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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Alice Munro

in Die schöne Welt der Bücher 24.03.2009 12:05
von Martinus • 3.194 Beiträge
Alice Munro: Himmel und Hölle

Diese Erzählungen, auch wenn sie um ähnliche Themen wie Krankheit, Tod und zwischenmenschliche Beziehungen kreisen, sind auf mich in völlig unterschiedlicher Weise angekommen. Da gab es einige zu denen ich den Draht nicht gefunden habe, die mich schier zur Verzweiflung getrieben haben, und es gab andere mit Szenen oder einzelnen Sätzen, die hier und da aufblinkten und mich ermutigt haben, in der Lektüre fortzufahren. Zwei Erzählungen, zufälligerweise die erste und die letzte des Bandes, strahlen in aller Herrlichkeit, in allem literarischen Glanz hervor und bezeugen, dass die Autorin zu Großem fähig ist.

Warum ich mich in einigen stories nicht zurecht fand, mag mehrere Gründe haben. Zu einem mag es daran liegen, dass sie einfach zu schwer waren und sich darum vor mir verschlossen. Man stolpert in eine Szenerie hinein und muss erst einmal aus diversen Andeutungen heraus kombinieren, worum es überhaupt geht und wie die Personen zueinanderstehen. Zusätzlich erschwerend sind gewaltige Zeitsprünge. Wenn man diese Fallen gemeistert hat, ist man auf den richtigen Dampfer, wenn nicht, dann wird die Geschichte zur Qual.

Die erste und die letzte, „Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit“ und „Der Bär kletterte über den Berg“ sind sehr lesefreundlich, weitgehend chronologisch geschrieben. Hier erlesen wir herrliche Andeutungen, erahnen ungeschriebene Zwischenräume, und hier kann ich auch den Humor erkennen, für den die Autorin gepriesen wird, auch wenn ihre Themen sehr ernst sind. Die stories haben etwas bitteres und etwas süßes.

Die erste Story: Die schon in die Jahre gekommene Haushälterin Johanna kauft sich ein neues Kleid, verschickt ihre Möbel mit der Bahn und reist ihnen hinterher. Denn sie will den Witwer Ken heiraten. Johanna hat nämlich einige Liebesbriefe von ihm erhalten, die allerdings nicht von Ken geschrieben, sondern von Ken's Tochter und ihrer Freundin gefälscht sind. Johanna wird quasi in die Irre geführt. Dass diese Geschichte trotzdem gut ausgeht, grenzt an ein Wunder. Schön frech mit Humor gewürzt fand ich die Tatsache, dass Johanna eben nicht gerade der Typ zum Heiraten ist.

Zitat von Munro
Sie mochte noch keine vierzig sein, aber was half das? Sie war eben keine Schönheit.


Die letzte Story: Eine Geschichte um das Irresein, eine bezaubernde Story einer demenziellen Entwicklung einer Frau, die schließlich in ein Heim kommt. Da man in den ersten 30 Tagen die Insassen dort nicht besuchen darf, weil sie sich an die neue Umgebung gewöhnen müssen, besucht Grant nach dieser Gewöhnungszeit seine Fiona, mit der er jahrzehntelang verheiratet ist, muss aber erkennen, dass seine Frau mit einem anderen Heimbewohner angebändelt hat und ihren geliebten Grant nicht mehr erkennt. In all dieser Tragik liegt auch Witz, den Munro feinsilbig auskostet.

Zitat von Munro
„Das Problem ist, wie sie sicher wissen, dass wir Bettlägerige nicht auf längere Zeit im Erdgeschoss pflegen....“
Er sagte, seines Wissens sei Fiona nicht oft im Bett geblieben und noch nicht bettlägerig.
„Nein. Aber wenn sie nicht bei Kräften bleibt, wird sie es. Im Moment ist sie ein Grenzfall.“
Er sagte, er habe gedacht, der erste Stock sei für geistig völlig Verwirrte.
„Das auch“, sagte sie.


Diese Story erschien auch einzeln als Hörbuch und wurde unter dem Titel "An ihrer Seite" verfilmt.

Zu den besonders schönen stories zählt auch „Trost“. Es geht um einen Mann, der an einer Krankheit leidet, die ihn nur in den Tod führen kann. Er begeht Selbstmord und lässt seine Frau Nina beunruhigend zurück. Denn Nina sucht verzeifelt seinen Abschiedsbrief, den ihr Mann vielleicht doch nie geschrieben hat. Sie durchsucht das Zimmer und dreht jeden Quadratzentimeter um, sie sucht ihn in abgelegendsten Stellen. Wo soll sie den Trost nur finden? Jedenfalls nicht in der Religion. Wo sie ihn findet, lese man bitte im Buch.

Wegen diesen drei Geschichten lohnt sich die Anschaffung des Bandes „Himmel und Hölle“ auf jeden Fall. Es ist durchaus möglich, dass ich den anderen Geschichten noch mehr abgewinnen kann, wenn ich irgendwann einen reread mache, denn manchmal, so auch hier, gebe ich mir gerne die Schuld, wenn ich mit einem Text nicht klar komme. Schlussfolgernd ist es ein Buch mit sehr schönen Höhepunkten und persönlichen Niederlagen.

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 24.03.2009 15:42 | nach oben springen

#2

RE: Alice Munro

in Die schöne Welt der Bücher 19.10.2013 17:46
von Martinus • 3.194 Beiträge

In der für Alice Munro ungewöhnlich langen Story „Die Liebe einer Frau“, fast hundert Seiten lang, bekommen wir einen Einblick in die Mentalität eines Ortes zur Zeit der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Ein paar Jungens entdecken in einem Teich das Auto vom Optiker Willens mit seiner Leiche darin. Um sich womöglich Ärger zu ersparen, schweigen sie darüber. Alice Munro versteht es, in diesem Geschehen eine unheimliche Atmosphäre aufzubauen, denn auf ihrem Rückweg kommen die Jungen am Hause des Optikers vorbei. Die Ehefrau des Optikers weiß noch nicht, dass ihr Mann tot ist und schenkt den Jungen leuchtende Forsythien, die sie ihrem Müttern schenken sollen. Die Ahnungslosigkeit dieser Frau macht betroffen. Bei dieser Szene habe ich an ein Blumengrab denken müssen. Der Tod des Optikers wird verbunden mit der totkranken Mrs. Quinn, die von der Krankenschwester Enid in häuslicher Pflege bis zu ihrem Tod umsorgt wird. Mrs. Quinn verkörpert das Böse in der Geschichte. Ihre Gehässigkeit stellt für Enid eine Herausforderung da. Die nierenkranke Mr. Quinn lästert über sich selbst, sie sei aufgedunsen wie ein Schwein, und fragt Enid, ob sie sich nicht vor ihr ekelt. Enid, die liebende Frau in der Geschichte verneint, sie wäre nicht hier, wenn sie so denke. Doch unter der Oberfläche ihrer Fürsorglichkeit weiten sich abgrundtiefe Emotionen: Hass, Ekel, Abscheu. Mrs. Quinns trotzige Böswilligkeit ist eine Metapher für das verfaulen ihres Körpers und der Titel „Die Liebe einer Frau“ ist bewusst parodistisch gemeint.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#3

RE: Alice Munro

in Die schöne Welt der Bücher 20.10.2013 11:14
von Krümel • 499 Beiträge

Ach, vielleicht lese ich auch mal etwas von Munro. Ihre Tiefenpsychologie interessiert mich ja, nur ihre Kürze - ich mag´s lieber dick.

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