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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Miquel de Palol

in Die schöne Welt der Bücher 17.03.2009 23:08
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Miquel de Palol
IM GARTEN DER SIEBEN DÄMMERUNGEN


Das Bewusstsein dessen, der sein Inneres betrachtet, fügt der Unschuld Risse zu.

Erster Eindruck zu diesem Buch: ich musste sofort an Saramagos „Stadt der Blinden“ denken, was aber mit dem Verlauf der Geschichte auch sofort wieder verfliegt. Am Anfang herrscht völliges Chaos, der Tod ist überall deutlich und mit jedem Sinnesorgan zu erfassen, dringt selbst als Angst und Gewalt durch die Haut.
Allein der Umstand der Welt, dieser völlige Zusammenbruch aller Gewohnheiten, weckt schon eine enorme Spannung. Das Vorwort, diese Einleitung über das gefundene, nicht mehr völlig erhaltene Werk „Im Garten der sieben Dämmerungen“, die Kontroversen über Wahrheit und Fiktion, die wissenschaftliche Nachforschung über Bedeutung und Deutung der einzelnen Berichte wirken so natürlich, dass man vergessen könnte, dass all das Erfindung ist, dass wir – die Leser – uns noch im Jahr 2009 befinden. All das ist vorstellbar, all die Umstände in der voranschreitenden Zeit tragen die Andeutung in die jetzige Zeit in sich – ich meine, das sind Zeitdimensionen, wenn man da von 2481 liest und die Berichte des Buches selbst in der Vergangenheit spielen, zu der Zeit, als die Bombe hochging, und die immernoch weit von unserem Zeitrahmen entfernt sind. Trotzdem wird schnell sichtbar: Die Zeit spielt keine Rolle. All die, die dort in diesem "Privatsitz" zusammenkommen, um vor dem Krieg in irgendeiner Form zu flüchten (mir kommt in den Sinn: irgendeine Art Elite, die hier zusammentrifft), sind mit unseren Zeitproblemen belastet, erzählen aus ihrem Leben, wobei nie klar wird, ob jemand fiktiv erzählt oder in seinen Erinnerungen gräbt. Alle haben etwas miteinander zu tun, sind in ihren Geschichten miteinander verbunden, während das ganze Gelände eine ähnliche Mystik aufwirft. Zum Beispiel kann man unterirdisch den "Garten der Dämmerungen" erreichen, der erst in der Dämmerung (seinem Namen nach) seine volle Schönheit und Ausdruckskraft entfaltet. Auch sind die Geschichten eine Art Hinweis auf all das, was der Leser schon irgendwo zwischendurch vernommen hat.
Der Privatsitz, der Schutz vor den Bedingungen des Krieges bietet (ein Krieg von vielen), enthält viele Räume und Möglichkeiten zu Zusammenkünften.
In Antwort auf:
Unkultivierte Menschen verlangt es nach Reichtum, nicht nach Schönheit, hier jedoch ließ die Schönheit den Reichtum vergessen; alles lud dazu ein, zu verweilen, den Raum auf angenehmste Weise zu genießen, behagliche Winkel aufzusuchen, den Blick schweifen zu lassen, zu träumen; insgesamt haftete ihm aber auch etwas von einem überwältigenden, schrecklichen Grabmal an.

Die Räume sind reich bestückt, mit wertvollen Gemälden und anderen Reichtümern, all das wirkt wie ein goldener Käfig inmitten eines schwarzen Lochs, das sich um all das herum in Trümmern legt und langsam hinter der Frivolität der Erzählungen verschwindet.
Alle Gemälde lagern schon immer dort, während in den Museen die Kopien hängen. Auch ein Gemälde von Parrhasios beeindruckt den Ich-Erzähler, wobei hier das h weggelassen ist.

