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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 20:32
von Salin
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Zitat von Taxine
Hat jemand Bücher im Kopf, die sich ähnlich wie Cortazars, Palols, Potockis, auch Pavics Romane - der zitiert in "Die inwendige Seite des Windes" auch aus der "Handschrift von Saragossa", soweit ich mich erinnere - ausnehmen?


Wirkt "Rayuela" so ähnlich wie Potockis "Handschrift"?

Worum geht's dir? Um die Komposition?
zuletzt bearbeitet 13.05.2009 20:37 | nach oben springen

#2

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 20:34
von Taxine
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Potockis "Handschrift" ist natürlich viel gemächlicher als das verspielte, ideenreiche "Hin- und Her" von Cortazar, auch nicht so poetisch. (Eigentlich, aus der Betrachtung gesehen, gar nicht vergleichbar, das stimmt.) Trotzdem ist der Sprung in die Geschichte in der Geschichte das, was mir daran gefällt, das man von einem Leseerlebnis in das nächste geworfen wird. Das meine ich, das Verschachtelte, vielleicht Irritierende, das Verspielte, jedoch mit Handlungsstrang (Sinn oder Zusammenhang), der durchaus dünn sein darf. Kennst du Bücher in dieser Art?

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#3

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 20:35
von Salin
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Scarrons "Komödiantenroman / Le Roman comique" (Vorsicht 17. Jh.!)
Barths "Der Tabakhändler / The Sot-Weed Factor"
Calvinos "Wenn ein Reisender in einer Winternacht"

Alfaus "Locos" kennst du ja bereits.

Die beiden erstgenannten Romane schieb ich allerdings noch selber vor mir her.
Larifant hat, wenn ich mich recht erinnere, den "Tabakhändler" bereits gelesen.

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#4

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 20:35
von Taxine
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Vielen Dank. Ich werde es einmal mit dem „Tabakhändler“ probieren.
Calvinos Buch kenne ich. Könnte man eigentlich auch einmal einen Ordner aufmachen.
Kennst du eigentlich Raymond Roussel? „Locus Solus“ ist ja auch gelungen, wenn man Lust auf detailgetreue Ideen hat.

Roussel nimmt ein Wort, such ein ähnlich klingendes (bildet daraus einen Satz, der mit der einen Bedeutung des Wortes beginnt und mit der anderen endet). Das Wort wird gleichzeitig in seiner Mehrdeutigkeit durchleuchtet, diese Bedeutung wiederum – das „neue Wort“ - in einen Satz, in einen ganzen Romanvorgang umgewandelt. Dann lenkt er den Blick auf eine „Idee“ z. B. eine ausgefallene Maschine und beginnt sie im Detail zu beschreiben, schafft um sie herum die Geschichte ihres Baus, wozu sie dient, was auf ihr (z. B. ein weiteres Bild) zu sehen ist, erzählt, was es mit dem Bild auf sich hat, z. B. eine ganze Geschichte dahinter, usw. Er führt uns in ein „Ding“, um mit der Geschichte zu diesem "Ding" wieder auf das "Ding" zu geraten. Eine Art riesiger Kreislauf. Das ist anstrengend zu lesen, aber sehr aufschlussreich. Ich werde auch dafür mal einen Ordner aufmachen, wenn ich etwas mehr Zeit habe.
Nach solchen Büchern suche ich. Diese Erprobung an Ideen, die aber noch erfassbar sind, nicht völlig zerstückelt oder völlig ohne Sinn, wie z.B. das unbewusste Schreiben der Surrealisten, wo man sich einen Sinn selbst zusammensuchen kann (was ja an sich auch nicht schlecht ist).

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#5

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 20:36
von Salin
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"Wie ich manche meiner Bücher geschrieben habe" steht noch hier auf meiner Liste, doch mein Interesse dafür, das ist irgendwie verschwunden.

Bei Werken wie "Locus Solus" frage ich mich, wozu ich das ganze Buch lesen soll. Reicht die Kenntnis des jeweiligen constraints als Erfahrung nicht vollkommen aus?

