofern sie denn existiert), so wird er aufgrund der Verantwortung, die nicht nur ihn selbst betrifft, sondern auch das Glück seiner Kinder zerstören oder ermöglichen kann, nicht darüber nachdenken, ob er richtig oder falsch handelt, sondern nur, ob er im Sinne der momentanen Bedingungen handelt, er wird also kaum über sein Tun reflektieren können, ohne eine Norm, die wandelbare Form des allgemeinen Denkens zu erfüllen, sondern nur insoweit, dass er erkennt, was ihm als "falsch" vorgeworfen wird. Selbst wenn er sein Handeln für richtig hält, mal abgesehen, ob nun in Kriegszeiten oder anderen Zeiten, und unter welchen Umständen ganz allgemein, kann er sich eine eigene Meinung und Ansicht nicht leisten, sobald sie nicht mit der allgemeinen Sicht übereinstimmt.

In Onos Situation - er hat niemanden umgebracht, jedoch verraten, er wollte etwas bewirken, hat aber als Randgestalt mit zur Zerstörung und zur Werbung für den Krieg beigetragen, er hat damals in der Zeit gehandelt und wird sich in neuen Zeiten über die Torheiten bewusst, zumindest wiederum am Rande und fast ausschließlich durch das Verhalten seiner Kinder, durch neue Augen (eine andere Art des Zurechtweisens, nicht durch die Kinder selbst, sondern durch ihn, in seinen Betrachtungen und Mißdeutungen, die eigene Selbstkontrolle, die andererseits auch irgendwie aus den Fugen gerät. Durch sein Bewusstsein für Tradition und Vorgehensweise bei Heirat und anderen Dingen beginnt er abzuwiegen. Da gibt es keine einfache Darstellung der Schuld und Unschuld, die Vergangenheit ist auch keine Garantie, etwas begriffen zu haben oder dass die neue Zeit besser ist, nur bleibt er eben weiterhin an seinen Ruf gebunden, an das, was er darstellen muss. Das ist die eigene Fessel, die überall existiert, jedoch, wie mir scheint, unter japanischen Verhältnissen ein Stück weit extremer und unlösbarer, weil so viel davon abhängt. Denn, wer würde schon seine Kinder in Schwierigkeiten bringen wollen? Das klingt, als haften die Eltern nicht nur für ihre Kinder, wenn sie klein sind, sondern für immer und auch für deren Kinder, und diese für ihre, usw. Die Kette reicht nach vorne und nach hinten, alles ist miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt, und wenn auch nur einer "falsch" handelt, ist die ganze Familie mitbetroffen.
Hier zu hinterfragen, ob man in der Vergangenheit falsch oder richtig gehandelt hat, ist, als ob man die immense Blase der vorherrschenden Gesetze (die man nicht hinterfragt) über sich zerplatzen fühlt, und nur die Blase hinterfragt. Weil man nicht den Grund der Hinterfragung erkennt, diese Nötigung solcher Bedingungen.
Denn das, was man ist oder getan hat, darf nicht ausschlaggebend für die Zukunft sein, schon gar nicht über das Selbst hinaus. Gleichzeitig bleibt das Denken, wie gesagt, eingeschränkt, weil es sich automatisch in die Form einpassen muss, die vorherrscht, nicht eigene Perspektiven betrachtet. Darin liegt, in meinen Augen, auch die Gefahr der immer gleichen "Fehler". Man will sein, wie die Zeit einen haben will, und hinterfragt nicht die Zeit selbst. Genauso wenig die Tradition, die Kontrolle anderer und die eigene... usw.
Aber, so oder so ist all das trotzdem noch zu einfach gedacht, denn Ono selbst hat schließlich gegen seine Zeit rebelliert. Dann aber holt sie ihn wiederum später ein. Verharren in den Dingen und sie lautlos hinnehmen, wirkt auf mich trotzdem wie "schon aufgegeben".

Gerade, wenn ich sehe, wie mir Onos Welt klar und verständlich ist (sicherlich auch durch die kraftvolle und großartig dezente Prosa des Schriftstellers selbst), während die seiner Kinder sich schwerer erschließt (obwohl ich diese doch viel besser begreife und kenne), sehe ich auch mein eigenes Ringen mit dem Für und Wider, denn es steckt eine tiefe Ruhe in dieser alten Welt der Bedingungen, die ich hier in Frage stelle.
Der Drang nach dem Westlichen, den modernen Erneuerungen bleibt mir nicht nur in Japan suspekt, er wird hier nur deutlicher. Er erscheint wie ein lärmender Einbruch ins Fließende, wo der moderne Mensch sich von alten Traditionen löst, um in den Resten davon weiter nur zackiger zu laufen (jedoch noch genauso angepasst) und mit der Möglichkeit, zu Mc Donald zu gehen. Es wirkt gelockt und mit oberflächlichem Materialismus geködert, während es gleichzeitig der Lauf der Zeit ist. Das Bewusstsein für die Traditionen zerbricht mit der Modernität, und der Rest an Höflichkeiten und Vorraussetzungen, die beibehalten werden, wirkt am Ende verschleiernd auf die Frage: Was ist der Ruf?




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 18.06.2009 23:51 | nach oben springen

#4

RE: Kazuo Ishiguro

in Die schöne Welt der Bücher 19.06.2009 23:11
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine
Darin liegt, in meinen Augen, auch die Gefahr der immer gleichen "Fehler". Man will sein, wie die Zeit einen haben will, und hinterfragt nicht die Zeit selbst. Genauso wenig die Tradition, die Kontrolle anderer und die eigene... usw.
Aber, so oder so ist all das trotzdem noch zu einfach gedacht, denn Ono selbst hat schließlich gegen seine Zeit rebelliert. Dann aber holt sie ihn wiederum später ein.

