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Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 03.11.2009 20:04von LX.C • 2.821 Beiträge
Zitat von Kulturzeit
Revoluzzer der Völkerkunde
Claude Lévi-Strauss ist mit 100 Jahren gestorben
"Ich bin ganz zufällig Ethnologe geworden. Nicht etwa, weil ich mich für die Ethnologie interessierte, sondern weil ich der Philosophie entkommen wollte", sagte Claude Lévi-Strauss einmal. Für die französische Presse war er der "philosophischste Ethnologe" seiner Zeit. Am 3. November 2009 starb der Wissenschaftler, der auch als Vater des Strukturalismus gilt, mit 100 Jahren.
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[i]Poka![/i]

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 07.11.2009 17:35von LX.C • 2.821 Beiträge
Claude Lévi-Strauss Domäne war der anthropologische Strukturalismus. Eine Methode, die Strauss prägte und „die in den Humanwissenschaften historische Untersuchungen durch Strukturanalysen ersetzte.“ (Metzler, Literatur- und Kulturtheorie) In der Literaturwissenschaft wurde sie insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg beliebt. Mit dem Strukturalismus als text- oder auch werkimmanentes Verfahren entzog man sich jeder hermeneutischen und somit auch historischen Verpflichtung. Aufarbeitung auch in der Literaturwissenschaft ging man so bequem aus dem Weg. Die Wurzeln des Strukturalismus lagen jedoch viel früher im Russischen Formalismus und der Prager Schule zu Beginn des 20. Jahrhunderts (ab 1910). Ziel war eine systematische Beschreibungsmethode formaler Strukturen literarischer Texte. Im Vordergrund stand der Versuch, mittels sprachwissenschaftlicher Kategorien die literarische Sprache vom pragmatischen Sprachgebrauch des Alltags abzugrenzen. Genauer gesagt: Literarische Sprache ist dadurch gekennzeichnet, dass sie Gegenstände aus ihrem in der Alltagskommunikation üblichen Verwendungs- und Bedeutungszweck herauslöst und dadurch in ihrer „Sonderstellung“ als Literatur erkennbar wird. „Verfremdung“ war das Stichwort Sklovskijs, einem der Vorreiter des Strukturalismus. Dieser, in den Literaturwissenschaften in Mode gebracht durch de Saussure ab 1916, der wesentliche Impulse des Russischen Formalismus und der Prager Schule in seiner Theorie aufnahm, geht letztlich soweit, Literatur als ein System sprachlicher Zeichen zu betrachten, die nie auf etwas verweisen können, das außerhalb ihres Zeichensystems liegt. Damit verliert Literatur ihre Mitteilungsfunktion. Oder anders ausgedrückt, gegenüber informativen Texten, deren Ziel es ist eine direkte Botschaft zu transportieren, verliert die Mitteilung von Literatur an Bedeutung. Im Mittelpunkt steht einzig und ganz nüchtern die Beziehung zwischen den Elementen, die analysiert wird, um ein strukturalistisches Zeichenmodell zu definieren, ein Modell aus Signifikant und Signifikat (Bezeichnendem und Bezeichnetem), das letztlich in seiner Beschreibbarkeit der Exaktheit naturwissenschaftlicher Methoden vergleichbar sein soll.
Jeder Literaturliebhaber würde sich einer Definition von Literatur als mitteilungsloses naturwissenschaftlich beschreibbares Beziehungsgeflecht zwischen Elementen verwehren. Auch in den Literaturwissenschaften verlor die praktische Anwendung dieser nüchternen Methode, nicht ihre Verbreitung in der Lehre, bald an Bedeutung.
In der Ethnologie trieb sie jedoch praktische Blüten durch Claude Lévi-Strauss, der nicht von einem Bedeutungsunterschied kultureller Rituale ausging, sondern von einer Unterscheidung der kulturellen Zeichen, durch die sie sich äußern. Jede Dialektik kultureller Minderwertigkeit ist seit Claude-Lévi-Strauss obsolet. Anderen Kulturen begegnete er auf gleicher Augenhöhe und seither die Wissenschaftler mit ihm. Vielleicht ist das sein größter Verdienst.
(Liebe Hinterhofbewohner ;), dieser Text ist ein Versuch. Nichts ist mir so fern wie der Strukturalismus, auch wenn ich mich mit ihm beschäftigen muss. Wer mich korrigieren will, der sei herzlich eingeladen, dies zu tun.)
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[i]Poka![/i]

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 16:42von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Zitat von LX.C
... geht letztlich soweit, Literatur als ein System sprachlicher Zeichen zu betrachten, die nie auf etwas verweisen können, das außerhalb ihres Zeichensystems liegt. Damit verliert Literatur ihre Mitteilungsfunktion. Oder anders ausgedrückt, gegenüber informativen Texten, deren Ziel es ist eine direkte Botschaft zu transportieren, verliert die Mitteilung von Literatur an Bedeutung. Im Mittelpunkt steht einzig und ganz nüchtern die Beziehung zwischen den Elementen, die analysiert wird, um ein strukturalistisches Zeichenmodell zu definieren, ein Modell aus Signifikant und Signifikat (Bezeichnendem und Bezeichnetem), das letztlich in seiner Beschreibbarkeit der Exaktheit naturwissenschaftlicher Methoden vergleichbar sein soll.
Hallo LX.C: Herzlichen Dank für diesen Einblick. Ähnliches fand ich auch in Ecos "Das offene Kunstwerk". Oder bei dem katalanischen Künstler Tàpies, der die Symbolik und Zeichen aus z. B. Literatur und Mystik dann in sein "hermetisches Werk" fließen lässt. (Schönes Buch dazu: Barbara Catoir - "Gespräche mit Antoni Tàpies")