Zitat von Taxine
Nach solchen Büchern suche ich.



Oulipo hast du schon durch?

Dann gäbe es noch Schklowskis "Zoo oder Briefe nicht über die Liebe" – ein Briefroman, in dem er nicht über Liebe schreiben durfte. Meinst du auch so etwas?
Und von Christine Brooke-Rose die Romane "Between" (ohne das Verb "to be") und "Amalgamemnon" (als Tempora ausschließlich Futur).

Vielleicht wär es besser, dergleichen in Sammelordner zu packen (Geschichten in Geschichten bzw. writing under constraint).

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#6

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 20:38
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Zitat von Salin
Bei Werken wie "Locus Solus" frage ich mich, wozu ich das ganze Buch lesen soll. Reicht die Kenntnis des jeweiligen constraints als Erfahrung nicht vollkommen aus?


Ich habe mich viel mit Roussel beschäftigt, noch bevor ich seine Literatur selbst kannte oder wusste, dass Duchamp einige seiner in Kunst umgesetzten Ideen aus seinen Büchern gewonnen hat. Das erwähne ich übrigens nur, weil ich gerade letztens darauf gestoßen bin.
Da gibt es eine schöne Dokumentation von Grössel über ihn, darin ist auch „Wie ich einige meiner Bücher schreibe“ enthalten. Ich habe auch anderes über ihn gelesen (Foucault), muss aber sagen, dass ich in „Locus Solus“ interessante Aspekte der Ideenumsetzung finden konnte, die ich durch das Annähern der Beschreibungen und Zersetzungen anderer Blicke auf ihn und seine Literatur nicht im gleichen Sinne nachempfunden hätte. Das wurde da schon sichtbarer. Ist wie die Theorie hören und dann das wirkliche Erlebnis.
Die Ideen sind ja wirklich vielfältig, aber, ich gebe zu, dass sich die Konzentration auch verliert, wenn man seitenlang erst einmal jede Schraube beschrieben bekommt. Emotionen werden nicht geschaffen, es bleibt auch immer eine Trennwand zwischen dem Buch und dem Leser, gar keine Frage. Ist, wie das Lesen einer einfallsreichen Gebrauchsanleitung. Zum Beispiel eine Maschine, die aus verschieden gefärbten Zähnen ein Mosaik zusammensetzt, das nur durch die unterschiedlichen Farbabstufungen eine Szene darstellt, die dann in eine andere Geschichte führt. Ich glaube, damit beginnt das Buch sogar. Der schreitet sowieso nur von einer kuriosen Erfindung zur nächsten.
Aber, man entdeckt darüber hinaus den Schreibvorgang selbst, die Möglichkeiten, und vielleicht reichhaltiger, als durch die Beschreibungen anderer (sind ja auch nur Literaten und Menschen). Das fand ich nicht schlecht.
„Eindrücke aus Afrika“ werde ich vielleicht auch noch lesen, alleine um das fiktive Land zu erblicken, das er da geschaffen hat. Seine Stücke sind auch gut, wenn sich hier auch der Sinn, das tatsächliche Begreifen einer eindeutigen Sache, völlig verliert.
Habe gerade mal geguckt, ist ja schweineteuer geworden. „Locus Solus“ bekam man vor einigen Jahren noch für zehn Euro. Die „Eindrücke aus Afrika“ kommen Ende Juni noch einmal neu heraus. Mal sehen, ob der Preis dann wieder sinkt.

Zitat von Salin
Oulipo hast du schon durch?

Wenige, wenn ich sie mir mal alle vor Augen halte. Perec, Queneau, Calvino, also lediglich erschreckend bekannte Namen …


Danke auch für die anderen Buchvorschläge. Ja, so etwas auch.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 13.05.2009 20:39 | nach oben springen

#7

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 20:43
von Salin • 102 Beiträge
In Antwort auf:
Perec, Queneau, Calvino

Weiter bin ich auch nicht. Abgesehen von der Lyrik Roubauds.

zuletzt bearbeitet 13.05.2009 20:58 | nach oben springen

#8

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 22:00
von larifant • 270 Beiträge

Eine anstrengende constraint hat auch "Alphabetical Africa" von Walter Abish.

