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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Milan Kundera

in Die schöne Welt der Bücher 20.04.2009 17:36
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Milan Kundera
Das Leben ist anderswo


Der Titel stammt übrigens von Rimbaud, danach von Breton in seinen Manifesten benutzt, dann wurde er von den Studenten bei der Studentenrevolte als Parole verwendet… Kundera selbst hätte sein Buch lieber mit „Das lyrische Alter“ überschrieben, das bei ihm die Jugend ist. Der Roman ist ein Epos der Jugend und eine Analyse der „lyrischen Haltung“.

Neben den schönen Betrachtungen auf verschiedene Literaten und ihrer Beziehung zu Werk und Mutter, zu Stolz und Tod, sieht man hier den werdenden Dichter als Kind, der durch die Liebe seiner Mutter zu einem eigenwilligen Charakter gerät. Kundera versteht es, dessen Werdegang mit dem anderer Schriftsteller zu vergleichen und dadurch zu prägen. Der junge Dichter, der Dichter sein soll, weil die Mutter in ihm ein Talent erahnt, muss die nicht vorhandene Liebe des Vaters ausgleichen, bekommt gleichzeitig aber wenig von den Kämpfen seiner Mutter mit.
Als die Mutter ein zweites Kind möchte, erhält sie Gewissheit über die Gefühllosigkeit ihres Mannes, der ihr verkündet, dass er sich selbst nur dann in einem zweiten Kind sehen könne, wenn es nie geboren werde.
Nur der Krieg, als ihr Mann eingezogen wird, gibt ihr wieder eine Art Hoffnung, „wie nach einer rettenden Hand streckt sich die Mutter nach dem Unglück ihres Landes aus…“

In Antwort auf:
Doch selbst in Zeiten, in denen sich die Geschichte stürmisch voranwälzt, tritt früher oder später der Alltag aus diesem Schatten, und das Ehebett erscheint wieder in seiner monumentalen Trivialität und bestürzenden Dauerhaftigkeit.


Der Soldat (Held) wird wieder zum Ehemann, zum Mann, der die Mutter des Dichters nicht liebt. Das Kind, der künftige Dichter Jaromil, wird damit zum ersten und gleichzeitig auch zweiten Kind der Mutter.
Dieser wächst nun auf, lernt bei einem Maler, der sein Talent anerkennt und dann mit der Mutter ein Verhältnis eingeht.

Der Maler hat die Einstellung: Die Kunst nährt sich aus anderen Quellen als dem Verstand., und bald schon wird Jaromil das Gelernte neu betrachten.

Die Beziehung des Malers zur Mutter stellt sich in etwa so dar:
In Antwort auf:
Dann leuchteten die Augen des Malers plötzlich auf; er nahm einen Pinsel, tauchte ihn in schwarze Farbe, bog der Mutter sanft den Kopf zurück und strich ihr mit zwei Linien das Gesicht durch. „Ich habe dich gestrichen“ Ich habe ein Werk Gottes aufgehoben!“ lachte er und fotografierte die Mutter, auf deren Nase sich die beiden dicken Striche kreuzten. Dann führte er sie ins Badezimmer, wusch ihr das Gesicht und trocknete es mit einem Frottiertuch.
„Ich habe dich gerade gestrichen, um dich jetzt wieder neu zu erschaffen“, sagte er, nahm den Pinsel und begann erneut…


Als die Mutter, trotz ihrem Verhältnis zum Maler, das bald wieder erlischt, weil sie merkt, dass sie nicht das ist, was er in ihr sieht, dass sie vielmehr ein Spiegel ist, auf den er seine Vorstellungen und Ideale projiziert, als sie also erkennt, dass sie nur Kunstwerk, Ding für ihn ist, erfährt sie auch noch, dass ihr Mann sie ebenso betrogen hatte und auch darum im Krieg umgekommen war. Er hatte ein Verhältnis zu einer Jüdin und diese im Lager besucht, wo er dann festgenommen wurde. Verbittert nimmt sie den Glorienschein des aufgehängten Portraits ihres Mannes von der Wand, der ihr als Witwe eine besondere Rolle ermöglicht hatte, die sie während ihres gemeinsamen Lebens nie ausleben konnte. Nun war das alles wieder zerbrochen.
Jaromil übt sich derweil in ersten Schreibversuchen, die ihm gut gelingen, aber kein wirkliches Gefühl in sich bergen, da er das, worüber er schreibt, nie selbst erlebt hat:
In Antwort auf:
Der Tod, über den Jaromil schrieb, hatte mit dem wirklichen Tod wenig gemein. Der Tod wird erst wirklich, wenn er allmählich durch die Ritzen des Alters in den Menschen eindringt.


