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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Andrej Platonow

in Die schöne Welt der Bücher 15.09.2009 19:31
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Andrej Platonow

Tschewengur

Die Wanderung mit offenem Herzen

Ganz Russland war bevölkert mit zugrunde gehenden und sich rettenden Menschen – das hatte Serbinow schon lange gemerkt. Viele russische Menschen waren in eifriger Lust damit befasst, in sich die Fähigkeiten und Gaben des Lebens zu vernichten: die einen tranken Wodka, andere saßen mit halbtotem Verstand inmitten ihrer zwölf Kinder, wieder andere gingen hinaus aufs Feld und malten sich dort vergebens etwas in ihrer Phantasie aus. Aber diese Frau hier hatte sich nicht zugrunde gerichtet, sondern sich selbst gemacht.

Eine ungewöhnliche Geschichte, die erst sechzig Jahre nach ihrer Entstehung, nämlich 1988, veröffentlicht werden konnte. Als Platonow sie zum ersten Mal einem Verleger vorlegte, erklärte man ihm, „die Revolution sei im Roman falsch dargestellt und das ganze Werk könne sogar als konterrevolutionär verstanden werden“. Auch setzt Platonow seine Utopie nicht in eine ferne Zukunft oder in einer fremdartigen Welt an, sondern bleibt in einer Gegenwart und dazu auch noch in einem Provinznest, das tatsächlich existiert hat, wobei der Raum und Ort der Geschichte durch seine mächtige Weite trotzdessen an eine Art Trümmerlandschaft erinnert, ein verödetes Land, das jedoch eben durchaus nicht utopisch zu nennen ist. Utopisch bleibt lediglich die Entwicklung auf diesem begrenzten Raum des fiktiven Tschewengur, das inmitten der Welt abgegrenzt und durch die äußere Welt beeinflusst, ein eigenständig voranschreitendes Revolutionsmodell verwirklicht.

Wir geraten in eine Gegend, in der furchtbarer Hunger und schreckliche Not herrschen. Eine Ödnis ohne Gleichen. Die Menschen sind nur noch verstreut zu finden, verschiedene Personen werden näher beleuchtet. Der Anfang erinnert tatsächlich an Grimmelhausens Simplicissimus. Auch bei Platonow lebt dort einer, der sich mit einem Einsiedler in den Wald zurückzieht, bis dieser stirbt. Nur gräbt die platonow’sche Figur nicht gemeinsam ein Grab für den sterbenden Einsiedler, sondern liegt tot im Regen und bläht dabei langsam auf.
Das ist ein gutes Beispiel, um zu verdeutlichen, wie exakt Platonow seine Sätze gestaltet.
Was bei seinem Schreibstil auffällt, sind die intensiven Bilder, die er dazwischen streut. Diese sind bewegend, fast düster, aber grundsätzlich überdeutlich und gut geschrieben zugleich. Da kommt z. B. eine Frau mit einem Kind nieder, während sie bereits siebzehn Mal niederkam, warum wohl bei dieser Geburt etwas nicht stimmt, es wird eine Wehmutter geholt, die dann – einfach als Bild – mit einer Schüssel über den Hof läuft und etwas gegen den Zaun schwappt. Es wird nur angedeutet, und doch ist es sofort klar, wovon die Rede ist:
Der Hund lief hin und fraß alles bis auf das Flüssige.

Da läuft es einem eiskalt über den Rücken. Oder auf einem Friedhof legt sich einer der Protagonisten, Sascha Dwanow, in ein selbst geschaufeltes Grab, um seinem toten Vater näher zu sein, der den Tod entschlüsseln wollte und sich dafür umbrachte, um dann nach seinem Ermessen wieder zurückkehren und berichten zu können, was dann – man kann es sich denken – nicht funktioniert. (Viele Charaktere erinnern an die Schildbürger, durch ihre Einfalt, wie auch durch ihre Bauernschläue oder ihrer Art, so gutgläubig der Welt zu begegnen. – In jungen Jahren hatte Sachar Pawlowtisch gedacht, dass er, erst einmal erwachsen, auch klüger werden würde. Aber das Leben war ohne Selbstbesinnung und ohne Zwischenstation dahingegangen, als unaufhörliche Begeisterung; kein einziges Mal hatte er die Zeit als gegenläufiges festes Ding empfunden, sie existierte für ihn nur als Rätsel im Weckermechanismus.) Auf dem Friedhof kommen in der Nacht dann immer Männer, die die Kreuze auf den Gräbern abbrechen, damit sie Brennholz gewinnen. Das ist eine schreckliche Vorstellung, und diese Notwendigkeit dahinter macht sie noch bewegender.
Oder so eine kleine Szene, die am Ende des Buches einfach beschreibt:

Zitat von Platonow
Kopjonkin, der neben dem Fußweg schlief, stützte sich auf die Arme, stieß im Traumwahn einen Schrei aus und schniefte wieder im Schlaf, bewegte mit der Luft aus seiner Nase die gestorbenen Halme am Weg.