Parrhasios war ein griechischer Maler aus Ephesos. Er war der Sohn und Schüler des Euenor und lebte um 400 v. Chr. in Athen. Um 388 v. Chr. soll er gestorben sein. Neben Zeuxis ist er der Hauptvertreter der ionischen Malerschule.
Xenophon überliefert ein Gespräch zwischen dem athenischen Philosophen Sokrates und Parrhasios in dessen Haus, bei dem beide übereinstimmen, dass ein gutes Kunstwerk nicht nur die äußere Erscheinung von Personen auf schöne Art nachbilden soll, sondern auch danach streben muss, die Gefühle und den Charakter dieser Personen durch seine Gestaltung zum Ausdruck zu bringen.
Nach einer Geschichte des Seneca soll Parrhasios nach der Einnahme von Olynth einen Greis als Sklaven gekauft haben, um ihn zu martern und Studien für seinen Prometheus zu machen.
Bekannter ist sein angeblicher Wettstreit mit Zeuxis, dessen gemalte Trauben die Vögel anpickten, während durch einen von Parrhasios gemalten Vorhang Zeuxis selbst getäuscht wurde (siehe Bild).


Ein Wettstreit zwischen zwei der besten Maler der Antike. Der eine malte Trauben so realistisch, dass die Vögel diese für echt hielten. Der andere täuschte den gegnerischen Maler, indem er ihn vor einen Vorhang führte, ihn aufforderte, ihn zur Seite zu ziehen, weil der Andere darunter das "realistisch gemalte Bild" erwartete. Der Vorhang war aber das Bild.
Nikos Kazantzakis sagte einmal: Der Vorhang ist das Bild! Wehe wenn jemand versucht hinter den Vorhang zu sehen!
Mir scheint, das Bild und der Hintergrund des Malers sind ein gutes Sinnbild für die Täuschungen, die vielleicht hinter den Geschichten stecken, in diesem ganzen, seltsamen Ort.
Langsam gewöhnt sich der Erzähler an den Wechsel der Welt, wo er gerade frisch aus der zerstörten Welt in eine scheinbar heile und dazu auch noch prachtvolle neue Welt gerät. Zunächst ist er noch angewidert von der Frivolität der Menschen, die dort speisen und lachen, die den Ernst der Lage vielleicht anders betrachten, als er selbst. Doch bald gerät er mitten in die Geschichten, ist vielleicht selbst Teil davon.

In Antwort auf:
Luxus und Raffinement hatten einen Sättigungsgrad erreicht, der bei mir ein gewisses Desinteresse auszulösen begann…


Der Aufbau des Romans wirkt wie ineinander verschachtelte Parenthesen, nur, dass es sich nicht um Zwischensätze oder –gedanken handelt, sondern um Geschichten in Geschichten in der Geschichte selbst.
Man hat das Gefühl, sich in ihnen zu verlieren, nicht unbedingt, weil man den Überblick verliert, sondern weil dieses Loch der Unendlichkeit (der Geschichten) überdeutlich wird. Das gefällt mir sehr. Darum auch diese Ausführlichkeit.

Bald mehr.



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zuletzt bearbeitet 18.03.2009 13:22 | nach oben springen

#2

RE: Miquel de Palol

in Die schöne Welt der Bücher 18.03.2009 21:01
von larifant • 270 Beiträge
Zitat von Taxine
Trotzdem wird schnell sichtbar: Die Zeit spielt keine Rolle.

Man merkt an vielen Stellen, dass das Buch in den 1980ern verfasst wurde (z.B.Endzeitszenario, Autotelefon, Sowjetunion, Computerterminals & Bänder)
Das Jahr 2025 stellt man sich heute anders vor.
Aber einer kraftvollen Erzählung macht das nichts aus.

Der gelehrte Prolog aus der fernen Zukunft lotet den tiefen Brunnen der Vergangenheit mal von der anderen Seite aus.
Schöne SF-Variante des klassischen Topos "Natürlich eine alte Handschrift".

Ich bin sehr gespannt auf deine weiteren Ausführungen.

