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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Henry de Montherlant

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 15:51
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Henry de Montherlant
ERBARMEN MIT DEN FRAUEN

Welch ein philosophischer Lesegenuss über das übliche Dilemma zwischen Mann und Frau.
Wer immer schon wissen wollte, was es mit dem Verhältnis von Mann und Frau wirklich auf sich hat, kommt um einen Roman nicht herum, der wohl einzigartig in diesem Jahrhundert ist und doch nahezu vergessen.
Erbarmen mit den Frauen heißt eine Romantetralogie von Henry de Montherlant (1896-1972), die in den Jahren 1936-39 erstmals erschien. Sie handelt von einem einigermaßen zynischen Schriftsteller-Dandy und seinem Blick auf die ihn umgebenden Frauen. Simone de Beauvoir hat den Roman heftig angegriffen. Stefan Zweig zählte ihn zu den bedeutendsten Romanen des Abendlandes.

Ich selbst muss sagen, dass ich die Empörung von Simone de Beauvoir nicht ganz nachvollziehen kann.
Die Tetralogie besteht aus vier Romanen:
Die jungen Mädchen
Erbarmen mit den Frauen
Der Dämon des Guten
und Die Aussätzigen

Im ersten Buch also, sieht man die fast schon naive Verehrung einer Frau zu einem Mann, der ihr gegenüber gleichgültig ist und dessen ungeachtet auch von der Liebe nichts hält. Man liest zunächst ein paar Briefe (die einen beantwortet, die anderen unbeantwortet), um einen ersten Eindruck zu erhalten, wie besessen die Frau von ihrer selbst entfachten Liebe ist.
Diese Aufdringlichkeit aber, die Frau, die sich in aller Gewalt an den Mann klammert, der sie nicht liebt, der sich von ihr gelangweilt fühlt, in Gleichgültigkeit ihre Briefe verschmäht und nur aus Mitleid das eine oder andere Treffen erduldet, der das ihn anhimmelnde Mädchen dann durch eisige Straßen schleppt und hier schließlich klar und deutlich (immer irgendwo bedacht darauf, sie nicht all zu sehr zu verletzen) sagt, dass er keinen Sinn in einer Freundschaft sieht, (an der die Frau so eisig festhält) weil er um ihre klammernde Liebe weiß, von der er sich bedrängt fühlt, sticht hier wie ein brennender Stab ins Auge. Man ist als Leser angewidert, dass eine Frau sich hier die eigene „Chimäre“ nach der nächsten erschafft, in einer seltsamen Traumwelt lebt, in der sie hinter jeder noch so gleichgültigen Geste, jedem noch so zufälligen Ereignis einen Hinweis entdecken will, dass der Mann, der von ihr so verehrte, nicht doch ein bisschen Gefühle aufbringt… Schrecklich, dieser Zustand, diese Bedrängnis. Und dieser ständigen Widersprüche. Nun gut, die macht sich der Mann auch zu eigen, nach dem Motto: Spaß daran haben, sich selbst zu widersprechen, dabei frei sein, wie Gott… usw. Aber, die Frau sagt, sie jammert nicht, er solle sich keine Gedanken machen, und im gleichen Augenblick ergeht sie sich in einer Heulerei, dass es nicht mehr schön ist… Da durchfährt einen der Ekel…
Und selbst das Schweigen, das der Mann nun aufrechterhält, nachdem er schon zu viel Freiheit gelassen hat, hält das schwärmende, fast … so möchte man meinen … besessene Weibsbild nicht davon ab, ihm einen nach dem anderen Brief mit schrecklichen Anklagen, mit Schuldzuweisungen, mit Mitleidserhaschungen und trostloser Darstellung der eigenen Unzulänglichkeit zu schicken, Briefe, unter denen steht (Dieser Brief ist unbeantwortet geblieben.) und die das Bild der Frau in verzerrtem Wahn darstellen, wie sie sich in ihre eigene "Welt" hineinsteigert, wie sie diesen Mann zum "Traumprinzen" auserkoren hat und nun diese Liebe als einzige erachtet...
Wenn die Frau tatsächlich so aufdringlich wäre, sich so intensiv versteift auf eine einzige Liebe, einen Mann, den sie sich auserkoren hat, dann ist der Drang zum Weglaufen wohl vorhersehbar.
Simone de Beauvoir war empört, wie Montherlant die Frauen hier wohl darstellt, aber ich glaube, es geht nicht so sehr um das Allgemeinbild der Frau, sondern um ein, zwei Herausgepickte, die hier in ihrem Fanatismus beschrieben werden, sicherlich auch überspitzt dargestellt.
Das Buch jedoch fesselt, verstrickt einen in die Handlung, zieht einen in den Abgrund der fremden Seele, bei der man nun zusieht, wie sie sich selbst im Namen der Liebe martert und verachtet.