Ich tippe mal etwas aus dem ersten Kapitel (von 52) ab:
"Ages ago an archeologist, Albert, alias Arthur, ably attended an archaic African armchair affair at Antibes, attracting attention as an archeologist and atheist. Ahhh, atheism..."

In der (bis auf Umlaute) constraint-getreuen Übersetzung von Jürg Laederach wird daraus:

"Am Anfang aller Anfänge, approximativ Abraham analog, ächzte Albert alia Arthur als Augenzeuge archaischer afrikanischer Affären, Armsessel, Aktenköfferchen aus Antibes abgestaubt, anschließend Alberts akademische Arbeit als Archäologe, außerdem Ausflüge als Atheist. Aaach, alter Atheismus...."

In Kapitel 2 sind A und B als Anfangsbuchstaben zugelassen, Kapitel 26 und 27 sind "normal", ab Kapitel 28 gibt es keine mit Z beginnenden Wörter mehr usw.

Lest lieber Tschechow!

Gruß,
L.


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#9

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 13.05.2009 22:31
von larifant • 270 Beiträge

Den Tabakhändler habe ich einem Bekannten empfohlen, der etwa nach Seite 100 die Lektüre abgebrochen hat.
Zu viele Personen, zu viele Handlungsfäden und zu viel Derbes und Zotiges.
Dann hat er das Buch seiner Schwägerin zum Geburtstag geschenkt und erst nachträglich bedacht, dass es des Derben und Zotigen wegen kaum als Geschenk für eine Dame geeignet ist.

Gruß,
L.


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#10

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 14.05.2009 18:43
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Zitat von larifant

Lest lieber Tschechow!



Machen wir (oder ich) ja trotzdem.

Aber mehr Tipps in diese Richtung wären nicht schlecht. Danke für den Hinweis auf Abish.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.05.2009 18:44 | nach oben springen

#11

RE: Das Davor

in Das "andere" Buch 16.05.2009 14:55
von Salin • 102 Beiträge
Was mich bei der Lektüre von Barths "Lost in the Funhouse" störte, war das Trockene, das Stockende seiner Prosa. Kaum ein Relativpronomen, wobei's wohl nicht nur daran lag.
Sicher, eine bestimmte Wirkung wird erzielt, nur für Musik reicht es nicht.

Doch zum Glück ging es damals um Wichtigeres.

zuletzt bearbeitet 17.05.2009 12:44 | nach oben springen

#12

Stilübungen

in Das "andere" Buch 01.12.2011 18:35
von Jatman1 • 1.091 Beiträge

von Rymond Queneau
Ein Mann fährt in einem Bus und beschwert sich bei einem anderen, dass er ihn anrempelt. Zwei Stunden später sieht er ihn wieder mit einem anderen Mann, der ihn anspricht.
Das ist die ganze Handlung. Dieses Büchlein variiert diesen Text auf 99 ! Arten. Immer einfach nur dieser Sachverhalt. Auf lediglich 120 Seiten. Sehr unterhaltsam und anregend. Absolut lohnenswert. Wenn nicht einzigartig, dann doch selten genug, um außerordentlich zu sein. Ich muss jetzt noch schmunzeln ;-)


www.dostojewski.eu
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#13

RE: Stilübungen

in Das "andere" Buch 01.12.2011 23:29
von Roquairol • 1.065 Beiträge
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#14

RE: Stilübungen

in Das "andere" Buch 01.12.2011 23:31
von Jatman1 • 1.091 Beiträge

Sag ich doch!
Hast Du noch eine Empfehlung von ihm?!


www.dostojewski.eu
zuletzt bearbeitet 01.12.2011 23:32 | nach oben springen

#15

RE: Stilübungen

in Das "andere" Buch 01.12.2011 23:35
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Jatman1
Sag ich doch!
Hast Du noch eine Empfehlung von ihm?!



Am bekanntesten ist wohl Zazie in der Metro.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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