Gruß,
L.

zuletzt bearbeitet 18.03.2009 21:08 | nach oben springen

#3

RE: Miquel de Palol

in Die schöne Welt der Bücher 19.03.2009 00:38
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Zitat von larifant
Man merkt an vielen Stellen, dass das Buch in den 1980ern verfasst wurde (z.B.Endzeitszenario, Autotelefon, Sowjetunion, Computerterminals & Bänder)


Mir scheint, dem Autor ging es gar nicht so sehr darum, ein Zukunftsszenario zu entwerfen, sondern um die Möglichkeit, einen Raum in seiner Geschichte zu öffnen, der rechtfertigt, dass sich Menschen unter bestimmten Umständen (hier eben der Krieg und die Zerstörung der Welt) an diesem von der Welt völlig abgekapselten, mystischen Ort einfinden, wobei ich (gerade 400 Seiten weit) noch nicht so recht zuordnen kann, was es mit den Ab- und Anreisenden auf sich hat. Das Chaos des Krieges bleibt außen vor, verschwindet auch für mich als Leser. Ich lasse mich zusammen mit dem Ich-Erzähler und den ihn umgebenden Menschen in den Geschichten treiben und erinnere mich kaum an das Chaos vor der Tür, mit dem ich am Anfang noch konfrontiert wurde. Dieser Prolog war wie ein Sog, der mich neugierig machte und dann mitten in das Geschehen setzte, wie der Ich-Erzähler, der, durch seine Mutter aufgefordert, abreist (scheinbar ohne zu wissen, was ihn erwartet) und in einer schillernden Welt ankommt. Auch sind die Gedanken der "Geschichtenerzähler", die sich mit einer uns sehr wohl bekannten Zeit auseinandersetzen, nicht besonders utopisch.
Die Vielfalt der Gedanken und Gespräche, die Ansichten über Gesellschaft, Politik, Kunst, Philosophie (bishin zu einem kritischen Blick auf Nietzsche und seinem "frei von menschlichen Regungen" seienden Übermenschen, der als "chromosomatischer Held" in unzähligen Kopien und als Versuchsobjekt auftritt und dann, durch seinen "Perfektionismus" unweigerlich dem Wahnsinn verfällt) fesseln mich außerordentlich. Es ist, als darf ich in etliche Winkel blicken, die der Autor aus seiner Vorstellungskraft für mich, den Leser, öffnet. Dadurch wird man von einer Betrachtung in eine völlig andere, von einer Szenerie in eine neue gelenkt, die Geschichten selbst wechseln ihren Inhalt so vielfältig und bunt, dass man sich fast in mehreren Romanen glaubt. Man erhält mit jeder Erzählung ein Puzzleteil, das man selbst zu ordnen hat, bis sich irgendwann ein Bild = Sinn (?) daraus setzen lässt.
Das ist sehr spannend.

Bald mehr.



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zuletzt bearbeitet 19.03.2009 04:00 | nach oben springen