Platonow schafft es oft, das Bild vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. Oder seine beschreibenden Vergleiche:
Sophia Alexandrowna werde sich letzten Endes als ein ebenso unglücklicher, mitten im Leben erstarrter Mensch erweisen, wie er selber einer war.

oder:
… ihr Leben breitete sich ringsum aus wie ein Geräusch…

oder:
… Das Zimmer war leer, als ob der Mensch in ihm nicht lebte, sondern bloß dachte.

Das führt manchmal bis auf eine Art Haiku zurück, wo auf einem Grab zu lesen ist:

Ich lebe und weine,
sie ist gestorben und schweigt.


Ziemlich intensiv, wie ich finde.

Oben bereits genannter Protagonist Sachar Pawlowitsch (Sachar = russisch Zucker, und wirklich ist diese Figur eine der liebenswertesten) liebt die Maschinen und die Technik mehr als die Menschen und die Natur. Durch die Maschinen erfährt er, was Leben ist. Eine Lokomotive flößt ihm Vertrauen ein, während der Mensch ihn nicht interessiert. Alles, was er benötigt, ist die Arbeit.

Zitat von Platonow S. 18
Sachar Pawlowtischs Schwermut war stärker als das Wissen um die Nutzlosigkeit seiner Arbeit, und er haute weiterhin Pflöcke zurecht bis zur völligen nächtlichen Erschöpfung. Wenn er nicht arbeitete, strömte ihm das Blut aus den Armen zum Kopf, und er begann so tief über alles gleichzeitig nachzudenken, dass nicht als Hirngespinste dabei herauskamen, und in seinem Herzen erhob sich schwermütige Angst.



Durch seine Einstellung zur Technik umgibt ihn eine eigenartige Gelassenheit:

Zitat von Platonow S. 17
Gleich in der ersten Nacht übergossen die Söhne des Tischlers – Kinder zwischen zehn und zwanzig – den schlafenden Sachar Pawlowitsch mit ihrem Urin und verrammelten die Kammertür mit der Ofengabel. Aber Sachar Pawlowitsch, der sich nie für Menschen interessiert hatte, war nicht so leicht zu erzürnen. Er wusste, dass es Maschinen und mächtige komplizierte Erzeugnisse gab, und an ihnen maß er den Edelsinn eines Menschen, nicht aber an zufälliger Gemeinheit.



Diese Figur ist überhaupt interessant, durch ihre Auseinandersetzung mit dem Sein und dem Leben:

Zitat von Platonow S. 48
Früher hatte er sich sein künftiges Leben als tiefen blauen Raum vorgestellt – so weit, dass er fast nicht existierte. Er wusste im voraus: Je länger er lebte, um so kleiner würde der Raum des ungelebten Lebens werden, und zurückbleiben würde ein immer länger werdender toter zertrampelter Weg. Doch er hatte sich getäuscht: Das Leben wuchs und sammelte sich an, und die noch vor ihm liegende Zukunft wuchs ebenfalls und weitete sich, wurde tiefer und geheimnisvoller als in der Jugend, so als trete Sachar Pawlowitsch vom Ende seines Lebens zurück oder steigere seine Erwartungen und seinen Glauben an das Leben.



