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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Von Dada bis Surreal und zurück

in Das "andere" Buch 14.05.2009 20:50
von Taxine • Admin | 6.689 Beiträge
Louis Aragon
Theater


Manchmal fallen mir in dem Augenblick, in dem ich auftrete, die ein, die ich einmal war, und ich bleibe stehen, aus Angst, im Plural weinen zu müssen.


Aragon bleibt seinem Wesen treu. Theater – so lautet nicht nur der Titel, natürlich ist das ganze Buch ein "Theater". Das Denken, der Schreibstil, die Begebenheiten. Da folgen Gedanken wie Dialoge, kursiv geschriebene Außenbetrachtungen, so oder so befindet man sich als Leser mitten auf einer Bühne und gleichzeitig in den Räumen davor, wo sich die Schauspieler auf ihre Rollen vorbereiten. Die Bühne und das Zwischenspiel sind Romain Raphael, von Beruf Schauspieler. Wie treffen ihn in seiner Wohnung an, in der er nach und nach seine Spuren hinterlässt, seine Persönlichkeit zeichnet, obwohl zuvor betont wurde, dass ihm nur der Zug seines Alters gegeben werden wird, ohne eine Photographie an der Wand. Der Leser erfährt auch nichts über diese Äußerlichkeiten, aber gewinnt doch eine lebendige Vorstellung von dem Menschen, den er dort vor sich hat.

Man bemerkt schnell, dass Romain immer auf der Bühne steht, egal, was er gerade tut und wo er sich befindet. Sein Geist durchläuft die Phasen des Schauspiels und erörtert die Reaktion eines Publikums, das abwesend ist, das aber immer als Schatten um ihn herum bleibt.

Romain Raphael, einst zwanzig Jahre jünger auch Denis genannt, begegnet sich ständig selbst. Er wurde von seiner Freundin Violette verlassen und fürchtet nun das Alter, die Zukunft, diesen „alte Mann“, diesen „Schatten vor ihm“, „dieser Abgrund zu seinen Füßen, unentrinnbar“, der er selbst ist.

Die Zwischenszenen wechseln sich mit Gedichten ab, die ihm jemand durch die Tür durchgeschoben hat, von denen er schnell erkennt, dass sie seine eigene Handschrift tragen.

Hier nun kommt der Tag der Verstellung
Sein genügt dem Menschen nicht mehr er muss
Ein anderer sein Darin
Zeigt sich des Geistes Herrschaft

Das Leben ist im Grunde eine Rolle
Gib deinen Text mir und erbebe wenn
Du ihn mit einer Usurpator-Stimme hörst
Den Namen hab ich nicht gewechselt nein
Die Seele...


Bei Aragon geht es nicht nur um das Theater als Theater, sondern um die Vorstellung „Leben“, die Rolle, die man als Mensch spielt, das Selbst, das sich beständig verändert. Der Protagonist wird nicht von einem Fremden verfolgt, sondern von seinem eigenen Schatten, von seiner eigenen Angst vor dem Altern und den Erinnerungen.

Sein Roman wirkt wie ein Selbstgespräch, wie schnell hingeworfene Aufzeichnungen, Randbemerkungen, Notizen, die alle in eine Suche führen. Ausgefeilt, durchdacht, vielleicht manchmal zu sehr. Trotzdem ein intensiver Lesegenuss.



Art & Vibration
zuletzt bearbeitet 15.05.2009 18:25 | nach oben springen

#2

RE: Von Dada bis Surreal und zurück

in Das "andere" Buch 21.05.2009 14:41
von Taxine • Admin | 6.689 Beiträge
Monsignore Dalí schrieb neben seinen Aufzeichnungen auch den Roman "Verborgene Gesichter". Es geht um die Erlebnisse des Grafen von Grandsailles, eine Annäherung an Tristan und Isolde aus dalí'scher Sicht.
Zweimal habe ich den Versuch gemacht, diesen Roman zu beginnen, zweimal habe ich es wieder verworfen, weil er mich unendlich langweilt. Vielleicht ist es der überschraubte Stil, vielleicht das Wesen Dalí selbst. Sein Vorwort zeigt, dass er alles, was er tut, zur göttlichen Kunst erhebt. Zustimmen wird man ihm darin nicht, fällt der Blick auf das Geschriebene (seine Aufzeichnungen einmal beiseitegelassen). Irgendwann probiere ich einen dritten Anlauf. Mal sehen, ob ich hineinfinde.