#4

RE: Miquel de Palol

in Die schöne Welt der Bücher 22.03.2009 23:41
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Bis etwa in die Mitte des Buches angelangt, über ewige Strecken von Geschichten in den Geschichten, tauche ich inmitten der Gruppe an Erzählern wieder auf, was heißt, ich kehre an den Anfang, an den Ausgangspunkt zurück, wo nun die Dinge, nicht ohne Verwunderung, ganz neu aufgeklärt werden. So sehr die Geschichten auch außerhalb des eigentlichen Geschehens standen, so sehr sie von einem Mund in den nächsten gerieten, von einer Begegnung mit einer Geschichte in eine nächste Begegnung mit einer Geschichte, die in der Geschichte erzählt wird, so viele Menschen darin vorkommen, so viele Namen sich gegenseitig überbieten, so wenig ahnt man zunächst Zusammenhänge.
Das Verschachtelte von Geschichte zu Geschichte, wobei eine Erzählung eine nächste beinhaltet, die wiederum eine nächste beinhaltet, verlangt vom Leser oft genug an bestimmte Anfangssituationen zurückzublättern, um noch einmal zu ergründen, wer der Ich-Erzähler war, über den die Geschichte des nächsten Ich-Erzählers zum nächsten Ich-Erzähler in Gang geriet. Eine, das muss ich sagen, doch vom Autor genial gewählte Form des Schreibens, die er mit Zahlen versieht. So gerät aus dem Ort des Geschehens (das Anwesen) mit seinen Erzählern die erste Geschichte auch zum ersten Hinweis auf die nächste Geschichte, die jeweils mit 0/1 gekennzeichnet wechselt und dann, bei Unerbrechung der Geschichte wieder auf 1/0 zurückfällt. (Von Erzähler und Zuhörern (Geschichte 1/0) wechselt die Geschichte also wie im Gespräch. Jemand erzählt, die Geschichte wird als Raum geöffnet (0/1), und falls einer der Zuhörer etwas zu der Geschichte zu sagen hat, fällt alles wieder auf den Ausgangspunkt (1/0) zurück und der Erzähler antwortet.)
Hier ahnt man durchaus, dass noch einige Wechsel erfolgen werden, und die Zahl sich in jedem Fall erhöht. Immer, wenn der jeweilige Erzähler zum Ausgangspunkt zurückkehrt, erkennt der Leser das an der Zahlenverdrehung, die auf x/0 zurückfällt.
Am Anfang ist all das sehr gut zu überblicken, auch, als die Zahl dann von 2/3 bis 4/5 reicht und ständig wechselt, wobei der Wechsel nicht unbedingt immer auf die davor liegende Geschichte und somit zu dem dazu gehörigen Ich-Erzähler zurückkehrt, sondern gerne mal an den Anfang oder in die zweite Geschichte, was dann, wenn man gerade aus 4/5 kommt, nicht auf 5/4 zurückweist, sondern gut möglich auf 5/2 oder 5/1 oder 5/0.
Das muss man sich wie Kisten in der Kiste vorstellen, wobei eine geöffnet, eine kleinere offenbart, die wiederum eine kleinere offenbart.
Bsp.
Erste Kiste (erster Raum) Drei Menschen – einer beginnt zu erzählen und betritt damit die
zweite Kiste (zweiten Raum). In dieser Kiste wird wiederum eine nächste Kiste (Geschichte/neuer Raum) geöffnet, weil in der zweiten Kiste jemand eine eigenständige Geschichte erzählt. Aus dieser dritten Kiste (Geschichte) unterbricht einer der drei Menschen aus der ersten Kiste (Zurückfall in die erste Kiste (Geschichte/Raum). Hier erfolgt ein kurzes Gespräch, der Erzähler erzählt weiter, wechselt aber nicht in die zweite und dann in die dritte Kiste, sondern direkt in die dritte Kiste, in der der neue (dritte) Erzähler einen vierten trifft, der wiederum seine Geschichte erzählt und damit die vierte Kiste öffnet… usw.

Schöne Verwirrung, alleine in der Beschreibung. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Verständnis hier schon scheitert, wenn man das Buch nicht gelesen hat. Egal, ich probiere es weiter:

So bleibt einem als Leser nichts anderes übrig, als all das immer wieder neu zu ordnen, sich die einzelnen Geschichten immer wieder neu ins Gedächtnis zu rufen.
Doch, desto höher die Zahlen der Geschichte, desto verwirrender die Ausgangsposition der Geschichte. Es wirkt wie ein Labyrinth, in dem man einen Weg einschlägt und mal dort abbiegt, dann in der Abbiegung eine neue Abbiegung einschlägt, wiederum eine neue und noch eine neue, irgendwann an einer wichtigen Stelle ankommt und sich noch einmal zurückbesinnen muss, was nach dem ersten Abbiegen eigentlich noch einmal passiert ist.
Dann, etwa 550 Seiten später, an all das gewöhnt man sich, gelangt man wieder an den Anfang, weil der erste Erzähler seine Geschichte der Geschichten unterbricht, und wird mit einer neuen Gegebenheit konfrontiert, dass die so verschiedenen Geschichten zusammenhängen, alle miteinander verbunden sind. Man wird darüber aufgeklärt, dass jede Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt wird, jeder Erzähler seine eigene Deutung mit hineinlegt, wodurch jede Sichtweise sich unterscheidet und darum auch nicht zu einer einzigen und gleichen gerät. Da spielen so viele Faktoren zusammen, während dem einen Erzähler etwas wichtiger erscheint, als dem anderen, wodurch die Perspektive manchmal völlig verrutscht. Auch wird von völlig verschiedenen Seiten an eine Gegebenheit herangegangen. Das heißt, der Leser erfährt nicht nur eine Geschichte, sondern verschiedene Geschichten, die aber eigentlich eine Geschichte sind, sich nur durch die unterschiedlichen Sichtweisen unterscheidet.
Als weiteren „Schwierigkeitsgrad“ wird nun eiskalt behauptet, dass einfach ein paar Namen vertauscht wurden, die aber eigentlich Menschen gehören, die zuvor in anderen Geschichten schon aufgetreten sind. Damit bleibt dem Leser nichts übrig, als zu jedem Namen (und das sind nicht wenige) eine Person zuzuordnen (man erhält Ansatzpunkte und Hinweise), sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wer was wo gemacht oder welche Rolle gespielt hat, und all das Gehörte miteinander zu verknüpfen, bis ein Teil der ganzen Szenerie steht. Der Leser ist gezwungen, sich mit dem Gelesenen rückbesinnend immer wieder neu auseinanderzusetzen.

Für mich kam nur eine Skizze in Frage, in der ich Raum für Raum eintrug, wer was wem erzählte, von welcher Situation welche Geschichte ausging, welche Personen zusammengehören (in ein und derselben Geschichte vorkommen) und wie sich all das Gehörte nun auf das, was ich bereits gelesen habe, anwenden und verbinden ließ.
Ein eigenartiger, aber aufregender Rätselspaß. Dadurch, dass man die Namen nun zu einer Gegebenheit zuordnen kann, nicht ohne mehrmals zurückzublättern, erhält man einen gefestigten Überblick über die Personen und Geschehen. Auch, dass man nun weiß, dass keine Geschichte einfach mal so erzählt wird (außer einige Ausnahmen, die als Ablenkung eingestreut wurden und bei denen es am Leser liegt, herauszufinden, welche der Geschichten im Gewirr aller Geschichten nun nicht zur Hauptgeschichte passt oder ein Hinweis auf die Hauptgeschichte ist), sondern immer eine Verbindung, einen Zusammenhang darstellt, macht das Lesen zu einem einzigartigen Denkprozess, dem ich mich gerne ergebe.
Dieses Buch, das muss man sagen, fesselt, nicht einmal so sehr durch die Spannung im Buch (obwohl diese auch enorm ist), sondern durch all das, was es vom Leser fordert. Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit, Überfliegen von Situationen, all das sind Attribute, die sich der Leser keinesfalls leisten kann. Gerade durch die Vielzahl und Farbenpracht der Geschichten, die alle ihren eigenen Charme besitzen (manchmal mehr, manchmal weniger), die alle aus der Geschichte in die nächste oder zurück oder an den Anfang führen, durch die unterschiedlichsten Charaktere und Umstände, ist man ständig gefordert, das, was sowieso in Massen an Phantasie und Wirklichkeit auf einen einströmt, auch noch im Dahinter zu ordnen.
Ich muss sagen: Selten, wenn nicht sogar nie, bin ich auf ein Buch getroffen, dass mir so viel Vergnügen bereitet hat. Ich entdecke darin ein ganz neues Spiel des Lesens, womit mir der Autor gleichzeitig eine ganz neue Möglichkeit eröffnet, ein Buch zu lesen und dessen Geschichte allmählich zusammenzusetzen.
Jetzt aber, wo ich weiß, dass die Namen geändert auf bestimmte Menschen zurückführen, habe ich eine klarere Vorstellung, von dem, was geschehen ist. Auch kommen mittlerweile durchaus utopische Szenen vor, z. B. gibt es eine Tablettenform, die ermöglicht, dass ein Mann das Aussehen eines anderen Mannes annimmt, oder dass ein Cibor, ein Computer eigenständige Entscheidungen trifft, weil er lernfähig ist oder man sieht, wie ein Mikrochip, der in das Gehirn eines Menschen implantiert wurde, zur Bombe umfunktioniert werden kann... usw. Das würfelt der Autor ganz hervorragend zwischen die Dinge, was wiederum seiner Geschichte (und u. a. dem Vertausch der Namen) dient. Auch sind viele Geschichten Hinterfragungen im Blick auf Welt und Mensch.