In Sachars Interesse für Lokomotiven und Maschinerie wird auch der Schriftsteller etwas sichtbarer, da Platonow mit Unterbrechungen am Woronesher Eisenbahnpolytechnikum studiert hat. Sachar lernt erst durch die Begegnung mit dem Kind des toten Fischers den Menschen mehr als die Maschinen zu schätzen. Eine Wandlung, die sich in ihm aufs Ganze vollzieht. Sascha, noch Kind, (im Ganzen dann Alexander Dwanow – „dwa“ in russisch „zwei“, was darauf hinweist, dass Dwanow auch Platonows Doppelgänger ist), wächst nun bei ihm auf, Sachar heiratet und lässt sich von dem Jungen die Welt vorlesen. Sie kommen auch auf den Zaren und den Krieg zu sprechen, wobei Sachar erklärt, dass der Mensch dem Menschen nicht gefährlich scheint, sondern erst durch die Macht Krieg entsteht, ein absichtlich gesteuertes Leid.
Sascha erkundigt sich, wie es sein müsste. Sachar meint:

Zitat von Platonow
„Irgendwie anders. Wenn sie mich zum Deutschen geschickt hätten, kaum dass der Streit losgeht, ich wär sofort mit ihm einig geworden, und das wär billiger gekommen als der Krieg. Aber so haben sie die klügsten Leute hingeschickt!“


Sachar Pawlowitsch kann sich keinen Menschen vorstellen, mit dem sich nicht freundschaftlich plaudern ließe.

Da er aber bald darauf erkennt, dass der Krieg also keine naturgewollte Sache, sondern eine vorsätzliche ist, gerät er in Zweifel:

Zitat von Platonow
Kann man freundschaftlich mit jemandem reden, der vorsätzlich Menschen tötet, oder muss man ihm vorher die schädliche Waffe, den Reichtum und die Würde wegnehmen?


Klar zeigen sich hier schon die ersten Andeutungen auf die Oktoberrevolution.

Das erste Erlebnis „Tod“ für Sascha, ein, wie ich finde, mal wieder gelungenes Bild von Platonow:

Zitat von Platonow S. 61
Sascha wunderte sich, dass das Blut so rot und jung war, der Altmeister aber so alt und grau: als wär er im Innern noch ein Kind.



Aus diesem von Leid und Hunger gezeichneten Leben gerät Dwanow schließlich mitten in die Revolution, die sich dann schnell wieder in der Weite der Landschaft verliert und überall ihre Spuren hinterlässt, auf der Suche nach dem heiligen Gral „Kommunismus“. Er ist dabei hin und hergerissen vom Glauben an die Wahrhaftigkeit und Richtigkeit der Ideale der Revolution und seinem Mitleid, seiner Ratlosigkeit angesichts der Armut und tiefen Verbitterung so vieler Menschen. Daraus gestaltet sich dann die „Wanderung mit dem offenen Herzen“.
Unterwegs dann etliche Begegnungen. Die allgemeine Armut bringt die Leute auf verrückte Ideen. Ich finde gerade die Zwischenbilder von Platonow großartig. Da ist ein Mann, der sich für Gott hält, der verkündet, dass es nicht notwendig wäre, ein Feld zu bestellen, denn Getreide käme aus dem Erdreich, so könne man dann auch direkt die Erde essen und dadurch satt werden, man müsse den Magen nur daran gewöhnen. Die Menschen nehmen an, dass er bald sterben würde, doch weil er weiter lebt, respektieren sie ihn schließlich und nennen ihn von da an auch namentlich „Gott“. Und all das mitten in der Revolution.
„… jetzt wird es Zeit, dass du Lenin wirst, Gott warst du lange genug!“

Dann ist da einer (Kopjonkin), der sich nur durch seine Sehnsucht nach Rosa Luxemburg immer wieder in seinen Ansichten bestärkt, die beständig durch Zweifel durchbrochen werden, der den Kommunismus auch gegen die verteidigt, die Rosa ermordet haben, um mit diesen Hintergedanken weiterhin „für die Sache zu kämpfen“. Dessen Pferd trägt den Namen „Proletarische Kraft“, nach einer Losung von Trotzki „Proletarier aufs Pferd“. Die Sehnsucht nach dem Sozialismus bringt noch andere neue Namen hervor, neue Möglichkeiten. So nennt sich darunter auch einer Dostojewski. Auch tritt später dann in Tschewengur selbst eine Art kleiner Stalin auf, allerdings nicht dem Namen, sondern nur dem Handeln nach, der es beeindruckend versteht, die Gutgläubigkeit der Tschewengurer und ihre Sehnsucht nach dem Kommunismus für seine persönliche Bereicherung zu nutzen. – Wenn sie die Welt nicht wollen, dann nehmen wir sie erst einmal als Basis. Diese Art, praktische Maßnahmen mit theoretischen Rechtfertigungen durchzusetzen, im Sinne des „vollen“ Sozialismus.