Überhaupt neigt Jaromil dazu, die Meinung anderer zu übernehmen und sich hinter einer Maske zu verbergen:
In Antwort auf:
Das einzige, wozu er sich aufraffen konnte, war das harte (jahrelang eingeübte) Lächeln, das er auf seinem Gesicht erstarren ließ.


Bald schon trifft er auf Menschen, die den Lehren des Malers – Kunst darf keinen Zweck erfüllen und muss sich aus sich selbst nähren – zuwiderlaufen, da sitzen Menschen, die behaupten: „nur die Kunst sei modern, die eine neue Welt zu erkämpfen mithelfe, was der Surrealismus schwerlich vermöge, da er für die Volksmassen unverständlich sei.“
Hier erblickt Jaromil auf einmal einen Ausweg, um sich aus dem Larvenzustand, dem die Mutter, der Maler und andere nicht das Recht auf eine eigene Gestalt gönnten, zu befreien, wenn es auch nicht der eigenen Überzeugung dient. Kunst muss politisch werden, um Gehör zu finden.

Die Auflehnung des Schülers führt so weit, dass er auch gegen den Lehrer selbst aufbegehrt, Jaromil spricht scheinbar in eigenen Worten, statt in denen des Malers, und das auch noch an den Maler selbst gewandt, um nicht als sein gehorsamer Schüler aufzutreten, der gelobt werden möchte. Natürlich stellt sich dann wiederum heraus, dass es sich eigentlich um eine Art Streitgespräch des Malers gegen den Maler handelt (ein Gespräch mit seinem sich auflehnenden Schatten). Er sagt:
In Antwort auf:
Sie zitieren doch so gern Rimbaud: Man muss absolut modern sein. Dem stimme ich völlig zu. Aber absolut neu ist nicht das, was wir seit fünfzig Jahren voraussetzen, sondern das, was uns schockiert. Absolut modern ist nicht der Surrealismus, den es schon ein Vierteljahrhundert lang gibt, sondern diese Revolution, die sich jetzt abspielt. Die Tatsache, dass Sie sie nicht verstehen, beweist nur, dass sie neu ist.
Man fiel ihm ins Wort: „Die moderne Kunst war eine gegen die Bourgeoisie gerichtete Bewegung!“
„Gewiss“, sagte Jaromil, „wäre sie jedoch in der Verneinung der zeitgenössischen Welt konsequent gewesen, hätte sie auch mit dem eigenen Untergang rechnen müssen. Sie hätte wissen müssen (und sie müsste es sogar wollen), dass sich die Revolution als ihr Bild eine vollkommen neue Kunst schafft.“

Einerseits hat er völlig recht, andererseits ist der dünnblutige Künstler in ihm keineswegs lebendig und spricht mit eigener Stimme. Jaromil will sich lediglich abgrenzen und bedient sich jeweils fremder Worte, um in jedem Fall eine andere Meinung zu vertreten, wenn es gerade notwendig ist. Da sind all die, die politisch reagierten und ihre Ansichten auch in ihre Kunst einfließen ließen.

Wenn große Träume erschlagen werden
fließt viel Blut.

(Jiri Wolker)

Nur ein wahrhaftiger Dichter weiß, wie unermesslich die Sehnsucht ist, kein Dichter zu sein, die Sehnsucht, dieses Spiegelhaus zu verlassen, in dem betäubende Stille herrscht.
Vertrieben aus dem Land der Träume
such ich ein Versteck in der Menge
und in Flüche verwandeln
will ich mein Lied.