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zuletzt bearbeitet 23.03.2009 02:17 | nach oben springen

#5

RE: Miquel de Palol

in Die schöne Welt der Bücher 02.04.2009 17:29
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Nach der Lektüre dieses Buches, das ich auch noch einmal lesen werde, bleibe ich begeistert zurück, mit den unzähligen Zetteln meiner Skizzen und Zuordnungen, mit der Suche nach den Zusammenhängen und Hinweisen, die mir der Autor gibt, der selbst durch einen seiner Figuren erklärt, dass ein guter Schriftsteller sich nicht darauf verlässt, beim Leser Zweifel zu erschaffen und seine Gewissheiten zu zerstören, dass sein Werk offen und vieldeutig ist, dass er dem Leser nichts verschweigt, sondern statt einem Ass gleich drei oder mehr aus dem Ärmel zaubert, damit viele Hinweise bietet, nach denen der Leser greifen und sich sein Bild zusammenbauen kann. Ich habe es getan, und letztendlich zeigt sich, dass es dem Autor im Wesentlichen darum geht, dass der Mensch zum Maß der Dinge zurückkehrt, aus sich selbst heraus die Gleichgültigkeit durchbricht, zu sich selbst zurückkehrt und auf den Fluß des Lebens, des Ganzen, des "Juwels" vertraut (wobei dieses auch mehrere Welten in sich birgt, einmal den chromosomatischen Code, die Erschaffung des "idealen Menschen", dann den Stein der Weisen, auch Gegenstand ist, der sich stehlen lässt usw., damit also ein Idealzustand, die Idealisierung einer Möglichkeit, der Traum von einer "anderen Welt"). All die Geschichten, all diese Hinweise, Lügen, Wahrheiten und Menschen führen zur Aussage zurück, die der Ich-Erzähler, der am Ende herausfindet, wer er sein könnte, feststellt: Er könnte, wenn er weiterschreiben würde, jetzt, wo er zur Lösung schreitet, die Geschichte nur noch verfälschen, so, wie auch die anderen ihre Geschichten subjektiv gestaltet oder bewusst verschleiert haben, ganz einfach darum, weil es nie eine einzige Frage und nie nur eine einzige Möglichkeit gibt.

In einer der Kritiken über "Im Garten der sieben Dämmerungen" hieß es, der Kritiker hätte sich lieber ein Buch voller Kurzgeschichten gewünscht, statt dieses mächtige Durcheinander an Figuren und Geschichten, aber genau das macht dieses Buch aus, denn die Geschichten sind eben nicht nur Geschichten, und die Erzähler nicht nur Menschen, die etwas erzählen. Es ist alles miteinander verknüpft, ein riesiges Drumherum für die Suche nach einer Welt, in der es sich zu leben lohnt. Ohne all das wäre der Roman nur ein Roman von vielen. Gerade dieser Aufbau, die Forderung nach Aufmerksamkeit vom Leser, das ewige Rätsel macht ihn einzigartig!



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zuletzt bearbeitet 02.04.2009 17:31 | nach oben springen

#6

RE: Miquel de Palol

in Die schöne Welt der Bücher 02.04.2009 22:38
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine
In einer der Kritiken über "Im Garten der sieben Dämmerungen" hieß es, der Kritiker hätte sich lieber ein Buch voller Kurzgeschichten gewünscht, statt dieses mächtige Durcheinander an Figuren und Geschichten,

Vermutlich, weil sich das leichter rezensieren ließe.

