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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 27.08.2009 17:03
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Solschenizyn
Der erste Kreis der Hölle



Lieber Brot mit Wasser als Kuchen mit Kummer.


Der Titel ist an Dante angelehnt, der Roman führt aber nicht in nur eine Hölle, sondern in etliche, zeigt Menschen unter der mörderisch totalitären Diktatur Stalins. (Eine der Figuren sagt an einer Stelle in etwa, dass ihr bereits die Verehrung Lenins suspekt erschien, weil überhaupt die Verehrung für eine einzige Person doch nur aussagt, dass alle anderen dann minderwertiger sein müssen. Stalin lebt und macht sich diese Aussage zum eigenen Gesetz, denn in seinen Augen hat wirklich einzig er alleine menschlichen Wert und das Recht auf Leben.)
Der erste Kreis der Hölle ist auch das Lager „Scharaschka“, eine Art goldener Traum für all die, die danach in andere Lager wechseln, eine fast schon angenehme Zwischenstation, die den Hauptort des Romans einnimmt. Dort trifft der Leser auf das Gefangenenleben mit der Erinnerung an schwerere Zeiten und die Machtlosigkeit, die Jahre entschwinden zu sehen, ohne handeln zu können. Er trifft auf das genügsame Annehmen der Umstände, das Abfinden mit der Situation, eine beeindruckende Gelassenheit in einer unannehmbaren Lage.

Wer sich vor den vielen, russischen Namen fürchtet, wird bei Solschenizyn nicht unbedingt glücklich, aber es bedarf auch gar nicht so sehr eines guten Gedächtnisses, weil es so viele Menschen sind und es dem Autor darum geht, verschiedene Schicksale zu zeichnen. Die also, die mehrmals auftreten, kann man sich auch merken, solche wie Nershin, Rubin, Sologdin, Doronin, die jungfräuliche und hässliche Serafima, die Aufseher Schikin, Myschin und Jakonow oder die Außenstehenden wie Nadja, Katja oder Wolodin.
Hier treffen wir auf so viele Gesichter, Gefangene wie auch Außenstehende, die alle mit der Situation „Stalin“ kämpfen. Bei den Häftlingen handelt es sich insbesondere um Wissenschaftler und Ingenieure, die technische Instrumente zur Sprachidentifizierung entwickeln sollen, damit ungewollt dazu beitragen, dass andere Unschuldige und Verdächtige verhaftet werden können. (Wie man die Verbrecher mit Fingerabdruck findet, so soll hier ein Sprachabdruck möglich gemacht werden.)
Solschenizyn ist ein Genie, wenn es darum geht, die verschiedenen, so zahlreichen Menschen in ihren Kämpfen mit dem System zu zeigen, wie schwer es ist, sich diesem System zu widersetzen, weil die Menschen nicht gebeten werden, für Stalin zu arbeiten, sondern gezwungen, ihnen sonst alles genommen wird, was sie besitzen und sind. Zwei Welten kreisen hier umeinander, die im System lebenden Menschen in ihrer Bedrohung durch Stalin und die bereits vom System "begrabenen". Ein Kampf zwischen Überleben und Gewissen, Sturheiten und Ergebenheiten, Aufrechtgehen und In-die-Knie-gezwungen-sein. Da sind die Wissenden, die Schweigenden, die Systemtreuen, die Allesglauber und die Naiven, die fragen, ob es nicht Unschuldige unter den Gefangenen oder ob es in der Sowjetunion wirklich so etwas wie Arbeitslosigkeit gibt. Stalin selbst tritt auf, siebzig, langsam den Verfall bemerkend und großartig in seiner Paranoia und Selbstverherrlichung gezeigt.

Zitat von Solschenizyn
Das Misstrauen Menschen gegenüber war seine Weltanschauung.
Er hatte nicht einmal seiner Mutter vertraut.


Die, die gegen ihn handeln, sind gefährdet, wie auch die, die für ihn handeln, alles gerät zur Gefahr für die Allmacht des sich selbst Verherrlichenden, der darauf hofft, sich auch durch verschiedene Projekte die Unsterblichkeit zu erkaufen und in die Geschichte einzugehen.
Zitat von Solschenizyn
Wie König Midas durch seine Berührung alles in Gold verwandelte, so verwandelte Stalin durch seine Berührung alles in Mittelmäßigkeit.