Eine schöne Zwischenszene ist auch diese hier:

Zitat von Platonow S. 150
Sein Vater, ein Förster, hatte ihm eine Bibliothek billiger Bücher von völlig bedeutungslosen, kaum gelesenen und vergessenen Autoren hinterlassen. Er hatte seinem Sohn gesagt, dass die lebensentscheidenden Wahrheiten verborgen in unbeachteten Büchern existierten.
Der Vater des Forstaufsehers hatte schlechte Bücher mit ungeborenen Kindern verglichen, die im Mutterleib zugrunde gehen an dem Missverhältnis zwischen ihrem zu zarten Körper und der sogar in den mütterlichen Schoß eindringenden Grobheit der Welt.
„Wenn zehn solcher Kinder am Leben geblieben wären, hätten sie den Menschen zu einem triumphierenden und erhabenen Wesen gemacht“, hatte der Vater dem Sohn als Vermächtnis mitgegeben. „Aber geboren wird nur, was verworren im Hirn und fühllos im Herzen ist, was die scharfe Luft der Natur und den Kampf um rohe Nahrung verträgt.“
Der Forstaufseher las gerade ein Werk von Nikolai Arsakow, herausgegeben im Jahre 1868. Es hieß „Zweitrangige Menschen“, und der Aufseher fand aus der Langweile der dürren Worte das heraus, was er brauchte.
Er meinte, dass es langweilige und sinnlose Bücher nicht gebe, wenn der Leser in ihnen wachsam nach dem Sinn des Lebens suchte. Langweilig würden Bücher durch langweilige Leser, denn in den Büchern wirke die suchende Sehnsucht des Lesers, nicht aber das Können des Autors.



Die Auswirkungen des neuen Sozialismus sind verheerend. Alles dem Volke – ein guter Vorsatz, der jedoch durch Menschen angewiesen wird, die nicht weit genug nachdenken. Sie verteilen das Vieh der besser Gestellten an die Armen, während die keine Vorstellung haben, wie sie dieses ernähren sollen.

Auch die kommunistischen Parolen werden gleichzeitig mit Euphorie vorgebracht wie auch (in meinen Augen) ins Lächerliche gezogen, sind, dort, wo sie angewendet werden, nur noch illusionär und oftmals völlig fehl am Platz.

Die erste und einzige Stadt, die dann die theoretischen Ansätze des Kommunismus als in die Realität umgesetzte Idee bis ins letzte Detail beherzigt und lebt, ist Tschewengur. Die Besitzenden werden gnadenlos getötet und vertrieben, den Armen – genannt die „Übrigen“ - die leer stehenden Häuser gegeben. Alle sind gleich, alles gehört allen, ein guter Anfang, doch die Menschen merken schnell, dass der Kommunismus gar nicht so einfach ist, sich weder einfach finden (- Wo suchst du ihn denn, Genosse Kopjonkin, wenn du ihn in dir bewahrst? In Tschewengur behindert nichts den Kommunismus, darum entsteht er von selbst.-) noch ausführen lässt, dass die allgemeine Gerechtigkeit für alles und jeden erstaunlich unnötige Handlungen und Gespräche nach sich zieht.

Ja, Platonow hat mit diesem Roman wirklich einen ehrlichen Versuch gestartet, den Anfang einer kommunistischen Gesellschaft nachzuzeichnen, es geht ihm nicht so sehr darum, zu zeigen, wie gefährlich sich die Revolution in all ihrer Gewalt auswirkte, sondern eher darum, wie die kommunistische Idee auf Menschen in ihren Hoffnungen, Gefühlen wirkt, wie sie sich gestalten könnte, wie sie sich gleichzeitig auch bei denkfaulen oder eher naiven Menschen zeigt, die den Kommunismus als ein Konstrukt verwenden, ohne zu verstehen, geschweige denn wissen, was daraus zu machen ist. „Da hat ein Mann geschrieben und geschrieben, dachte er mitleidig, aber wir haben alles gemacht und erst hinterher gelesen – da hätte er gar nicht erst zu schreiben brauchen.“ Marx’ Theorien sind keinem ausführlich bekannt, doch das Buch wird als Grundlage verwendet. Lenin, der irgendwo anders sitzt, ist nicht nah genug, denkt dort irgendwo für die Menschen, solange tun diese eben, was nach ihrem Ermessen in seinem Sinne liegen könnte, obwohl sie nicht genau wissen, was das eigentlich ist.
Lenin selbst fasste 1921 die Träumereien der Revolutionszeit und des Kriegskommunismus so ins Wort:

Zitat von Lenin
„Wir glaubten, in einem Lande mit einem deklassierten Proletariat würde auf kommunistisches Geheiß Produktion und Verteilung zustande kommen. Als wir versuchten, diese Aufgabe direkt, sozusagen durch einen Frontalangriff zu lösen, erlitten wir einen Misserfolg.“


Danach schlug er dann eine „Umgehung und Belagerung“ vor: die NÖP.
Platonow machte in den Diskussionen der Arbeiter in der Parteiversammlung deutlich:

Zitat von Platonow-Rede
„Die wenigsten begreifen, was die „objektiven“ Bedingungen sind, die diese neue Politik erzwangen. Die NÖP erscheint ihnen als ein neuer, ungewisser Weg in die Zukunft, eine unerwartete Umwertung der Werte. Aber nicht nur die Arbeiter, auch die Führer der Revolution hatten sich den Weg der Revolution ganz anders vorgestellt.“


Kein Wunder, dass dann alles ein wenig in Utopismus ausartete und selbst die Revolutionäre enttäuscht waren. Genau diese gescheiterte Möglichkeit setzt Platonow dann beeindruckend ins Wort.

Ein kompliziertes Werk auf den bäuerlichen Russen angewendet, spendet dann eben bei den Menschen auch keinen Trost, sondern nur Chaos, Leid, Tod und danach ewige Langweile. „Den Kommunismus will er. Er glaubt das ganze Volk zu sein.“ Da wird also „der Übrige“ (ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich nicht um einen Menschen der Zukunft oder einen vorbildlich, dem Kommunismus verbundenen Menschen handelt, sondern um eine Art Rest, der irgendwo auf weiter Steppe aus seinem eigenen Unglück zusammengesucht und nach Tschewengur verschleppt wurde (später werden sie auch als die „Waisen“ betrachtet)) in ein ihm fremdes Haus gesetzt, für das ein anderer (einer dieser „Lumpen“) getötet oder unter Androhung von Tod vertrieben wurde. Ein Platz-Schaffen für den Kommunismus als reine Fläche, der Weg zum Sozialismus ist nicht mehr notwendig, weil man längst – so die Meinung der Tschewengurer – dort angekommen ist. Nun sitzt dieser dort herum, schirmt sich gegen die Realität ab und weiß nichts mit sich anzufangen. Eine ziemlich groteske, von Platonow überspitzt dargestellte Situation.
Die Sonne wird zur kommunistischen Arbeitskraft, ebenso der Wind und die Natur, die sich auf den nicht bestellten Feldern (denn keiner darf eben einfach arbeiten) selbst zum Wachstum entschließt, wenn man ein bisschen Glück hat. Auch darf niemand in dieser Stadt so einfach wegsterben, da der Kommunismus schließlich wirken sollte, keiner gegen seinen Willen zum „Tod gezwungen“ sein dürfte (theoretisch gesehen) und sich damit jeder gleichzeitig dem Kommunismus entzieht, sobald er auf diese Weise die Stadt und das Leben verlässt, und sei es auch, indem er eben stirbt.
Die ganze Stadt wird aus den Wurzeln gerissen, die Häuser verschoben, damit nichts mehr an die Bourgeoisie erinnert und die Menschen im Sinne der Brüderlichkeit näher beieinander sein können, was sie dann freilich nicht so gut zu nutzen verstehen, denn jeder langweilt sich lange für sich allein, bis sie endlich eine Lösung finden, wieder an verschiedenen Dingen zu arbeiten beginnen (denn Arbeit für sich ist schließlich Unterdrückung), ohne dass diese dann zum Nutzen verkommt, ganz einfach, weil jeder seine Arbeit als ein Geschenk für einen anderen ansieht und somit auch nicht in seine eigene Tasche arbeitet. Das kann von „Ich koche Kartoffeln, aber nicht für mich, sondern für den Genossen so und so“ ausarten in „Ich muss die Stadt erobern, damit es dem Genossen so und so gefällt“.