Dein Resume beschreibt das Buch besser als die mir bekannten Kritiken.

Während der langen "Geschichte von der Macht des Juwels" befürchtete ich zeitweise, dass alles in einer allzu eindeutigen Erklärung mündet, aber die Reflektionen des siebten Tages haben die Befürchtung aufs angenehmste widerlegt.

Besonders zugesagt hat mir Ficinus Interpretation des Ganzen als "Kalender".

Gruß,
L.


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#7

RE: Miquel de Palol

in Die schöne Welt der Bücher 04.04.2009 14:01
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Ja, der Kalender, das Labyrinth, das Spiel, um herauszufinden, wer auf den Kalender blickt. Die sieben Tage der Schöpfung, besser hier zu sagen: der Erkenntnis. Ein Entstehen und Werden, bis der Ich-Erzähler begreift.
Oder anders gesagt: „Das Leben als Innenschau…“
Nichts anderes habe ich mit meinen Skizzen gemacht.
Und der Hintergrund: Der Kalender ist eine Erschaffung, eine Einteilung durch den Menschen oder durch „Jemanden“ in Zeit und Ereignissen. Am Anfang war…
Die Dinge stehen in einer Ordnung. Er soll vereinfachen, während der Plan selbst entworfen wurde, wie hier alles darauf hinausführt, dass der Ich-Erzähler erkennt, dass er Teil des Ganzen ist, was über viele Seiten des Buches hinweg nicht erfassbar war. Ficinus hat den Verlauf der ganzen Ereignisse gut ins Wort gefasst.
Die Schlüsselrolle… die Rolle des Betrachters, der letztendlich sich selbst betrachtet.

Ficinus ist überhaupt eine der schillernsten Figuren. Wahrscheinlich eine der wenigen, die in jeder Hinsicht die Wahrheit gesagt, der die Dinge also so dargestellt hat, wie sie tatsächlich geschehen sind.

Auch die Hinweise mit den Schmetterlingen in den Zimmern fand ich beeindruckend, weil sie so unscheinbar sind - Der Totenkopf (Gimmelion), der Schwalbenschwanz im Zimmer des Ich-Erzählers, der Tagfalter (Tagträumer); es ist der weit verbreitetste Schmetterling, auch eventuell als Metapher dafür, dass die „Nachfolger“ immer vorhanden sind, und dass sie durch den Code längst erfasst und festgelegt wurden.
Dann die Geschichte, die auf das Ende (die Rolle des Ich-Erzählers) hinweist, durch die „Geschichte des alten Mönches“ im Traum von Eliseu Praetorius“ (S. 361), wobei wunderbar deutlich wird, dass die Geschichten, die man als Leser zunächst abtut oder als nebensächlich empfindet, eben doch, als eines der ausgespielten Asse des Erzählers, tatsächlich Hinweis sind, diese zusätzliche Verwirrung, die der Autor auch in den kleinsten Details stiftet, um auf das große Spiel hinzuweisen.
Oder bei Ficinus dann der Hespeira comma. Da heißt es über ihn: Der Falter hat einen sehr schnellen, hektischen Flug, setzt sich aber immer wieder auf Blüten. Von anderen Dickkopffaltern ist er durch die deutlichen, weißlichen Flecken auf der Unterseite zu unterscheiden.
Dickkopf fand ich gut (sicherlich eine der vielen zusätzlichen, subjektiven Interpretationen), oder das Schnelle und Hektische, für mich dabei sofort die Darstellung des pfiffigen Geistes.
Dann auch faszinierend die Verbindung zwischen Sternbild und Natur – Stern und Baum. Die Deutungen ins Tierbild. Orion und der Garten der Dämmerung.