Dieses in ihm wohnende Misstrauen gegen alle und jeden zerfrisst ihn, warum die Menschen dann auch ihr Leben lassen müssen, selbst die, die ihm dienen. Er befreit sich gerne von ihnen, weil er davon ausgeht, dass sie und ihre Treue ihm gegenüber sich abnutzen.
Zitat von Solschenizyn
Schon längst war er diesem alten Schlüssel zur Popularität auf die Spur gekommen: zuerst die Henker aufhetzen und sich dann zu gegebener Zeit von ihrem übermäßigen Eifer zu distanzieren.

Er hat die Todesstrafe abgeschafft, um nach außen human und gerecht zu wirken. Dafür hat er eine Lösung gefunden, um den Menschen auf andere Art und Weise das Leben zu nehmen. Es wird in Jahren gerechnet. Die Ungerechtigkeit der Verhaftungen bleibt damit unter russischer Verschwiegenheit.

Von allen Seiten werden die Menschen in ihrem Leben und ihrer Moral beleuchtet, die schnell auf der Strecke bleibt, aber selbst unter den Gefangenen die Unterschiede demonstriert, wer sich verkauft und wer sich seine Moral bewahrt.
So viele, die in den Urkunden an Stelle ihrer Nationalität: Russisch, einfach „Häftling“ schreiben könnten, etliche Unschuldige, Denunzierte, am falschen Ort Gewesene – der politische Verbrecher wird hart bestraft, während z. B. ein Dieb dagegen ein leichtes Gefangenenleben lebt.
Solschenizyn fasst alle Seiten zusammen, das Außen der Lager und das Innere, die Männer, ihre Frauen, freie Mitarbeiter, Häftlinge. Sichtweisen über Sichtweisen, nur zu häufig ihres Idealismus vom „guten Menschen“ beraubt, nicht aus eigenem Wollen, sondern aus der Notwendigkeit heraus, weil ihnen nichts anderes bleibt. Verrat, um das eigene Leben zu erleichtern oder Schweigen, um dafür bestraft zu werden. Die Häftlinge sind immer wieder vor eine neue Wahl ihres Gewissens gestellt, sind umgeben von denen, die die Lage mit ihnen teilen und denen, die spionieren. (Wie schon in Krebsstation werden alle Menschen gleich, weil ihnen allen das gleiche, trostlose Gefangenendasein blüht. Sie werden von Menschen zu Häftlingen, denen alles untersagt ist, das eigene Denken, Bücher, Aufzeichnungen zu machen. Der, der den Staat verrät, wie auch der, der ihn schützt, wird verhaftet, denn es „könnte“ sein, dass der Wunsch besteht, doch verraten zu wollen, es „könnte“ sein, dass nur die Gelegenheit fehlt; das „es könnte sein“ kostet die Freiheit, wie auch immer man handelt. Die Kritik am System ist undenkbar. Das Misstrauen Stalins ist allmächtig, und selbst die, die seine Politik unterstützen, müssen sich irgendwann fragen:
Zitat von Solschenizyn
Wenn du selbst mordest oder Verrat übst – so meinst du doch -, ist das ein Verbrechen. Wenn hingegen der Einzige und Unfehlbare im Namen des Volkes so etwa fünf bis zehn Milliönchen umbringt, so ist das gesetzmäßig und muss als Fortschritt verstanden werden?


Einer der Verhafteten, ein Diplomat, der ein verdächtiges Telefonat geführt hat, das durch den Apparat der im Lager arbeitenden Ingenieure entziffert werden konnte, wenn auch fünf Verdächtige zur Auswahl standen und trotzdem verhaftet wurden, beschäftigt sich mit der Philosophie Epikurs und muss dann feststellen, dass diese sich nicht in einer solchen Wirklichkeit anwenden lässt.
Zitat von Solschenizyn
Wie leicht ist es zu philosophieren unter dem weiten Geäst regloser, glücklich-satter Epochen.