Doch als Frantisek Halas diese Verse schrieb, stand er nicht unter den Massen auf dem Platz; der Raum, in dem er sich über den Tisch beugte, war still.
(…)
Und es ist ihm auch nicht gelungen, seine Lieder in Flüche zu verwandeln, im Gegenteil, seine Flüche haben sich stets in Lieder verwandelt.

Doch ich
bezwang mich,
trat
bebenden Hauchs
dem eigenen Lied
auf die Kehle…


… schrieb Wladimir Majakowskij…

Die Kunst wird zur Schlacht.

Die Studentenparolen:
Traum ist Wirklichkeit.
Seid Realisten, verlangt das Unmögliche.
Wir verordnen den permanenten Glückszustand
und weiter: Genug Kirchen. (diese Losung gefiel ihm ganz besonders, sie bestand aus zwei Wörtern und verwarf zwei Jahrtausende Geschichte.)

In folgendem Abschnitt fasst sich der Inhalt des halben Buches zusammen, der Dichter, der sich aufgrund der äußerlichen Umstände (die Enttäuschung mit den Frauen, der fehlende Sex, die einengende Liebe seiner Mutter, die Ablehnung und Nichtbeantwortung seines Briefes an den großen Dichter) von der Poesie abwendet und sich der Politik zuwendet. Revolte kreischt das moderne Studentensystem:
In Antwort auf:
Das Leben ist anderswo, schrieben Studenten, Rimbaud zitierend, auf eine Mauer der Sorbonne. Ja, das weiß er genau, deshalb ist er von London nach Irland gefahren, wo das Volk sich erhoben hat. Er heißt Percy Shelley, ist zwanzig Jahre alt und Hunderte von Flugblättern und Proklamationen bei sich als Passierschein, mit dem man ihn ins wirkliche Leben einlassen wird.
Denn das wirkliche Leben ist anderswo. Die Studenten reißen Pflastersteine aus den Straßen, stürzen Autos um, bauen Barrikaden; ihr Eintritt in die Welt ist schön und lärmend, beleuchtet von Flammen und gefeiert von der Explosion der Tränengasbomben. Um wieviel schwerer hatte es Rimbaud, der von den Barrikaden der Pariser Kommune träumte, von Charleville aus jedoch nie dorthin gelangte. Dafür haben im Jahre 1968 Tausende von Rimbauds ihre eigenen Barrikaden errichtet; indem sie dahinter stehen, weigern sie sich, mit den bisherigen Besitzern der Welt auch nur den kleinsten Kompromiss zu schließen. Die Emanzipation des Menschen ist entweder total, oder sie ist nicht.
Doch einige Kilometer weiter entfernt, am anderen Ufer der Seine, leben die bisherigen Besitzer der Welt ihr Leben weiter und nehmen den Lärm des Quartier Latin nur als etwas wahr, das in er Ferne vor sich geht. Traum ist Wirklichkeit, schrieben die Studenten auf die Mauern, es hat aber den Anschein, als sei vielmehr das Gegenteil richtig gewesen: jene Wirklichkeit (die Barrikaden, die gefällten Bäume, die roten Fahnen) war der Traum gewesen.


Gleichzeitig schreibt Kundera in seinem vierten Teil (Der Dichter läuft) über Rimbaud und seine Flucht, über Majakowskij und andere und betrachtet das, was Lyrik ist, genauer:

In Antwort auf:
Dem Reim und dem Rhythmus wohnt eine Zaubermacht inne: wird eine formlose Welt in gleichmäßige Verse gezwängt, wird sie mit einem Mal übersichtlich, regelmäßig, klar und schön. Stellt sich in einem Gedicht der Tod gerade dann ein, wenn am Ende des vorangegangenen Verses das Abendrot zu leuchten begonnen hat, wird auch er zu einem wohlklingenden Bestandteil der Ordnung. Und selbst wenn das Gedicht gegen den Tod protestiert, so ist er zumindest als Anlass für einen schönen Protest zweifellos gerechtfertigt. Knochen, Rosen, Särge, Wunden, alles verwandelt sich im Gedicht in ein Ballett, und Dichter und Leser sind in diesem Ballett die Tänzer. Wer tanzt, kann den Tanz allerdings nicht missbilligen.