Deutlich wird der Mensch in seiner unterschiedlichen Art und Weise, auch, wie schwierig es ist, keinen Besitz zu haben, alles herzugeben (vor allen Dingen all das, was zuvor anderen Menschen gehört hat). Da will der eine (Kopjonkin) sein Pferd nicht teilen, der nächste die Stadt als seinen Besitz verbuchen, indem er sie – im Sinne des Kommunismus – nicht für sich will, sondern seiner Lebensgefährtin schenken möchte, um dann mit ihr darin zu leben. Andere geben alles und versuchen Lösungen zu finden, um die Gleichheit und Freiheit in aller Konsequenz zu leben und benötigen einige Erklärungen, um sich ihr Tun zurechtzureden, was hin und wieder tatsächlich gelingt. Man erfasst bald, wie geduldig sich der Mensch jeden Schritt theoretisch zurechtlegt – für mich ein platonow’scher Versuch, die Schwierigkeiten darzustellen, die Theorien des „Manifests“ bis auf das kleinste Detail auf das Leben anzuwenden.

Grundsätzlich aber verblendet diese innige Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die Menschen, die wahre Hoffnung dahinter artet ins Chaos aus. Auch das Ende wirkt auf mich nicht nur als eine Begegnung zwischen dem kleinen Tschewengur mit der großen, fremden, äußeren Welt (die perfekt organisierte Truppe, die unsichtbar kommandiert wird), sondern wie ein bösartiger Untergang in der Verteidigung einer nicht lebbaren, illusorischen Idee. Was natürlich bewegend ist, ist dieses Fast-Gelingen von mehr oder weniger sympathischen Menschen, die sich miteinander im Sinne der Menschlichkeit verbinden, und der danach, durch äußere Einflüsse blutige Zusammensturz (der auf mich so übertrieben wirkte, dass er mir eben mehr als eine Metapher für den Untergang der sozialistischen Idee erschien, obwohl dahinter die wirkliche Gewalt des „siegreichen staatlich-bürokratischen repressiven Mechanismus“ steht.) Gleichzeitig „gewinnt“ nicht das Gute und Unschuldige, sondern die Gier.
Zuvor erkannte der „Berichterstatter“ Serbinow (auch ein Alter Ego von Platonow, in dem dessen Depression zu erkennen ist) in Moskau:

Zitat von Platonow
Irgendetwas keimte schon auf den trostlosen Feldern des halbvergessenen Russlands: Die Menschen, die in ihrer eigenen Wirtschaft ungern den Boden für Roggenbrot gepflügt hatten, pflanzten unter geduldigem Leiden den Garten der Geschichte für die Ewigkeit und für ihre Unzertrennlichkeit in der Zukunft. Aber Gärtner haben, ebenso wie Maler und Sänger, keinen beständigen nützlichen Verstand, ihr schwaches Herz wallt plötzlich auf: Aus Zweifel rissen sie die kaum erblühten Pflanzen aus und bestellten den Boden mit den niederen Gräsern des Bürokratismus; ein Garten erfordert Fürsorge und langes Warten auf die Früchte, die Gräser aber reifen im Nu, und für ihr Gedeihen muss man weder arbeiten noch die Seele für Geduld verausgaben. Und nachdem der Garten der Revolution niedergerissen war, wurden seine Wiesen den durchgängigen selbstwachsenden Gräsern überlassen, damit sich alle ohne die Qual der Arbeit ernähren konnten. Tatsächlich, Serbinow hatte gesehen, wie wenig die Menschen arbeiteten, weil die Gräser alle auch so ernährten. Und so wir des lange gehen, bis die Gärtner das ganze Erdreich aufgezehrt haben und die Menschen auf Lehm und Stein sitzen bleiben oder bis die ausgeruhten Gärtner erneut einen kühlen Garten auf der verkümmerten, vom menschenlosen Wind ausgedörrten Erde anlegen.


Nicht nur das Scheitern wird deutlich, die Auswirkung der Idee in einer „menschenfressenden Welt“, sondern gleichzeitig die damalige Krise der Getreidewirtschaft und die Abgrenzung Stalins von den Lenin’schen Idealen.

Der Schriftsteller Fasil Iskander sagte:

Zitat von Iskander, aus dem Nachwort zitiert
Die Bolschewiki – sowohl jene, die Marx gut kannten, als auch jene, die ihn nur oberflächlich kannten, glaubten an ihn mit gleichem Grimm wie die ersten Christen an Christus. Und wie die ersten Christen hielten sie alle übrigen für so etwas wie Barbaren, für Zurückgebliebene, für Menschen zweiter Sorte.“


Dieser Ausspruch passt tatsächlich ganz hervorragend auf die groteske Welt der Tschewengurer, warum all das von vorne herein letztendlich scheitern musste.