Der Trug für die Außenwelt wird in den letzten Zeilen noch einmal wunderbar von Solschenizyn erfasst, als einige Häftlinge von der Scharaschka in ein anderes Lager geschafft werden, weil sie nicht mit einem offensichtlichen Gefangenentransport, sondern in einem Lastwagen mit der Aufschrift von Lebensmitteln transportiert werden. Ein französischer Journalist notiert darauf:
„In den Straßen von Moskau sieht man immer wieder Lieferwagen mit Lebensmitteln, äußerst sauber und vom sanitären Standpunkt einwandfrei. Die Versorgung der Hauptstadt kann nur als vorzüglich bezeichnet werden.“

Ein bewegendes, beeindruckendes Buch. Solschenizyn – wie immer – ganz in seinem Element.





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zuletzt bearbeitet 27.08.2009 17:22 | nach oben springen

#2

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 27.08.2009 17:48
von ascolto • 1.289 Beiträge

Werte Dame,

"my little Cuore" bubbert und hüpfet, denn hür hineyn zu schnuppern, uin dü Denkkosmen der Imperatoren, üscht wenn nur ein Funkchen von Zuwendung zum Leben dies Gezeyl eyn Graus, uin düse Praktiken der Zerstörrungen und den Leiderfahrungen zu nüstern kann nur den Humanus uin uns zum Demokraten auf den Weg schuppsen, wüll sagen: Allet tun um keene Angsthasen an dü Macht zu verhelfen, der zum blutrünstigen Vampirdemonen erwacht und seinen Zerstörrungswahnsinn auslebt!!!!!!

Danke dem Puschkin..... gell?

Herzgewünke....

dadd A


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#3

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 29.08.2009 12:22
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Werter Herr Ascolto,

ja, das ist schon eine Mörderwirtschaft gewesen, aber ich bin auch froh, dass solche wie Solschenizyn darüber geschrieben haben, damit man nicht vergisst... Zudem ist er großartig in der Darstellung der Charaktere und Situationen.

Herzelich
Taxine




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#4

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 29.08.2009 12:51
von LX.C • 2.679 Beiträge

Über die Willkürherrschaft Stalins kann man aus deutscher Sicht auch sehr schön aus dem Buch "Hotel Lux" von Ruth von Mayenburg erfahren. Das Hotel Lux war insbesondere während des Naziterrors Absteigequartier der Kommunistischen Internationale und vieler proletarisch revolutionärer Schriftsteller. Was viele nicht vorher ahnten, dass sie sich vom Regen in die Traufe begeben würden. "Menschen, die ihr Leben für das Land des Sozialismus riskiert hatten, fanden sich nun als Emigranten innerhalb dieses Landes wieder, lernten eine andere sowjetische Wirklichkeit kennen." (Klappentext) und die hieß stalinistischer Terror.

Von Solschenizyn habe ich "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" gelesen. Für eine Rezension würde es allerdings nicht mehr reichen. Es hat mich ehrlich gesagt nicht besonders gefesselt. Ich weiß, wie bedeutend dieses Werk für die russische Aufarbeitung war, ist, und Solschenizyn gehört ohne Frage zu den ganz großen. Aber Lagerberichte hatte ich schon packendere gelesen.


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zuletzt bearbeitet 29.08.2009 16:43 | nach oben springen

#5

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 29.08.2009 13:09
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

"Ein Tag im Leben..." hat mich auch nicht gepackt, werde es vielleicht irgendwann noch einmal lesen. "Der erste Kreis der Hölle" war da wesentlich besser.

Dank dir für den Tipp, LX.C!






