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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 03.09.2009 19:34
von Lennie • 829 Beiträge

Nachdem hier bereits an anderer Stelle über diesen Herrn gesprochen wurde und ich kürzlich ausserdem einen Artikel über ihn gelesen habe, bin ich neugierig geworden und hab mir wieder mal selbst 'ne Überraschung bereitet und ganz heimlich ein Geschenkpaket bei Amazon bestellt.... U.a. zwei Büchlein von ebendiesem Herrn. "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" und "Kleines Mädchen mit komischen Haaren."
Die hab ich genommen, weil sie nicht über 1000 Seiten dick sind. Sone Riesenwälzer (mir) bisher unbekannter Schreiber haben oft eine eher blockierende Wirkung, ich wollte klein anfangen. Mit der Lektüre.
Das erste hab ich schon durch. Die Beschreibung einer Luxusliner-Kreuzfahrt der middleclass Americans. Dauert eine Woche lang, passiert nichts. Nein. Eigentlich passiert tatsächlich nichts. Absolut nichts. Aber das ist herrlich dargestellt und saumässig gut beobachtet. Der Stil gefällt mir gut und die Anzahl der Fussnoten hält sich in überschaubaren Grenzen. Zwei bis drei Abende Lesevergnügen pur! Für mich jedenfalls.
Das zweite Büchlein folgt in Bälde, sobald ich Zeit habe.

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#2

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 03.09.2009 19:55
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Lennie
Die hab ich genommen, weil sie nicht über 1000 Seiten dick sind. Sone Riesenwälzer (mir) bisher unbekannter Schreiber haben oft eine eher blockierende Wirkung, ich wollte klein anfangen.



So geht es mir auch.

Übrigens setze ich hiermal eine kleine Rezension hinein:

Durch den niedlichen Titel „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ solle man sich lieber nicht aufs Glatteis führen lassen, eher vergesse man, was man bisher gelesen hat und taucht ohne Ballast in diese stories ein. Es lohnt sich, denn hier begegnen wir etwas völlig Neues, was wir in der Literatur vielleicht nirgendwoanders gelesen haben. Man könnte auch sagen, wir erleben eine neue Literaturtaufe. David Foster Wallace gehort zu den Literaten der Postmoderne (was auch immer das so genau bedeuten soll, denn eine Definition dieses Begriffes ist schwierig).

Ein spezieller sprachlicher Stil lässt sich nicht ausmachen. Wallace scheint in diesen frühen stories experimentiert zu haben. In jeder Geschichte entwirft der Autor einen neuen Stil, der zum Personal und zum Geschehen passt.

Die Geschichte, die dem Erzählband seinen Namen gibt, spielt in der Pukerszene. Ein Anwalt, der sich unter Punkern wohl fühlt, aber wegen seiner Herkunft sich keinen Irokesenschnitt oder ähnliches antuen will, wird hier Sick Puppy genannt, denn unter Punkern legt man sich einen neuen Namen zu. So zieht er mit Gimlet, Big und Mr. Wonderful in die Irvine Cocert Hall, um ein Konzert mit Keith Jarret zu hören. Sick Puppy, der das nötige Geld für die Karten besorgt, leidet, seitdem sein Vater mit einem Feuerzeug ihm seinen Penis versengt hat, weil er mit acht Jahren seine Schwester verspielt zum Geschlechtsverkehr führte, an pyromanischen Ideen, Körperteile anderen Menschen zu versengen. Die komischen Haare eines kleinen Mädchens, die in eine der vorderen Reihen sitz, locken seine Fantasien hervor. Bisher ist nur Gimlet bereit, sich von Sick Puppy versengen zu lassen. Wo Punks sind, ist LSD nicht weit, so ist die Geschichte auch eine Geschichte über psychodelische Halluzinationen, und weil die Sprache so herrlich im Punkersound melodiert, war es ein Lesegenuss.