… und Baudelaire schreibt: „Man muss beständig betrunken sein… von Wein, von Poesie oder Tugend, ganz nach Belieben…“ Lyrik ist Trunkenheit, und der Mensch betrinkt sich, um leichter mit der Welt zu verschmelzen.

Die Lyrik ist ein Gebiet, in dem jede Behauptung zur Wahrheit wird. Gestern sagte der Lyriker: das Leben ist eitel wie das Weinen, heute sagt er: das Leben ist lustig wie das Lachen, und jedesmal hat er recht. Heute sagt er: alles geht zu Ende und verfällt der Stille, morgen wird er sagen: nichts geht zu Ende, alles widerhallt ewig, und beides gilt. Der Lyriker muss nichts beweisen; einziger Beweis ist der Pathos des Erlebnisses.


Diese seltsame Entwicklung Jaromils zum "guten Bürger", der ein "guter Bürger" ist, weil er sonst nichts anderes ist, führt in den Verrat für den Staat, wo er, wie von seiner Mutter gewohnt, das Schicksal eines Menschen in die Hand nimmt, und seine eigene Freundin verrät.

In Antwort auf:
… es war nicht nur eine grauenvolle, sondern auch eine lyrische Zeit! Dichter und Henker regierten Hand in Hand.
Die Mauer, hinter der die Menschen eingekerkert wurden, war ganz aus Versen gebaut, und entlang dieser Mauer wurde getanzt. Nein, kein Dance macabre. Damals tanzte die Unschuld! Die Unschuld mit ihrem blutigen Lächeln.
Es sei eine Zeit schlechter Lyrik gewesen? Nicht so ganz! Ein Romanzier, der mit den blinden Augen des Konformismus über jene Zeit schrieb, schuf Lügenwerke, die bereits bei ihrer Geburt tot waren. Ein Lyriker jedoch, der mit jener Zeit genauso blind verschmolzen war, hinterließ oft schöne Gedichte.


Der Schluss der Geschichte ist dann wieder verblüffend einfallsreich. Kundera schwenkt fünf Jahre weiter, wo der Dichter bereits tot ist, das Mädchen ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, wo sich einige Dinge neu aufklären. Nun erfährt der Leser, dass die Angabe des Mädchens, ihr Bruder wolle über die Grenzen, für die sie durch Jaromil im Gefängnis landete, eine Ausrede war, nicht der Wahrheit entsprach. Die „Schuld“-Frage verteilt sich neu.
Der Tod des Dichters spiegelt sich schließlich im Tod Lermontows:
In Antwort auf:
Die Ehre ist nur der Hunger deiner Eitelkeit, Lermontow.
Die Ehre ist nur eine Illusion der Spiegel, die Ehre ist nur Theater für dieses unbedeutende Publikum, das morgen nicht mehr hier sein wird!

Und doch wird es ein Kurzbeiniger, sich selbst verachtender Mensch weitaus schwerer begreifen, als ein anderer Mensch…

In Antwort auf:
Lermontow fürchtet nicht den Tod, er fürchtet die Lächerlichkeit. Er möchte springen, springt aber nicht, denn er weiß, Selbstmord ist tragisch, misslungener Selbstmord hingegen lächerlich.
Wie das, wie das? Was war das für ein wunderlicher Satz? Ob ein Selbstmord gelingt oder nicht, es bleibt immer dieselbe Tat, zu der dieselben Beweggründe und derselbe Mut führen! Was unterscheidet hier das Tragische vom Lächerlichen? Nur der Zufall des Gelingens? Was unterscheidet eigentlich das Kleine vom Großen?


Ein wirklich großartiges Buch. Kundera hat bei mir wieder einige Sympathien gewonnen.
Der Tod des Dichters… der sich zuletzt ins Gesicht sieht und das Erschrecken bemerkt. „Und das, war das letzte, was er sah…“ – ist ein wirklich „erhabenes Ende“.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.04.2009 18:31 | nach oben springen


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