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#6

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 29.08.2009 18:06
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Unter den Häftlingen in "Der erste Kreis der Hölle" ist auch jemand, nämlich Nershin, der die Gedichte von Jessenin liest, der gleich, als Stalin an die Macht kam, verboten wurde oder zumindest als verdächtig galt. Jessenin hatte sich kurz zuvor erhängt, weil er das Leben und den Suff nicht mehr ertrug. Stalin brauchte aber Optimismus, nicht eine dem Dichter nacheifernde Selbstmordrate (z. B. hat sich Jessenins Geliebte und Sekretärin an seinem Grab erschossen und etliche Studenten.)
Nach Jessenins Tod hieß es:
"Wir brauchen eine Literatur energischer Menschen, mitten im Leben stehender kühner Erbauer, die das Leben kennen; die Fäulnis, Schimmel, Totengräberei, Kneipengeflenn, Schlamperei, Großmannssucht und Gottesnarrentum mit Verachtung strafen."
Stalin nennt solche Schriftsteller dann "Ingenieure der menschlichen Seele" und startet Schauprozesse gegen all die, die seinem Ideal nicht entsprachen, was so gut wie alle waren.
Dass Leute unter diesen Bedingungen trotzdem geschrieben haben, verdient wahrlich Bewunderung.




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zuletzt bearbeitet 29.08.2009 20:00 | nach oben springen

#7

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 29.08.2009 20:09
von LX.C • 2.679 Beiträge

Ja, aber auch Stalin war nicht ohne Einsicht. Die Flut unlebendiger und uninteressanter Propagandaliteratur, größtenteils durch eine neu herangezogene Schriftstellergeneration aus den Reihen der einst analphabetischen proletarischen Schichten, führte zu einem Desinteresse sondergleichen. Arbeiter und Bauern, für die diese politisch-idioligische Art von Literatur einst ins Leben gerufen wurde, erkannten diese nicht mehr an. Sie fand bestenfalls noch in Parteikreisen Zuspruch und führte zudem zu einer für den Kommunismus schädlichen Isolierung in der Weltliteratur. Man hatte literarisch keinen Status mehr und somit auch keine Mittel, seine Ideologien durch eines der damals wichtigsten Medien weiter zu verbreiten, was die UdSSR als größte und mächtigste Kraft im Kampf gegen Imperialismus und Faschismus schwächte. Stalin, seit 1922 an der Macht, erkannte die verfahrene Situation, die er aufgrund der angewiesenen schriftstellerischen Zwangsjacke mit zu verantworten hatte. Nach gut 10 Jahren fehlgeleiteter Literaturpolitik, welche einem literarischem Bankrott gleichkam, beauftrage Stalin Maxim Gorki, den I. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller in Moskau ins Leben zu rufen, auf dem nach neuen Wegen gesucht werden sollte. Schriftsteller aus aller Welt waren eingeladen. Ein euphorisches Ereignis, auf dem der Sozialistische Realismus festgeschrieben wurde, der zunächst zu neuer Hoffnung Anlass bot:

"Der sozialistische Realismus, der die Hauptmethode der sowjetischen künstlerischen Literatur und der Literaturkritik ist, verlangt vom Künstler eine wahrheitsgetreue, historisch korrekte Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung. Dabei müssen Wahrheitsgetreue, historische Konkretheit der künstlerischen Darstellung mit der Aufgabe der ideellen Umerziehung und der Erziehung der werktätigen Menschen im Sinne des Sozialismus verbunden sein. Der sozialistische Realismus sichert dem künstlerischen Schaffen außergewöhnliche Möglichkeiten zur Äußerung der schöpferischen Initiative und der Wahl verschiedenartiger Formen, Stile und Genres."

Leider eine kurze Euphorie, denn offenbar war Stalins Verfolgungswahn stärker als die Einsicht in Notwendigkeit von Literatur, denn anschließend begannen jene Schauprozesse und die Willkür Stalins und seiner Geheimdienstschergen, was wiederum jegliche Schriftstellerei zum Russisch Roulett machte.

Jene Euphorie, auf dem Kongress, in Moskau, die Aufbruchsstimmung allgemein in der Sowjetunion, die noch herrschte, vermittelt sehr schön Oskar Maria Graf in "Reise in die Sowjetunion 1934". Auch ein großartiges Büchlein.


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zuletzt bearbeitet 29.08.2009 20:12 | nach oben springen

#8

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 29.08.2009 20:43
von LX.C • 2.679 Beiträge

Ach ich gebe zu dem Thema einfach auch noch eine ältere Rezension zum Besten; das Buch ist deswegen ja nicht weniger interessant. "Das Haus an der Moskwa", ebenfalls von einem großartigen russischen Schriftsteller. Diesmal dem Autor untergeordnet, wie Usus.