Wallace schreibt über die Zeit unserer Tage, genauer die um1990 herum, als der Storyband erstmals in Amerika erschien, d.h. über eine Welt, die (zumindest in den USA) täglich sechs Stunden vor dem Fernseher verbringt und sich mit Werbung vollgedröhnen lässt. Auch in der Geschichte des kleinen Mädchens hellt der Einfluss von Fernsehwerbung für einen kurzen Moment auf. Und es ist wirklich so, das Sehen an sich wird in den stories oftgenug thematisiert, dabei formt sich das Gesehene nie so wie es uns erscheint. Da gibt es die (ausnahmsweise) sehr linear konventionell erzählte story von einer Schauspielerin, die in die Late Night Show von David Lettermann zum Interview eingeladen wird. Schon in den ersten Sätzen spielt der Autor anhand von einer Schauspielerin damit, wie sie sich selber sieht, und wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen wird:

In Antwort auf:
Ich bin eine Frau, die am 27. März 1989 in der Late Night Show von David Lettermann aufgetreten ist.
Oder wie mein Mann Rudy sagt: Ich bin eine Frau, die zwar der überwiegenden Mehrheit der statistisch erfassbaren amerikanischen Bevölkerung bekannt ist, einfach weil ihr Name in aller Munde und ihr Gesicht schon so häufig auf den Titelseiten der Zeitschriften und den Bildschirmen der Leute draußen im Lande zu sehen war, deren tiefstes Inneres aber unerreichbar im Verborgenen liegt. Weswegen mein Mann Rudy auch der Meinung war, der Auftritt könne mir letztlich nichts anhaben.



Rudy will seiner Frau während des Interviews über ein geheimes Mikrofon Anweisungen geben, damit alles glatt über die Bühne geht. „Keinen interessiert, ob du wirklich schlagfertig oder locker bist, es muss nur so aussehen.“ Um Differenzen zwischen Schein und Sein geht es.

Sehr beeindruckend ist „Tiere sehen dich an“. Eine Frau gewinnt über 700 Mal in einem Fernsehratespiel, eine Sensation, so etwas ist noch nie vorgekommen. Die Einschaltquoten sprudeln in die Höhe. Warum Julie Smith aber so ein einzigartiges Wissen hat, hat einen tragischen Hintergrund, der verständlicher Weise hier nicht vorab verraten werden soll. Nur soviel, Julie spendet ihren Gewinn für einen guten Zweck, die Fernsehleute wollen diese Sache „PR-mäßig ausschlachten.“

Die Story „John Billy“ ist sehr mysteriös, gleitet teilweise ins Surreale und ist in einem einzigartigem Slang gschrieben. Das ist auch der Grund, warum ich sie erst beim zweiten Durchgang genießen konnte. Es geht um den ungewöhnlichen „Chuck Nunn – der Mann, der alles kann“. Schon bei seiner Geburt hatte er

In Antwort auf:
..ich sag mal kolossale Übergröße, die hat Momma Moma May innerlich so zerrissen, dass sie bis heute ohne Heizdecke und Opernmusik, laute Opernmusik, gar nicht mehr einschlafen kann, deshalb ist sie ja auch in dieser Anstalt.



Auf die abgedrehte Idee muss man erst einmal kommen, wie nämlich Chuck Nunn eine Ölquelle entdeckte. Ein Twister riss seine Fernsehantenne vom Dach und flog wie ein Speer hinfort, bohrte sich irgendwo in das

In Antwort auf:
Nunn Land...wie beim Messerwerfen und es sage und schreibe aus diesem von Chuck Nunn Junior ex officio ererbten und TV-gesprießten Grund und Boden plötzlich zu sprudeln anfing, nämlich Rohöl, schwartes Gold, Texas Tea.



Auf diese Weise wird Chuck Nunn reich. Wieder ist das Fernsehen an allem Schuld und Chuck Nunns Reichtum führt zu einer erbitterten Auseinandersetzung mit dem Schafmogul T.Rex Minogue, der „diverse Anstrengungen unternahm, Chuck Nunn Junior seine Schafzucht abzukaufen beziehungsweise mit Gewalt sich feindlich einzuverleiben...“ Kurios, bei einem Unfall fallen Chuck beide Augen heraus, die an zwei Nervenenden herumbaumeln. Auch künftig fallen die Augen in verschiedenen Gelegenheiten heraus , wenn er niesen muss oder ihm jemand auf die Schulter klopft. Da bekommt man schon recht Furcht, was mit dem Sehorgan alles passieren kann.