Art & Vibration
zuletzt bearbeitet 21.05.2009 14:43 | nach oben springen

#3

RE: Von Dada bis Surreal und zurück

in Das "andere" Buch 17.12.2023 23:30
von Taxine • Admin | 6.689 Beiträge

Kunstrichtung: Dada
(Symbolismus, Futurismus, Za-um)

Vertreter: Iliazd


(Robert Delaunay "Portrait of Iliazd", 1922, Wikipedia)

"Die Welt ist ein von Gottes Hand in Gang gesetzter Kreisel."

Iliazd, mit richtigem Namen Ilja Zdanevič alias Eli Eganbjuri, gehört zu den Experimentellen, die einen durchaus noch heute beschäftigen können. Das Pseudonym hat nichts mit der Ilias zu tun, sondern ist einfach eine Verkürzung seines Namens (Ilia und Zd für Zdanevič). Es gibt mittlerweile zwei seiner Bücher, die ins Deutsche übertragen wurden, "Verzückung" und "Philosophia", von denen ich letzteres als Erstlektüre empfehle.

Eigentlich ist Iliazd, der in Paris lebte und viele Künstler seiner Zeit kannte, darunter Giacometti, Braque und Picasso, eher für seine einzigartigen Typografien bekannt, aber er war auch einer der ersten, der den Symbolismus und Futurismus mit dem Dadaismus verband, selbstverständlich nach eigenen Regeln. Er schrieb onomatopoetische Gedichte, dessen Technik er als "Za-um" (übersetzt etwa "hinter'm Verstand") auch bei Theaterstücken anwendete. Die abstrakt lyrische Sprache hatte die Aufgabe, das Unbewusste hochzuspülen. Er war der Meinung, man solle ein Buch nicht schreiben, damit es gelesen wird, da für ihn ein gelesenes Buch zum toten Buch wird.

"Menschen schreiben nur zu dem Zweck, damit der Raum zwischen den Zeilen übrig bleibt. (...) Wichtig ist nicht, was gesagt wird, sondern was gehört wird, nicht der Sinn, der Gedanke, etwas anderes, Fernes, eine subkutane Einspritzung."

(Iliazd "Philosophia")

"Verzückung" ist sein erster Roman, den er, als Georgier in Paris lebend, auf Russisch schrieb und im Selbstverlag veröffentlichte. In der Sowjetunion wurde er verboten. Er spielt mit literarischen Bezügen, Folklore, Allegorien und Metaphern und erweitert die eigene Technik um zeitgenössische französische, italienische und angloamerikanische Experimente. Es geht um Liebe, Mord, Verrat, Schatzsuche und politischen Terrorismus, genauer um das Streben eines Idealisten (in den Augen der Menschen ein Räuber), der seine individuellen Werte für die Partei verrät und so auch, trotz des gewonnenen Reichtums, das eigentliche Juwel, seine Liebe, verliert. Das alles geschieht in einer Gegend, die von Kropfigen und Blöden bewohnt wird, die gleichzeitig die Trennung zwischen den Bergbewohnern und den Menschen im Flachland repräsentieren. Hier liefert die Bibel ihre Geschichten bis zur Apokalypse. Dazu gibt es Bilder, die faszinieren, wie der Todesbaum auf dem Kopf des Hirsches oder die Verwandlung in Bäume ohne Laubwerk als Zeichen des Scheitern und der fehlenden Rettung.

Stilistisch arbeitet Iliazd mit gedanklichen Pausen durch Sätze ohne Punkt und nachfolgendem Absatz. Auffällig ist die ständige Verwandlung seiner Figuren, die teilweise auch wieder auferstehen, oder ihren Charakter vollständig ändern. Das, was erzählt wird, hat manchmal nichts mit dem zu tun, was geschieht. Einiges bleibt auch erstaunlich flach, fast seelenlos, also so gar nicht russisch, auch wenn Belijs "Petersburg" oder Dostojewskis und Gogols Welt geringfügig durchschimmern.