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#9

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 31.08.2009 18:07
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Die Einstellung der Dichterin Marina Zwetajewa passt im Zusammenhang mit oben genannten Roman, zudem gefällt sie mir so oder so. Ihre Meinung war bereits entwickelt, noch bevor ihr Mann und ihre Tochter der stalinistischen Säuberung zum Opfer fielen. In der Biografie von Feinstein heißt es:

Sie wusste instinktiv, dass es ihr unmöglich sein würde, "Glückwunschadressen an den großen Stalin zu unterschreiben", doch dieses Unvermögen gründete sich nicht darauf, dass sie irgendeine Kenntnis (sie lebte im Exil in Paris) von seinem Verbrechen hatte. Sie betrachtete ihn lediglich als Oberpriester einer banalen Kirche, in die sie nie würde zum Gottesdienst gehen können.

Sie selbst in einem Brief an Jurij Ivask:

Zitat von Zwetajewa in ihren Briefen
Sie meinen vielleicht, dass mein Hass auf die Bolschewiken den Emigranten nicht groß genug ist? Darauf sage ich: es ist eine andere Art von Hass. Die Emigranten hassen sie, weil sie ihnen ihren Besitz weggenommen haben, ich hasse sie - weil sie Boris Pasternak nicht in sein geliebtes Marburg fahren lassen, und mich nicht in meine Geburtsstadt Moskau. Und Hinrichtungen, mein Lieber - alle Henker sind Brüder, gleich, ob es sich um die Hinrichtung eines Russen nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren oder um einen Schuss in den Rücken durch die Tscheka handelt -, ich schwöre Ihnen, dass alles die gleiche Gemeinheit ist, der ich mich nie unterordnen werde, wie keiner organisierten Gewalt, in wessen Namen auch immer.



Amen!

Marina Zwetajewa erhängte sich 1941 mit neunundvierzig Jahren.




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#10

RE: Alexander Solschenizyn

in Die schöne Welt der Bücher 07.08.2010 11:43
von LX.C • 2.679 Beiträge

Ich bin mal so frei:

Zitat von Taxine
Wie lange??? Keine Ahnung. Ein paar Tage.

Freut mich übrigens sehr, dass du es auch liest.
Sind in deiner gekürzten (v. A. autorisierten) Fassung (wobei ich ja finde, dass kein einziger Satz in allen drei Bänden überflüssig oder zu viel war, obwohl Solschenizyn sich am Ende des dritten Bandes tatsächlich für die Ausführlichkeit und den damit vielleicht verlorenen literarischen Wert entschuldigt - was natürlich völliger Blödsinn ist) eigentlich auch Fotografien oder wurden die weggelassen?

Das, was du als "unterhaltsam" bezeichnest, ich weiß natürlich genau, was du meinst, ist wahrscheinlich der Rundumblick, Einblick, Weitblick, die einzelnen Geschichten, die bittere Ironie und das Autobiographische, das Solschenizyn miteinander verbindet und zu diesem Titanenwerk zusammengefügt hat.
An manchen Stellen (ich glaube, zweiter Band), wo berichtet wird, aus welchen absurden Gründen die Leute verhaftet wurden - z. B. wurde einem Mann vorgeworfen, er wäre mit Absicht und nur darum ein starker Trinker geworden, um dem Staat zu schaden -, da musste ich manchmal erschrocken auflachen. Das ist wirklich Galgenhumor und daneben traurige Wirklichkeit. Wie Solschenizyn all das in Szene setzt, ist ebenso Galgenhumor, finde ich auch, den auch nur er sich leisten kann, weil er all das selbst erlebt hat. (Hin und wieder erscheint er allerdings durchaus als Randfigur, denn gewissen Menschen im Lager ging es ja noch wesentlich schlechter, ganz zu schweigen von all denen, die starben.)

Interessant war z. B. für mich, dass 1937 gar nicht einmal die Haupt-Verhaftungszeit war, sondern darüber lediglich am meisten geschrieben wurde. Ich kannte zuvor nur Berichte von eben jenem Jahr. Wundert mich dann auch nicht, dass Solschenizyn darüber regelrecht in Rage gerät. Seine Vergleiche mit den Haftbedingungen zur Zarenzeit sind auch sehr aufschlussreich. Oder sein Frust über Berichte von Dostojewskijs Sibirien (Totenhaus).