Man muss sich dieses ganze Spektakel ganz einfach auf einer ewigen Fläche vorstellen, als ewige, russische Weiten. Das ist auch hin und wieder die Eigenart dieses Buches oder vielleicht auch die meine als Leser (denn, wie in diesem Roman erfahren, gibt es schließlich keine langweiligen und sinnlosen Bücher, sondern nur Leser, die nicht genug nach dem Sinn des Lebens suchen), weil also Platonow so viele Menschen zeigt, die dort verstreut leben, dabei seine eigenen Erfahrungen von langen Märschen durch die einsamen Steppen verarbeitete (fast der Ritt eines Don Quichottes), da er oftmals eine Situation über die nächste schichtet, manchmal fast ohne Übergang von einem zum anderen springt, liest sich der Roman an manchen Stellen etwas träge. Trotzdem kann man wirklich nicht sagen, dass es ein langweiliges oder gar schlechtes Buch ist. (Ob man es lesen muss oder nicht bleibt jedem selbst überlassen, ich zumindest bin doch zufrieden, dass ich es getan habe.) Die Bilder dazwischen, die Überlegungen, überhaupt die Menschen in ihrer Naivität und in ihren Hoffnungen vermitteln immer wieder die große Seele eines Romans, auch wenn man sich dann – wie die Menschen in Tschewengur – auch ab und an über einige Seiten hinweg langweilt. Bis man dann eben wieder auf wunderbare Stellen stößt:

Niemand betrachtet schlafende Menschen, aber nur sie haben wirkliche liebenswerte Gesichter, im Wachen wird ja das Gesicht des Menschen durch Erinnerung, Gefühl und Not entstellt.

und ein letztes Zitat noch:
Weißt du, früher, da haben die Menschen gelesen und geschrieben, aber gelebt – kein Stück, sie haben bloß für andere Menschen nach Wegen gesucht.

So lang diese Rezension auch sein mag, so birgt sie wirklich nur einen winzigen Teil des Ganzen. Einen Platz im mächtigen, fiktiven Regal hat sich Platonow in jedem Fall gesichert. Auch seine Erzählungen werde ich noch lesen, das Buch wartet schon geduldig.




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zuletzt bearbeitet 16.09.2009 02:23 | nach oben springen

#2

RE: Andrej Platonow

in Die schöne Welt der Bücher 15.09.2009 20:52
von LX.C • 2.689 Beiträge

Bist du schon durch? So schnell? Meine Güte, legst du ein Tempo vor :) Meine Ausgabe habe ich heute erst mal bezahlen können. Die Marktlage verlangt einen nicht gerade geringen Preis für dieses Stück Literatur. Aber ich bin gespannt.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 15.09.2009 21:25 | nach oben springen

#3

RE: Andrej Platonow

in Die schöne Welt der Bücher 15.09.2009 21:12
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Das Lesen ist ein Fluß... hoho...

Die Ausgabe war auch schon damals teuer, aber sie ist herrlich, wenn du dir die (ich glaube, es gibt nur diese) von "Volk und Welt" besorgt hast. Bin gespannt, wie das Buch auf dich wirkt. Mir fallen immer wieder neue Dinge ein. Gestrig beendete ich den Roman und sitze bis jetzt mit brodelndem Kopf... Und all die Zitate, die hier noch ungesagt blieben...
Er liest sich wirklich ratternd wie die Fahrt eine Lokomotive, die immer mehr an Schwung gewinnt...




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.09.2009 21:26 | nach oben springen

#4

RE: Andrej Platonow

in Die schöne Welt der Bücher 15.09.2009 21:27
von LX.C • 2.689 Beiträge

Ja, ganau die :) Und wie neu soll sie sein. Freu mich drauf. Jetzt noch mehr.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#5

RE: Andrej Platonow

in Die schöne Welt der Bücher 15.09.2009 21:42
von LX.C • 2.689 Beiträge

Niemand betrachtet schlafende Menschen, aber nur sie haben wirkliche liebenswerte Gesichter

Das würde Belyj anders sehen


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#6

RE: Andrej Platonow

in Die schöne Welt der Bücher 15.09.2009 22:23
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge




Ist klar, wenn man sich bis ins aufgerissene Auge davor fürchtet.




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zuletzt bearbeitet 15.09.2009 22:31 | nach oben springen


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