Herrlich geschrieben, schockierend offenbart. Ich bin begeistert und angewidert zugleich.
Hier noch ein paar Ausschnitte:

Zitat
Und das ist gut so, da das Sichzurückziehen auf sich selber – sofern nicht hohe intellektuelle oder geistig-seelische Gründe es gebieten – nur zu häufig seine Ursache lediglich in der Faulheit, der Selbstsucht, der Impotenz, mit anderem Wort: der „Lebensangst“ hat, von der noch nicht zur Genüge gesagt worden ist, welchen Platz sie unter den Übeln einnimmt, die die Menschheit zur Verzweiflung treiben.





Zitat
Büßt das Feuer an Wert ein, nur weil es sich an irgendetwas entzünden muss?




Zitat
Mehr geliebt zu werden als selber zu lieben, das ist eins der Kreuze, die das Leben uns auferlegt. Weil wir dadurch gezwungen werden, entweder ein gleiches Gefühl zu heucheln, das wir durchaus nicht empfinden, oder durch Kälte und fortwährendes Zurückstoßen Leiden zu verursachen.




Zitat
Es gibt in der Welt nichts Unschuldiges und Harmloses, sobald man gläubig ist.




Dann im 2. Buch "Erbarmen mit den Frauen"

Zitat
(...) doch das Herz infiziert alles. Im Bereich der Freundschaft oder im Bereich der Sinnlichkeit ist alles gesund, und wenn es dabei Wunden setzt, so sind sie sauber. Sobald das Herz sich einmischt, entzündet sich die Wunde, und alles wird in Mitleidenschaft gezogen.




Zitat
Traurigkeit fällt an einem auf wie ein Bekleidungsstück.




Zitat
Wie oft auch die Erfahrung sie das Gegenteil lehrt, die Menschen glauben beharrlich weiter, ein Charakter sei aus einem Guß. Einheitlichkeit des Charakters jedoch findet sich einzig bei künstlich geschaffenen Wesen; was der Natur angehört, ist inkonsequent.




Herrliche Sätze!




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.11.2010 16:42 | nach oben springen

#2

RE: Henry de Montherlant

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 16:20
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Und noch ein paar Sätze:

In Antwort auf:
Denn es ist ein großes Gesetz, dass man nicht mehr unumschränkt einer ist, wenn man zu zweit ist. Wenn Gott gesagt hat: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei!, so darum, weil er Furcht vor dem Menschen hatte, der allein war. Er hat ihn durch das „Paar“ geschwächt, um ihn in der Gewalt zu haben.




In Antwort auf:
Die Literaten ziehen die Verrückten an wie ein Stück verdorbenes Fleisch die Fliegen. Wir bekommen unseren Anteil an allen Einsamkeiten und allen Verdrängungen: Sie wollen etwas für ihre Wunschträume.




Nun, nach fast dreihundertfünfzig Seiten weiß ich ein bisschen besser diese Entrüstung der Frau de Beauvoir zu verstehen. Ich atmete selbst ein bisschen schneller, empört zwar nicht, aber doch...

Kurz umrissen:
Die Mutter hat zum Kind keine Verbindung, versteht das Neugeborene ebenso wenig, wie der Vater. Nun, so weit, so gut, hier steht noch nichts Verwerfliches, denn sicherlich muss die Mutter genauso lernen Mutter zu sein, wie der Vater akzeptieren muss, Vater zu sein. Nur behauptet Montherlant im Worte Costals, dass man die Kinder den Müttern entreißen müsse, damit diese sie nicht "auffrisst" und verdirbt.
Na, da hab ich geguckt...

3. Buch "Der Dämon des Guten"
Costals setzt sich auch mit seinem "Bösen im Inneren" auseinander:


In Antwort auf:
Und in dem Bösen, das ich tue, ist ein Teil enthalten, den ich liebe, und ein Teil, den ich nicht liebe, so wie in dem Guten, das ich tue, ein Teil ist, den ich liebe, und ein Teil, der mir gleichgültig ist. (…Freilich, ich genieße das Böse; aber ich glaube, das Gute genieße ich noch intensiver…“


Montherlant schreibt über die Frau als Wesen sehr kaltblütig - kann man das so sagen? Er will eben den Zauber, die Verherrlichung "Frau" wegreißen, das Geheimnisvolle entlarven, das, wie er behauptet, nicht vorhanden ist. Einerseits bemerke ich ein leichtes Brodeln an so mancher Stelle, anderseits besticht Montherlant mit seiner Sprache. Sätze, wie:
In Antwort auf:
Wie glücklich ist ein Leben, wenn es mit dem Ehrgeiz beginnt und damit endet, dass es aller Träume bar ist, bis auf den, den Enten Brot hinzustreuen.



In Antwort auf:
Man möchte meinen, der „eifersüchtige“ Gott habe gewollt, dass der Mensch unglücklich sei, und er habe ihn dumm erschaffen, damit seine Dummheit ihn freiwillig die Bedingungen für sein Unglück suchen lasse.