Zitat von Taxine
Solschenizyn beantwortet auch die Unsinnigkeit einer Frage, die mit "Warum?" und "Wozu?" anfängt.


Eine weitere WOZU-Stelle:

Zitat von Solschenizyn
(…) Wenn schwarze Kopfläuse verdutzt über das Gesicht deines Pritschennachbarn zu kriechen beginnen, ist es das sichere Zeichen des Todes.
Pfui, wie naturalistisch! Wozu noch davon erzählen?
Und überhaupt, halten uns heute jene vor, die selber nicht gelitten, die selber gemordet, oder ihre Hände in Unschuld gewaschen, oder Lämmermienen aufgesetzt hatten, überhaupt, sagen sie – wozu sich daran erinnern? Wozu in alten Wunden rühren? (In IHREN Wunden!)
Lew Tolstoi hat bereits darauf geantwortet: „Was soll das heißen: wozu? Wenn ich eine schlimme Krankheit hinter mir habe und davon geheilt und gereinigt worden bin, werde ich mich stets mit Freude daran erinnern und nur dann nicht zurückdenken wollen, wenn die Krankheit noch in mir sitzt und schlimmer wird und ich mich selbst betrügen möchte. So wir uns des Alten erinnern und ihm gerade ins Antlitz blicken, wird sich uns auch unsere heutige Gewalttätigkeit offenbaren.“


(Solschenizyn – Archipel Gulag – Folgeband/Der Alltag der Archipel-Lager)

Und natürlich der WOZU-Stempel auf den Geist schlechthin:

Zitat von Solschenizyn
Wir vergessen alles. Wir merken uns nicht das Gewesene, nicht die Geschichte, sondern nur das gradlinige Muster, das man unserem Gedächtnis durch stetes Hämmern einzustanzen verstand.


(Solschenizyn – Archipel Gulag/Das Gesetz in den Kinderschuhen)




Zitat von Taxine
Wie lange??? Keine Ahnung. Ein paar Tage.


Drei Bände, weit über tausend Seiten. Wie machst du das nur immer.

Zitat von Taxine
Hin und wieder erscheint er allerdings durchaus als Randfigur


Durchweg, würde ich eher sagen. (Bei mir zumindest.) Formuliert er ja selbst als Anliegen.
Er stütz sich überwiegend auf allgemeine Fakten und Zeugen.

Die bittere Ironie ist genau das, was ich meine. Du sagst es, die kann er sich nur erlauben, weil er selbst Geschädigter ist.
Beispiel: "Doch die wichtigsten Stützen sind selbstredend die sozial-nahen Elemente, will heißen - die Ganoven!"(Solschenizyn, Alexander: Der Archipel Gulag, Fischer, Frankfurt/M. 2008, S. 212.)
Immer wieder solche Sätze und ganze Absätze, die einen bei aller Erschütterung auch schmunzeln lassen.

Zitat von Taxine
Interessant war z. B. für mich, dass 1937 gar nicht einmal die Haupt-Verhaftungszeit war


Na ja, 1936 bis 1938 dachte ich immer, die große Säuberung, dass es bis nach dem zweiten WK nicht aufhörte, ist inzwischen doch aber bekannt. Die "Legende vom Jahr 1937", sie S. in "Die Loyalisten" beschreibt, war vielleicht zur Entstehung des Werkes allgegenwärtig.
Ich hingegen fand überraschend, wie früh die Massenverhaftungen begannen, die Solschenizyn mit den "Konzentrationslagern" Lenins ansetzt.

Bilder sind in meiner Ausgabe nicht drin. Ausgelassene Kapitel paraphrasiert. Sicher ist in den drei Bänden kein Satz verschwendet. Wem das zu viel ist, wie mir momentan, dem liefert die gekürzte Ausgabe (sie ist zugegeben schon sehr gekürzt, 538 Seiten in kleiner Schrift) dennoch ein allumfassendes Bild.


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zuletzt bearbeitet 07.08.2010 11:55 | nach oben springen


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