Klingt so, als ob Du Ono - zumindest ein bißchen - in seiner Selbsttäuschung mit auf den Leim gehst.

Das zentrale Paradoxon ist doch, dass jemand, der sich gegen Autorität auflehnt und das für den wichtigsten Teil seiner persönlichen Entwicklung hält (du hast dazu oben ein gutes Zitat angeführt, Taxine), sich schließlich mit einer Bewegung identifiziert, die kaum autoritärer sein könnte. Es ist bezeichnend, dass in Onos ausweichender Darstellung dieser Aspekt und die Aggressivität der Bewegung kaum präsent sind. Und selbst im Nachhinein, als er durch die veränderten Lebensumstände heftig darauf gestoßen wird, begreift er das allenfalls ansatzweise und nur sehr, sehr allmählich.

Dass Onos Welt klar und verständlich wirkt, liegt allein daran, dass es seine eigene vereinfachte und zurechtgebogene Version der Welt ist.

Wie oft liest man immer wieder von seinem Schüler, bis klar wird, dass es sich um eine Denunziation handelte.

Eine Parallelfigur ist der Debile, der ohne Verständnis kaisertreue Lieder Wort für Wort auswendig gelernt hat.
In den Jahren der nationalen Bewegung erhält er dafür Münzen und eine Art von Anerkennung, ein paar Jahre später Prügel.
Das für diese Person der "Wandel der Zeit" vollkommen unverständlich ist, liegt nahe.
Ono dagegen ist ein intelligenter, sensibler Mensch mit einem hochentwickelten Reflektionsvermögen.

Gruß,
L.


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#5

RE: Kazuo Ishiguro

in Die schöne Welt der Bücher 20.06.2009 00:08
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Zitat von larifant

Das zentrale Paradoxon ist doch, dass jemand, der sich gegen Autorität auflehnt und das für den wichtigsten Teil seiner persönlichen Entwicklung hält (du hast dazu oben ein gutes Zitat angeführt, Taxine), sich schließlich mit einer Bewegung identifiziert, die kaum autoritärer sein könnte. Es ist bezeichnend, dass in Onos ausweichender Darstellung dieser Aspekt und die Aggressivität der Bewegung kaum präsent sind. Und selbst im Nachhinein, als er durch die veränderten Lebensumstände heftig darauf gestoßen wird, begreift er das allenfalls ansatzweise und nur sehr, sehr allmählich.



Ja, das ist richtig. Aber, ich sehe es auch aus der anderen, umgekehrten Perspektive. Ono ist hier in der "hermetischen Welt der Kunst" gefangen und versucht ihr zu entkommen, wie auch den strengen Augen seines Lehrers. Er flüchtet, ausgerechnet in die Arme eines Aufwieglers und Kriegsbefürworters, der ihn durch die Elendsviertel führt und ihm vorgaukelt (und gerade darum so gut, weil er selbst daran glaubt), das hier etwas geschehen könnte, wenn Japan mit in den Krieg einsteigt. Er wechselt die eine Autorität gegen die andere, nur um der einen zu entkommen, nicht, weil er die andere unbedingt in jedem Punkt befürwortet. Das stimmt.
Andererseits, wären die Umstände andere, würden z. B. Krieg und Kriegspropaganda vorherrschen, in die Ono hineingewachsen wäre, dann würde er unter dem Aspekt seiner Flucht vor Autorität, auch dieser entkommen wollen und dann vielleicht in einer Bewegung mit Kriegsgegnern landen. Hier zeigt sich ein weiteres Paradoxon: der eine Wechsel erscheint aus diesem Antrieb heraus fatal, der andere richtig.
Aus letzt genanntem Beispiel wäre die Auflehnung somit verständlicher und befreiender, wenn sie auch aus gleichen Gründen erfolgen würde.
Das dies aber nicht einziger Antrieb sein darf, wo sich kopflos die reine Auflehnung präsentiert, stimmt ebenfalls.

Ono als Figur ist tatsächlich sehr komplex, gerade, weil er intelligent ist und gleichzeitig verdrängt.(Darum ist dein Vergleich mit dem Debilen gut gewählt.) Er erklärt sich seine Welt aus ganz eigenen Augen und bedauert den Verfall, während er gleichzeitig die Vergangenheit als großes Schweigen haben möchte. Er betrachtet sich selbst nur, weil er muss, und hätte sich die Zeit nicht verändert, dann würde er seinen "Ruf" noch heute als makellos betrachten. Er sieht bis zum Schluss nicht ein, was seine Worte, die er gedanklich an seinen Meister und an Schildkröte richtet, untermalen.

Vielleicht könnte man ihn als Mittelfigur ansehen, zwischen dem Debilen, der nichts begreift und dem fanatischen Matsuda, der sich immernoch und bis zu seinem Tod im Recht glaubt.

Onos Problem scheint dieser "absolute Wechsel" zu sein, der dann immer nur noch einer gleichen Richtung folgt, als hätte Ono seine Auflehnung nur einmal erleben wollen, um dann nie wieder zu wechseln. Darin liegt dieses Unverständliche in seinem Wesen. Er verharrt bewusst in diesem einen, rebellischen Akt (ähnlich, wie die Leute vom Faschismus in den Kommunismus gekippt sind.) Und das ist auch das, was du sagst, dieses Aufbegehren als wichtigsten Teil der persönlichen Entwicklung. Der Mensch müsste wandelbar sein, seine Prinzipien ständig über den Haufen werfen, die Welt um ihn herum und sich selbst zumindest immer wieder neu hinterfragen. Das tut Ono nicht, und darum ruht seine Sicht der Dinge auch so grotesk im Wechsel der Zeit, die sich fast nur im Bedauern um die Spelunken äußert.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.06.2009 15:30 | nach oben springen


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