Auch interessant ist die Tischordnung, die der Ich-Erzähler zum Schluss nennt.
Der Tisch der Gegensätzlichkeiten, der Menschen, die sich in einer bestimmten Form gegenübersitzen. Für mich Sinnbild dafür: Jeder ist durch einen ihm gegenüber zugeordneten Menschen ersetzbar (eine Art Waage an unterschiedlichen Charakteren, die aber für die „Aufgabe“ wieder gleichwertig werden), solange es um „höhere Bedingungen“ geht (Juwel-Macht und Weltgeschehen). Ähnlich ist es mit Omega, der dann auf einmal nicht mehr nur eine Person ist, sondern von Generation zu Generation wechselt. Hier zeigt sich, dass auch der Krieg nur eine Wirkung ist, eine Neuordnung der Dinge.
Bei dieser Tischordnung sitzt Ficinus Gimmelion gegenüber (wobei mich Gimmelion wieder an Chamäleon (griech. χαμαιλέων - chamaileon „Erdlöwe“ erinnert), eine Wechselgestalt, die sich an ihre Umgebung anpasst, in die dabei alles hineingedeutet werden kann, während Ficinus ihm gegenüber vielleicht das einzig Feste/Wahre einnimmt. Für mich fehlt Teresa gegenüber der Platz Roncal, somit ist er nicht Flint, denn Teresa ist nur eine der Nebendarstellerinnen, durch die Casanova Halt gefunden hat, während Flint eine der Hauptfiguren ist, sogar eine tragische Figur einnimmt und eher auf einen anderen schließen lässt.
Eindeutig bleibt, dass jede Figur ihre Rolle spielt, von Anfang an wichtig für diesen ganzen Kalender, den Fortschritt in der Welt, in ihrer Phase des Krieges und dem rettenden oder zerstörerischen Danach ist. Das, was hier offen bleibt, die Eindeutigkeit der Figuren (was letztendlich wirklich egal ist), der Ausgang, der in etlichen Gesprächen so faszinierend erläutert oder von den Figuren durchdacht oder verworfen wird, ist das, was durch all die Verwirrungen und Zeilen zurückbleibt und wahrscheinlich als wirkliches Ende dann auch tatsächlich zählt.

Der Autor jedenfalls scheint doch optimistisch, denn solange das Juwel in den richtigen Händen ist, wirkt es, in den falschen ruht es, bis es wieder in die richtigen Hände gerät. So ist dieses Vertrauen durchaus berechtigt und erklärt auch die Ruhe der Erzähler, die mir wie feste Punkte inmitten eines wirbelnden Chaos erschienen.



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zuletzt bearbeitet 04.04.2009 15:01 | nach oben springen

#8

RE: Miquel de Palol

in Die schöne Welt der Bücher 04.04.2009 17:01
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Achso, was ja auch noch wichtig zu erwähnen wäre, ist der Aufbau des Autors, der sich nach dem Gödelschen Unvollständigkeitssatz richtet (das Portrait des Mathematikers ist ja dort auch nicht umsonst aufgehängt).
Kurz:
Zitat von Wikipedia
Der Satz zeigt die Grenzen der formalen Systeme ab einer bestimmten Mächtigkeit auf und weist nach, dass man in Systemen wie der Arithmetik nicht alle Aussagen formal beweisen oder widerlegen kann.


Sein Satz besagt:
Jedes hinreichend mächtige formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.

Und etwas genauer:
Zitat von e.d.
In jedem formalen System der Zahlen, das zumindest eine Theorie der natürlichen Zahlen (\N) enthält, gibt es einen unentscheidbaren Satz, also einen Satz, der nicht beweisbar und dessen Widerlegung ebenso wenig beweisbar ist (1. gödelscher Unvollständigkeitssatz). Daraus folgt unmittelbar, dass kein formales System der Zahlen, das zumindest eine Theorie der natürlichen Zahlen (\N) enthält, sich innerhalb seiner selbst als widerspruchsfrei beweisen lässt (2. gödelscher Unvollständigkeitssatz).


Schön ausführlich dann hier.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 04.04.2009 17:25 | nach oben springen


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