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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Marcel Jouhandeau

in Die schöne Welt der Bücher 16.05.2009 18:41
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
In Léautauds literarischem Tagebuch wurde ich auf Marcel Jouhandeau aufmerksam, der ihn und insbesonsere einen seiner Romane lobte.

Darum ein Blick auf:
Das anmutige Ungeheuer

Die Liebe ist niemals ein Irrtum, und da jede Leidenschaft ein Stück Ewigkeit enthält, ist sie auf jeden Fall gerechtfertigt, selbst wenn ihr Gegenstand ein nichtiger wäre.


Sagen wir es einmal so: Wer gerade auf die Liebe schimpft, wird in diesem Buch vielleicht einiges an Bestätigung finden. Wer nicht auf sie schimpft, wird sich amüsieren. Da gab es sicherlich einige Männer, die die Liebe und die Frau in alle Himmel hoben und wiederum andere, die ihre (oder die) Frauen eher skeptisch betrachtet haben. Sokrates seine Xanthippe, Ovids Betrachtungen und Heilmittel gegen die Liebe, Strindbergs krankhaft eifersüchtiger Rachefeldzug in „Plädoyer eines Irren“ (oder "Aufzeichnungen eines Toren", ein Buch, zudem ich auch noch komme), Montherlants Abrechnung, selbst bei Saul Bellow in seinem Roman „Herzog“, usw.
Jouhandeau tut es ihnen gleich, betrachtet und verflucht sein „Weib“, dem er sich beständig unterlegen fühlt.

Nur einmal habe ich etwas Glänzendes geliebt, und das warst du. Gott weiß, wie sehr ich dafür büße!


Selten hat man so ein liebreizendes Gejammer gelesen. Die literarische Schimpferei auf die zu starke, zu dominierende Frau.
Die Einleitung ist einfach und ehrlich. Dieser Roman, dieser Ich-Erzähler ist Jouhandeau selbst. Seine Frau – Elise – eine ehemalige Tänzerin, bleibt ihm das unverständliche Wesen, das ihn in ihrem Charakter und ihren Wünschen bedroht. Sie ist gierig und schrecklich im Umgang mit dem Personal.
In Antwort auf:
Wie strahlen die Gesichter der Leute, die bei uns in Dienst treten, und wenn sie wieder austreten, sind sie ganz verdüstert.


Dass er selbst dafür verantwortlich ist, dass er leidet, räumt Jouhandeau ein. Es bleibt sein eigenes Gefängnis, dass er weder verlassen noch darin bleiben kann.
In Antwort auf:
Nichts ist so traurig, wie in einem prächtigen Haus armselig dahinzuleben.


Dem „vollkommenen“ Menschen braucht man keinen Dank zu erweisen, wie man der Unvollkommenheit keine Vorwürfe machen soll. Vollkommen ist man nur in seinen eigenen Augen, und unsere Fehler sind den Mitmenschen oft lieber als unsere Vorzüge.
… erklärt Jouhandeau und wünscht sich, dass seine Frau etwas weniger vortrefflich wäre. So, wie sie ist, strahlt von ihr einfach keine Poesie aus.
In Antwort auf:
Was immer sie tut, ist ein Vorwurf gegen meine harmlose Untätigkeit, in der ich mich wohlfühlen könnte, das heißt, in der ich mich der Betrachtung und meinen Entwürfen widmen könnte.
Niemand – nicht einmal ich selber – weiß, woran ich arbeite.


Das Dilemma Jouhandeaus ist folgendes:
In Antwort auf:
Es ist eine Tatsache, dass ich seit vier Jahren nichts tue, was ich will, nichts, wie ich es will. Ich bin einer Tyrannei unterworfen, die keine offene Tyrannei ist, sondern eine ständige, stille, unentrinnbare Vergewaltigung. Die Gegenwart dieser Frau in meinem Dasein berührt jede meiner Empfindungen, Gedanken und Willensregungen schon im Entstehen.


Jouhandeau und seine Frau sind zwei völlig verschiedene Menschen. Er bevorzugt den natürlichen Luxus, der dann vorherrscht, wenn kein Luxus vorhanden ist, sie besteht auf den pompösen Auftritt, auf die glänzende Selbstdarstellung, den wirklichen Luxus. Die einzige Möglichkeit, die Frau zu vergleichen, findet Jouhandeau darin, Elise seiner Mutter gegenüberzustellen. Während die eine ihn aufopfernd erzogen hat, bringt ihm die andere nur Leid und Quälerei. Bei seiner Mutter im Haus fühlt er sich frei, mit Elise zusammen ist er „trotz allem Glanz der Einrichtung nur ein armer Mann“.
Bald wird für den Leser sichtbar, dass die Mutter nicht gerade glücklich über seine Wahl war. Im gleichen Jahr, als ihr Sohn heiratete, starben die Katze und der Vater und sämtliche Blumen in ihrem Garten. (Jouhandeaus Nebenbemerkungen, die alle sein Elend untermalen sollen, sind köstlich.) Durch die Ereignisse findet Jouhandeau nicht einmal mehr bei seiner Mutter Zuflucht, die nun, wo ihr Mann nicht mehr lebt, ihr eigenes Leben führt. Er fühlt sich gedemütigt und alleine.
In Antwort auf:
Nicht einmal der Schlaf, dieser halbe Selbstmord, ist mir zu Gebot.


Genau weiß man nicht, ob Jouhandeau seine Frau nun liebt oder nicht. Er ist beleidigt, wenn sie ihm gegenüber gleichgültig ist oder sich nicht meldet, wenn er verreist ist. Andererseits sagt er über sie:
In Antwort auf:
Sie kennt weder Zärtlichkeit noch Hingabe. Was ich geheiratet habe, ist das gerade Gegenteil von dem, was mir gefiele.