Der Band enthält fünf stories, die aufgeschlossenen Lesern sehr bereichern und zum Nachdenken bringen können.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#3

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 03.09.2009 21:57
von Lennie • 829 Beiträge

Dank dir schon mal im Voraus, Martinus! Ich komm drauf zurück, sobald ich mit der Lektüre fertig bin....

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#4

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 08.09.2009 08:37
von Zypresserich • 2.864 Beiträge

Zu Unendlicher Spaß eine Seite, die sich selbst erklärt. Auch der Übersetzer kommt zu Wort:
http://www.unendlicherspass.de/


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
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#5

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 08.09.2009 10:01
von LX.C • 2.666 Beiträge

Treibt ja richtig Blüten, das Werk.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#6

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 06.10.2009 23:25
von LX.C • 2.666 Beiträge

Literaturclub, September 2009

http://videoportal.sf.tv/video?id=1c3719...ocid%3D20090922

Wird u.a. über "Unendlicher Spaß" debattiert. Zu Gast der Übersetzer des Werkes, Ulrich Blumenbach. Und mit Beipackzettel :))


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 06.10.2009 23:25 | nach oben springen

#7

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 06.10.2009 23:40
von Zypresserich • 2.864 Beiträge

Merci für die Info.

Also ich lese seit Wochen in dem Buch und in dem Forum (siehe Link) mit. Mir ist schon richtig schlecht vor lauter DFW und US. Ich werde es sicherlich fertiglesen. Aber. Aber. Aber. Es ist nicht mein Stil (nein, Stil, nein, der ist da nicht drin, behaupte ich). Musste auch schon so manches Lyrische zwischenschieben, um nicht an dem ganzen Medikamentös-Drogigen zu würgen. Es ist nicht mein Ding. Ich bin wohl zu gesund für das. (Mal so in Kürze)


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
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#8

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 07.10.2009 13:58
von LX.C • 2.666 Beiträge

In Antwort auf:
Mir ist schon richtig schlecht vor lauter DFW

Ähnliches Phänomen schildern auch die Diskutierenden :)) Und man müsse aufpassen, sonst wird man in die psychische Abwärtsspirale hineingezogen. Also sieh zu, dass du auch bei voller Gesundheit bleibst ;)


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#9

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 23.10.2009 20:50
von Zypresserich • 2.864 Beiträge

Von wegen Blüten treiben: (wer sich die Lesemühe machen will) http://www.unendlicherspass.de/2009/10/22/19-oktober/

Also: ts ts ts ts.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
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#10

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 15.11.2009 16:32
von Zypresserich • 2.864 Beiträge

http://www.unendlicherspass.de/
Also dort geht's mit Unendlicher Spaß nun allmählich auch in die letzte Runde; auch, weil ich es trotz aller Irrungen und Wirrungen des Alltags bis dato tatsächlich doch bis Seite 1240 geschafft habe. Aber, puuuh, von einigen Passagen abgesehen: ich empfehle das Buch nicht. Vielleicht krieg ich's heute noch fertig. Und dann ab ins Regal. "Gekünsteltes" Deutsch à la Grass, Handke, Jelinek, Brecht usw. ist mir doch lieber als diese manierierten Guckt-mal-was-ich-Sätze-machen-kann-Sätze eines Wallace. Also, ich bin ja Gottseidank nicht im Tunnel und bringe es für mich mal so auf den Punkt: Wallace ist mir zu eindimensional für meinen spiritüllen Geschmack. Aber das hat Hans Wedler heute dort im Blog sehr treffend formuliert, wie ich finde. Er schreibt mir da aus dem Kopf. Sein Beitrag heißt Im Rückspiegel und ist vom 15.11.2009.