In der englischen Version gibt es das Buch schon länger und heißt "Rapture". Im Russischen verbindet sich mit dem verwendeten Titel "Woskhischtschenije" sowohl die Verzückung als auch die Assoziation von Raub und Entführung, was man dann durch das Geschehen im Buch durchaus besser versteht.


"Philosophia" wurde als eines von vielen Manuskripten in Zdanevič' Nachlass gefunden und ist teilweise autobiografisch, während gleichzeitig eine Figur namens Iliazd vorkommt, die neben dem neutral berichtenden Erzähler agiert und durch einen extremen Hass auf Russland auffällt, der ebenso durch seine russische/georgische Herkunft immer wieder infrage gestellt wird. Dieser Hass ist in jenen Zeiten nachvollziehbar, als die Rote Armee immer näher rückt, selbst wenn Iliazd weniger geflüchtet ist, als dass er Georgien für die Reise nach Paris bewusst verlassen hat, um sich künstlerisch zu entfalten. Konstantinopel bildete 1920 zunächst nur eine Zwischenstation, doch seine Faszination für diese Stadt brachte es mit sich, dass er den Aufenthalt verlängerte, obwohl er die Ausreiseerlaubnis nach Paris bereits in der Tasche hatte. Aus Briefen und Tagebucheinträgen weiß man, dass viele seiner damaligen Eindrücke in das Buch miteingeflossen sind.

Der Roman beschreibt die Ankunft im kriegsgebeutelten Konstantinopel mit dem Aufenthalt vieler Geflüchteter, Aristokraten, Schmuggler, Verrückter, Künstler und Soldaten in einer in der Verderbtheit solcher Zeiten aufblühenden Stadt. Die Begegnung mit dem Blauerblauen, einem angeblichen Türken, der aber durch das blonde Haar und die blauen Augen verdächtig russisch wirkt, bringt Iliazd bald dazu, mehr über ihn erfahren zu wollen, während er immer wieder auf Menschen stößt, die ihm Hinweise geben, bis sich später herausstellt, dass sie mit ihm wohl unter einer Decke stecken. So taumelt Iliazd von einer Gruppe an Emigranten zur nächsten, arbeitet für das Büro der vor Ort stationierten Alliierten und versucht, sich selbst zu finden, bis ihn der jüdische Prophet Osirio, der als Verrückter der Stadt gilt, gar zum Messias erklärt.

Eines der Hauptthemen ist der fiktive Kampf um die Hagia Sophia ( = Heilige Weisheit, woran auch der Titel des Buches anlehnt, PhiloSophia = Freund der Weisheit), die die Russen (und übrigens auch viele Griechen) wieder aus dem als Moschee entweihten Zustand nach der osmanischen Eroberung in den Urzustand einer orthodoxen Kirche zurückversetzen wollen, als Wiederbelebung des christlichen Byzanz. Iliazd macht daraus eine Verschwörung durch Russen, Provokateure und Fanatiker, die sich ein Zargrad zurück wünschen, inspiriert durch das damalige Geschehen und durch Dichter wie Fjodor Tjuttschew, dessen Gedichtband Iliazd zwar bei sich zu Hause herumliegen hat, dessen Schrei nach Rückeroberung er jedoch vollständig ablehnt.

Man muss hier sicherlich nicht erwähnen, dass die Osmanen die Stadt blutig eroberten und die orthodoxe Kirche entweihten. Minarette und Moscheen, die um alles herum gebaut wurden, sollten ein deutliches Zeichen setzen. Die Hagia Sophia wurde, wie bekannt, unter Kaiser Justinian im 4. Jahrhundert erbaut und geweiht. Sie diente der Krönung byzantinischer Kaiser und bildete den Ausgang der Entscheidung durch die Russen für das Orthodoxe Christentum. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen ließ der Eroberer Mehmet Fatih die heilige Kirche dann 1453 in eine Moschee umwandeln. Unter Atatürk wurde das Bauwerk 1934 wieder zu einem Museum. Die Türken begannen dann, die griechisch orthodoxen Bilder und Schriften abzudecken und vor nicht allzu langer Zeit sorgte ein überheblich gewordener Erdogan dafür, dass aus der Museumskirche erneut eine Moschee wurde, als Zeichen der islamischen Macht über den christlichen Glauben. Für diese absurde Entscheidung gab es keinen Grund, außer die Machtdemonstration, da im heutigen Istanbul nicht nur die Blaue Moschee und andere für den islamischen Glauben bereitstehen, sondern Erdogan auch eine weitere Moschee erbauen ließ, die sechsmal größer als die Hagia Sophia ist. Die Christen als dortige Minderheit stehen diesem Geschehen verständlich skeptisch gegenüber. Aber das nur nebenbei.