Deutlich zeichnet sich das Wesen Jouhandeaus ab. Er ist „ein Freund des Dramatischen und in erster Linie des Dramas in meiner Person“.
Der Schreck sitzt auch noch tiefer. Er muss ständig Elise mit ihrer Mutter vergleichen.
Das größte Hindernis zwischen Elise und Jouhandeau ist die fehlende Einsamkeit.
In Antwort auf:
Ich suche nicht vor ihr eine Zuflucht, sondern vor dem, was nicht mein Ich ist; Elise desgleichen. Jedes für sich allein hat seinen vollen Eigenwert, zu zweit merkt jedes sofort die geringste Unzulänglichkeit des anderen.

Nur allein kann ich mein Ich behaupten. Wenn ich nicht mit allen meinen Kräften der Einsamkeit zustrebe, die mein Wesen ausmacht, bin ich nicht mehr würdig, mein Ich zu sein.


Letztendlich läuft alles wohl darauf hinaus:
Eine Ehe ist aber nur dann möglich, wenn der eine Teil, nämlich die Frau (als ob Man(n) das noch erwähnen müsste) sich willig dem anderen, dem Manne, beugt, seinetwillen auf ihr Eigenleben verzichtet, der es ihr hundertfach durch seine Achtung und seinen Schutz vergilt.
Sehr bewegend. Sein Krieg gegen Elise besteht also hauptsächlich darin, dass sie sie selbst ist und er sich daneben kümmerlich fühlt, was nicht ganz verwunderlich ist. Sie sagt ihm über seine Worte in seinen Lebensbeschreibungen – Am x-ten Juni 1929 habe ich mich verheiratet. -:
In Antwort auf:
Damit drückst du aus, dass du von dem Tag an zu leben aufgehört hast.


Durch den steten Jammer Jouhandeaus nimmt man ihm seine Einstellung nicht einmal so übel. Er macht sich selbst zum Opfer und erfreut sich an seinen eigenen Wunden, die er dann ausgiebig lecken kann. Die Frau in seiner Nähe ist schuld daran, dass er nicht glücklich ist (als könnte überhaupt irgendjemand daran schuld sein, dass ein Mensch nicht glücklich ist); wäre er nicht verheiratet, wäre es etwas oder jemand anderes. Er leidet und verlässt sie doch nicht, er sehnt sich nach Freiheit und kehrt immer wieder zu ihr zurück. Ihre Tyrannei besteht daraus, dass er nicht fähig ist, „Nein“ zu sagen. Er versucht alles, um sich an ihr zu rächen. Er hört auf sich zu waschen, er droht ihr, sie zu verlassen, er sucht Trost bei Gott oder schlägt ihr auf den Mund. Sie kämpfen einen unerbitterten Kampf um ihre Hass-Liebe, wobei so mancher nervenaufreibender Moment wieder in eine Zuneigung, in die Lust aufeinander führt. All diese Verwicklungen sind spannend zu lesen, wobei Jouhandeau sich nicht scheut, dem Leser sehr intime Situationen zu schildern, insbesondere, wenn man bedenkt, dass er ja eigentlich homosexuell war. Dieser Konflikt mit sich selbst und zu Gott machte ihm wohl immer zu schaffen. Es gab eine Situation, wo er seine Manuskripte verbrannte und einen Suizidversuch beging. Elise – eigentlich Élisabeth Toulemont, die er mit 40 Jahren heiratete, hoffte, ihn für das „andere Ufer“ umzustimmen, was ihr letztendlich natürlich nicht gelang, da er sie selbst während der Ehe mit Männern betrog, hauptsächlich darum, um sie zu schockieren (was sicherlich auch ein vorgeschobener Grund ist, trotzdem in seinem Blick auf sie ziemlich ersichtlich wird). Ihr gegenüber bleibt Jouhandeau immer skeptisch:
In Antwort auf:
Liebkosungen einer Frau sind verdächtiger als ihr Toben, denn dieses ist wahr, und die Wahrheit, wie immer sie auch beschaffen sei, schmerzt niemals, wenn man sie vorausgesehen hat und ihr ins Gesicht schauen kann. Auch die Verzweiflung, dieser Bruch mit allem, was man liebte und woran man glaubte, schmerzt unbändig, aber der Stolz erholt sich am Ungenügen.


Und:
In Antwort auf:
Was immer mir geschenkt wird, es kommt an die Erfüllung nie ganz heran, und das hält die Wünsche wach; diese allein sind vollkommen.


Ovid drückte das in etwa so aus:
Wenn du schon nicht meine Gattin sein kannst, so wirst du wenigstens mein Baum sein.

Also, ein ewiges Hin und Her der Gefühle. So geht es das ganze Buch hindurch, zumeist siegt der Hass und die Notwendigkeit für Jouhandeau, sich über Elise zu empören. Dann wird sie auch noch gläubig und bekommt ausgerechnet im Christentum ihr egoistisches Wesen bestätigt, wie auch in der Liebe zu Gott, was ihr hilft, sich dadurch mehr vom Menschen abzuwenden. Gott hat „in ihr Querlage“.
Mir hat's gefallen, für das Zwischendurch. Die Beschimpfungen auf die Frau machen zudem deutlich, warum Léautaud das Buch gut fand. Sicherlich nicht ausschließlich nur wegen des einfachen Schreibstils.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 16.05.2009 21:26 | nach oben springen


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