Nachträgliches Edit: Mir fällt gerade eben dazu noch ein (@ Unendlicher Spaß): Eher Beschreibungswut als Sprachgewalt. Nein, Sprachgewalt ist das (finde ich) nicht, auch wenn es scheinbar so rüberkommt durch einen Autor, der vermutlich fünf Millionen Wörter mehr lexikalisch im Arbeitsspeicher seines Oberstübchens zur Verfügung hatte als andere. Beschreibungswut heißt: ich schreibe 1600 Seiten, und zum Schluss bleibt der Schluss: wir sind alle gaga. Sprachgewalt heißt: man schreibt einen Satz, und der spaltet den Kosmos. Solch einen kosmosspaltenden Satz gibt es im Unendlichen Spaß nicht. Vor den permanenten Hinweisen auf Wallaces Genius verneige ich mich, und ich bin der letzte, der seine Leistungen schmälern wollte; allein: lexikalisch-mathematisch-(evtl.)stilistisch genial, wat bringt dat? (Ich lass das mal so offen, will ja noch lesen gleich.)

Mir fällt dazu frei nach D. T. Suzuki ein: "Das Leben ist nicht mathematisch und logisch, sondern biologisch und psychologisch." Ja, und auch wenn das jetzt total abgedroschen ist wie die Diskussion um das Buch selbst: den (traurigen) "Beweis" für die Richtigkeit der suzukischen Aussage lieferte Wallace letztendlich durch sein Ende am Strick.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
zuletzt bearbeitet 15.11.2009 17:11 | nach oben springen

#11

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 15.11.2009 18:14
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Zypresserich

Mir fällt dazu frei nach D. T. Suzuki ein: "Das Leben ist nicht mathematisch und logisch, sondern biologisch und psychologisch." Ja, und auch wenn das jetzt total abgedroschen ist wie die Diskussion um das Buch selbst: den (traurigen) "Beweis" für die Richtigkeit der suzukischen Aussage lieferte Wallace letztendlich durch sein Ende am Strick.



Sehr schön formuliert. Siehste. So was lese uich gerne. Aber den dicken Wallace. Da sage ich schon jetzt, dafür habe ich die nächsten 50 Jahre keine Zeit. So ein

Zitat von Zypresserich
lexikalisch-mathematisch-(evtl.)stilistisch genial



kann ich mit Sicherheit nicht lesen, dann lieber den Mason & Dixon vielleicht, außerdem, mathemathisch und logischlexikalisch bin ich sowie so eine Niete, außerdem möchte ich in meinem Leben noch gute Liebesromanzen lesen u.v.a. mehr, da kann nichts mathematisches übrigbleiben.

Ich fühle also bin ich. Bei mathematischer Logik erfrieren meine Synabsen. Das ist nichts für meinen Kopf. Ich möchte auch noch Joyce Carol Oates lesen oder Mircea Cartarescu, dann das Ungarenvolk und die Maron, im Schlepptau Christa Wolf, Le Clézio und Amos Oz.

Da fällt mir ein, vielleicht fasse ich mich mal kurz: Lest vom Wallace: "Kleines Mädchen mit komischen Haaren" und "Kurze Interviews mit fiesen Männern". Das ist interesssante Literatur, die gut zu lesen und ein unendlicher Spaß ist.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 31.12.2009 10:29 | nach oben springen

#12

RE: David Foster Wallace

in Die schöne Welt der Bücher 15.11.2009 18:30
von Zypresserich • 2.864 Beiträge

Zitat von Martinus
Ich fühle also bin ich.

Senso ergo sum is bei mir auch die Priorität, mit aller Konsequenz (Wut, Zorn, Liebe, Trauer, Mitgefühl etc.). Andere mögen das anders sehen, ist ja in Ordnung. Frag 8 Milliarden Menschen nach ihrer Meinung, und du bekommst 8 Milliarden Meinungen. Letztendlich: . Ja, so ist es, solange man da ist.


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