In Antwort auf:
Aber alles in allem besteht kein Unterschied zwischen stolzen Menschen und solchen, die es nicht sind, da die stolzen Menschen in die gleiche Anzahl von sauren Äpfeln beißen wie die andern. Es gibt keine stolzen Menschen; es gibt Menschen, die von ihrem Stolz reden, und die übrigen.


...wecken in mir so manche Überlegung.
Heiratet man aus Mitleid? Schmettert nicht irgendwo immer der eine Partner "aus Mitleid" dem anderen Partner sein "Ja" entgegen?
Oder, sagen wir eben "Mitgefühl".
Wenn ich manchmal diese knienden Männer sehe, die stotternd ihre Frage formulieren, dann erscheint mir der tränende Blick der Frau manchmal doch etwas mitleidig, ebenso umgekehrt. Denn wie schlimm wäre es denn, den Menschen, für den man etwas empfindet, hier einfach stehenzulassen? Nur Menschen, die nichts für den anderen empfinden, wehren ab, die anderen zögern vielleicht, aber würden sich nie auf ein „Nein!“ festlegen…
(Sicherlich muss man "Mitleid" hier im übertragenen Sinne sehen, nicht aus diesem Mitleid heraus, mit dem man zum Beispiel einen Bettler betrachtet, darum wahrscheinlich doch eher Mitgefühl .)

Und auch dieser Satz wäre dann zu überlegen:

In Antwort auf:

So wie der Mann die Frau nicht begehrt, weil er sie schön findet, sondern sie als schön erklärt, um sein Begehren zu rechtfertigen, genauso gibt der Mann sich nicht träumerischen Gedanken über die Frau hin, weil er sie „geheimnisvoll“ findet, sondern er erklärt sie als geheimnisvoll, um zu rechtfertigen, dass er sich träumerischen Gedanken über sie hingibt, welche Traumgedanken die Gesellschaft weit mehr als die Natur ihm mit sämtlichen Mitteln zuschiebt, da es sich um das Fortbestehen der Gattung handelt.




Surreale Vorstellungen
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#3

RE: Henry de Montherlant

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 16:22
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Was denke ich über Montherlant?
Oft, wenn er zum Beispiel vom Mann spricht, ersetze ich das Bild in "Mensch", denn die normale Unterscheidung MANN - FRAU existiert heute nicht mehr in diesem Ausmaß. Die Frau prostituiert sich, der Mann steht erhaben, so kann man das wirklich nicht mehr sehen, und sicherlich schon damals nicht...
Costals ist Schriftsteller, er stellt sein Werk über alles andere. Die Frau an seiner Seite würde ihn aussaugen, würde ihm alle Energie rauben, die er für das Schreiben benötigt. Insofern kann ich ihn da "blindlings" verstehen.

Und der Gedanke zur Liebe:

In Antwort auf:
Das Leben zu zweit besteht im wesentlichen darin, aufeinander zu warten.


Ob der wohl seine Wahrheit birgt?




Surreale Vorstellungen
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#4

RE: Henry de Montherlant

in Die schöne Welt der Bücher 09.11.2010 19:24
von Jatman1 • 1.099 Beiträge

Das Prekariat schreit hier!

Habe heute das "Erbarmen" bekommen und ca. 70 Seiten gelesen. Ich bin nicht enttäuscht aber auch nicht angetan. Aphorismen, Weisheiten, Sprichwörter, Maxime . . . gesammelt und geschüttelt. Der Geist der da so schweben will, ist mir zu vordergründig. Es baut sich keine Spannung auf. Ich warte auf nichts, weil ich glaube, dass ich weiß wo die Reise hingeht. Für mich seit 70 Seiten im Kreis. Ich werde wohl noch bis zur S. 100 weiterlesen, also Erbarmen mit dem Buch haben. Geht die Tiefe dann weiterhin an mir vorbei, finde ich belegt was ich eh schon weiß: Ein Schöngeist bin ich nicht. Ist aber nicht so schlimm. Es gibt ja euch.

Habt Erbarmen mit mir.


www.dostojewski.eu
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#5

RE: Henry de Montherlant

in Die schöne Welt der Bücher 10.11.2010 19:31
von Jatman1 • 1.099 Beiträge

Bin gestern einfach nochmal bei Seite 130 reingegangen. Las sich ganz amüsant. Es schien völlig egal, dass 60 Seiten fehlten. Kein Gefühl auch nur irgendetwas verpasst zu haben. ICh werde es erstmal nicht gleich zwischen andere Bücher klemmen, sondern oben auflegen. Falls mir nach Kurzweil ist, kann ich einfach mal zugreifen.
Sollte mir noch Erleuchtung kommen, wie unwissend ich an Erbaulichem vorbei geschritten bin, gebe ich Bescheid. Wird wohl niemand drauf hoffen.


www.dostojewski.eu
zuletzt bearbeitet 10.11.2010 19:31 | nach oben springen


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