Die Sehnsucht nach einem Zargrad, die Iliazd in den russischen Flüchtlingen ausleben lässt, ist allerdings nicht aus der Luft gegriffen. Tatsächlich gab es 1915 zwischen Russland und der Entente ein geheimes Abkommen darüber, das osmanische Reich im Falle eines Sieges aufzuteilen. Vereinbart wurde, dass Russland Konstantinopel erhält, ebenso die Meerengen des Bosporus und der Dardanellen, wenn Deutschland eine Niederlage erleidet. Obwohl das geschah, wurden alle früheren Absprachen einfach annulliert. Die Verbindung zu Konstantinopel bzw. Byzanz ist natürlich noch älter. Der Moskauer Großfürst Iwan III. (1440 - 1505) erklärte Moskau seinerzeit zum Dritten Rom und die Rus zu den Erben Byzanz. Darauf bezieht sich Iliazd immer wieder, mit emphatischer Ablehnung der panslawistischen Idee.

Dieser weitverstrickte Hintergrund schimmert nur in verspielten Andeutungen durch, mit viel Deutungsfreiraum für den Leser und den zum Glück im Buch bereitstehenden Anmerkungen. Nicht umsonst gehören Iliazds Werke zu den merkwürdigigsten der russischen Literatur und leider sind viele mehrdeutigen Wortspiele nicht immer übersetztbar. Eine Interpretation wäre, dass die Eroberung der Hagia Sophia bei ihm letztlich nur der Aufhetzung der Meute gegeneinander dient, ähnlich, wie eifrige Geschäftsmänner und gierige Politiker auch gerne zum Krieg aufrufen, um Gewinne abzuschöpfen. Während einer wie die Figur Suwarow (ein amerikanischer Jude und Geschäftsmann) die Russen aufhetzt, damit sie die alte Idee umsetzen, um sich zu bereichern, ruft ein anderer wie der Blauerbaue (der als Provokateur auftritt und vielleicht Iliazd selbst ist) die Türken dazu auf, die Hagia Sophia und den Islam zu verteidigen, wobei hinter allem ein noch weitaus perfiderer Plan steckt. Natürlich geht es auch darum, Konflikte zu schaffen, mit der Projektion auf eine Kirche/Moschee, die als Sinnbild des durch Religion ausgelösten Krieges steht.

Wahrnehmbar ist zwischen all dem chaotischen Geschehen eine große Müdigkeit und Erschöpfung, sich mit dem wilden Argumenten der Russischen Revolution auseinandersetzen zu müssen. Die Desillusion des Künstlers wird sichtbar, der lieber zu Hause sein und sinnlose Gedichte schreiben möchte, stattdessen zwischen den Menschentreibern hin und her gezerrt und genötigt wird, eine eindeutige Position einzunehmen, was er verweigert. Sein Konstantinopel geht dann auch wie Atlantis unter, während sich im Dunst weiterhin eine Stadt abzeichnet, die nur noch ein "Analogon der verschwundenen Stadt" ist. "Konstantinopel aber gab es nicht mehr und wird es niemals geben."

Schön ist die Detailtreue, mit der Iliazd Konstantinopel beschreibt, so dass auch heute in Istanbul viele Bezugspunkte zu finden sind. Das Buch ist ein guter Einstieg in diese bizarre Welt des Georgiers, der in Paris ein neues Ich angenommen hat.


(Alle Zitate aus Iliazd "Verzückung" und "Philosophia, Matthes & Seitz Verlag)




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