Art & Vibration

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 20:01von LX.C • 2.821 Beiträge
Viele nehmen Eco immer nur als Schriftsteller wahr. Man glaubt gar nicht, was der für Blüten in den Geisteswissenschaften treibt. Ich persönlich mag seinen Stil nicht, sofern man das von einem Wissenschaftler sagen darf; insbesondere als nichtiges Lichtlein. Ich verstehe Hyps Schweigen immer mehr, aber ich will diesem Schweigen einfach nicht unterliegen. Es kämpft momentan in mir.
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[i]Poka![/i]

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 20:23von Zypresserich (gelöscht)

Zitat von LX.C
Ich verstehe Hyps Schweigen immer mehr, aber ich will diesem Schweigen einfach nicht unterliegen.
Reden als meditativer/kontemplativer Akt => Glibberish => Osho. Man versammle sich und schwafele durcheinander, Zusammenhangloses, Zusammenhangvolles, es ist egal, Hauptsache geschwafelt. Das reinigt. Meine Meinung dazu.

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 21:06von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Reden, um nicht schweigen zu müssen. Schweigen, um nicht reden zu müssen. Reden, um reden zu können. Schweigen, um schweigen zu können… Es wird nicht gelingen, einen dauerhaften Zustand daraus zu machen.
Kommunizieren kann man nicht im Schweigen, gleichzeitig ist alles längst gesagt und nicht der Rede wert. Aber, so gesehen: es gibt immer Gebiete und Themen, die nicht jeder kennt (oder mit denen sich nicht jeder zur gleichen Zeit befasst), und wenn einer sich die Mühe macht, dazu seine Meinung zu äußern, dann sehe ich darin einen größeren Wert, als im hocherhabenen Schweigen, das seinen eigenen Wert birgt. Überall herrscht Geschwätz, Lärm, Information. Wer schweigt, lässt es über den Kopf ziehen, bremst es aber auch nicht aus, um das Geschwätz kurzzeitig umzuwandeln. Das ist dann so, als würde man zur Statue werden. Ich sehe mir gerne Statuen an, aber immer und ausschließlich leben möchte ich mit ihnen nicht, geschweige denn zu einer werden.

Art & Vibration

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 21:15von Zypresserich (gelöscht)

Zitat von Taxine
Es wird nicht gelingen, einen dauerhaften Zustand daraus zu machen.
Muss ja auch nicht, bleibt ja jedem selbst überlassen. Nur kein ZWANG.
Zitat von Taxine
Kommunizieren kann man nicht im Schweigen ...
Doch. Nonverbal, und sehr gewaltig sogar. Hochinteressant, übrigens.
Zitat von Taxine
... gleichzeitig ist alles längst gesagt ...
Das schon.
Ich bin ein Verfechter des Geschwätzes.

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 21:25von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Letztere Aussage ist ein Argument ad hominem. (Und zwar auf mich... Ist schließlich selten genug, dass man sich mal das Geschwätz so richtig gönnt. Ich nenne es auch: Blödeln.)
Kommunzieren ist natürlich auf das "Hier" (Forum) gemünzt.

Art & Vibration

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 21:29von Zypresserich (gelöscht)

Zitat von Taxine
Letztere Aussage ist ein Argument ad hominem. (Und zwar auf mich... Ist schließlich selten genug, dass man sich mal das Geschwätz so richtig gönnt.
Eigentlich gibt's doch gar kein Geschwätz. Also, doch schon, aber das Geschwätz ist nicht Geschwätz, es ist gut für was, sonst schwätzte man ja nicht. In der Notwendigkeit des Geschwätzes liegt die Rechtfertigung des Geschwätzes doch schon begründet. Warum sonst so viele Blogs, Foren, Stammtische? Der Mensch ist ein Schwätzer, und aus nichts Anderem ist geboren die Kunst und die Literatur etc.
Es grüßt
der Oberschwätzer

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 21:32von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Wasser ist auch geschwätzig. Und was hat man schließlich gegen so einen plätschernden Fluss? Was wäre er... ohne Geräusch? Nicht gerade meditativ...
In Antwort auf:
Der Mensch ist ein Schwätzer...
Sonst wären wir ja ohne Zunge... und überhaupt...

Art & Vibration

RE: Claude Lévi-Strauss gestorben
in An der Philosophie orientierte Gedanken 08.11.2009 21:39von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Eigentlich muss man sich - in so weit oder im "Forum-Sinne" - dann eigentlich gar keine Gedanken machen.
Da gilt:
Quis leget haec?
(Persius, Satiren I, V. 2.)
Für mich auch ein Grund, mich ab und an mal so in Gedanken laut zu ergehen. Also mit dem in Kauf nehmen von wenigen Augen. Sind ja nur Hinterhöfe. Schöne übrigens. Nicht nur Rasen. Auch mit Markt, aber nur an den Wochentagen. Und Katzen. Hunde. Menschen. Ist ein herrliches Treiben...

Art & Vibration
